Kaum ein Intellektueller im deutschsprachigen Raum hatte in den letzten Jahrzehnten für soziale Bewegungen, Gewerkschaften, für Studierende, Klimaschützer·innen und Menschenrechts-Aktivist·innen eine so wichtige Bedeutung wie Jean Ziegler.
Geboren 1934 im Schweizer Thun, wurde Ziegler Soziologe und Uno-Mitarbeiter. Er war Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei und erlangte durch seine zahlreichen Bücher Weltbekanntheit. Viele Jahrzehnte lang setzte er sich für die Menschen ein, die Frantz Fanon die «Verdammten der Erde“ genannt hat. Zunächst als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, dann als Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats kämpfte er gegen Hunger und Unterdrückung, für Menschenrechte und Frieden. Er legte sich mit den Schweizer Banken an und unterstützte seit den 1950er-Jahren Befreiungsbewegungen im Globalen Süden. Ich hatte das Privileg, ihn auf seinen Reisen zu begleiten und mit ihm zusammenzuarbeiten.
Bei unzähligen Diskussionsveranstaltungen, Fernseh- und Radiosendungen hat Jean Ziegler zitiert, was ihm einst Che Guevara, dessen Chauffeur er im Jahr 1964 in Genf war, mit auf den Weg gab: «Comandante, ich will mit euch gehen“, hatte der junge Ziegler gesagt und erhielt von Che prompt eine gewaltige Abfuhr. Hier, im Herzen der Bestie, solle er kämpfen, und nicht an Orten und unter Bedingungen, für die er in keinster Weise geeignet sei. Jeder, so das Credo des «Comandante“, müsse dort kämpfen, wo er oder sie sei. Ziegler betonte immer wieder, wie enttäuscht und gekränkt er damals war – doch die Aufforderung des Che öffnete für ihn ein riesiges Handlungsfeld. Ziegler begab sich auf den Weg der, wie er es nennt, «subversiven Integration» in die Institutionen und arbeitete viele Jahre für die Uno. Als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung setzte er neue Massstäbe. Bekannt und vielzitiert ist sein Ausspruch: Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.
Jahrzehntelang Soziologe
Zieglers jahrzehntelange Arbeit als Soziologe erstreckte sich auf zahlreiche weitere Themengebiete. So setzte er sich dafür ein, dass die gestohlenen Reichtümer der Diktatoren aus dem Globalen Süden, die auf den Schweizer Banken lagern, zurückgegeben werden – beispielsweise die Milliarden des kongolesischen Langzeitdiktators Mobutu. In den 1990er-Jahren kämpfte Ziegler dafür, dass Angehörige der Opfer der Shoah Zugang zu den sogenannten «nachrichtenlosen» Bankkonten in der Schweiz bekommen konnten. Schweizer Banken mussten nach massivem Druck einen Vergleich mit den Nachfahren der ermordeten Jüdinnen und Juden schliessen und ihnen schliesslich 1,2 Milliarden Dollar ausbezahlen. Zieglers wohl berühmtestes Buch «Die Schweiz, das Gold und die Toten» hatte daran einen wesentlichen Anteil.
Seit jeher beschäftigte sich Jean Ziegler mit der Frage der Inkarnation einer politischen Widerstandsidee. Nicht Fantasien und Utopien würden ihn interessieren, sondern vielmehr, was wirklichkeitsverändernd umsetzbar sei und unter welchen Bedingungen eine Idee zur materiellen Kraft wird. In Büchern wie «Der schmale Grat der Hoffnung» oder «Ändere die Welt» setzte er sich intensiv mit diesen Fragen auseinander.
Verbunden mit dem Kongo
Jean Zieglers Massstab für politisches Handeln war stets global. Seit dem Beginn seiner beruflichen Laufbahn war er eng mit dem afrikanischen Kontinent und im Speziellen mit dem Kongo verbunden. Dem kongolesischen Freiheitshelden und ersten Premierminister des Landes, Patrice Lumumba, widmete er ausführliche soziologische Studien. Zieglers einziger Roman «Das Gold von Maniema» handelt von den Unabhängigkeitskämpfen im Kongo der 1960er-Jahre. Ziegler arbeitete darin die Zeit auf, die er selbst als junger Uno-Mitarbeiter vor Ort verbrachte.
Bertolt Brecht sagte einst, ein Buch könne eine Waffe sein. Ziegler begriff seine Bücher stets als Waffe für die kollektive Bewusstseinsbildung, welche die Voraussetzung bildet für jegliche real stattfindende, materielle Transformation unserer Gesellschaft. Zieglers Erfahrung lehrte ihn, dass es nicht ausreicht, auf nur einer Ebene aktiv zu sein: Aktionen der Zivilgesellschaft müssen sich produktiv ergänzen mit der Arbeit in den Institutionen. Wer Jean Ziegler reden gehört hat, hat sich einen weiteren Satz eingeprägt: Sich auf seinen Mentor Jean-Paul Sartre berufend, sagte Ziegler häufig: «Wer die Menschen liebt, muss sehr stark hassen, was sie unterdrückt.» «Was», wohlgemerkt, nicht «wer». Denn es ist die strukturelle Gewalt unserer Weltordnung, die bekämpft werden müsse.
«Übers Ziel, doch nie daneben»
«Jean Ziegler schiesst oft übers Ziel, doch nie daneben», sagen seine Kritiker. Immer wieder wurde auch behauptet, Ziegler habe sich durch seine Aktionen selbst bereichern wollen – doch das Gegenteil ist der Fall: Seine Kapitalismuskritik brachte ihm dutzende Klagen ein, die ihn nahe an den finanziellen Ruin trieben. Bei jedem unserer Telefonate erinnerte mich Ziegler daran, meine Privilegien zum Wohl anderer zu nützen. Denn von den Millionen Opfern der «kannibalischen Weltordnung», wie Ziegler sie nannte, trennt uns nur der Zufall der Geburt. Der gemeinsame Kampf für Gerechtigkeit, so Ziegler, sei das eigentliche sinnstiftende Element im Leben. In den letzten Wochen wurden unsere Telefonate, die davor wöchentliche Routine waren, seltener. Bei meinem letzten Besuch sprach er kaum noch. Am 10. Juni ist Jean Ziegler im 93. Lebensjahr in Genf gestorben. Sein unermüdliches Engagement, seine ungeheure Schaffenskraft, seine analytische Stärke, seine feine Ironie und nicht zuletzt seine herzliche, fröhliche und humorvolle Art waren für mich und für unzählige andere Menschen eine unersetzbare Motivations- und Inspirationsquelle. Lebewohl, Jean, du wirst uns fehlen!
Alexander Behr*
*Alexander Behr, Mitglied des Europäischen Bürger:innen Forums in Österreich, ist Politikwissenschafter und Publizist in Wien. Er arbeitete viele Jahre mit Jean Ziegler zusammen, unter anderem im Rahmen von Delegationsreisen der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation «Medico international» und zahlreicher Publikationsprojekte, u. a. Alexander Behrs Buch «Globale Solidarität» (Oekom-Verlag, München 2022).
EIN WEGGEFÄHRTE
Jean Ziegler war ein wichtiger Weggefährte von uns; oft fanden wir uns in denselben Engagements für eine gerechtere Welt wieder. Bei den persönlichen Begegnungen war er ausgesprochen herzlich und immer ansprechbar für unsere Anliegen. Unsere zahlreichen Aufrufe, z. B. für eine offene Asylpolitik, unterschrieb er jeweils als Erstunterzeichner. Seit der «Freiplatzaktion für Chile-Flüchtlinge» nach dem Militärputsch 1973 waren wir miteinander verbunden. Damals stand er als junger Nationalrat auf dem Genfer Flughafen, als die ersten fünf Chilen·innen gegen den Willen des Bundesrates in der Schweiz landeten. Es ging darum, eine Rückweisung der Verfolgten zu verhindern – es gelang. Zeit seines Lebens war Jean jemand, auf den «die Verdammten dieser Erde» zählen konnten. Wir erinnern uns an seine Warmherzigkeit, Diskutierfreudigkeit und Unbeugsamkeit. Compañero Jean, presente!
Für das Europäische Bürger:innen Forum:
Michael Rössler



