UKRAINE: Musik im Krieg

von Jürgen Kräftner, EBF Ukraine, 15.09.2026, Veröffentlicht in Archipel 361

Die transkarpatische Folkloregruppe «Hudaki Village Band», gegründet vor 25 Jahren von unserem Korrespondenten Jürgen Kräftner, gab zu Sommerbeginn einige Solidaritätskonzerte für Kriegsopfer in Lviv, Zaporizhia und Kriviy Rih. In ihrer traditionellen Musik verschmelzen slawische Gesangstradition, rumänische Melodien, jüdische Rhythmen und das Temperament der Roma zu einer vitalen, lokalen Kulturmischung, die sich über Jahrhunderte des Zusammenlebens entwickelt hat.[1]

Vorbemerkung: Ich schreibe diesen Bericht einen Tag nach einem weiteren Angriff Russlands auf die Ukraine. Binnen weniger als einer Woche wurden über 50 Zivilist·innen getötet, ganze Familien wurden ausgelöscht. Von den Angriffen auf die grenznahen Städte wie Tschernihiw, Sumi oder Charkiw wird im Ausland kaum mehr berichtet.

Auf das Leben vorbereiten

Am ersten Tag unserer Reise gaben wir ein Konzert in der grossen, privaten Klinik für Kriegsversehrte mit dem Namen «Superhumans» am Stadtrand von Lviv. Es war nicht unser erster Auftritt vor schwerverletzten Soldaten. Aber Superhumans ist etwas Besonderes. Das von wohlhabenden ukrainischen Unternehmern 2022 gegründete Rehazentrum für Soldat·innen und Zivilist·innen betreut permanent etwa 200 Patient·innen, täglich werden neue aufgenommen. Natürlich hatten wir etwas Angst vor dem Treffen mit so vielen vom Krieg versehrten Menschen. Der erste Anblick ist denn auch bedrückend, überall Männer und unerwartet viele Frauen, denen ein, zwei oder sogar drei Gliedmassen zum Teil völlig fehlen. Manche von ihnen haben bereits Prothesen, manche noch nicht. Aber die Arbeit des Ärzte- und Betreuer·innenteams von Superhumans schafft eine ausserordentlich gelöste, positive Stimmung, und die übertrug sich auch auf uns. Wir hörten von den Balkonen lautes Lachen, wir spürten den tiefen Respekt und die Zuneigung, ein krasser Unterschied zum üblichen ukrainischen Krankenhausbetrieb. Superhumans hat für die Verletzten viel zu bieten: Psychische und physische Vorbereitung auf das Leben mit den Prothesen, Physiotherapie inklusive Schwimmbad. Die Prothesen werden vor Ort hergestellt und angepasst. Neuerdings werden hier sogar Gesichtstransplantationen durchgeführt. Unter den medizinischen Kuratoren befinden sich führende Ärztinnen und Ärzte aus Europa und den USA. Die Klinik wird von zahlreichen ausländischen und ukrainischen Sponsoren unterstützt, zum Beispiel Howard Buffet und Richard Branson (Virgin). Um die Patient·innen auf ihre Rückkehr ins Leben vorzubereiten, werden verschiedene Formen der individuellen und gemeinsamen Kreativität angeboten, und dazu gehört auch Musik. Ein Team bestehend aus Patient·innen und Betreuer·innen hatte mehrere unserer Lieder mit elektronischen Beats bereichert und am Schluss unseres Konzerts gaben wir eine gemeinsame Kostprobe, das machte allen Beteiligten grossen Spass.

3Nahe der Front

Von Lviv fuhren wir 1000 km in Richtung Osten bis nach Zaporizhia. Nach der letzten Abzweigung von Dnipro machte sich bemerkbar, dass die Front nahe ist. Vorwiegend Militärfahrzeuge waren unterwegs und der grosse Kontrollposten etwa 10 km vor der Stadt ist mit Netzen vor Drohnen geschützt. Aber am nächsten Morgen empfing uns die Stadt mit regem Leben. Es waren die letzten Schultage, bei strahlendem Wetter waren die Strassen voller fröhlicher und festlich gekleideter Jugendlicher, die Kaffees und Restaurants überfüllt. Wir hatten Glück: Es folgte zwar ein Luftalarm beinahe nahtlos auf den anderen, aber während der zweieinhalb Tage in der Industriestadt erlebten wir kaum direkte Angriffe. Die Front verläuft hier nur 30 km weiter südlich. Ein Telegramkanal gibt in Echtzeit Auskunft über drohende Gefahr, so waren auch wir permanent im Bilde (https://t.me/eyes·everywhere·ua).Vor noch zwei, drei Monaten sei es sehr schlimm gewesen, erzählten uns Einheimische. Zeitgleich konnte man mehrere Drohnen in verschiedene Richtungen fliegen sehen und dann live die Einschläge mitverfolgen. FPV-Drohnen zerstörten fahrende Autos mitten in der Stadt. Gleitbomben zerstörten ganze Wohnblöcke.

Trotz der ständigen Gefahr leben in Zaporizhia zahlreiche Geflüchtete aus den besetzten Gebieten vor allem aus der Südukraine. Unser erstes Konzert haben wir für solche Menschen gegeben, organisiert von der lokalen Caritas. Für diese Leute aus der Südukraine ist unsere transkarpatische Musik beinahe so exotisch wie ein Konzert zentralafrikanischer Pygmäen, was der Begeisterung keinen Abbruch tat.

Ein völlig abwesender Blick

Am nächsten Tag hatten wir ein unvergessliches Erlebnis, unsere erste Zusammenarbeit mit den «Cultural Forces», einer offiziellen Einheit der ukrainischen Armee (https://culturalforces.org/en/). In einem grossen Schutzraum gaben wir ein Konzert vor etwa 50 Soldaten eines Sturmregiments. Zum Glück halfen uns unsere Kollegen, ebenfalls Musiker, die diesen Job bereits seit 2022 machen, denn es war nicht einfach. Erst danach hörte ich vom Begriff des «2000-Yard Stare», und für etwa ein Drittel der anwesenden, mehrheitlich jungen Soldaten war es der zutreffende Ausdruck: Ein völlig abwesender Blick verrät extreme psychische Auszehrung. Das Regiment kämpft seit Jahren an den heissesten Frontabschnitten, Charkiw, Bachmut, Avdijivka, Kursk, Hulaipole. Und doch war der Kontakt zum Schluss unseres vierzigminütigen Konzerts überaus herzlich. Wir haben die Männer zum Fronturlaub zu uns eingeladen, wer weiss ob mal jemand auftaucht. Wenn sie bloss das Kriegsende erleben. Von diesem Auftritt durften wir begreiflicherweise keine Fotos machen.

Die Musiker und andere Künstler der «Cultural Forces» besuchen Einheiten bis unmittelbar an der Front. Unser Bekannter erzählte uns von kleinen Konzerten in überdeckten Schützengräben.

Von Zaporizhia fuhren wir weiter nach Kriviy Rih, die grosse Stahlindustriestadt in der Südukraine. Die direkte Strecke verläuft über Nikopol am Dnipro, zu nahe der Front, häufig werden zivile Autos von russischen Drohnen zerstört, also machten wir lieber einen kleinen Umweg. Kriviy Rih ist gross, mit Schwerindustrie und Eisenerzabbau soweit das Auge reicht, und provinziell zugleich. Das Stadtzentrum war zum letzten Schultag voller feiernder Jugend, nur mit Mühe kamen wir zu einem Mittagessen. Dabei sind überall die Zerstörungen zu sehen.

Auch das legendäre alternative Kulturzentrum «Shelter Plus» war an dem warmen Frühsommertag restlos gefüllt. Bei «Shelter Plus» haben wir Gleichgesinnte kennengelernt, mit denen wir hoffentlich bald wieder zu tun haben werden. Das grosse Team ist sehr vielseitig engagiert, besonders im Jugendtheater und seit 2022 in der Flüchtlingsbetreuung. Die Sozialarbeit haben sie inzwischen wieder den staatlichen Stellen überlassen (https://shelter-plus.com/eng).

Bei der Abfahrt von Kriviy Rih verirrten wir uns in einer der Industriegegenden; das GPS war gestört und wollte uns weismachen, wir wären in Peru. Dies ist Ausdruck des Humors der ukrainischen elektronischen Kriegsführung. Das gut funktionierende Störsystem heisst denn auch «Lima Quant» und bietet immerhin einen teilweisen Schutz vor russischen Drohnen und Gleitbomben.

Jürgen Kräftner

[1] Hudaki Village Band (www.hudakivillageband.com) hat ihre sechste CD «Hey Dole» produziert. Sie ist erhältlich bei: hudakivillageband@gmail.com