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DIE KOLONISIERUNG WESTAFRIKAS: Reiseberichte aus Senegal und Mali

Ich möchte mit Ihnen einen Blick zurück auf die historischen Beziehungen zwischen Frankreich und Westafrika werfen. Eine Geschichte, von der man kaum spricht – trotz aller Berührungspunkte im Alltag seit vielen Generationen. Es geht um eine Kolonialgeschichte, die im «Mutterland» auf das Gröbste verkannt wird, ausgerechnet heute, wo immer deutlicher wird, dass Frankreich im Begriff ist, zum Imperialismus zurückzukehren. Auf meiner Reise nach Mali mache ich einen Umweg über Senegal und die Spuren des Sklavenhandels, unter dem grosse Teile Afrikas während drei Jahrhunderten gelitten haben. Ich will diesen riesigen Abschnitt unserer Geschichte, der gerne ausgeblendet wird, besser verstehen.
Dakar
Seit knapp einer Woche bin ich jetzt in Dakar, der Hauptstadt Senegals, die mit ihren vier Millionen Einwohnern die grösste Stadt in West-Afrika ist. Wenn man durch den Senegal reist, hat man Gelegenheit, sich über die historischen Wurzeln der französischen Kolonisation West-Afrikas Gedanken zu machen. Ausser der ziemlich massiven Werbung und den meisten offiziellen Verlautbarungen, sowie Verkehrsschildern, Hinweisen am Flughafen oder Fernsehsendungen, die ganz direkt französischen Vorbildern nachgemacht sind, ist die koloniale Geschichte nicht wirklich das Erste, das einem in Dakar auffällt, jedenfalls nicht so stark, wie zum Beispiel auf den französischen Antillen. Die Kolonialsprache Französisch wird von allen verstanden, aber sie wird vor allem in den staatlichen Schulen, im Fernsehen, in der Werbung und in Büchern verwendet. Sie ist die Sprache der Oberschicht, der «Besseren», zu denen ich nicht gerne gezählt werden möchte! Das ist ein deutlicher Unterschied im Vergleich mit Lateinamerika, wo die spanische und andere koloniale Sprachen die Zeit hatten, sich in allen Gesellschaftsschichten durchzusetzen.
Dakar ist, wie alle grossen Städte des Südens, durch das Informelle geprägt: die Verkaufsbuden, die Strassenverkäufer, die Massen, die im Freien ihren Beschäftigungen nachgehen, am Tage genau so wie in der Nacht, der Sand, der sich über alles legt, die Megafone und religiösen Gesänge zum Ramadan, das Verkehrschaos, die Schlangen von Taxis und kollektiven Transportmitteln – kurz gesagt, eine Stadt mit ihren Eigenheiten, aber auch ganz vielen Gemeinsamkeiten mit Tunis, Hanoi oder Mexiko. An diesen Orten herrscht zweifellos der Kapitalismus, aber mehr als Beherrschung und Unterdrückung, nie als «Zivilisation» wie in der Supermarktgesellschaft, die sich bis ins kleinste Dorf des reichen Westens ausgebreitet hat.
In Dakar ist gerade Zeit des Ramadans, eine Zeit, in der die kulturelle Kraft der muslimischen Welt besonders stark zum Ausdruck kommt, mit allen ihren senegalesischen Besonderheiten: die Art der  Kleidung, die religiösen Feste, die Koranschüler·innen1 auf der Strasse, die Gebets-Ausrufer, die verhältnismässige Diskretion des Alkohols in den bevölkerungsreichen Stadtteilen und der greifbare Einfluss des Korans, der örtlichen Scheichs und der religiösen Bruderschaften auf das soziale Gefüge und das tägliche Zusammenleben – eine ausgeprägte Religiosität, was aber im Unterschied zu herrschenden Klischees nicht bedeutet, dass die Menschen dich misstrauisch anschauen, weil du Atheist, Katholik oder was auch immer bist; ganz im Gegenteil: jedem seine Lebensweise. Die Familiengemeinschaft, die mich empfängt, ist zur Hälfte katholisch, zur anderen Hälfte hingegen muslimisch. Ich bin in einer der bevölkerungsreichen Vorstädte abseits des Zentrums, in Guediawaye, untergebracht. Zwei Stunden dauert der Transport zum Zentrum, eine Fahrt durch das Gewimmel der Stadt. Vieles erinnert mich an Mexiko: die Häuser aus Betonsteinen, die zweckbezogene und auf das Wesentliche reduzierte Nutzung der Räume, die Innenhöfe mit einem Wasserhahn und einem Wasserbecken, die gleiche Art Hühnerhof – hier noch stärker entwickelt, mit Hühnern und sogar auch dem Lamm, das zum «tabaski»2 geschlachtet werden soll – der Fernsehapparat, der unaufhörlich läuft mit oder ohne Zuschauer und ein System familialer Überlebenskunst, mit einem Lohn aus der Fabrik, einer Ausbildung in städtischer Landwirtschaft, einem Studium ohne weitergehende Perspektive, vermischt mit Freundschaftsdiensten und einigen Stunden Aushilfe in dem Eisenwarenladen des Freundes. Mir scheint, es ist für gut die Hälfte der Bevölkerung des Planeten ausserhalb der reichen westlichen Länder überall ähnlich. Besondere Eigenschaften sind die unglaublich grossherzige Gastfreundschaft, die Kinder, die von ganz klein an mit Aufgaben rund um den Haushalt und das Haus aufwachsen, das intensive soziale Leben und die gegenseitige Hilfsbereitschaft innerhalb eines Stadtteils – ganz im Gegensatz zu all unseren unausgesprochenen gesellschaftlichen Normen, die von verantwortungslosem Individualismus geprägt sind.
Die Lebenskraft dieser vielfältigen grosstädtischen Bevölkerung kann nicht alle Narben der Kolonialzeit auslöschen und es ist schwierig, die Geschichte und ihre vergangene Realität wie z.B. den Sklavenhandel einfach beiseite zu legen, da sie allzu stark die Entstehung des heutigen Landes geprägt haben. Deshalb drängt sich jetzt ein Blick zurück in die Vergangenheit auf.
Die Deportierten von Gorée
«Gorée» heisst die Insel gegenüber von Dakar, im Schutz des am weitesten hervorspringenden Kaps der westafrikanischen Küste. Ein für die Kontrolle des Meeres strategisch wichtiger Ort, der zunächst unter portugiesischer Herrschaft war, dann unter holländischer, bis er schliesslich von den Franzosen erobert wurde, die von hier aus ihre militärische Kontrolle gegen die ständigen Angriffe der englischen Marine behaupteten. Der Festungshafen wurde im 17. Jahrhundert gebaut als Basis für die Versorgung und Meeresexpeditionen, vor allem aber, um den Sklavenhandel kontrollieren zu können. Goree mit ihrem Ausgangstor in den Ozean, das keine Rückkehr kannte, ist ein Mythos im afrikanischen Bewusstsein weltweit. Die Sklaverei wiegt schwer in der Geschichte Frankreichs und ist paradoxerweise der französischen Bevölkerung heute kaum bekannt.
Die Insel Goree war der Hauptumschlagsplatz des Sklavenhandels neben vielen anderen Handelsstützpunkten entlang der ganzen afrikanischen Ozeanküste, wie St. Louis in Senegal, Joal, Rufisque, Portudal oder Fort St. James, um nur einige in der Umgebung zu nennen. Dazu kommen natürlich noch alle weiteren entlang der Küste von Guinea, von Benin, von der anglophonen «Gold coast» die mit dem selben Zynismus auch «Elfenbeinküste» genannt wird oder selbst «Sklavenküste», sowie alle anderen Handelskontore vom Golf von Kongo bis nach Angola. Es sind Erinnerungen aus einer «kurzen» Periode der jüngsten Menschheitsgeschichte. Vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts sind es jedoch nicht weniger als 350 Jahre!
Der Sklavenhandel
Selbstverständlich waren am Sklavenhandel nicht ausschliesslich Europäer beteiligt. Arabische und berberische Händler hatten seit Jahrhunderten mit den Handels-Karawanen durch die Sahara die Strukturen dafür geschaffen. Sie stützten sich auf die auch in vielen afrikanischen Ländern und um das Mittelmeer verbreitete Tradition der Unterordnung der Besiegten, lange vor der Ankunft der Händler aus Europa.
Nachdem die neuen westeuropäischen Sklavenhändler die Kontrolle über den atlantischen Ozean innehatten, konnten sie den ursprünglichen Handelsweg durch die Sahara zu ihrem Vorteil auf den Atlantik umlenken. Schon Ende des 15. Jahrhunderts entstand aber eine völlig neue Realität auf Grund der Industrialisierung sowie der rassistischen Ökonomie beim Einkauf und der Ausbeutung von Sklaven; die Zwangsarbeitslager der neuen Kolonien wurden so mit Arbeitskräften versorgt. Dieser tödliche Handel wurde zunächst von Portugiesen und Niederländern betrieben, bis er nahezu zum Monopol von Engländern und Franzosen wurde, den neuen Herrschern über die Ozeane. Jedes Jahr wurden hunderte Schiffe für den Sklaventransport im Auftrag der Reeder von Le Havre, Nantes oder Bordeaux eingesetzt. Dies sind nur drei Beispiele von viel mehr französischen Städten, die während mehr als zwei Jahrhunderten zu Weltzentren dieses Unternehmens von Massendeportationen zählten. Für die Stadt Nantes z.B. belegen überlieferte Zahlen mind-estens 877 Expeditionen im 18. Jahrhundert bei denen insgesamt 294'000 Menschen aus Afrika deportiert wurden3. Die Gesamtzahl der Menschen, die als Sklaven von einer Seite des Atlantik auf die andere transportiert wurden, ist erschreckend, besonders für diese Zeit: Die Historiker·innen sprechen von mindestens 11 Millionen Frauen und Männern, die von Afrika nach Amerika deportiert wurden. Allein aus «Senegambia» wurden im 18. Jahrhundert rund 300'000 Sklaven deportiert von insgesamt 6 Millionen aus ganz Afrika in diesem Zeitraum.
Kolonisierung geht also einher mit massenhafter Vernichtung der ursprünglichen Völker auf dem amerikanischen Kontinent und Massendeportationen der Völker des afrikanischen Kontinents und das, um auf Millionen Hektaren Land die Plantagen und grossen Fincas aufzubauen – die Deportations- Arbeits- und Todeslager, welche die Europäer·innen in ihren Kolonien der «Neuen Welt» geschaffen haben. Wie schön sind doch die historischen Wurzeln des Kapitalismus.
Die «Kolonie Senegal»
Aber kommen wir zurück zur Geschichte Senegals. Mit der ständig wachsenden Kontrolle der Franzosen über den Handel, zunächst im Mündungsgebiet des Flusses Senegal, später entlang dem Flusslauf ins Innere des Landes, entstand die Grundlage der späteren «Kolonie Senegal». 1628 errichtete die «normanische Kompanie», die unter der Herrschaft von Richelieu von Händlern aus Dieppe und Rouen gegründet wurde, ihr erstes Handelskontor an der Flussmündung. Später, 1638, wurde dieses auf die Insel Bocos verlegt, und nach einem Abkommen mit dem lokalen Herrscher Brak du Waalo 1659 auf die Insel N’dar, ebenfalls im Mündungsgebiet des Senegal, wo daraufhin die Festung «St. Louis» gebaut wurde. Danach rief Ludwig der Vierzehnte die «Compagnie du Senegal» ins Leben, deren ausdrückliches Ziel das Einsammeln von Sklaven in dieser Region war, um mit ihnen die Zuckerrohrplantagen zu versorgen, die gerade auf den Inseln Martinique und Guadeloupe nach dem englischen Modell von Jamaika aufgebaut wurden.
Von da an wurden nach und nach Festungen wie James Toll, Matam, Bakel, St. Joseph de Galam usw. entlang des Flusses Senegal mit den als «Faktorien» bezeichneten Handelsniederlassungen gebaut und mit Schiffen versorgt. Entlang des weiter südlich gelegenen Flusses Gambie gingen die Engländer ähnlich vor. In diesen Festungen, wie auch entlang der ganzen Küste, verkauften die Franzosen den afrikanischen Königreichen die unterschiedlichsten Waren wie Metalle, Glas, Pferde, Waffen oder Baumwolle aus Indien im Tausch gegen Sklav·innen, die im Laufe von kriegerischen Konflikten und Razzien in der ganzen Region gefangen genommen wurden. Die Nachfrage nach Sklav·innen und die Gewinn-Versprechen, die den lokalen Herrschern gemacht wurden, schürten unaufhörlich die Kriege zwischen ihnen, wodurch die grossen afrikanischen Königreiche zerfielen: In der Region zwischen den Flüssen Senegal und Gambie sagten sich die Herrscher von Cayor und Baol von dem Königreich Djolof los, ebenso weiter südlich die Herrscher von Sine und Saloum. Weiter im Landesinnern sind es die Herrscher von Galam und Khasso, die sich, um direkt mit den Europäern Handel treiben zu können, vom Königreich der Bambara von Kaarta lossagten. Von da an, zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, waren die Küsten und Flussränder unaufhörlich von Gefangenen-Karawanen durchzogen und grosse Sklavenmärkte entstanden z.B. in Joal an der Küste, in Bakel am oberen Senegal oder in Medine, wenige Kilometer von Kayes entfernt.
Trotz des blühenden Handels waren Engländer und Franzosen vom guten Willen der in den afrikanischen Königreichen herrschenden Eliten abhängig, die durchaus die französischen Händler hoch besteuern oder auch ihre Handelskontore zerstören konnten
Ende der Sklaverei?
Der Sklavenhandel löste heftige Revolten aus, wie z.B. in der Region Fouta am mittleren Senegal, wo 1776 die islamische Revolution «toroodo» versucht, dem Sklavenhandel auf dem Senegal ein Ende zu bereiten. Schliesslich erreicht die Sklaverei ihre Grenze erst 1791 in Amerika, als es auf der französischen Insel Santo Domingo auf den Antillen – dem Schmuckstück unter den Sklavenhalter-Plantagen dieser Zeit – zum Generalaufstand der Sklaven kommt.
Als im 19. Jahrhundert die Sklaverei nach und nach verboten wurde, entstand an ihrer Stelle eine neue Form der Ausbeutung: Anstatt endlos versklavte Arbeitskräfte nach Übersee zu deportieren, um die Produktion landwirtschaftlicher Güter zu gewährleisten, verlegen die französischen und europäischen Handelsgesellschaften ihren Schwerpunkt auf neue Rohstoffe, deren Produktion von den afrikanischen Bauern selbst gewährleistet werden kann. Neue lukrative Handelswaren ersetzen den Sklavenhandel: zuerst die Kautschuk-Produktion und später die Nutzung der Erdnusspflanze, die bald zur dominanten Kultur in der ganzen Region wird. Als Antwort auf die modernen industriellen Bedürfnisse Europas, beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Periode: die französische Kolonisation West-Afrikas.
Abreise aus Senegal
Ich erinnere mich an einen dieser Abende in Dakar, als ich mich in den kleinen Innenhof jener Familie begab, die mich in Guédiawaye beherbergte. Vor laufendem Fernseher tranken wir Tee und palaverten miteinander. Die Fernsehmoderatoren des senegalesischen Staatssenders freuten sich über die pompös inszenierte Ankunft des Kriegsherrn Jean-Yves Le Drian, seines Zeichens französischer Aussenminister, der gekommen war, um Verträge über die künftige Ausbeutung der Öl- und Gasfelder durch Frankreich zu unterzeichnen – Öl- und Gasfelder, die vor der Küste Senegals entdeckt worden waren. Meine Gastfamilie machte sich ganz offensichtlich keine Illusionen darüber, dass einmal mehr die Ressourcen ihres Landes durch die französische Regierung geplündert werden. Nur Wut und Ohnmacht waren zu spüren. Ganz gleich wie später in Mali, wo allen klar ist, dass hinter den Nebelwänden und dem ganzen Medientheater rund um den Krieg gegen den Terrorismus mehr Investoren denn je sich gegenseitig auf die Füsse stehen, um die Gold- und Uranminen des Landes auszubeuten. Seit dem Jahr 2'000 explodiert die Zahl der erteilten Lizenzen förmlich. Ich werde das hier nicht weiter ausführen, auch wenn es sehr viel dazu zu sagen gäbe.4
Unterwegs nach Kayes in Mali
Nun denn, um auf meine Reiseabenteuer zu sprechen zu kommen: Schliesslich habe ich Dakar in Richtung Mali verlassen. Nach einer «denkwürdigen» Nachtfahrt in einem Bus voller Menschen und Waren, die ganz Westafrika zum Ziel hatten, traf ich in Kayes ein, einer Stadt an den Ufern des Senegal. Wie schön, hier sowohl einem nahen Freund wieder zu begegnen wie auch einer Sprache, dem Bambara, von der ich inzwischen das Allernotwendigste verstehe! Die Region Kayes ist bekannt für seine Minen und als wichtigstes Herkunftsgebiet der malischen Migrant·innen in Frankreich. Nicht wenige meiner Freunde und deren Verwandten kommen aus den Dörfern der Region. «Kirané-sur-Seine» ist das Ziel meiner Reise. Doch zunächst bewegen mich hier in Kayes Fragen zur französischen Kolonisierung. Es sind diese Fragen, die meinen Blick auf die Stadt lenken, auf ihren riesigen stillgelegten Bahnhof und die alten kolonialen Gebäude.
Schon bevor ich ankam, war mir bekannt, dass Kayes früher die administrative und militärische Hauptstadt von «Französisch Sudan» gewesen war, ohne mir allerdings im Klaren zu sein, wie weitgehend die Stadt ihre Existenz dem französischen Kolonialismus verdankt. Als ich die kleine Bibliothek von Kayes durchstöberte und die Abhandlung eines malischen Geografen5 überflog, erfuhr ich, dass Kayes – die Stadt, nicht das kleine Dorf, das dort vorher schon bestand – aufgrund militärstrategischer Empfehlungen Gallienis gegründet wurde.
Ja, Gallieni, der Monsieur des berühmten Verkehrskreisels im Osten von Paris, Endstation der Linie 3 der Pariser Metro, Einkaufszentrum und riesiges Autobahnkreuz. Dort, wo seit ein paar Wochen ein improvisiertes Notlager besteht von um die hundert Vertriebenen der Volksgruppe der Baras, in ihrer Mehrzahl MalierInnen, die sich seit Jahren, nämlich seit ihrer Ankunft in Frankreich kurz nach der militärischen Operation Barkhane in Mali und dem Gemetzel in Libyen 6 von Hausbesetzung zu Hausbesetzung, von Vertreibung zu Vertreibung hangeln. Vor gut hundert Jahren war Gallieni – zusammen mit Faidherbe – der berühmteste General der Marineinfanterie und Namensgeber für die Truppen der Kolonialarmee. Sehr bald geriet in Vergessenheit, dass mit den Namen von Faidherbe und Gallieni, nach denen unzählige Plätze und Strassen in den Vororten benannt sind, das Andenken an Militärs bewahrt wird, welche die französische Kolonisierung Westafrikas angeführt hatten. Als ich davon erzählte, erinnerte mich ein Freund an eine alte Diskussion vor zehn Jahren im Dou, einem besetzten Haus des einstigen Kollektivs der Sans-Papiers von Montreuil in der Region von Paris. Damals wurde ich eben mit der ganzen Kolonialgeschichte bekannt. Und die Freunde waren ob meinem Erstaunen amüsiert, dass wir in unseren links regierten Städten und somit in unserer Umgebung noch eine Rue Faidherbe oder eine Metrostation Gallieni haben konnten. Die brutale Wirklichkeit der Kolonisierung ist unübersehbar, wenn man in Senegal oder Mali geboren ist, und so unsichtbar für all die «guten Franzosen», die inzwischen sogar behaupten können, dass es Afrika sei, das sie «heimsuche».
Zehn Jahre später schreibe ich diese Zeilen, um der Ignoranz etwas entgegenzuhalten. Denn selbst in politischen Kreisen, die sich fortschrittlich und radikal nennen und ihre Bibliotheken mit Hunderten von politischen Büchern füllen, ist die Unbedarftheit gegenüber der Kolonialgeschichte, so scheint es mir, nie grösser gewesen als heute. Natürlich könnte man einwenden, das sei doch nun Schnee von gestern. Doch für die französischen Offiziere, die heute in Westafrika aufmarschieren, und auch für Teile der französische Elite bleiben Faidherbe und Gallieni geistige Väter, wenn nicht gar Helden – und die Urväter des RIMA, des Marine-Infanterieregiments, sowie des RPIMA, des Fallschirmjäger-Regiments der Marineinfanterie, und all der anderen Einheiten der Marineinfanterie der französischen Streitmächte, deren Motto noch heute lautet: «Im Namen Gottes. Es lebe die Kolonialarmee!»7
Ein Blick zurück
Um den Imperialismus Frankreichs und die noch heute andauernde Kolonisierung Westafrikas zu verstehen, drängt es sich auf, einen Blick zurück zu tun. Einen Blick zurück ins 19. Jahrhundert, als an die Stelle des französischen Sklavenhandels neue Handels- und Wirtschaftsinteressen traten, die nicht weniger abscheulich waren. Wenige Kilometer von Kayes entfernt und nur fünfzig Meter von einem ehemaligen Sklavenmarkt steht eine Festung, die 1855 von den Franzosem erbaut wurde: Medine, ein anschauliches Bild für diesen Wandel.
Auf einer kleinen Felsnase über dem Senegalfluss erinnert das alte Fort an die lange Geschichte der französischen Kolonisierung Westafrikas. Medine ist heute nur mehr ein kleines Dorf, etwa tausend Kilometer von der Mündung des Senegal in den Atlantik entfernt. Dort hatten die Franzosen zwei Jahrhunderte zuvor die Stadt Saint-Louis-du-Sénégal gegründet, um sich mit Sklaven eindecken zu können. Laut dem malischen Historiker Sekene Mody Cissoko lebten in Medine Mitte des 19. Jahrhunderts um die 10‘000 Menschen, und die Stadt war damals eine der wichtigsten Sklaven- und Warenmärkte Westafrikas.
Die Geschichte dieser Region, die man auch das Khasso8 nennt, ist reich und komplex. Ich kenne sie nur bruchstückhaft. Erinnert sei an Wagadu, Sundiata Keita, das Malireich, das Reich der Songhai, die Fulbe von Fouta, das Königreich der Bambara von Kaarta... Eine lange, lange Geschichte, die aus den Schulbüchern des Abendlandes völlig getilgt worden ist und doch von Reichen erzählt, deren Glanz und Ruhm damals bis nach Mekka ausstrahlten. Erwähnt sei hier, dass im 19. Jahrhundert, zum Zeitpunkt der kolonialen Eroberung, das Khasso in fünf kleine Königreiche geteilt war und dass eines davon, Dembaya, zu jener Zeit dank einer Allianz mit den französischen Händlern die anderen Königreiche zu dominieren begonnen hatte. Dessen König Hawa Demba hatte eine seiner Töchter mit einem Händler der Handelskompagnie von Galam verheiratet. So kam es, dass die Franzosen und ihre Hilfstruppen jedes Jahr zur Zeit des Hochwassers den Senegal bis nach Medine, ihrer Hauptstadt, hochfuhren. Hier tauschten sie ihre Waren, insbesondere Waffen, Metalle, Pferde und Stoffe, gegen Sklaven und andere «Kriegsgefangene» und folgten so demselben Muster wie die Franzosen weiter flussabwärts.
Das Khasso war für sie von riesigem wirtschaftlichen und strategischen Interesse, war es doch das oberste mit dem Boot erreichbare Gebiet vor den Gouina-Fällen, die eine Weiterfahrt per Boot fluss-aufwärts verunmöglichten. Die Schiffe der Händler zogen die Leute der näheren Umgebung an, die Handel treiben wollten, aber auch Menschen aus ferneren Gegenden, aus dem Herzen Westafrikas, zu dem die Europäer damals noch keinen Zugang hatten. Dies erklärt die wichtige Rolle, die Medine für die französischen Militärs in ihrer schrittweisen Eroberung Westafrikas einnahm. Neben dem Sklavenhandel weckten zunehmend andere «Ressourcen» des Sahels die Gier der Europäer.
Handel mit Gummiarabikum
Um zu verstehen, warum Westafrika von den Franzosen kolonisiert wurde, muss man sich mit diesen «neuen wirtschaftlichen Ressourcen» beschäftigen, insbesondere mit einer davon: dem Gummiarabikum, das heute in seiner Rolle verkannt wird. Die Saftkugeln, die durch das Einkerben der Borke einer Vielzahl der im ganzen Sahel verbreiteten Akazienarten entstehen, dienten seit Menschengedenken – und bis dafür künstliche Ersatzstoffe gefunden wurden – als natürliches Bindemittel und Emulgator für Nahrungsmittel. Die vielfältigen Wirkungen des Gummiarabikums, insbesondere auch beim Raffinieren von Rohrzucker, machten aus ihm zudem eine Handelsware, die von den Zuckerrohrpflanzern und Sklaventreibern in Nord- und Südamerika nachgefragt wurde. Im Zuge der industriellen Revolution wurde Gummiarabikum in immer vielfältigeren Produkten verwendet, etwa in Tinte und Aquarellfarben, in Sirupen und Süsswaren. Die Nachfrage explodierte, so dass es zum äusserst rentablen Handelsgut wurde, rentabler noch als Sklaven. Alleine von Medine aus wurden Mitte des 19. Jahrhunderts durch französische Händler jährlich fünfhundert Tonnen eingetauscht und Richtung Küste verschifft. Doch entlang des Senegalflusses wurde der Handel damals von den arabischen Emiraten Trarza und Brakna kontrolliert, die nördlich des Flusses auf dem Gebiet des heutigen Mauretanien lagen. Sie stellten eine ausreichend furchterregende Kriegsmacht dar, so dass sie mit den Franzosen auf Augenhöhe Handel treiben konnten. Sie waren bis dahin – wie die Franzosen – in den Sklavenhandel verstrickt und wandten dieselben Praktiken an, indem sie verheerende Razzien gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung in ihren Dörfern durchführten. Mit der Schwächung des französischen Sklavensystems wurde allerdings der Handel in Westafrika rabiat in Frage gestellt.
Ende des 18. Jahrhunderts kam es im Zuge der Französischen Revolution auch zu Massenaufständen der Sklaven auf den Antillen, insbesondere auf Santo Domingo, dem Sklavenhalter-«Juwel» des französischen Kolonialreiches. Hier wurde zu jener Zeit mehr als die Hälfte der weltweiten Menge an Zucker produziert. Verzweifelt versuchte Napoleon, die Kontrolle über die Insel wiederzuerlangen und die Sklaverei erneut zu etablieren, und sandte zu diesem Zweck Zehntausende Soldaten, die letztlich aber scheiterten. In Folge dessen musste der grösste Teil der französischen Plantagenbesitzer die Insel verlassen. Sie taten dies hauptsächlich in Richtung der spanischen Insel Kuba, nach New Orleans und in die benachbarten amerikanischen Kolonien, wo die Sklavenwirtschaft mit Tabak, Zucker und Baumwolle zu jener Zeit kräftig wuchs.
Damals zeichnete sich zwischen Napoleons Kaiserreich und den angelsächsischen Kolonien in Amerika, die sich eben vom Gängelband Grossbritanniens befreit hatten, eine intensive wirtschaftliche und diplomatische Annäherung ab, basierend auf dem Import von Tabak und Baumwolle durch Frankreich – beides Produkte der Sklavenwirtschaft – und dem gemeinsamen Kampf gegen die britische Krone, welche die amerikanischen Kolonien, die sich für unabhängig erklärt hatten, zurück zu erobern versuchte. Um die wirtschaftliche Grundlage dieser Allianz zu untergraben, entschieden sich die Engländer im Jahr 1808, den Sklavenhandel zu verbieten, ein Wirtschaftsgebaren, das in protestantischen Kreisen immer mehr kritisiert wurde. Dieser Entscheid, der in den Geschichtsbüchern bis heute auf das Lobbying gegen die Sklaverei und die «Seelengrösse» der Angelsachsen zurückgeführt wird, war in Tat und Wahrheit das Ergebnis eines strategischen Kalküls der Engländer im Krieg gegen das Kaiserreich Napoleons, um den Zufluss von Arbeitskräften nach Amerika zu unterbinden und die Patrouillen im Atlantik durch Kriegsschiffe der Royal Navy zu rechtfertigen.


1. Die Koranschüler_innen werden als „talibe“ bezeichnet; sie werden als Kinder von armen Familien der Koranschule für ihre religiöse Erziehung anvertraut.
2. Name eines religiösen Festes in den Ländern West- und Zentral-Afrikas.
3. Guy Thilmans, 2010, Informationen über die Sklaverei, herausgegeben auf Französisch vom Historischen Museum Senegals.
4. Camille de Vitry berichtet darüber sehr fundiert in ihrem Buch «L’or nègre» («Das schwarze Gold»), editions Tahin Party und in ihrem Dokumentarfilm «Le prix de l’or» (Der Preis des Goldes).
5. Kayes et le Haut Sénégal – les étapes de la croissance urbaine, Rokiatou N’Diaye Keita, Editions populaires, Bamako, 1972.
6. Siehe die Reportage von Télébocal: telebocal.org/actu/les-baras/.
7. Aktueller «Zufall»: Auch Lecointre, der neue Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte, kommt aus dem 3. Marine-Infanterieregiment und hat, neben anderen Aufgaben, im Auftrag Frankreichs und der Europäischen Union die Restrukturierung der malischen Armee koordiniert.
8. Khasso war der Name des Gewandes aus Wolle, das die Fulbe trugen, die Mitte des 16. Jahrhunderts die Region bevölkerten. Nach einem grossen Aufstand gegen die Elite der Malinke jener Zeit errichteten sie das Königreich von Khasso, das seit Anbeginn eigene Traditionen und eine eigene Sprache hervorbrachte: das Khassonke.

 

verfasst von Siete Nubes,  07.02.2018, eingestellt von ute
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