LAUTSPRECHER: Roma, Rumänen und die neue Rhinozerisierung*

de Sorin Georgescu, 15 déc. 2010, publié à Archipel 187

In Rumänien kursiert seit Jahren die hirnrissige Theorie, dass die im Namen von political correctness teils durchgesetzte Bezeichnung «Roma» für die allseits verachtete Minderheit zu stark auf Rumänien und die Rumänen hindeuten würde. Stattdessen fordern immer mehr Bürger (darunter auch Politiker) die Rückkehr zum herablassenden «Zigeuner», schließlich sei der Begriff «Roma» sprachlich inexistent und irreführend, so der Tenor.

Mit dem verruchten Ethnonym habe man sich sogar weltweit gegen das Land verschworen, um dem Ansehen Rumäniens zu schaden. Die Hysterie gegen die vermeintliche Verwechslung der Rumänen mit den Roma ging so weit, dass man die Länderkennzeichnung in rumänischen Pässen vor einigen Jahren (unter Berufung auf die Frankophonie) von ROM auf ROU abändern ließ.
Das Wort gibt es aber durchaus als Eigenbezeichnung: «Me sem rom» (Ich bin ein Rom) heißt ein wohl oft genug gesagter Satz – das Wort Rom (Mehrzahl Roma) bedeutet in der Sprache der Roma und Sinti soviel wie «einer von uns», aber auch «Mann/Mensch» schlecht-hin. Die weibliche Form lautet rromní (Roma-Frau, aber auch generell Ehefrau, Mehrzahl rromnjá). Die Herkunft des Wortes (wie auch die genaue Urheimat der Roma) ist allerdings unter Wissenschaftlern umstritten, ebenso die Verwandtschaft dieses Volkes mit den Dom und Lom. Die historischen Fremdbezeichnungen in diversen europäischen Sprachen (rum. Tiigan, fr. tsigane, it. zingaro, dt. Zigeuner, ung. cigán etc.) stammen vermutlich vom griechischen Wort athinganos/-oi (Unberührbare), womit die Byzantiner zunächst eine gnostische Sekte im 9. Jahrhundert. (vgl. Athinganen) und später die zugewanderten Roma bezeichneten. Im Neugriechischen, Spanischen und im Englischen hat sich im Mittelalter die Bezeichnung «Ägypter» (gitanos, gypsies) durchgesetzt, wohl aus der mythischen Annahme, die Roma seien Pilger gewesen.
Im Rumänischen selbst wurde das Wort «Rom» bereits ab ca. 1930 verwendet, damals allerdings nur vereinzelt. Der Historiker Viorel Achim erklärt in einem Interview mit der Zeitung «Adevãrul» die Verwendung des Ethnonyms im Rumänischen mit einer bescheidenen Emanzipationsbewegung in den Jahren 1930 bis 1941, der das profaschistische Regime Ion Antonescus ab 1942 mit Deportationen und Massenmord an Juden, Roma und Regimegegner ein jähes Ende setzte. Nach dem Krieg wurden die Bezeichnungen Tiigan/rom parallel verwendet, doch damals lehnten sich nur wenige gegen die angebliche Ähnlichkeit von «rom» mit «român» auf. Vielmehr kursierten Witze über das gleich klingende rumänische Wort, das «Rum» bedeutet.

Memorandum

Spätestens in den Mittneunzigern, als die ersten Migranten (darunter auch viele arme Roma) von Ost- nach Westeuropa auswanderten und dort auf Unverständnis, Ablehnung und Abschiebung stießen (wobei sicherlich niemand sagen will, dass alle unbescholtene Bürger waren), begann der latente Antiziganismus in Rumänien skurrile Züge anzunehmen. Als im Jahr 2000 der damalige Außenminister Petre Roman ein Memorandum an den Regierungschef Isãrescu schickte, mit der Empfehlung im offiziellen Sprachgebrauch und in Kanzleidokumenten die Bezeichnung «Roma» zu verwenden, platzte vielen der Kragen. Der Chefdiplomat hatte diesen Vorstoß zwar nicht aus besonderer Zuneigung für die Roma gewagt, sondern weil sich internationale Menschenrechtler, Vertreter des Europarates und obendrein der OSZE-Kommissar für Menschenrechte dafür stark gemacht hatten. Komisch genug, da das Memorandum eine ältere Empfehlung (aus dem Jahr 1995) des Auswärtigen Amtes wieder aufhebt, in der von der Verwendung der Bezeichnung «Roma» abgeraten wurde.
Im weltweiten Netz ist das Memorandum heute nicht mehr auf der Webseite des Aussenministeriums oder bei Portalen mit Gesetzestextsammlungen wie http://legislatie.just.ro zu finden, sondern nur noch bei tobsüchtigen Anhängern der Verschwörungstheorie nachzulesen, wie etwa in einem Artikel des Journalisten Victor Roncea oder auf dem Blog des emsigen PDL-Senatsabgeordneten Iulian Urban. Der Letztgenannte hat übrigens unter der Überschrift «Zigeuneraffäre» eine endlose Reihe von Blogeinträgen (bislang 70!), in denen er seinen privaten Kreuzzug gegen die «Verunglimpfung» der Rumänen zelebriert.
Doch der Mythos ist hartnäckig und der Rumäne ein Besserwisser ohnegleichen, die Meinung anerkannter Wissenschaftler zählt nichts. Auch dass man in westeuropäischen Medien seit Jahrzehnten Roma, Fahrende, roms, gens du voyage etc. sagt und schreibt – und zwar aus Rücksicht auf die unselige Geschichte im Umgang mit dieser Volksgruppe und nicht, weil man der «Zigeunerlüge» oder als «Gutmensch» der politischen Korrektheit auf dem Leim gegangen sei – will keiner wahrhaben. Nicht wenige normalerweise anständige Menschen, die im Grunde keiner Fliege etwas zuleide tun könnten, werden rabiat, sobald das Thema rom vs. Tiigan auch nur angedeutet wird. (Man lese nur die Kommentare zu den im vorigen Absatz angegeben Links und generell die Lesermeinungen zu jedem Medienartikel, der auch nur im Geringsten mit den Roma zu tun hat.)

Rhinozerisierung

Ist die Rede von der Bezeichnung der Sprache Romaní oder Romanés (wobei das erste Wort vom Adjektiv, das zweite vom Adverb abgeleitet ist) wird der Gesprächspartner furibund: Die Ähnlichkeit (wohlgemerkt: nur in der Schrift!) mit români (Rumänen) und române Ste (rumänisch, als Adverb) ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch macht es dem Aufbrausendem nichts aus – Hauptsache, er hat jetzt ein Scheinargument parat, mit dem er beweisen kann, dass diese «dämlichen Westeuropäer uns und die Zigeuner nicht auseinander halten». Dabei will der Romanes sprechende Mensch eigentlich nur sagen: «Me dschanaw i romaní tschib» (wörtlich: Ich kenne/kann die «zigeunerische» Sprache, rum. limba iigãneascã, also Adjektiv) oder «Me dau dùma romanes» (Ich spreche «zigeunerisch», rum. Tiigãneascã also Adverb) – ähnlich wie im Deutschen «Ich rede auf Deutsch» bzw. «Er redet deutsch, nicht englisch».
Und die gelegentliche Schreibweise «Rroma, rromanes» sei auch nur ein weiterer fauler Trick, sagt der Monomane unbeirrt, um über die hinterhältige Namensusurpation hinwegzutäuschen. In Wirklichkeit gibt es in einigen Roma-Dialekten tatsächlich einen Unterschied in der Aussprache von r und rr, der Doppelkonsonant kommt ausser in rrom auch in anderen Wörtern (z.B. rroj=Löffel) oder in den Verkleinerungsnachsilben -orró/-orrí vor (z.B. kher – Haus, kherorró – Häuslein).
Selbst in seriösen Zeitungen wie der «România Liberã» erscheinen oft vermeintlich gut gemeinte Artikel zum Thema Roma, die im Grunde aber nur ein wüstes Sammelsurium von neokonservativen (Wahn)Ideen sind. Im verlinkten Artikel ist das Ergebnis nur ein lachhaftes Delirium, das einen kaum nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen der gescheiterten Integration der Roma, der persönlichen Islam-Abneigung des Autors und seiner Multikultiphobie herzustellen versucht. Der Journalist nimmt sich sogar Zeit, eine Lesermeinung zu kommentieren. Er möchte handfeste Beweise von einer kritischen Leserin geliefert haben, dass das Wort «Zigeuner» ähnlich negativ belegt sei wie «Nigger». Erst dann werde er, Cristian Câmpeanu, einsehen, warum er «Roma» in seinen künftigen Artikeln verwenden solle. Bis dahin möge die Dame «Leine ziehen». Dabei hatte die gute Frau (in nicht unbedingt einwandfreiem Rumänisch) nur geschrieben, dass sie sich als Sozialarbeiterin für die Roma-Integration in Spanien engagiere, und für mehr Entgegenkommen (einschließlich in der Bezeichnungsfrage) plädiert. Klassische Rhinozerisierung im ionescoschen Sinne.
Das Wort «Zigeuner» sollte zwar nicht für tabu erklärt werden – ich bin auch eher der Auffassung, dass nicht einzelne Wörter an sich, sondern vielmehr der Kontext und die Sprecherabsicht diskriminierend oder beleidigend sein können. Aber auch bei Aussparung der unflätigsten Flüche sagt das rumänische Wörterbuch DEX unter der Eintragung «Tiigan» nun mal folgendes:

  1. Substantiv: Angehöriger des Zigeunervolkes;
  2. volkstümlich, ironisch: dunkelhäutiger Mensch;
  3. pejorativ: Mensch mit verwerflichem Verhalten oder abscheulichen Angewohnheiten. Man denke auch an das Substantiv «Tiigãnie» (Zigeunertum, Zigeunersiedlung oder -viertel, aber auch «Skandal, Ärgernis, Tohuwabohu, moralisch verabscheuenswürdige Handlung») und an das Verb «a se Tiigãni» (etwas in unangenehmer Weise einfordern, eindringlich auf etwas bestehen, feilschen). Und einen etwas dunkelhäutigeren Menschen nennt man im Rumänischen «Tiigãnos» (zigeunerhaft im Aussehen).
    Sicherlich wäre es absurd, das Wort «Zigeuner» aus Sprache und Wörterbüchern verbannen oder Sprichwörter wie «Jeder Zigeuner lobt sein Pferd» (auf Rumänisch preist er seinen Hammer und es reimt sogar schön: «Tot Tiiganul îSi laudã ciocanul») verbieten zu wollen. Verbote bringen nichts, höchstens Heuchelei und Doppelzüngigkeit. Und erst recht absonderlich wäre es, beim Metzger «Roma-Schinken» zu bestellen und es dabei auch noch gut meinen. Wenn aber Roma-Vertreter die geringschätzige Fremdbezeichnung «Zigeuner» zumindest im offiziellen Sprachgebrauch durch die sehr wohl existierende Eigenbezeichnung «Roma» ersetzt sehen möchten, so sollte man wenigstens Verständnis dafür haben.

*Dieser Artikel ist am 10. Oktober 2010 auf http://www.punkto.ro/ erschienen
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