Art-Camps für Kriegskinder in der Ukraine
Das Europäische Bürger:innenforum unterstützt die beiden ukrainische NGOs «Molotok» und «Duzhe» bei der Durchführung therapeutischer Art-Camps für Jugendliche aus den Kriegsgebieten. Der Verein Molotok bietet auch Camps für Frauen an, die in den Frontregionen seit Kriegsbeginn Kinder auf die Welt gebracht haben. Die gleichzeitig intensiven und entspannenden Aufenthalte helfen allen Betroffenen, neue Energie und Zuversicht zu tanken. Die Camps finden im Jugendgästehaus Sargo Rigo in Nyzhne Selyshche und im Ferienlager Oriyana im Skiort Drahobrat statt, beide im westukrainischen Transkarpatien gelegen.
Die Camps dauern jeweils 10 - 14 Tage und empfangen je nach Austragungsort 18 oder 26 Jugendliche. Für 2026 sind mehr als ein Dutzend Camps geplant.
Wir können den Kindern und Jugendlichen in der Ukraine helfen.
Je länger der Krieg dauert, desto tiefer gehen die Traumata besonders der jungen Menschen, die in ihrer Persönlichkeit noch nicht gefestigt sind. Hochmotivierte und gut ausgebildete Teams haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Jugendlichen einen Ausweg aus der Niedergeschlagenheit und Isolation zu zeigen. Die Resultate sind sehr ermutigend. Auch nach den Camps bleibt der Kontakt bestehen, auch die Möglichkeit längerfristiger psychologischer Betreuung wird rege in Anspruch genommen. Viele Eltern berichten, dass ihr Kind nach dem Camp wie ausgetauscht war.
Seit 2025 hat unsere Partnerorganisation Molotok in Nyzhne Selyshche erstmals zwei Camps für Frauen und deren während des Kriegs geborenen Kinder organisiert: Frauen von Soldaten, oder selbst Kriegsdienstleistende, einige haben ihre Männer im Krieg verloren.
Lera aus Mariupol
Lera (16) ist vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Mariupol geflüchtet, seither lebt sie in Krywyj Rih in der Südukraine. Nicht alle Verwandten haben es rechtzeitig geschafft, einige von ihnen sind ums Leben gekommen. Auch Krywyj Rih wird häufig von russischen Raketen getroffen. Die Schulen sind die meiste Zeit geschlossen und viele sind von Bomben zerstört. Die Jugend ist sich selbst überlassen, Gewalt und Drogen sind omnipräsent.
Im April 2025 hat Lera an einem Art-Camp im Jugendgästehaus SargoRigo in Transkarpatien teilgenommen. Gemeinsam mit 17 weiteren Jugendlichen aus den ukrainischen Frontgebieten hat sie hier etwas Optimismus tanken können und gelernt, wie sie mit ihren Stimmungsschwankungen und Selbstzweifeln umgehen kann. Im Art-Camp Furt konnte sie sich zum ersten Mal über ihre Gefühle und Ängste austauschen. Mit einem Mal fühlte sie sich nicht alleine und ist in den zwei Wochen förmlich aufgeblüht. Ähnliches kann man ohne Übertreibung von mehreren hundert Jugendlichen berichten, die seit dem Sommer 2023 an einem der Art-Camps in SargoRigo teilgenommen haben.
Die jungen Menschen werden hier von einem der gut harmonierenden Teams aus Kunst- und Sozialpädagog:innen und Psycholog:innen empfangen und intensiv betreut. Auch nach den Camps bleiben sie mit ihnen in Kontakt. Für besonders schwer traumatisierte Kinder wird weiterführende psychologische Hilfe vermittelt. Zwischen den Jugendlichen entstehen Freundschaften und wahre Schicksalsgemeinschaften quer durch das riesige Land. Der Austausch in den Chatgruppen führt regelmässig auch zu reellen Treffen.
Der Tempel der Stille
Ein weisses Laken, ein dünnes Seil, ein Baum – und fertig. So entstand der „Tempel der Stille“. Zu Beginn des Camps Horytsvit (Adonisröschen) spannten die Jugendlichen zwischen zwei Ästen ein Leintuch, legten ein paar Kissen darunter und schufen einen Raum ohne Lärm und ohne Sorgen.
Sascha, 13 Jahre alt, links auf dem Foto, stammt aus Prybuz‘ke in der Region Mykolajiw. Letztes Jahr hat er seinen Vater im Krieg verloren. Danach hat er seiner Mutter gesagt, dass er jetzt der Älteste in der Familie sei – er ist über Nacht erwachsen geworden. Zu Hause lässt er sie nicht weinen und sagt immer wieder: „Alles wird gut.“ Ausserdem hilft er, seinen drei Jahre alten Bruder grosszuziehen.
Seine Mutter sagt, dass Sascha nach Horytsvit offener geworden ist, den Kontakt sucht und über Freunde spricht. Er möchte sogar Mentor werden – „wie die Erwachsenen, die uns im Camp geholfen haben“. Berührungen, das Gefühl von menschlicher Präsenz und Sicherheit sind für Sascha wichtig. Er kann stundenlang mit seinen Händen etwas bauen, so ertastet er die Materie der Welt.
Neben ihm ist Oleh, 14 Jahre alt, aus Avdiivka im Donbas. In den vergangenen Jahren hat sich sein Leben wegen des erzwungenen mehrfachen Umzugs stark verändert. Drei Jahre lang hatte Oleh keinen direkten Kontakt zu Gleichaltrigen – für einen Teenager ist das eine Ewigkeit. Musik, sagt er, hilft ihm, sich nicht in seinen Gedanken zu verlieren. Im Camp hörte er sie zwischen den Gruppenaktivitäten fast ständig. Einmal sass er zwei Stunden lang mit Kopfhörern auf der Schaukel und beobachtete, wie sich das Licht am Horizont veränderte. Danach wirkte er erfüllt, als hätte er ein langes Gespräch mit sich selbst geführt.
Oleh redet nicht viel, aber wenn er etwas sagt, dann trifft er den Nagel auf den Kopf. Er liebt das Reisen und möchte Zahnarzt werden, weil „dieser Beruf Präzision und Ruhe erfordert“. Im Camp lernte er wieder, mit Gleichaltrigen zu kommunizieren. „Ich liebe Abenteuer“, sagt er, und seine Augen leuchten so, wie es kein Bildschirm wiedergeben kann.
Unser „Tempel der Stille“ ist nicht einfach eine Hütte aus Stoff, sondern ein wahrer Ort der Erholung. Hier kann man schweigen, und auch zu mehreren einfach nur da sein.
Für Kinder, die Verluste, Evakuierungen, Schul- und Stadtwechsel erlebt haben, ist ein solcher Ort keine Kleinigkeit. Er bietet die Möglichkeit, sich als Teil einer Welt zu fühlen, die noch immer besteht.
Am Ende des Camps war zwischen Sascha und Oleh der Bann gänzlich gebrochen. Sie verbrachten jede freie Minute miteinander. Sie scherzten zusammen, planten die nächste Reise und erprobten, wessen „Tempel der Stille” solider war, indem sie sich gegenseitig kitzelten oder zum Lachen zu brachten.
Bei Horytsvit nennen wir dies den „Effekt der Rückkehr in die Gemeinschaft“ - wenn ein Kind aus der Isolation ausbricht und plötzlich wieder die Hand ausstreckt. Die Stille in unserem „Tempel” ist das Gegenteil von Distanz. Unter seinem Dach finden die Jugendlichen den Kontakt zu sich selbst und der Welt wieder.
Text von Mariya Surzhenko, Waldorf-Pädagogin und Mitbegründerin der Art-Camps Horytsvit