PALÄSTINA: Palestine Music Space (PalMS)

von Iker, EBF, 15.07.2026, Veröffentlicht in Archipel 360

«Der Palestine Music Space» (PalMS)* ist wie eine kleine Kerze, die einen Weg in der Dunkelheit erhellt, die Zwänge des Alltags durchbricht und mir einen Raum bietet, in dem ich Herausforderungen mit Stolz und Widerstandskraft begegnen kann. Ich bin eine Palästinenserin, die sich durch Musik ausdrückt und von ihrem Leben erzählt und darin eine Quelle der Hoffnung und der Unterstützung findet – all das dank des PalMS.» (Aseel)

Nadeem, 18 Jahre alt, schaut auf sein Handy. Er will wissen, ob er in Sicherheit das Haus verlassen kann. Mehrmals pro Woche ziehen israelische Soldat·innen durch sein Viertel Kafr’Aqab1, um Bewohner·innen einzuschüchtern und zu schlagen. Manchmal werden Menschen aus ihren Familien gerissen und verschwinden, um nie wieder zurückzukehren. Über Messenger-Dienste informieren sich die Bewohner·innen, wann die Soldaten kommen und wann sie wieder gehen. Die Menschen haben Angst, ohne Grund verhaftet oder verletzt zu werden. Nadeem wartet ungeduldig darauf, dass die Soldaten abziehen, denn er will sich mit seinen Freunden und Freundinnen im «Palestine Music Space» (PalMS) in Ramallah treffen. Als er jünger war, war er sehr schüchtern und hatte nicht viele Freunde. Eines Tages, kurz nachdem er mit dem Gitarrespielen angefangen hatte, erzählte ihm seine Mutter, dass Nasim, der Geigenlehrer seiner Schwester, auch im PalMS arbeitet. Nadeem war damals 16 Jahre alt. Eine Woche später ging er mit seinem Freund Ghassan hin, der Gaza verlassen hatte, nachdem er mehrere Familienmitglieder und das Elternhaus verloren hatte. «Ghassan hatte etwa zur gleichen Zeit angefangen, Gitarre zu lernen, und ein Freund hatte ihm von diesem Ort erzählt. Also gingen wir hin, und es war das erste Mal, dass wir bei einer Jam-Session dabei waren. Es war einfach unglaublich, dort zu sitzen und zuzuhören! Kurz darauf sagte Nasim mir, wenn wir Hilfe bräuchten, um eine Band zu gründen, könne er uns helfen, und das PalMS auch. Wir waren total begeistert, sagten zu, und von da an kamen wir regelmässig dorthin und gründeten unsere Band. Als ich älter wurde, verlor ich nach und nach meine Scheu, mit Fremden zu sprechen. Ich bin froh, dass ich geselliger geworden bin, denn die Leute, die ins PalMS kommen, helfen sich gerne gegenseitig und haben Spass an der Musik und auch sonst. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre. Ghassan und ich sind uns dank der Gitarre und der Musik näher gekommen. Früher waren wir eher Bekannte als Freunde, aber sobald wir beide angefangen hatten zu spielen, haben wir uns besser kennengelernt. Er ist jetzt einer meiner besten Freunde, auch abseits der Musik. Aber ohne die musikalische Verbindung, die wir teilen, wären wir uns sicher nie so nahe gekommen.

Es ist wirklich schrecklich, aufzuwachen und zu erfahren, dass Menschen getötet oder ihren Familien entrissen werden durch die Besatzungsmacht, die im Westjordanland all diese Gräueltaten verübt. Es ist wirklich eine beschissene Situation, vor allem in Gaza. Tausende von Menschenleben werden durch den Krieg und die unaufhörliche Gewalt der Besatzungsmacht ausgelöscht. Kürzlich wurde die Schwester einer der Musikerinnen von PalMS zusammen mit drei weiteren Freundinnen mitten in der Nacht aus ihrem Studentenwohnheim an der Universität Birzeit entführt. Ein Freund von mir telefonierte gerade mit ihr, sie unterhielten sich, als fünf Soldaten den Schlafsaal betraten. Sie legte sofort auf. Sie wurden verhört, die Soldaten fragten sie, ob sie Verbindungen zu Terroristen hätten. Aber das sind doch nur Studentinnen! Unser ganzes Leben wird von Razzien und Checkpoints2 bestimmt. Aber Musik zu komponieren und einfach Spass zu haben – das hört nicht an einem Checkpoint auf. Es ist gewissermassen ein Zeichen des Widerstands, denn natürlich können sie kontrollieren, wie du an einen Ort gelangst, aber sie werden niemals deine Kreativität kontrollieren können.»

Ghassan wohnt ganz in der Nähe des PalMS-Geländes in der Altstadt von Ramallah. «Im Gegensatz zu anderen Musiker·innen, die aus Jerusalem, Jaffa oder Hebron kommen, war es für mich nicht schwer, dorthin zu gelangen, es sei denn, die Soldaten der IAF3 führten Razzien in den Strassen von Ramallah durch. In diesem Fall ging ich nicht hin, aus Angst, angegriffen zu werden oder zu sehen, wie Freunde oder andere Menschen angegriffen werden. Bevor ich das PalMS entdeckte, hatte ich nur vier oder fünf Bekannte, die ein Instrument spielten, aber sie wussten nicht viel über Musik, abgesehen von dem, was die Lehrer für klassische Musik an den örtlichen Musikschulen unterrichteten. Dank des PalMS habe ich eine neue Gemeinschaft kennengelernt, Menschen, die dasselbe Ziel hatten wie ich und die so grosszügig waren, mir zu helfen und mich an ihrer Erfahrung teilhaben zu lassen. Ich habe zwei junge Musiker wie mich kennengelernt, Yazan und Ahmad, und zusammen mit Nadeem, den ich bereits kannte, haben wir unsere Band Laffeh gegründet. Zusammen mit Jenelle, die wir hier kennengelernt haben, komponierten wir unseren ersten Song: Shubbak. Ohne das PalMS und die neuen musikalischen Kontakte, die ich geknüpft habe, hätte ich niemals mein aktuelles Niveau erreichen können, noch all diese Konzerte spielen können, noch Zugang zu all dem Wissen gehabt, um mich weiterentwickeln zu können. Was wir tagtäglich durchmachen, zeigt die Kunst, die vom PalMS ausgeht, jedem Menschen, der in einer ähnlichen Situation lebt. Die meisten Bands schreiben über Emotionen und Gedanken im Zusammenhang mit der Besatzung, denn das ist das Einzige, woran wir noch denken können. Und es ist die Musik, die es uns ermöglicht, uns in diesem Gefängnis dennoch frei zu fühlen. Unsere Gesellschaft ist überwiegend konservativ, vor allem hier in Ramallah und in den umliegenden Städten und Dörfern. Der Anfang war daher nicht einfach, aber mit der Zeit haben uns immer mehr Menschen akzeptiert und sie erkennen den Wert dieses Projekts.» Licht inmitten der Finsternis Aseel sitzt im Bus. Es ist noch früh. Sie wartet vor einer geschlossenen Schranke. Ungeduldig beobachtet sie jede Bewegung der Soldaten draussen und hofft, dass sich das Tor öffnet und einer von ihnen dem Bus ein Zeichen gibt, weiterzufahren. Von Jerusalem aus muss sie mindestens dreimal umsteigen, um zum PalMS zu gelangen. Wenn alles gut läuft, dauert das eine Stunde. «Aber mit den Krisen an den Checkpoints wird es viel schwieriger. Es gibt etwa fünf Checkpoints auf dem Weg; das bedeutet viel Wartezeit und Energieverschwendung. Oft schliessen die Soldaten plötzlich einen Checkpoint, was zu Staus führt, und ich muss eine andere Route finden, was die Fahrzeit vervielfacht – manchmal zwei, drei, vier Stunden, nur für eine Probe. Diese Hindernisse machen die Teilnahme zu einer täglichen Herausforderung, aber sie verstärken in meinen Augen auch den Wert des PalMS, denn es ist ein Ort, der all diese Anstrengungen wert ist und mir ein Gefühl von Freiheit und Zugehörigkeit vermittelt. Ich gehe zwei bis drei Tage pro Woche dorthin. Früher gab es keinen Ort, an dem wir uns einfach treffen konnten, und die meisten Musiker·innen arbeiteten allein oder in einem sehr kleinen Kreis. Manchmal begegneten wir uns zufällig bei Konzerten oder Veranstaltungen, aber es gab keine organisierte Struktur, um uns miteinander in Kontakt zu bringen. Dank des PalMS können wir uns ganz natürlich treffen, Ideen austauschen und zusammenarbeiten. Viele talentierte Musiker·innen kommen, um die Jugendlichen zu unterstützen, und dieser Austausch trägt wesentlich zu unserer musikalischen Entwicklung bei. Hier kann ich all den Druck und die Emotionen, die ich in mir trage, zum Ausdruck bringen. Selbst wenn ich mich eingeengt fühle und mit schwierigen Umständen konfrontiert bin, gibt mir dieses Projekt die Ausdauer, damit umzugehen. Die Leidenschaft, die in mir pulsiert, stärkt meine Entschlossenheit, Entfernungen und Hindernisse zu überwinden, und verwandelt meine Emotionen in Musik, die eine Botschaft der Stärke und Ausdauer in sich trägt. Im PalMS habe ich Musiker·innen mit unterschiedlichem Hintergrund kennengelernt, und wir sind sowohl in der Musik als auch im Leben Freund·innen geworden. Diese Freundschaften haben mir psychologische und künstlerische Unterstützung gegeben und die Tür zu gemeinsamen Projekten, Konzerten und sogar zu Aufnahmen geöffnet, die ich mir nie hätte vorstellen können. Die künstlerischen Verbindungen, die hier entstehen, sind nicht nur Kooperationen, sondern bilden eine musikalische Familie. Ich fühle mich hier zu Hause. Wenn ich Musiker·innen treffe, die unter denselben Bedingungen leben wie ich, habe ich das Gefühl, dass wir uns ganz natürlich verstehen, ohne dass viele Erklärungen nötig sind. Das gibt mir Selbstvertrauen und macht die Musik, die wir gemeinsam schaffen, authentischer und tiefgründiger. Hätte ich diese Freundschaften und musikalischen Verbindungen nicht, wäre das Leben viel schwieriger. Ich würde mich angesichts all dieses Drucks allein fühlen und hätte vielleicht die Motivation verloren, weiterzumachen. Natürlich gibt es Menschen, die nicht akzeptieren, was wir tun, vor allem unter den aktuellen Umständen. Sie finden, dass Musik kein geeignetes Ausdrucksmittel ist. Sie sehen sie als Unterhaltung, nicht als Trägerin von Sinn und Bedeutung. Aber im Allgemeinen wird das PalMS gut aufgenommen, denn es hilft unserer Generation, sich frei auszudrücken, und bietet ihr ein sicheres Umfeld, das Experimentierfreudigkeit und Kreativität fördert. Für mich ist dieser Ort ein wahres Paradies für junge Menschen; sie finden hier einen Ort, an dem sie sich ausdrücken können, Hilfe erhalten und die notwendigen Ressourcen – und das alles kostenlos. Die Schönheit dieser Erfahrung ist grenzenlos. Wie der Name schon sagt, ist das PalMS ein Raum; er öffnet Türen zum Licht inmitten der Dunkelheit und beweist, dass Kreativität keine Grenzen kennt.» Asafir – Flügel, um frei zu singen Während eines längeren Aufenthalts im Westjordanland Anfang 2026 wollte ich Musiker·innen vor Ort treffen. Jemand hatte mir von einem Ort erzählt, an dem zweimal pro Woche Jam-Sessions stattfänden. Neugierig machte ich mich auf den Weg dorthin und traf Dutzende junger Musiker·innen mit überschäumender Kreativität, die sehr aufgeschlossen waren und einen bemerkenswerten Gemeinschaftsgeist sowie eine grosse Dynamik an den Tag legten. Der «Palestine Music Space» bestand aus zwei mit Instrumenten gefüllten Räumen im Zentrum von Ramallah, die den ganzen Tag bis 21 Uhr geöffnet waren, ohne irgendeine kommerzielle Nutzung. Ich verbrachte dort die gesamte letzte Woche meines Aufenthalts. Seit 2023 war der PalMS in Räumlichkeiten der Gemeinde Ramallah untergebracht, doch im März 2026 entzog diese die Nutzung. Seitdem suchen alle Beteiligten nach einem neuen Ort, was angesichts des extremen Drucks auf dem Immobilienmarkt in Ramallah – bedingt durch die fortschreitende Besetzung des Westjordanlands – nicht einfach ist. Mir wurde bewusst, wie tief ihre Verbundenheit ist, welche emanzipatorische Kraft von der Kreativität ausgeht, wie schön ihre Musik ist und welche Stärke sie darin finden. Ich habe auch ihren grossen Wunsch kennengelernt, die Welt jenseits der Mauern und Kontrollen kennenzulernen und von ihr wahrgenommen zu werden – trotz aller damit verbundenen Risiken. Und mir wird klar, dass dieser Wunsch auch bei uns existiert. Angesichts der Ohnmacht, die so viele von uns empfinden, ist die Begegnung mit Menschen voller Kreativität, Mut und Schönheit ein Hauch frischer Luft. Es handelt sich um den lebenswichtigen Sauerstoff, den wir brauchen, um unser Engagement gegen Gewalt und Ungerechtigkeit fortzusetzen. Zusammen mit einem Freund bauen wir gerade das Projekt Asafir (Vögel auf Arabisch) auf, um einen regelmässigen Austausch mit diesen jungen Musiker·innen zu verwirklichen: Konzerte, Residenzen, Aufnahmen usw. Zögert nicht, mich über das Europäische Bürger:innen Forum (ch@forumcivique.org) zu kontaktieren, falls Ihr interessiert seid.

Iker

*www.palestinemusicspace.com

  1. Kafr’Aqab gehört zu dem Gebiet, das nach der Besetzung durch Israel im Jahr 1967 annektiert und an Jerusalem angegliedert wurde. Da die Mauer dieses Viertel jedoch von Jerusalem, nicht aber von Ramallah trennt, sind die Bewohner·innen von Kafr’Aqab näher an Ramallah.

  2. Ein Checkpoint ist eine permanente Kontrollstelle, an der Menschen und Gepäck bei jedem Durchgang von Soldaten kontrolliert werden. Die Dauer eines Durchgangs ist unvorhersehbar.

  3. IAF: «Israeli Attack Force»: eine der Bezeichnungen für die israelische Armee (deren offizieller israelischer Name «Israeli Defence Force» lautet)