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MIGRATION - COMO/CHIASSO: Der Mensch zuerst!

Als Anerkennung und Dank für das grosse grenzüberschreitende Engagement für Flüchtlinge und Migrant_innen von Pfarrer Don Giusto della Valle mit seinem «ProgettoAccoglienzaRebbio» in Como (I) und von Lisa Bosia Mirra mit ihrem Verein «Firdaus» in Genestrerio (Tessin, CH) hat der «Freundeskreis Cornelius Koch» den Schweizer Menschenrechtspreis «Offene Alpen» für das Jahr 2017 diesen beiden Initiativen verliehen.
Der Schweizer Flüchtlingspfarrer Kaplan Cornelius Koch (1940-2001) hatte den Preis in den 1990er-Jahren gegründet. Dieser Preis ist mit 12‘000 Franken dotiert und wurde jetzt je zur Hälfte an die Preisträger_innen übergeben. Die Preisverleihung fand im «Cinema Teatro» in Chiasso am Morgen des 22.Februars statt. Mehr als 120 Personen aus Norditalien und der ganzen Schweiz waren gekommen. Die Preis-träger_innen durften sich auch über 500 Solidaritätsbriefe aus allen Kantonen freuen. Das Duo «Ventnegru» aus Locarno rahmte die Veranstaltung mit neu adaptierter, traditioneller Tessiner Musik ein. Medien beiderseits der Grenze berichteten sehr positiv über den Anlass, wobei meistens nicht unerwähnt blieb, dass Lisa Bosia weiterhin auf ihren Prozess wegen «Hilfe zur rechtswidrigen Einreise» von vier minderjährigen Flüchtlingen wartet.
Laudatio von Bischof Jacques Gaillot
Es ist mir ein grosse Ehre und eine grosse Freude, dass ich heute unter euch sein darf. Ich fühle mich Lisa Bosia und Don Giusto della Valle nahe. (…) Wir sind heute hier, um Euch unsere Bewunderung und Unterstützung zu geben.
Durch Eure Initiativen und Euer Tun gebt Ihr uns eine erste wichtige Botschaft: «Der Mensch zuerst». Bevor wir von einem Land, einer Kultur, einer Religion kommen: Wir sind menschliche Wesen. Bevor wir aus dem Norden oder dem Süden kommen: Wir sind Weltbürger. Bevor wir weiss oder schwarz sind: Wir sind Bewohner eines gemeinsamen Planeten. Bevor wir Fremde sind: Wir sind Brüder und Schwestern in einer Menschheit. Wir sollten im Gesicht eines jeden Menschen nicht zuerst den Unterschied sehen, sondern das Universelle. Der Mensch ist grösser als das Gesetz. Der Respekt vor dem Menschen muss grösser sein als der Respekt vor dem Gesetz. (…)
Eine zweite Botschaft kann uns nicht gleichgültig lassen: «Die Mauern einreissen». Wir beobachten eine Epidemie von Mauern in der ganzen Welt: Mauern zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Nordamerikanern und Mexikanern, zwischen Marokko und den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla – auch in Europa, nachdem die Berliner Mauer im Jahr 1989 endlich eingerissen wurde, hat man wieder damit angefangen, Stacheldrahtmauern zu bauen: Mauern, welche die Völker trennen und sie davon abhalten sollen, sich frei zu bewegen. Alles zirkuliert auf unserem Planeten: das Geld, die Waffen, die Drogen, die Informationen, nur die Migrant_innen dürfen nicht ungehindert reisen. Wir sind dazu geschaffen, uns frei zu bewegen und zusammen zu leben. Die Erde gehört der ganzen menschlichen Familie. (…)
Die Politik der Festung Europa stellt Migration als Bedrohung dar. Die wirkliche Bedrohung kommt aber eher von der freien Zirkulation des Kapitals. Die Migrant_innen bedeuten ein unschätzbares wirtschaftliches und kulturelles Potential. Die restriktiven Massnahmen, die man sich anstrengt einzuführen, werden die Migrationsbewegungen nicht beenden können, weil diese immer existiert haben. Wir müssen die Migrant_innen schützen, bevor wir die Grenzen schützen. Die Migrationswege schliessen sich nicht, sie ändern sich vielmehr, um die Kontrollen zu umgehen. Die Überwachung und die Kontrollen machen die Grenzen nicht undurchlässig. Deren Überwindung dauert nur länger und ist gefährlicher für die Menschen, die unterwegs sind. Wie soll auch jemand aufzuhalten sein, der bereit ist, dafür zu sterben?
Lisa und Don Giusto, ich möchte mit Euch eine Frage teilen, die ich mir oft selber stelle. Was machen die Flüchtlinge aus Euch? Was werdet Ihr, wenn Ihr Euch für diese jungen Flüchtlinge einsetzt? Was geben sie Euch? Es geht nicht darum, was wir für sie machen, sondern was sie aus uns machen – im Laufe der Monate und Jahre. Indem ich mit ein paar Worten meine eigene Erfahrung schildere, möchte ich sie mit der Euren verbinden. Flüchtlinge zu empfangen, öffnet uns gegenüber den Anderen, gegenüber ihren Kulturen, ihren Religionen. Sie öffnen uns zur universellen Brüderlichkeit hin, indem sie die Mauern, die in uns sind, zum Einsturz bringen: Mauern der Vorurteile, der Angst, der Gleichgültigkeit…
Flüchtlinge, die auf ihrem Weg schwere Prüfungen ertragen mussten, kommen in Europa an, ohne Rachegedanken und Hass. Sie waren dem Hunger, der Wüste, dem Meer und schlimmen Demütigungen ausgesetzt, und trotzdem findet sich kein Hass in ihren Herzen. Das ist aussergewöhnlich! Ihr Herz ist nicht verbittert. Es ist befreit. Die Geflüchteten sind ein Segen für diejenigen, die sie empfangen.
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 257 (03/2017)

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