UKRAINE / PSYCHISCHE GESUNDHEIT: Eine Pause vom Kriegsalltag

de Frédérique Drogoul, 15 janv. 2026, publié à Archipel 354

Vom 7. bis 13. Dezember 2025 organisierten wir in Nyzhnje Selyshche ein drittes Seminar über psychische Gesundheit in der vom Krieg gezeichneten Ukraine. Die Hauptreferentinnen waren Frédérique Drogoul, Psychiaterin aus Paris, und Marulla Hauswirth, Psychologin aus Lausanne. Die zwanzig Teilnehmer·innen kamen alle aus Regionen nahe der Front im Osten der Ukraine. Hier die Erzählung von Frédérique Drogoul.

Transkarpatien ist eine wunderschöne Region der Ukraine, die am südwestlichen Hang der Karpaten liegt, einem Gebirge, das sich über Ungarn, die Ukraine und Rumänien erstreckt. Der ukrainische Teil grenzt an Ungarn und liegt somit weit entfernt von den Gebieten, in denen seit fast vier Jahren Krieg herrscht. Die einzige Kriegszerstörung war die gezielte Bombardierung einer amerikanischen Fabrik in Mukatschewo im Jahr 2025. Aber alle Frauen und Männer, denen wir begegnen, sind tief von Trauer, Sorgen um ihre Angehörigen, die im Osten des Landes kämpfen, und einer Mischung aus Wut, Fassungslosigkeit und pessimistischer Unsicherheit über die Zukunft erfüllt. Mit mehr als 60.000 Toten und Hunderttausenden Verletzten trauern alle ukrainischen Familien. Sie sind oft durch den Kriegseinsatz des Familienoberhaupts, durch Binnenvertreibung oder manchmal durch ihr Exil aus der Bahn geworfen worden – und es sind die Frauen im Hinterland, die das ganze Land tragen.

Die Frage der Wehrdienstverweigerer und der Deserteure ist heikel und schmerzhaft, zumal die Behörden häufig Kontrollen zur Zwangsrekrutierung durchführen, sogar nachts bis hin zu den kleinen Weilern im Wald. Die Männer leben daher versteckt, und wenn sie gefasst werden, landen sie direkt an der Front, wo sie meistens neben einfachen Arbeitern und Bauern dienen müssen. Diese sind dort überrepräsentiert, weil sie weder über die Ausbildungsabschlüsse noch über die Geldmittel für die Bestechung von Behördenvertretern verfügen, um an die Heimatfront versetzt zu werden, wo sie mehr Chancen haben zu überleben.

Nyzhnje Selyshche, das kleine Bauerndorf am Fusse der Karpaten, in dem wir eine Woche lang im Team vom Europäischen Bürger·innen Forum (EBF) gearbeitet haben und wo wir im Empfangshaus der Longo-maï-Kooperative untergebracht und versorgt wurden, nahm im Sommer 2022 Dutzende von geflüchteten Menschen auf, indem sie im Rathaus, in der Schule oder direkt bei Einwohner·innen notdürftig untergebracht wurden. Dann organisierte sich eine Gruppe von Freiwilligen, die vom EBF und von Longo maï – seit über dreissig Jahren in Nyzhnje präsent – aktiv unterstützt wurde, um den Empfang längerfristig zu organisieren. Heute, nach drei Jahren enormer Solidaritätsarbeit für und mit den Geflüchteten, gibt es eine Unterkunft mit 30 Plätzen und 10 renovierten Häusern für Familien sowie Integrationsaktivitäten (einen grossen Garten mit Gewächshaus, Verarbeitung von Obst, Gemüse, Blumen und Pilzen sowie ein Bäckereiprojekt) und eine Herberge (für Kunstpraktika, Kinder- und Jugendwochen sowie Schulungen und Seminare).

Ein Seminar für Fachkräfte

Ende 2022 stellte sich die Frage, wie die Freiwilligen, welche die Geflüchteten im Dorf betreuen, aber auch die Fachkräfte für psychische Gesundheit in der Region unterstützt werden könnten. Ein erstes Seminar konnte im Mai 2023 organisiert werden, ein zweites folgte Anfang 2025. Diese Seminare werden von zwei sich ergänzenden Fachleuten geleitet: von Marulla Hauswirth, Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin, die sich auf psychokörperliche Ansätze zur Traumabehandlung spezialisiert hat und für den Verein «Appartenances» in Lausanne tätig war, der sich auf die Begleitung von Migrant·innen spezialisiert hat, die Opfer organisierter Gewalt geworden sind.* Dann durch meine Person, Frédérique Drogoul, Psychiaterin. Ich habe für «Médecins du Monde» und «Médecins sans frontières» (Ärzte ohne Grenzen) gearbeitet, insbesondere in Tschetschenien während des zweiten Krieges (ausgelöst von Wladimir Putin, Ende 1999).

Wir haben ein Team mit gemeinsamen Werten und Zielen aufgebaut, beruhend auf der Feststellung, dass psychische Schwierigkeiten in einer Kriegssituation normale Reaktionen auf eine ungewöhnliche Situation sind und dass es wichtig ist, an den Ressourcen zu arbeiten und gleichzeitig auf die sichtbaren Auswirkungen persönlicherer Schwierigkeiten zu achten. Während der ersten beiden Seminare hatten wir die Folgen dieses Krieges miterlebt, insbesondere für Fachleute aus den östlichen Regionen: Erschöpfung, Entmutigung, oft seit mehreren Monaten keine Ruhe oder Urlaub. Daher wollten wir bei diesem dritten Seminar Psycholog·innen den Vorrang einräumen, die in Städten nahe der Frontlinie arbeiten, welche ständigen Bombardierungen und Drohnenangriffen ausgesetzt sind, in denen aber noch immer die meisten ihrer Einwohner·innen leben.

Kraft tanken

Die Realität dieses Krieges im Alltag ist eine zutiefst destabilisierende Erfahrung, insbesondere für Psycholog·innen, die Menschen unterstützen, die ebenfalls mit dem Kriegsalltag konfrontiert sind. Dieses Mal bestand die Gruppe aus 18 Psycholog·innen und einem Psychiater – sie arbeiten in Charkiw, Poltawa, Saporischschja und Cherson. Wir hatten durch die vorhergehenden Seminare auch verstanden, wie wohltuend für die Teilnehmenden die Gelegenheit ist, sich vom Kriegsalltag zu entfernen, schon allein, um endlich ohne das Dröhnen der Bomben, das Brummen der Drohnen oder das Heulen der Sirenen schlafen zu können. Für dieses dritte Seminar haben wir daher vorgeschlagen, diese beiden Bedürfnisse miteinander zu verbinden: Erholung und verschiedene Momente der Entspannung, um neue Kraft zu tanken, sowie eine Einführung in psycho-körperliche Techniken, um für sich selbst zu sorgen, damit man anderen helfen kann, und auch Gruppenarbeit zu klinischen Praktiken und Schwierigkeiten bei der therapeutischen Unterstützung von Menschen, die schwer vom Krieg betroffen sind. Die Frage der vielen Vermissten («missing soldiers») stellte sich als zentral heraus, da sie die Angehörigen in einem Zustand zwischen Hoffnung und Verzweiflung hält, mit einer Trauer, die unmöglich zu akzeptieren ist. Die Teilnehmenden konnten uns erzählen, wie ihr Leben in diesen ständig bombardierten Gebieten mit einer mehr als ungewissen Zukunft geworden ist. So erzählte Olia, eine Psychologin aus Cherson, von den wunderbaren Alleen ihrer Stadt, in denen sie gerne spazieren ging, und von der schönen Aussicht, die nun durch Seile und Netze versperrt ist, um die Bewohner·innen vor Drohnenangriffen zu schützen. Die Teilnehmenden bildeten eine solidarische Gruppe, die angesichts der Umwälzungen in ihrem Leben, gemeinsamen Mut und eine miteinander geteilte Entschlossenheit zeigte, um Widerstand zu leisten und ihre Arbeit fortzusetzen. Im Laufe der Gespräche flossen manchmal Tränen, aber meistens lachten alle herzlich. Wir werden uns mit Rührung an einen musikalischen Abend erinnern, an dem die ganze Gruppe voller Elan ukrainische Lieder sang, als Symbol des Widerstands gegen das Unglück und die schreckliche Ungerechtigkeit dieses Krieges. Wir planen eine weitere Woche Anfang Juni 2026.

Frédérique Drogoul

*An diesem Seminar nahmen unterstützend auch Elisabeth von Salis, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin aus Zürich, und ihr Mann Thomas von Salis, Kinderpsychiater, beide spezialisiert auf Team-Supervision, teil. Organisiert wurde das Seminar von Paul Braun und Julia Poppei vom Europäischen Bürger:innen Forum, logistisch unterstützt vom Longo-maï-Team vor Ort sowie von drei Frauen des CAMZ (Medizinisches Komitee in Transkarpatien) als Übersetzerinnen.