MECKLENBURG-VORPOMMERN: Zusammen bewegen

von Ina Gross-Bajohr, Zusammen bewegen, 10.09.2026, Veröffentlicht in Archipel 361

Am 20. September wählt Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag. Doch diese Wahl ist mehr als eine Landtagswahl: Sie gilt als Gradmesser für die politische Stimmung im Osten – und für Entwicklungen, die längst die ganze Bundesrepublik betreffen. Wir erkunden – unterwegs mit «Zusammen bewegen» – was dieses Land bewegt.1

Die rechtsextreme AfD liegt im Land seit Monaten in den Umfragen vorn. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass die grosse Mehrheit der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Boden der Demokratie steht. Stellvertretend dafür fährt ein kleiner, himmelblauer Bus seit Monaten durch Dörfer und Kleinstädte Mecklenburg-Vorpommerns. Er gehört zum Bündnis «Zusammen bewegen». «Eis to meet you» Wenn GABI hält, dauert es nicht lange, bis sich eine Traube Kinder vor dem Softeis-Bus mit diesem Namen bildet. Auch Erwachsene bleiben neugierig stehen, schauen und kommen dazu. «Eis to meet you» prangt in geschwungenen Lettern über der Windschutzscheibe. Und tatsächlich wird GABI schnell zum Treffpunkt für Gespräche: über den Linienbus, der am Wochenende nicht fährt. Die Arztpraxis, die dicht gemacht hat. Den fehlenden Jugendtreff. Oder die Tochter, die nach der Ausbildung wahrscheinlich fortzieht, weil sie hier keine Perspektive sieht. Der Softeis-Bus ist aber nur eines von vielen Aktionsformaten, mit denen «Zusammen bewegen» Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Anderswo treffen sie sich beim Klönschnack, rund um eine Hüpfburg, an der Haustür, bei Aufräumaktionen oder lassen ihre Wünsche von einer Maschine in Bilder verwandeln. Die Formen wechseln, die Idee bleibt: «Zusammen bewegen» geht dorthin, wo Menschen leben, und schafft Begegnungen. Entstanden ist die Idee bereits 2025. Initiativen aus verschiedenen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns begannen, sich darüber auszutauschen, wie sie im Wahljahr ihre Kräfte bündeln und gemeinsam sichtbarer werden können. Anfang 2026 fiel der Startschuss für «Zusammen bewegen». Seitdem ist ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis entstanden. Vereine und Kirchengemeinden, Gewerkschaften und Sozialverbände, Umweltinitiativen und Kulturprojekte bringen unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammen. Mehr als 1000 Menschen und Organisationen sind inzwischen landesweit vernetzt. Was sie verbindet, sind Fragen, die vielerorts ähnlich sind: Was brauchen Menschen, um in ihren Dörfern und Städten gut leben zu können – und was muss sich dafür verändern? Antworten darauf findet das Bündnis in den Gesprächen vor Ort. «Zusammen bewegen» sammelt und dokumentiert die Anliegen, bündelt wiederkehrende Themen und trägt sie über Gespräche mit Verantwortlichen, Stellungnahmen und öffentliche Aktionen in die politische Debatte. So werden aus persönlichen Anliegen gemeinsame Themen – viele einzelne Stimmen erhalten politisches Gewicht. Die Mehrheit zeigt Gesicht Damit auch die Menschen hinter diesen Stimmen ein Gesicht bekommen, reist die Fotografin Sabina von Kessel seit Monaten durch Mecklenburg-Vorpommern. Für die Aktion «Wir zeigen Gesicht. Für ein weltoffenes MV» hat sie inzwischen mehr als hundert Menschen porträtiert. Unter ihnen sind Menschen mit Migrationsgeschichte, Schüler·innen, Ehrenamtliche, Unternehmer·innen, Polizist·innen, Kirchenvertreter·innen sowie Kulturschaffende. Hinter den Bildern stehen persönliche Geschichten von Haltung, Zivilcourage und Verantwortung – im Beruf, im Ehrenamt oder im privaten Umfeld. Sie stehen stellvertretend für Tausende, denen Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtig sind. In den Wochen vor der Wahl sollen die grossformatigen Porträts im ganzen Land im öffentlichen Raum hängen – zwischen den Wahlplakaten der Parteien. Dort erinnern die Gesichter daran, um wen es bei dieser Wahl eigentlich geht: um die Menschen im Land, ihre Vorstellungen vom Zusammenleben und ihre Erwartungen an die Politik. Was auf dem Spiel steht Doch wie fragil die Strukturen hinter einer lebendigen Zivilgesellschaft sein können, zeigte sich im Juni 2026 im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Dort wurde die Förderung über das Bundesprogramm «Demokratie leben!» beendet. Projekte und Angebote, die über Jahre aufgebaut wurden, stehen vor einer ungewissen Zukunft. Dabei geht es um mehr als Fördergelder. An der Förderung hängen ganz konkrete Angebote: Jugendfreizeiten und Medienworkshops, Adventsfeiern für Senior·innen, Musikfestivals, Beratungsstellen und Begegnungsorte. Gerade im ländlichen Raum sind es solche Angebote, die Menschen zusammenbringen und Teilhabe ermöglichen. Wenn sie einmal verschwunden sind, lassen sie sich nicht so einfach ersetzen. Wie lebendig Demokratie vor Ort bleibt, hängt auch davon ab, ob solche Projekte erhalten bleiben – und ob diejenigen, die sie tragen, dauerhaft handlungsfähig sind. Jetzt zählt jede Stimme Kurz vor der Wahl geht es für «Zusammen bewegen» deshalb um jede einzelne Stimme: Jede und jeder kann mitentscheiden, wie es in Mecklenburg-Vorpommern weitergeht. Wer am 20. September wählt, entscheidet mit darüber, ob Mecklenburg-Vorpommern offen und frei bleibt und ob Menschen weiterhin mitreden, mitgestalten und sich einmischen können. Das Bündnis fordert dazu auf, genau hinzusehen: Welche Parteien ermöglichen demokratische Teilhabe, stärken eine unabhängige Zivilgesellschaft und stellen sich gegen Ausgrenzung? Und welche haben den Mut, gemeinsam mit den Menschen neue Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft zu finden? In den letzten Tagen vor der Wahl trägt «Zusammen bewegen» diese Botschaft noch einmal auf die Strasse. Am 12. September mobilisiert das Bündnis unter dem Motto «Segel setzen für ein solidarisches MV» zu Demonstration, Kundgebung und Konzerten in Rostock. Am 18. September folgt ein letzter grosser Aktionstag in Schwerin. Zwei Tage später liegt die Entscheidung bei den Wähler·innen. Und danach? Am 20. September ist die Wahl vorbei. Für «Zusammen bewegen» beginnt damit die nächste Etappe. Denn unabhängig davon, wie die neuen Mehrheiten aussehen, wird es eine starke Zivilgesellschaft brauchen: eine, die genau hinschaut, den Finger in die Wunde legt und dafür kämpft, dass demokratische Teilhabe, Zusammenhalt und soziale Infrastruktur nicht unter die Räder kommen. «Zusammen bewegen» hat in den vergangenen Monaten die Basis dafür geschaffen, dass die Zivilgesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam stärker auftreten kann. Nach der Wahl wird es darauf ankommen, diese Stärke zu nutzen – politisch, aber auch ganz praktisch. Denn schon heute springt die Zivilgesellschaft dort ein, wo staatliche Angebote fehlen oder wegbrechen. Sie ermöglicht Begegnung, organisiert Unterstützung und schafft Räume, in denen Menschen nicht allein bleiben. Und GABI? Die wird weiterfahren. Auf Dorfplätze und zu Festen, in kleine Städte und Gemeinden. Die Klappe geht auf, das Eis wird gezapft, Menschen bleiben stehen und kommen ins Gespräch. Denn was sie bewegt, verschwindet nicht mit dem Wahltag. Ina Gross-Bajohr*

*Die Autorin ist Pressesprecherin von «Zusammen bewegen» und hat diesen Artikel für Archipel geschrieben. Herzlichen Dank, Ina!

  1. Mehrere Mitglieder des Europäischen Bürger:innen Forums in Deutschland sind sehr engagiert in dieser neuen Bewegung.