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RUMÄNIEN: Umstrittene Modernisierung

Der folgende Text ist der Brief eines Franzosen an rumänische Bauern, die man hindern will, ihre Kühe von Hand zu melken. Er wurde anlässlich des von der Vereinigung Paisalp * in Forcalquier organisierten Europäischen Treffens vom 12. bis 14. Oktober 2007 zum Thema «Herausforderungen an die bäuerliche Landwirtschaft in einer globalisierten Welt» verteilt.


 


Liebe FreundInnen,


Vor kurzem erfuhr ich von einer rumänischen Freundin, dass bei Euch ein Streit über eine Gesetzgebung der EU entflammt ist, die den rumänischen Bauern verbieten will, ihre Kühe von Hand zu melken. Um die Genehmigung zu erhalten, Milch und Milchprodukte zu verkaufen, müssen sie Melkmaschinen anschaffen. Die Befürworter der Melkmaschinen behaupten, um eine perfekte Milchqualität besorgt zu sein, frei von Bakterien und Viren, die sich beim Handmelken dazu gesellen könnten und jegliches Krankheitsrisiko für den Konsumenten ausschalten zu wollen. Sie vertreten auch die Meinung, dass die Inkraftsetzung der europäischen Vorschriften ein weiterer Schritt sei, um Rumänien an die Normen der Modernität anzugleichen, die im Westen gelten: Ein Bauer, der seine Kuh von Hand melkt, welch ein Archaismus! Und in der Vorstellungswelt dieser Progressiven zeichnet sich hinter dem rumänischen Bauern und seinem ordinären Leben der ganze Skandal der vergangenen Jahrhunderte ab, mit ihrer rudimentären Lebensweise, ihrer schrecklichen Armut und der Fortschrittsfeindlichkeit jener, die verbissen an ihren überlieferten Bräuchen festhalten.


Die Debatte über diese Themen, die mit dem ländlichen Leben in Verbindung stehen, fand in Frankreich schon vor ein paar Jahrzehnten statt: Melkmaschinen verbreiteten sich in Frankreich um 1960. Kurz darauf beugte sich die französische Landwirtschaft der europäischen Landwirtschaftspolitik. Seit jenem Zeitpunkt bekamen wir Franzosen die Wirkung des Modernisierungsprozesses zu spüren, dem ihr heute ausgesetzt seid, wie auch die Resultate dieses europäischen Reglements, das man euch aufdrängen will. Wir warnen Euch: Ihr müsst genau abwägen, was dieses einfache, scheinbar harmlose Gesetz eigentlich bedeutet, das bloß das Melken von Hand verbietet. Dass wir Euch auf eine Gefahr aufmerksam machen, beruht keineswegs auf einer Überlegenheit unsererseits, dank technologischen oder wirtschaftlichen Fortschritts, oder dank eines besseren Verständnisses der Geschichte. In Wirklichkeit seid eher Ihr uns überlegen, zumindest jene, die sich darauf versteifen, die «Entwicklung», den «Fortschritt» und die neuen Errungenschaften wie diese famosen Melkautomaten abzulehnen.


Für all jene, die ihre Milchproduktion verkaufen wollen, bedeutet diese Vorschrift der EU die obligatorische Anschaffung von Melkapparaten; das hat aber auch über kurz oder lang das Verschwinden von allen armen Bauern zur Folge, die sich die Anschaffung und den Unterhalt dieser Ausrüstung nicht leisten können. Die anderen bewegen sich zu einer produktionsorientierten Landwirtschaft hin, unter dem doppelten Joch einer ständigen technologischen Erneuerung und der Landwirtschaftspolitik der EU-Staaten. Sie sind auch auf die verschiedenen finanziellen Zuwendungen angewiesen (EU-Subventionen, Verkauf der Produktion an die Nahrungsmittelindustrie). Das Resultat: mechanisierte und spezialisierte Großbetriebe. Vorher lieferte ein Bauernbetrieb für die Umgebung nicht nur Milch, sondern auch Butter, Käse und Rahm (neben Gemüse, Eiern und Fleisch), jetzt produzieren diese  «Agrarfabriken» nur noch Milch in großer Menge. Sie wird an Industriebetriebe verkauft, die die Verarbeitung zu einer Palette von Produkten übernehmen. Diese Veränderung findet groteskerweise im Namen der öffentlichen Gesundheit statt, in der Annahme, dass die Produktionsbedingungen auf dem Bauernhof nicht einmal den elementarsten Hygienevorschriften entsprechen, währenddessen die Industrie - wie jedermann weiß - sauber arbeitet.


 


Gefährliche Methoden


Aber was auf den Markt gelangen wird – was jetzt schon auf den Markt kommt – sind viel schädlichere Milchprodukte, als sie je auf einem Bauernhof produziert wurden, verpestet und entwertet zugunsten ökonomischer Interessen einer alles beherrschenden Nahrungsmittelindustrie. Die Konzentration von Tausenden Tieren in Riesenställen ist nämlich ein günstiger Nährboden für das Auftreten und die Verbreitung von Seuchen: Um dagegen anzukämpfen, wurden Antibiotika eingesetzt, die auch in die Milch gelangten und schlussendlich in die Ernährung der Bevölkerung Eingang fanden. Und so entstanden Mikrobenstämme, die gegen alle heute vorhandenen Behandlungen resistent geworden sind. Die Bauern gewöhnten sich daran, pharmazeutische Erzeugnisse zu benützen und leisteten auch weniger Widerstand, wenn es um legales oder illegales Doping ihrer Tiere ging, um leistungsfähigeres Zuchtvieh zu produzieren und so höhere Gewinne einzustreichen: Wachstumsförderer, Cocktails von Anabolika und Antibiotika, synthetische Sexualhormone, all diese Produkte werden zu diesem Zweck eingesetzt und führen bei den Konsumenten zu Gebrechen und Krebserkrankungen aller Art. Selbstverständlich können Krebs und verschiedene Schwächen des Nervensystems (Alzheimer, Parkinson, multiple Sklerose, etc.) auch von in der Landwirtschaft benützten Pestiziden herrühren, die vom Winde verweht und von Kühen abgeweidet werden und sich also auch in der Milch wiederfinden. Unter den Ursachen für diese Krankheiten darf man auch das Tiermehl nicht vergessen, das als Futtermittel in der Rinderzucht eingeführt worden ist, weil es billiger als Getreide und Grasfutter kommt und das künstliche Übermaß an Proteinen die Milchproduktion steigert. Dazu kommt noch die Verseuchung der Milch durch giftige Substanzen, die zur Gewinnung, Lagerung, Transport, Verarbeitung und Verpackung von der Industrie eingesetzt werden. Im Übrigen muss man sich auf eine riesige Einbuße der geschmacklichen und nutritiven Qualität der Milch gefasst machen, ein Verlust, der überall auftritt, wo die Herstellung mechanisiert und standardisiert wurde (fades Gemüse, denaturiertes Fleisch, gepanschter Wein, Möbel aus Holzimitationen, Kleider, die sich schnell abnutzen, usw.). Schlimmer noch: Die Restrukturierung der gesamten Agrarökonomie Rumäniens auf ein Modell, das ausschließlich auf Technologie und Produktionssteigerung ausgerichtet ist, hat zur Folge, dass es fast unmöglich sein wird, sich Milch (und überhaupt Lebensmittel) zu besorgen, die nicht der Manipulation der Nahrungsmittellobby zum Opfer gefallen ist. Im Gegensatz dazu können sich heute noch die meisten Rumänen, dank Familie auf dem Lande, mit günstigen und authentischen Produkten aus der bäuerlichen Landwirtschaft eindecken.


 


Industrielandwirtschaft


Das Melken von Hand zu verbieten ist eine von vielen Maßnahmen im Rahmen einer generellen Industrialisierung der Landwirtschaft, die gewisse Konsequenzen hat - sowohl für die Natur als auch für den Menschen: Durch intensive, industrielle Landwirtschaft wird die Erde ausgelaugt und das Wasser vergiftet. Viele Tier- und Pflanzenarten verschwinden, da sie als «nicht verwertbar» oder «unrentabel» erklärt werden. Und schließlich ist die mit ihr einhergehende Landschaftsveränderung eine wesentliche Ursache für die Klimaveränderung und die sogenannten Naturkatastrophen wie Stürme, Trockenheit, Überschwemmungen, Unregelmäßigkeit des Jahreszeitenzyklus, etc.. Auf menschlicher Ebene bedingt die Industrialisierung der Landwirtschaft nichts Geringeres als die programmierte Auslöschung der bäuerlichen Kultur, den Ruin Tausender Bauern, die, in Armut zurückversetzt, nicht die Möglichkeit haben, ihren Betrieb zu modernisieren und vom Verkauf ihrer eigenen Produkte zu leben. Das führt zu massiver Landflucht, Individualisierung der sozialen Beziehungen und Auflösung familiärer Bindungen. Die Kinder aus Bauernfamilien werden von einem gefälschten Bild der verschwenderischen Lebensart in der Stadt getäuscht. Sie träumen vom städtischen Bürgertum und werden zu Proletariern in den Vorstadtsiedlungen. Die Industrialisierung der Landwirtschaft setzt auch voraus, dass sich jeder mit jedem in ein Konkurrenzverhältnis begibt, sowie die gesteigerte Abhängigkeit vom Finanzsystem und von immer kostenaufwendigeren Technologien (Landwirtschaftsmaschinen, chemischer Dünger, Insektenvertilgungs- und andere Behandlungsmittel, Informatisierung der Betriebsverwaltung, etc.). Das Verschwinden des Bauernstandes ist ganz und gar kein Zufall. Es ist die von den politischen Eliten, den Leitern der großen Chemie-, Landwirtschafts- und Ernährungstrusts und ihren Experten geplante Politik. Dabei soll ein altes, intuitives Wissen vernichtet werden: das Wissen der Bauern. Die Ethik, die Liebe zur gut gemachten Arbeit und zur Vertrautheit mit den Bewegungen und Rhythmen der Natur. Vernichtet werden soll auch ein Lebensraum: das Dorf und seine ländliche Umgebung. Die Volkskultur, die sich im Dialekt, den Bräuchen, dem Kunsthandwerk, den mündlich überlieferten Traditionen ausdrückt. Und nicht zuletzt soll eine Wirtschaftsform verschwinden, durch die die bäuerliche Bevölkerung, in Bezug auf technische Mittel und Nahrungsmittel, selbsttragend und so möglichst unabhängig sein konnte.


Mit dem Untergang des Bauerntums ist eben diese Unabhängigkeit in großer Gefahr: Die Lebensmittelproduktion und –versorgung werden einem technologisch und wirtschaftlich globalisierten System anvertraut, das von uns nicht kontrolliert werden kann. Noch ist es nicht zu spät, dieser Enteignung und generellen Mechanisierung etwas entgegen zu setzen, die Felder der großen bäuerlichen Tugenden wieder zu bebauen: mit dem Sinn für Unabhängigkeit, der Freude an Einfachheit, mit Nachbarschaftshilfe und der Selbstbestimmung der bäuerlichen Gemeinschaften bezüglich ihrer Existenzbedingungen.


Die «Bauernklasse», die bei uns zugrunde geht, habe ich bei Euch noch sehr lebendig gesehen. Diese einfach gekleideten Männer, diese Frauen in langen Röcken und geblümten Kopftüchern. Diese Wesen, deren feste, müde Körper vertrauensvoll in der Welt stehen; ich kenne sie gut: Meine Großeltern waren wie sie. Ihre Sprache, ihr Verhalten, ihre Werte erkenne ich noch heute in der Sprache, dem Verhalten und den Werten meiner Eltern. Unser Volk ist am Vergessenwollen dieser bäuerlichen Vergangenheit erkrankt. Zuerst indem es vor ihr in die Fabriken und das Proletarierdasein flüchtete und jetzt, indem es sich irgendwelchen Trugbildern hingibt über die «Mittelklasse», das moderne Kleinbürgertum, das dem Geld, materiellen Symbolen, beruflichem Erfolg und der Zeit, die diese Gesellschaft ihm unaufhörlich stiehlt, hin-terher rennt. Und dabei fühlt sich jeder irgendwie schuldig, diese verkehrte Zivilisation von Industrie, Staat und Geld akzeptiert und das Land mit seinen echten Reichtümern hinter sich gelassen zu haben. Bei Euch ist das Bauernvolk noch lebendig. Es ist noch lebendig in Euch: Ich habe es nicht nur auf dem Land und in den Dörfern, ich habe es auch in Euren Städten gesehen. Gekleidet als Student, Lehrer, Arbeiter oder Arbeitsloser. Im Grunde war es jedoch immer der Bauer, der sprach, nachdachte, urteilte. Ihm, Euch müsst ihr vertrauen, um den fortschreitenden Zerfall der bäuerlichen Zivilisation zu stoppen.


 


Widerstand


Vielleicht müssten wir irgendwann eine neue Art von Revolution machen, die den einfachen Leuten die Macht über ihr eigenes Leben zurückgibt. Eine Revolution, die als Ziel den Zerfall solcher Systeme von Vorherrschaft hat wie Industrie und Staat es sind. Einstweilen jedoch rate ich Euch: Verweigert diese fortschrittsgläubige Ideologie, die in jeder technologischen Neuerung einen sozialen oder moralischen Fortschritt sieht! Misstraut dieser Faszination für Europa, dem Stolz, Europäer zu sein, hinter dem sich der «ängstliche Wille, sich zu uniformieren» zu verstecken versucht! (Das hat seinerzeit Pasolini den Italienern vorgeworfen, die sich gerade zur europäischen Ideologie und zur Konsumgesellschaft bekehrt hatten.) Widersteht auch der Zuflucht zur Rumänischen Nation, die sich gerne mit den mystischen Kennzeichen der vorindustriellen Ära schmückt: Die rumänische Nation als mystisches Land und vermeintliche Gemeinschaft, wird nie das wirkliche Land und die wirkliche Gemeinschaft ersetzen. Die Bauernfrage ist universell. Sie hat nichts mit Nationen zu tun und kennt nur die regionalen Besonderheiten. Ihr müsst überall und bei jeder Gelegenheit die direkten Beziehungen zwischen den Produzenten auf dem Land und den Konsumenten in der Stadt aufrechterhalten oder wieder herstellen. Nur sie entgehen dem Einfluss des Staates und umgehen die Handelsbeziehungen, die von der großen Industrie bestimmt werden. Durch direkte Beziehungen wurde die Bevölkerung immer, selbst in den schwersten Krisenzeiten, mit den wichtigsten Lebensmitteln versorgt. Haltet die Bauerntradition am Leben, erhaltet die Dörfer, die Landschaften und die Volkskultur – aber nicht für’s Museum: In Taten, in der täglichen Anwendung, in der Wärme von Freundschaft und gegenseitiger Achtung. Vermittelt schließ-lich, so breit wie möglich, den immensen Reichtum an Geschicklichkeit und Wissen auf handwerklicher, landwirtschaftlicher, kulinarischer und botanischer Ebene sowie in der Kunst des Heilens. Versteht mich richtig: Es geht nicht darum, in ein angeblich goldenes Zeitalter der Menschheit zurückzukehren; es geht darum, ein neues Verhältnis zwischen Stadt und Land herzustellen, mit dem es für jede(n) von uns möglich ist, gute Voraussetzungen für eine eigenständige Gesellschaft zu schaffen, die fähig ist, ihre eigene Technik und Wirtschaft zu beherrschen.


Liebe FreundInnen in Rumänien, Ihr habt den Ruf, ein Volk zu sein, das immer die Geschichte boykottiert hat. Das hat jedenfalls, soviel ich weiss, Lucian Blaga gesagt, einer Eurer herausragendsten Philosophen. Wenn die Geschichte heute von der Marktwirtschaft und ihren Technologien bestimmt wird, dann bleibt Euch treu und boykottiert sie!Patrick Marcolini


Nizza, März 2007


acarus(at)no-log.org


 


* Paisalp vereinigt ca. 40 Bauernbetriebe in der Haute Provence (siehe Archipel Nr. 123, Januar 2005) und setzt sich u.a. für die Anerkennung der bäuerlichen Landwirtschaft auf europäischer Ebene ein.

verfasst von Patrick Marcolini (Nizza, März 2007),  14.01.2008, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 155 (12/2007)

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