RUSSLAND / ÖSTERREICH: Women against war

de Constanze Warta, 15 janv. 2026, publié à Archipel 354

Lölja Nordic* ist eine äusserst mutige junge russische Künstlerin, die seit drei Jahren im Exil in Wien lebt. Sie engagiert sich in der «Feminist Anti-war Resistance» (FAR). In Wien hat sie, am Vorplatz des Museums-Quartiers eine Ausstellung kuratiert, in der 16 Frauen aus Russland zwischen 12 und 86 Jahren in Bild und Text porträtiert sind. Diese Frauen waren und sind aufgrund ihrer Ansichten und ihres Aktivismus politischer Unterdrückung und staatlicher Gewalt ausgesetzt[1]. Wir waren bei der Vernissage am 20. 12. 2025.

Seit dem gross angelegten Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 setzen sich Tausende Frauen in Russland gegen den Krieg und Putins Regime ein und gefährden dadurch ihre eigene Sicherheit. In verschiedenen Regionen, Dörfern und Grossstädten kamen Frauen, von Schülerinnen bis Seniorinnen, zusammen und beteiligten sich an Strassenprotesten, organisierten subversive Kampagnen, um Russlands Kriegsverbrechen aufzudecken, verteilten Antikriegsflugblätter und selbstgedruckte Partisan·innenzeitungen, widersetzten sich der Mobilmachung und halfen ukrainischen Geflüchteten und Vertriebenen aus den besetzten Gebieten. Als Reaktion darauf führte der russische Staat Hausdurchsuchungen durch, konstruierte Strafverfahren, nahm Verhaftungen vor und wandte Brutalität und Folter an.

Seit Beginn des Krieges ist die Zahl der Frauen, die aus politischen Gründen inhaftiert und politischer Unterdrückung in Russland ausgesetzt sind, enorm gestiegen: 2024 erreichte der Anteil von Frauen unter den politischen Gefangenen in Russland seinen Höchststand der letzten 14 Jahre, nämlich 27 Prozent. Seit Februar 2022 wurden mehr als 20.000 Menschen wegen Äusserungen gegen den Krieg oder auf Grund von Antikriegsaktivismus inhaftiert. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Memorial sind derzeit mehr als 4000 Menschen aus politischen Gründen in Russland und in den besetzten ukrainischen Gebieten inhaftiert oder in Untersuchungshaft. Diese Zahl ist eine Schätzung, die tatsächliche Zahl ist möglicherweise doppelt so hoch. Derzeit sind mehr als 70 Frauen offiziell als politische Gefangene anerkannt. Nach Angaben von Menschenrechtsexpert·innen sind mehr als 260 Frauen aus politischen Gründen inhaftiert oder in Untersuchungshaft; die tatsächliche Zahl könnte allerdings bis zu 1.000 betragen.[2] Die Porträts wurden von feministischen Künstler:innen aus Russland und Belarus geschaffen. Viele dieser Künstler·innen sind aufgrund ihrer Antikriegshaltung oder ihres Aktivismus ebenfalls politischer Unterdrückung ausgesetzt. Einige von ihnen müssen anonym bleiben, da die Teilnahme an einer solchen Ausstellung ein ernsthaftes Risiko für ihre Sicherheit darstellt. Ihr könnt die Ausstellung noch bis Februar besuchen.[3]

Hier einer der sechzehn Texte:

Im Juni 2025 wurde Nadin Geisler, eine 30-jährige Aktivistin, von einem russischen Militärgericht wegen «Hochverrats und Unterstützung des Terrorismus» zu 22 Jahren Haft verurteilt. Dies ist eine der längsten Haftstrafen, die jemals gegen eine Frau aus politischen Gründen in Russland verhängt wurde. Im Jahr 2022 gründete Nadin in ihrer Heimatstadt Belgorod eine Freiwilligengruppe namens «Army of Beauties» (Armee der Schönheiten). Die Gruppe sammelte Spenden und versorgte die unter der russischen Besatzung leidende ukrainische Bevölkerung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderer humanitärer Hilfe und half Flüchtenden bei der Evakuierung aus dem Kriegsgebiet. Bald darauf erhielt sie Drohungen wegen ihres Aktivismus, woraufhin sie für ein Jahr nach Georgien floh. Im Februar 2024 kehrte sie jedoch nach Russland zurück und wurde verhaftet. Der Grund für ihre Verhaftung war ein Instagram-Post von einem gefälschten Account, in dem zu Spenden für die ukrainische Armee aufgerufen wurde. Nadin bestritt jegliche Beteiligung an diesem Account. Vor dem Prozess übte der russische Geheimdienst Druck auf Journalist·innen in Belgorod aus, nicht über den Fall zu berichten. Viele Details des Prozesses sind unbekannt, da er unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Im August 2025 berichtete Nadins Rechtsvertretung, dass sich ihr Gesundheitszustand verschlechterte: Sie hatte Probleme mit ihrem Blutdruck, ihrem Herzen und ihrem Sehvermögen und erhielt keine angemessene medizinische Versorgung. Die Gefängnisverwaltung verbot Nadin den Empfang von Büchern und beschlagnahmte alle ihre Kosmetika. Sie durfte nicht am Hofgang teilnehmen. Das russische Militärgericht hat Nadins Eltern ausserdem verboten, sie im Gefängnis zu besuchen.

«Man kann Beweise fälschen. Man kann Menschen einschüchtern und Zeug·innen erfinden. Aber man kann die Wahrheit nicht zerstören: Zehntausende Menschen haben unsere Hilfe erhalten, und Millionen weitere waren Zeug·innen davon. Ich habe auf jede erdenkliche und unmögliche Weise für jedes einzelne Menschenleben gekämpft. Ich habe mir den Luxus gegönnt, eine persönliche Meinung zu haben und diese öffentlich zu äussern. Ich habe die Wahrheit gesagt, die sie verbergen wollten. Aber ich bin weder eine Kriminelle noch eine Mörderin, und ich habe kein Blut an meinen Händen. Dennoch forderten sie 27 Jahre Gefängnis für mich. Mein Ziel ist es nicht, frei zu sein – es ist, ein Mensch zu bleiben.» Nadin Geisler

Zusammengestellt von Constanze Warta

  • siehe auch das Interview mit Lölja Nordic in Archipel Nr. 351, Oktober 2025
  1. Dies ist die zweite Ausgabe der Ausstellung «Women Against War» (Frauen gegen den Krieg), kuratiert von «Feminist Anti-War Resistance». Die erste Ausstellung fand 2023 in Paris im öffentlichen Raum statt. Die Ausstellung in Wien wurde mit Unterstützung des österreichischen Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) realisiert.
  2. Quellen: Memorial, OVD-Info (unabhängige Menschenrechts- und Mediengruppe).
  3. Oder auch über Internet auf www.mqw.at/programm/women-against-war/women-against-war-deutsch .

«FAR Vienna» in Österreich

Wir setzen uns gegen die rechtsextreme Politik in Österreich und lokale rechtsextreme Gruppen ein. Wir beobachten, protestieren und verurteilen Putins Verbündete in Österreich. Wir leisten Widerstand gegen die russische fossile Industrie. Wir lehnen Geschäfte mit fossilen Energieträgern und «Business as usual» mit Putins Regime ab. Wir setzen uns für Klimagerechtigkeit ein. Wir organisieren Solidaritätsveranstaltungen zur Unterstützung der Menschen in der Ukraine und zur Unterstützung politischer Gefangener in Russland. Wir arbeiten mit lokalen Aktivist·innen und Menschenrechtsgruppen in Österreich zusammen.