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AKTUELLE WIDERSTÄNDE: Aus dem Widerstand wachsen

Schilderung der Bewegungen gegen das Flughafenprojekt in Notre-Dame-des-Landes in Frankreich und den Bau einer Bahnstrecke für Hochgeschwindigkeitszüge im Val de Susa in Italien.
Das Kollektiv mauvaise troupe hat diesen Beitrag vorbereitet und vorgetragen. Es ist ein Kollektiv von Menschen, die in den Jahren 2000 zu verschiedenen Bewegungen gestossen sind und sich darin engagiert haben. Inzwischen haben sie die Geschichte und Entstehung der beiden Bewegungen von Notre-Dame-de-Landes und vom Val de Susa in einem Buch veröffentlicht. Wir geben hier einige Auszüge aus ihren Erzählungen wieder.
Die ZAD – eine «zu verteidigende Zone»
Die ZAD von Notre-Dame-des- Landes entstand in einem ländlichen Gebiet, das seit über vierzig Jahren von einem Flughafenprojekt bedroht ist. Es liegt 20 km nördlich der Stadt Nantes, einer der Metropolen Frankreichs, die bereits über einen Flughafen verfügt. Der Konzern Vinci wurde mit dem Bau beauftragt; ein Konzern, der bereits die meisten Autobahnen in Frankreich besitzt und für viele sinnlose Grossprojekte verantwortlich ist. Die ZAD liegt in einem 1600 Hektar grossen Feuchtgebiet mit zahlreichen Hecken, auf denen keine Flurbereinigung stattgefunden hat, weil die Flächen für den Flughafen vorgesehen waren.
Der Kampf gegen dieses Projekt begann in den 1970er Jahren mit dem Widerstand der Bäuerinnen und Bauern. Das Flughafenprojekt wurde deshalb in den 1980er und 1990er Jahren auf Eis gelegt, aber der Staat kaufte nach und nach die Flächen auf. Als Politiker das Projekt im Jahr 2000 wieder aufgriffen, kam der Widerstand von Vereinen, die sich auf Gegenexpertisen und Einsprüche auf juristischer Ebene konzentrierten, zahlreiche Informationsveranstaltungen und die ersten Demonstrationen organisierten. Nach einer Phase der so genannten Konzertation, wurden Voruntersuchungen auf dem Gelände durchgeführt. Dagegen rief ein Teil der betroffenen Einwohner_in-nen zur  Besetzung des Geländes auf. Ab 2009 folgten viele diesem Aufruf: Gruppen besetzten die leer stehenden Höfe, bauten Hütten und leisteten Widerstand gegen die Bodensondierungen und die Planung von ökologischen Ausgleichflächen. Damals wurde das Gebiet von den Besetzer_innen als «zone à défendre» (ZAD), also als ein Gebiet, das zu verteidigen ist, benannt.
Im Herbst 2012 versucht der Staat mit der Polizeioperation «Cäsar» das Gelände zu räumen, trifft aber auf einen massiven und vielfältigen Widerstand. Diese Episode ist entscheidend dafür, dass sich neue Kreise solidarisieren und dem Kampf eine neue Dimension verleihen: Bäuerinnen und Bauern der Umgebung, Naturschützer_innen…. es ist ein verrückter Moment, in dem eine landesweite Solidarisierung entsteht. Mehr als 200 Komitees organisieren Solidaritätsveranstaltungen in ganz Frankreich. Nach einer Demonstration mit 40‘000 Menschen für die Wiederbesetzung des Geländes und einigen Tagen der Konfrontation mit der Polizei zieht sich der Staat zurück und die Besetzer_innen kommen zur Überzeugung, dass sie gewinnen können.
Die ZAD: eine freie Gemeinde?
(…) In der ZAD gibt es heute 60 unterschiedliche Lebensprojekte: Höfe, Häuser, Hütten von Einzelnen oder Hüttensiedlungen, niemand hat einen Eigentumsnachweis und alle können jederzeit geräumt werden. Es gibt mehrere hundert Einwohner_innen, von denen viele während und nach der «Operation Cäsar» gekommen sind, darüber hinaus kommen viele für eine begrenzte Zeit in das Gebiet. Ungefähr 200 Hektar Land werden kollektiv bewirtschaftet. (…)
Wir können uns auf keine vorhandene Tradition kollektiver Lebensweise stützen, wie das zum Beispiel in einigen Widerstandsgebieten in Mexiko der Fall ist, und es gibt wenige Erfahrungen von anderen Projekten dieser Grösse in unserer Epoche in Europa, die uns helfen könnten, das zu denken und zu benennen, was wir leben. Wir haben dennoch einige Grundlagen: Da ist die Entschlossenheit eines Teils der Jugend und auch der Älteren, anders zu leben als es uns das herrschende System verspricht. Es gibt auch die Erfahrungen von Kämpfen, die in der Region mehrere Atomkraftwerke verhindert haben, und schon verschüttete Traditionen, wie das kommunale Nutzungsrecht des Bodens in Westfrankreich, das einige von uns wieder ausgegraben haben. (…) Die Herstellung von Lebensmitteln ist eine wichtige Frage für uns, weil wir landwirtschaftliche Flächen besetzen, um die früher schon die Kleinbauern gekämpft haben und weil die Ernährungsautonomie grosse politische Bedeutung hat. (…)
Landbewirtschaftung
Inzwischen gibt es eine Reihe kollektiver Projekte mit Getreideanbau, Gemüseproduktion, Tierhaltung und Obst, dank der materiellen, menschlichen und pädagogischen Hilfe von Bäuerinnen und Bauern. Dazu gehören auch Einrichtungen für die Weiterverarbeitung wie z.B. eine Mühle, eine Bäckerei, die Herstellung von Konserven und eine kleine Brauerei. Die Verteilung der Lebensmittel erfolgt durch einen wöchentlichen Nicht-Markt mit freiwilligen Preisen für die Bewohner_innen der ZAD und Umgebung, ein Teil der Produkte geht an Migrant_innen in besetzten Häusern, an andere umkämpfte Projekte und Kantinen. Das Ziel ist es, so weit wie möglich von dem herrschenden Geldsystem und den Warenbeziehungen wegzukommen, was uns in dem Kontext der Konfrontation leichter fällt als anderen Kollektiven auf dem Land. Es gibt viele Auseinandersetzungen über die Fragen der Landbewirtschaftung, die Beziehung zur Natur, die Mechanisierung, die Tierhaltung, aber auch schrittweise ein Umdenken durch die Erfahrungen und Experimente, die in diesem Rahmen möglich sind.
Streben nach Autonomie
Die Landwirtschaft ist natürlich nur ein Bereich innerhalb des Lebens in der ZAD. Es gibt Kollektive zu Fragen der Gesundheit, der Organisation von Festen, der Selbstverteidigung oder der Mechanik. Es gibt Bauprojekte für Wohnraum, für eine Herberge, für eine Scheune, einen Tanzsaal, einen Raum für die Kinder, ein Hiphop-Studio und vieles andere. Die Tatsache, dass wir autonom sein wollen, zwingt uns auch, alle Fragen der «Commons», wie die Wasserversorgung, Stromversorgung (durch illegale Anschlüsse oder eigene Produktion), den Unterhalt der Wege, die Nutzung von Holz als Brennstoff und als Baumaterial gemeinsam zu überlegen.
Zu dem Leben in der ZAD gehört auch die Solidarität mit anderen Gruppen und Bewegungen – sowohl mit verwandten Beset-zer_innenbewegungen wie in Bure oder Roybon, als auch mit weiter entfernten Kämpfen z.B. in Kurdistan. Regelmässig gehen Gruppen nach Calais zu den Migrant_innen und in den letzten Monaten engagierten sich viele in den Protesten gegen das neue Arbeitsgesetz. (…)
Versammlungen
An den monatlichen Versammlungen der Bewegung sind seit vier Jahren die Besetzer_innen, Bäuerinnen und Bauern, verschiedene engagierte Vereinigungen, Solidaritätsgruppen und Besucher_innen beteiligt. Wir diskutieren sowohl über die Kräfte in der Auseinandersetzung mit dem Staat gegen das Flughafenprojekt wie auch über das Leben in der ZAD. Es ist für uns eine völlig neue Erfahrung in dieser heterogenen Zusammensetzung und über einen so langen Zeitraum zu diskutieren. Es kommt dabei zu heftigen Auseinandersetzungen über die Aktionsformen und die Strategie, spürbar ist aber auch der Wille, alle vorhandenen Kräften zusammenzuhalten, besonders seit der letzten Räumung durch die Polizei. Darüber hinaus gibt es mehrere Ebenen der Organisation: Einwohner_innenversammlungen, Zusammenkünfte der verschiedenen Organisationsgruppen für die kollektiven Aufgaben, zu den Landwirtschaftsfragen oder ganz einfach Versammlungen von Affinitätsgruppen. (…)
Aktionen
Die Zukunft der ZAD ist noch ungewiss. Was sich hier tut, ist für die Regierung unerträglich. 2016 fanden mehrere Grossereignisse statt, wie z.B. eine grosse Traktor- und Fahrrad-Karawane von Notre-Dame-des-Landes nach Paris zur Umweltkonferenz COP21, Strassenblockaden und Demonstrationen. Die Regierung hat die Räumung der ZAD für Oktober angekündigt und wir haben zu einer Demonstration am 8. Oktober an Ort und Stelle aufgerufen, um unsere gemeinsame Entschlossenheit zu zeigen. Wir lassen nicht los und sagen wie unsere Freund_innen der No-TAV-Bewegung: «A sara dura! Es wird hart sein… für sie!
Der Widerstand «No TAV»
«No TAV» («Kein Höchstgeschwindigkeitszug») ist die Bezeichnung für die Widerstandsbewegung im Val de Susa in Italien. Seit 25 Jahren wehrt sie sich gegen den Bau einer TAV-Trasse zwischen Lyon und Turin. Das Tal Val de Susa ist ungefähr 100 km lang und hat ungefähr 70‘000 Einwohner_innen.
Der Widerstand No TAV und die Gemeinschaft bzw. das «Widerstands-Volk», das dabei entstanden ist, hat sich in dem ganzen Tal ungeplant, diffus und populär ausgebreitet. Inzwischen überlagert es die bestehende Verwaltungsstruktur der Region wie eine politische Struktur, die schrittweise die sozialen Strukturen durchdringt.
Eine Anekdote zur Illustration: Zwei Freunde kommen auf einer Reise zufällig durch das Tal und wollen den Zufall nutzen, um die Bewegung No TAV zu besuchen. Sie erkundigen sich beim Tourismusbüro. Die Frau am Empfang gibt ihnen eine klassische touristische Karte von dem Tal, auf der sie eine Anzahl Punkte einträgt und erklärt, «da sind die ,presidi‘, dort könnt ihr die No TAV finden.» («presidio, presidi» bezeichnet Orte, häufig mit einer kleinen Hütte, oft aber auch nur mit einem Baum, die zu Versammlungsplätzen und Kristallisationspunkten des Widerstandes geworden sind. Ein presidio entsteht an Orten, wo eine Gefahr droht – z.B. Sondierungen für die Trasse –, setzt sich dort fest und versucht, die Gefahr zurückzudrängen. Es gibt mehr als fünfzehn presidi im Tal).
Die beiden Freunde folgen der Karte und gelangen zum presidio Borgone: eine kleine Hütte, in der sie fünfzehn völlig normal aussehende Menschen finden, die miteinander diskutieren. Sie reden über die beste Art, die nächsten Sondierungsarbeiten für den TAV zu sabotieren. Die beiden Freunde werden freundlich empfangen, und als sie fragen, wo sie etwas essen können, werden sie zur «No TAV» Pizzeria geschickt.
Eine neue Geografie
Die Pizzeria «La Credenza» befindet sich im Dorf Bussoleno und ist einer der wichtigen Treffpunkte der No TAV Bewegung. Neben dem Restaurant befindet sich dort auch der Radiosender der Bewegung und mehrfach diente die Pizzeria als offizielle Wohnadresse für Leute, die ein Aufenthaltsverbot für das Gebiet bekommen hatten. So gibt es eine ganze Reihe Orte und Geschäfte, die als «No TAV» gekennzeichnet sind. Es gibt mehrere No TAV-Bars, es gibt Mario, den No TAV-Friseur oder Emilio, den No TAV-Fischhändler. Es gibt aber auch die No TAV-Katholiken, die auch schon mal ihren Bischof beiseite nehmen und ihm erklären, dass er, wenn er den Bau der Trasse verteidigt, ganz sicher in die Hölle kommt. Es gibt auch die pensionierten Gebirgsjäger, die die jungen Gebirgsjäger beschimpfen, wenn sie die Baustellen bewachen, und ihnen klarmachen, dass sie die Tradition des Widerstandes, aus der sie eigentlich kommen, verraten. So gibt es eine ganze Geographie von Orten und befreundeten Menschen, die sich über die offizielle Kartographie legt. Die Bewegung lebt im ganzen Tal und darüber hinaus als breite und populäre Widerstandsgemeinschaft, die mit einem «Nein» begonnen hat und jedem ermöglicht, sich mit seiner eigenen Lebensweise bewusst an dem gemeinsamen Kampf zu beteiligen. (…) Auf dem Boden des täglich gelebten No TAV sind ganz unterschiedliche und oft überraschende Widerstandsformen gewachsen, wie auch Aufstände von ganzen Dörfern oder Demonstrationen von 80‘000 Menschen, entschlossen, alles zu tun, um den Bau zu verhindern.


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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 251 (09/2016)

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Februar 2017


Feb 2017
22
10:00
Como-Chiasso: Menschenrechtspreis "Offene Alpen" an FlüchtlingshelferInnen

Der Schweizer Menschenrechtspreis „Offene Alpen“, der 1997 von Flüchtlingskaplan Cornelius Koch ins Leben gerufen wurde und mit 12'000 Franken dotiert ist, geht im Jahr 2017 je zur Hälfte an die zwei Werke „Firdaus“ der Tessiner Kantonsrätin Lisa Bosia Mirra und das „Progetto Accoglienza Rebbio“ von Pfarrer Don Giusto della Valle in Como. Die Preisverleihung findet am 22.Februar 2017 um 10 Uhr in Chiasso in Gegenwart von Bischof Jacques Gaillot aus Paris statt. Einladung hier herunterladen.

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