UKRAINE: Unterstützung für Mütter

de Tatyana Belousova u. Jürgen Kräftner, 15 janv. 2026, publié à Archipel 354

Tatyana Belousova, 40 Jahre alt, ist Theaterlehrerin und Mutter einer dreijährigen Tochter. Seit 20 Jahren arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen im Dorf Nyzhnje Selyshche (Transkarpatien, Westukraine) zusammen mit dem lokalen Team des Europäischen Bürger:innen Forums (EBF)[1]. Ausserdem leitet sie die Jugendherberge Sargo Rigo. Im Jahr 2025 begann sie zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen, Camps für Mütter und ihre während des Krieges geborenen Kinder zu organisieren. Das Interview führte Jürgen Kräftner vom EBF.

Jürgen Kräftner: Schon lange vor dem Krieg hast du dich, Tatyana, für Theater zur Förderung der Entwicklung von Kindern im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren interessiert. Ich erinnere mich an deine Zusammenarbeit mit der litauischen Theaterchoreografin Birutė Banevičiūtė. Ende des Jahres hast du zusammen mit einigen Kolleginnen zwei Camps für ukrainische Frauen organisiert, die während des Krieges Kinder zur Welt gebracht haben.

Tatyana Belousova: Ja, zusammen mit Birutė und einer Kollegin aus Kiew haben wir 2018 als Erste Theaterstücke für Kleinkinder in der Ukraine inszeniert. Birutė hat viel Erfahrung und auch viel zu diesem Thema veröffentlicht. Die Grundidee ist, den Kindern viel Freiheit zu geben, damit sie beim Spielen und Experimentieren alles ausprobieren können, was sie wollen, ohne sie unnötig durch Überstimulation abzulenken. Gleichzeitig lernen die Mütter, ihren Kindern mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Ideen haben uns sehr gefallen, und wir haben mit meinen ukrainischen Kolleginnen weiter mit dieser Methode gearbeitet. Wir haben auch eine Art Handbuch auf Ukrainisch herausgebracht, in dem es darum geht, wie man den körperlichen Ausdruck bei Kleinkindern fördern kann. Dieses Buch richtet sich vor allem an Erzieherinnen und Erzieher sowie Tanzlehrerinnen und Tanzlehrer. Seitdem träume ich davon, ein Theater für Kleinkinder zu eröffnen und dauerhaft mit Müttern und ihren noch sehr kleinen Kindern zu arbeiten.

Seit Beginn des Krieges haben wir mehrere Camps für Jugendliche aus Kriegsgebieten organisiert. Unter den Betreuerinnen der Camps waren mehrere Frauen mit kleinen Kindern, von denen eine schwanger war. So kam uns ganz natürlich die Idee, Aufenthalte für Mütter mit ihren kleinen Kindern anzubieten. Selbst unter normalen Umständen machen sich Eltern immer Sorgen um ihre Kinder, aber während eines Krieges ist das ein permanenter Stress.

Und bis 2025 hast du bereits zwei solche Camps für Mütter und ihre Kinder organisiert.

Ja, die Frauen kamen hauptsächlich aus Kriegsgebieten, darunter Frauen von aktiven Soldaten und gefallenen Soldaten, aber auch Frauen, die selbst zur Armee gehören, und eine Kinderärztin, die mit Flüchtlingen und Soldatenkindern arbeitet. Wir waren überrascht von der enormen Nachfrage nach Camps für junge Mütter und stellten fest, dass es in der Ukraine praktisch keine Camps dieser Art gibt. Eine Mutter von fünf Kindern erzählte uns, dass sie ihre Kinder regelmässig in Jugendcamps schickt, aber bisher keine Möglichkeit gefunden hat, sich mit ihren zweieinhalbjährigen Zwillingen vom Stress des Krieges zu erholen. Es gibt ein dreitägiges Angebot mit ähnlichen Inhalten wie unser Camp, aber es kostet 25.000 Hrywnja (500 €). Deshalb hatten wir nach nur drei Tagen bereits 320 Anmeldungen und mussten unsere Anzeige aus dem Internet nehmen.

Wie erleben diese Frauen den Krieg seit fast vier Jahren?

Sie leben in ständigem Stress um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder. Und sie haben Gewissensbisse und fragen sich, ob sie ihre Kinder nicht unnötig der Gefahr aussetzen, verletzt oder getötet zu werden. Frauen, deren Ehemänner an der Front sind, verbringen weniger Zeit mit ihren Kindern. Die Sorge um ihre Ehemänner lähmt sie, und gleichzeitig fühlen sie sich schuldig, weil sie sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern können. Der Ehemann einer unserer Mütter, Alyona, ist im Krieg ums Leben gekommen. Sie hat zwei Kinder, eine zwölfjährige Tochter und einen Sohn, der bald drei Jahre alt wird. Ihr Mann starb zwei Wochen nach der Geburt ihres Sohnes. Am Ende des Camps erzählte sie uns, dass sie sich da zum ersten Mal wirklich um ihren Sohn gekümmert hat, dass sie sich zum ersten Mal als Mutter fühlen konnte. Sie ist eine starke Frau, sie hilft anderen Frauen, die ihren Mann verloren haben, aber sie denkt ständig an ihn und erlaubt sich nicht, Mutter zu sein.

Diese Frauen brauchen doch auch psychologische Unterstützung?

Natürlich, und mittlerweile gibt es in der Ukraine ein recht grosses Angebot. Aber zum einen wissen viele Frauen nichts davon, und zum anderen sind diese Psychologen oft inkompetent. Und es ist eine Frage der Mittel. Eine Sitzung kostet etwa 1000 Hrywnja (20 €), was sich nicht alle Frauen leisten können. In unserem Team haben wir eine gute Psychologin, Svitlana. Sie arbeitet auch für eine Organisation ehemaliger Kämpferinnen und kann in diesem Rahmen unseren Frauen nach den Camps kostenlose Begleitung anbieten, was einige von ihnen jetzt in Anspruch nehmen.

Soweit ich weiss, legst du Wert darauf, Frauen mit unterschiedlichen Geschichten zusammenzubringen.

Ja, und wir haben sogar noch einen weiteren Aspekt hinzugefügt. In beiden Camps hatten wir Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Im ersten Camp war ein Kind autistisch, und während des Camps stellten wir fest, dass ein anderes Kind an einer epilepsieähnlichen Erkrankung litt. Und im zweiten Camp hatten wir Darinka, ein kleines Mädchen mit spinaler Muskelatrophie, das nur noch wenig Zeit zu leben hat. In unserem Camp spielte Darinka zum ersten Mal mit anderen Kindern und machte ihre ersten Schritte allein. Das war ein enormer und unerwarteter Fortschritt.

Wir haben auch festgestellt, dass der Kontakt zwischen den Müttern während der zwölf gemeinsamen Tage sehr wichtig war. Die Mütter beobachten die anderen Kinder und sprechen offen über ihre Eindrücke. Das ist wichtig, denn oft wollen Frauen bestimmte Probleme bei ihren Kindern nicht sehen. Wir werden zu einer grossen Familie, und unsere Herberge ist dafür ein wunderbarer Rahmen. Am Anfang haben die Mütter wie immer Angst vor den Treppen (lacht), aber ab dem dritten Tag ist alles gut. Wir sind die ganze Zeit zusammen, sogar die Begleiterinnen. Und nach ein paar Tagen lassen die Mütter ihre Kinder für eine Weile bei einer anderen Frau und haben plötzlich Zeit für sich.

Du hast auch eine Art Qualitätstest für das Camp durchgeführt.

Unser Psychologe hat zwei Fragebögen vorbereitet. Unsere Teilnehmerinnen haben einen vor dem Camp und den anderen nach dem Camp ausgefüllt. Es ging um Angstzustände, Depressionen, Abhängigkeiten und andere Gemütszustände – die Frauen haben wirklich viele Probleme. Nach dem Camp haben wir sie um ein detailliertes Feedback gebeten und festgestellt, dass Angstzustände und Stress deutlich zurückgegangen sind. Wir freuen uns auch sehr, mit diesen Frauen in Kontakt zu bleiben und dass sie untereinander in Kontakt bleiben. Wir träumen gemeinsam von realen Treffen mit den Teilnehmerinnen unserer verschiedenen Camps.

Was sind deine Pläne für die kommenden Jahre?

Wir möchten mindestens ein Camp pro Saison organisieren. Und wir möchten längerfristig planen, über mehrere Jahre hinweg. Wir möchten auch Leitfäden für junge Mütter verfassen, um ihnen zu helfen, mit dem durch den Krieg verursachten Stress umzugehen und diese Informationen an andere Frauen an ihrem Wohnort weiterzugeben. Nach nur zwei Camps haben wir bereits einige Erfahrungen gesammelt und wissen, wie wir unsere Arbeit verbessern können.

Ein Gespräch mit Tatyana Belousova von Jürgen Kräftner, EBF-Ukraine

  1. Siehe «Ukraine – Emotionale Unterstützung durch Kunst und Therapie» von Olga Zubyk und Paul Braun, Archipel 344, Februar 2025.