TÜRKEI: Angriff auf die LGBTI+ - Community

de Pınar Selek, 6 oct. 2026, publié à Archipel 362

Der Prozess gegen die französisch-türkische Soziologin Pınar Selek, wurde am 18. September zum achten Mal von einem Gericht in Istanbul vertagt. Kurz zuvor begann die Verfolgung der LGBTI+-Community in der ganzen Türkei.

Die nächste Verhandlung gegen Pinar Selek findet am 5. Februar 2027 statt. Der Prozess, an dem auch dieses Mal eine internationale Delegation teilnahm, ist eindeutig eine Farce, eine absolute Schikane gegen die Angeklagte sowie ihre Anwält·innen und Unterstützer·innen. Dies hindert Pinar Selek nicht daran, umgehend wegen der Verfolgung der LGBTI+-Community Stellung zu beziehen:

Liebe Freunde und Freundinnen. Entschuldigt bitte, dass ich euch an einem Sonntag störe, aber es ist sehr DRINGEND: In der Türkei hat gerade eine Offensive von beispiellosem Ausmass auf nationaler Ebene gegen LGBTI+-Personen begonnen. In der Dunkelheit der Morgendämmerung haben die türkischen Behörden eine koordinierte Welle von Hausdurchsuchungen und Festnahmen gestartet, die sich gegen LGBTI+-Organisationen, Aktivist·innen und Menschenrechtsverteidiger·innen richtet. Die genaue Zahl der Festgenommenen ist noch unbekannt, liegt aber seit 1 Uhr morgens bereits bei über 160. Die Wahl des Datums ist erschreckend: Anlässlich des 46. Jahrestages des Militärputsches vom 12. September 1980 wurden die Websites und Konten der sozialen Netzwerke zahlreicher LGBTI+-Organisationen, unabhängiger Medien, Student·innengruppen, Menschenrechtsverteidiger·innen und Aktivist·innen beschlagnahmt. Ab 1 Uhr morgens in der Nacht vom 12. auf den 13. September weiteten sich die Razzien auf fünfzehn Provinzen aus, darunter Ankara, Mersin, Kuşadası, Istanbul und Izmir. LGBTI+-Vereinigungen, Aktivist·innen, unabhängige Menschenrechtsverteidiger·innen sowie bestimmte Einrichtungen und Arbeitsstätten wurden ins Visier genommen. Wohnungen wurden noch vor Tagesanbruch durchsucht. Türen wurden aufgebrochen. In Istanbul wurden sogar die Räumlichkeiten von Organisationen gestürmt, die Menschen mit HIV lebenswichtige Unterstützung leisten.

Justizminister Akın Gürlek gab bekannt, dass die in Istanbul, Ankara, Izmir, Aydın und Mersin durchgeführten Operationen den Namen «Meine Familie ist in Sicherheit» – was für ein Zynismus – erhalten hätten. Er erklärte, dass mehr als 160 Aktivist·innen festgenommen worden seien. Eine zweite Welle von Durchsuchungen folgte anschliessend in Istanbul. Lasst es uns ganz klar sagen: Hier geht es nicht um den Schutz von Familien. Es handelt sich um eine koordinierte Kampagne der Einschüchterung und Unterdrückung, die sich gegen LGBTI+-Personen, ihre Organisationen, ihre Verbündeten und all jene richtet, die sich für die Grundrechte einsetzen.

Die Operationen dauern noch an. Die Aktivist·innen warten in Angst, ohne zu wissen, wer die nächsten Opfer sein werden. Wir rufen internationale Menschenrechtsorganisationen, gewählte Vertreter·innen, Gewerkschaften, Organisationen der Zivilgesellschaft, Journalist·innen und alle Menschen, denen Gleichheit und Freiheit am Herzen liegen, dringend dazu auf, sofort zu handeln.

Bezieht öffentlich Stellung! Verbreitet verifizierte Informationen! Wendet euch an eure Volksvertreter·innen. Fordert die sofortige Freilassung der Inhaftierten und die Einstellung der Hausdurchsuchungen! Schweigen wird die Angegriffenen nicht schützen. Es heizt die Repression nur noch weiter an. Zeigt Solidarität mit den LGBTI+-Gemeinschaften in der Türkei! Bevor es zu spät ist.

Pınar Selek, Nizza, am 13. September 2026

PS: Inzwischen sind mehrere Solidaritäts- und Unterstützungserklärungen im Umlauf. Am 18. September fanden in verschiedenen Städten Solidaritätskundgebungen statt. Haltet euch auf dem Laufenden!