Besetzte Dörfer in Spanien

von Claude Braun, EBF Schweiz, 23.11.2019

Der ländliche Raum wird seiner natürlichen und menschlichen Ressourcen beraubt, zugunsten eines zentralisierenden Fortschrittsglaubens. Hunderte von Dörfern in Spanien sind so entvöl-kert worden. Deren Wiederbelebung stösst auf grosse Schwierigkeiten.

Die Wiederbesiedlung von Fraguas

In einem von der Landflucht am stärksten betroffenen Gebiet Spaniens begann eine Gruppe junger Menschen vor einiger Zeit, ein Dorf wiederzubeleben, das in den 1960er Jahren von Diktator Franco enteignet worden war. Anstatt heute solche Projekte zu unterstützen, stellt sich der Staat quer und reagiert mit Repression: Was aufgebaut wurde, soll wieder zerstört werden. Diejenigen, die den Wiederaufbau leiteten, wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Fraguas ist ein kleines Dorf aus dem 15. Jahrhundert am Nordhang der Guadalajara-Berge, dessen Bewohner_innen immer von Handarbeit lebten. Hier gibt es weder asphaltierte Strassen noch Stromleitungen. In den 1960er Jahren zerstörte ICONA, heute TRAGSA, ein Staatsunternehmen unter Franco, welches nach der Diktatur weitergeführt wurde, das Dorf auf unterschiedliche Weise: Ingenieure, Forstleute und andere Staatsbeamte hoben die Souveränität von Fraguas über seine kommunalen Bergweiden auf und trieben die Bewohner_innen in die Migration. Die industrielle Anpflanzung von Kiefern und das Verbot, Nutztiere auf die Gemeindeweiden zu lassen, zerstörten das wirtschaftliche Leben des Dorfes. Die Propaganda zugunsten der Stadt und die Diffamierung des ländlichen Raums führten dazu, dass sich die Menschen auf dem Land hochgradig abgewertet fühlten. In den 1990er Jahren wurden dann Militärmanöver zur Vorbereitung eines eventuellen Ein-satzes im Bosnienkrieg in den Ruinen von Fraguas abgehalten. Im Frühjahr 2013 begannen die heutigen Bewohner_innen von Fraguas den Wiederaufbau des Dor-fes und führten zahlreiche gemeinsame Arbeiten in der Gemeinde durch. Sie befreiten die Wege von Gestrüpp, bauten die Ruinen unter Beachtung der lokalen Architektur wieder auf, restaurierten die Fassung der Quelle, beschnitten die Obstbäume, schufen einen Garten, pflegten den alten Friedhof, kultivierten Gerste und pflanzten Bäume, um den traditionellen Wald nach einem Brand neu aufzu-forsten. Sie bauten eine Agroforstwirtschaft auf und brachten eine autonome Energieversorgung mit Solarinstallationen und einer Wasserturbine zustande. Das Dorf ist zu einem Ort der Begegnung für diejenigen Menschen geworden, die nach einer ande-ren Lebensform, ausserhalb der grossen Städte, streben. Die Einwohner_innen organisieren sich in Versammlungen ohne Hierarchien, mit dem Ziel, in Selbstverwaltung und Selbstversorgung dank lokaler Produktion zu leben. Sie setzen auf Entschleunigung, um nicht dem frenetischen Rhythmus des Lebens in den Städten zu folgen, das durch Lohnarbeit, übermässigen Konsum, Individualis-mus, Auslagerung der Produktion und der Abdelegierung der Entscheidungen gekennzeichnet ist.

Verurteilt zum Abriss

Paradoxerweise versuchten staatliche Umweltbeauftragte, zusammen mit der „Guardia civil“, durch Drohungen und Geldstrafen die Siedler_innen sehr schnell dazu zu bringen, ihren Traum aufzuge-ben. Im Jahr 2015 wurden sie vorgeladen, nachdem sie der widerrechtlichen Aneignung von öffent-lichem Land (usurpación) beschuldigt worden waren. Zwei Jahre später erwartete sie der nächste Prozess wegen Verstosses gegen die Raumordnung (delito contra la ordenación del territorio) und wegen Schädigung der Umwelt, (was aber von den Umweltbeauftragten selbst in Frage gestellt wurde). Die Staatsanwaltschaft forderte je vier Jahre Haft für sechs der ständigen Bewohner_innen. Schlussendlich wurde das Verfahren wegen Umweltschädigung eingestellt, aber die Verurteilung wegen der widerrechtlichen Aneignung von öffentlichem Land und wegen des Verstosses gegen die Raumordnung kam zustande, und die sechs sollen mit je eineinhalb Jahren Gefängnis bestraft wer-den. Die Verurteilten müssen ausserdem die Kosten für den Abriss der wiederaufgebauten Gebäude tragen. Ursprünglich war die Berechnung auf 26‘000 Euro, aber jetzt fordert das staatliche Unter-nehmen TRAGSA, das verantwortlich für den Abriss sein wird, 43‘000 Euro. Das Kollektiv Fragu-as Revive hat erklärt, dass es nicht bereit sei, dies zu akzeptieren. Dieses skandalöse Urteil zeigt, dass die Regierung an Fraguas ein Exempel statuieren möchte, und, mit den Worten des Staatsanwalts der Regierung von Castilla-La Mancha (JCCM), „Nachahmer verhindern“ will. Und das alles in einem der am stärksten entvölkerten Gebiete Europas, im völligen Widerspruch zu den viel gepriesenen Massnahmen zur Bekämpfung der Entvölkerung des ländli-chen Raums und der Klimakatastrophe. Das Kollektiv Fraguas revive ruft zu zeitlich unbegrenztem Widerstand auf, um dieses Dorf zu ver-teidigen, das von Hunderten von Menschen mit Hingabe und Begeisterung wieder aufgebaut wur-de. Es ist an der Zeit zu handeln. Möglichst viele Menschen aus verschiedenen Ländern sollen Pro-testbriefe an die Regierung von Castilla La Mancha schicken, mit der Forderung, von der Zerstö-rung des Dorfes abzusehen und die Arbeit und das Engagement der neuen Bewohner_innen anzu-erkennen (siehe Kasten).

Sieso de Jaca

Trotz der Opposition von den regionalen Regierungen, gibt es auch erfolgreiche Beispiele der Wie-derbesiedlung verlassener Dörfer durch junge Besetzer_innen. Sieso de Jaca ist so ein Fall. Das Dorf in den Pyrenäen in Aragón ist seit vierzehn Jahren von einer Gruppe von 30 Personen bewohnt. Sie organisieren und finanzieren sich selbstständig. Die Regierung von Aragón besitzt dutzende Dörfer wie dasjenige von Sieso de Jaca und etliche öffentliche Wälder. Jedes Jahr erhält die Regierung Vorschläge zu deren Wiederbelebung. Aber trotz der Verlautbarungen der Politiker_innen, die Entvölkerung bekämpfen zu wollen, gibt es keine Un-terstützung für eine Wiederbesiedlung. Für touristische oder agroindustrielle Grossprojekte wird hingegen schnell Raum zur Verfügung gestellt. Dabei liegen die Vorteile, die sich ergeben, wenn ein Dorf wieder bewohnt ist, auf der Hand: Durch ökologische Landwirtschaft wird Biodiversität geschaffen. Die Agroforstwirtschaft reduziert das Brandrisiko und den ökologischen Fussabdruck. Wirtschaftlich wird das lokale Gefüge durch die Präsenz neuer Bewohner_innen gestärkt; sie produzieren, konsumieren und schaffen oft Aktivitäten, die es bisher noch nicht gab. Kulturell geht es um die Schaffung von experimentellen Freiräumen, in denen sich Menschen von verschiedenen Horizonten treffen und in unterschiedlichsten Bereichen einbringen können. Die entvölkerten Gebiete der Pyrenäen könnten ein enormes Potenzial für tragfähige ländliche Al-ternativen entfalten, wenn es gelingt, diejenigen Menschen zusammen zu bringen, die genügend Motivation und Kühnheit besitzen, um aufs Land zurückzukehren. Diese könnten bereits von den Erfahrungen profitieren, die andere Neu-Siedler_innen bereits gemacht haben.

40 Jahre Lakabe

Lakabe ist ein kleines Dorf im Arce-Artzibar-Tal in Navarra. In den 1960er Jahren wurde das Dorf völlig verlassen und in den1980ern von einer Gruppe junger Leute aus der Bewegung der Kriegs-dienstverweigerer besetzt, die davon träumten, eine alternative Gemeinschaft zu schaffen, die im Einklang mit der Natur lebt. Das Projekt zur Errichtung des Staudamms von Itoiz brachte damals viele junge Menschen in die Gegend, um gegen das geplante Megaprojekt zu protestieren. Dabei entdeckten sie die Gebiete, die dem Wasser zum Opfer fallen sollten. Sie fanden ganze Täler mit verlassenen Dörfern und be-schlossen, Lakabe, eines dieser Dörfer, wieder zu besiedeln. Junge Menschen aus den Städten machten sich an den Wiederaufbau von Lakabe: Sie kümmerten sich um die Tiere, die Gewächshäu-ser und Gemüsegärten, sammelten Wildpflanzen, schnitten Brenn- und Bauholz, richteten Kom-posttoiletten und Gemeinschaftsräume ein, stellten Käse, Fleischwaren und Bier her und begannen schlussendlich ihre Haupttätigkeit: die Bäckerei. Sie ist zu einer der wichtigsten Einnahmequellen geworden. Zusätzlich organisieren die Bewohner_innen verschiedenste Kurse und Seminare über Selbstverwaltung, kollektives Leben und zwischenmenschliche Beziehungen. Nach der Wiederbesiedlung von Lakabe wurden weitere Dörfer in der Gegend besetzt und ein gan-zes Tal ist dadurch aufgeblüht. Der Staudamm wurde nicht gebaut und heute ist die Besetzung von Lakabe von Seiten der Regierung Navarras legalisiert. Im nächsten Jahr feiert die Gruppe ihr 40-jähriges Jubiläum. Drei Generationen gibt es inzwischen, die hier miteinander leben. Sie bilden eine kleine selbstverwaltete Gesellschaft, die ernährungs- und energieautonom funktioniert – eine Utopie, die Wirklichkeit geworden ist.

Die Kollektive Fraguas, Sieso de Jaca und Lakabe

Hier finden Sie den Modellbrief auf deutsch an die Regierung von Castilla la Mancha und hier die Originalversion auf spanisch.