Vor 20 Jahren begann der mexikanische Staat den Krieg gegen die Drogen. Am 22. Februar in diesem Jahr beschloss die mexikanische Regierung unter dem Druck von Trump, ihre Doktrin gegenüber ihrem Vorgänger zu ändern, und führte eine gross angelegte Militäroperation gegen das Kartell «Jalisco Nueva Generación» und dessen Anführer durch, der dabei getötet wurde. Als Reaktion darauf kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen und Anschlägen, die rund 200 Todesopfer forderten. Im folgenden Artikel möchten wir unseren Leser·innen die Situation in Mexiko anhand einer sozialen Tatsache näherbringen, die selten erwähnt wird: das Verschwinden von Menschen. Die Drogenkartelle spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Staat reagiert ambivalent.
Die Ereignisse im Februar, die Mexiko vorübergehend in den Mittelpunkt der Medienberichterstattung rückten, verdecken die möglichen Verbindungen zwischen bestimmten Machtkreisen und dem Drogenhandel. Um eine direkte Intervention der USA auf mexikanischem Territorium zu vermeiden, scheint die mexikanische Präsidentin entschlossener vorgehen zu wollen. Wird sie erneut den Krieg gegen die Kartelle aufnehmen, wie es bereits in den Jahren 2006 bis 2018 der Fall war, und damit die Gewalt weiter eskalieren lassen? Wird die Zerschlagung des mächtigsten Kartells Mexikos einen Nachfolgekrieg auslösen und damit einen Anstieg der Gewalt begünstigen? Welche Rolle spielen die Drogenkartelle bei den Verschleppungen?
Erschreckende soziale Realität
Obwohl das Verschwindenlassen von Menschen seit den Entkolonialisierungskriegen existiert und Frankreich sich mit dieser Praxis besonders hervorgetan hat, denken wir eher an damalige südamerikanische Diktaturen (Chile, Argentinien), wenn wir an Verschwundene denken. Doch Mexiko, das als Demokratie gilt, kann angesichts der weitaus höheren Zahl registrierter Verschleppungen als Land der Verschwundenen[1] betrachtet werden.
Hier ein Rückblick auf eine soziale Realität, die gleichzeitig massiv, alltäglich und erschreckend ist: Mexiko erreicht mit astronomischen Zahlen von Verschwundenen einen traurigen Höhepunkt. Man spricht von 130.000 Verschwundenen im Land. Einige NGO sagen, dass diese Zahl um das Dreifache höher sei.[2] Man spricht auch von 70.000 verschwundenen Migrant·innen zwischen 2004 und 2018. Diese Statistiken müssen jedoch noch verfeinert werden. Die ersten hier erfassten Verschleppungen in Mexiko begannen im Jahr 1964. Es war der Beginn des sogenannten «schmutzigen Krieges», als der mexikanische Staat massive Repressionen gegen Bauernbewegungen – egal, ob es sich um Guerillas handelte oder nicht – einsetzte. Ein Grossteil dieser Verschleppungen fand in Guerrero statt, einem der drei am stärksten marginalisierten und indigenen Bundesstaaten des Landes. Schätzungen zufolge hat der schmutzige Krieg, der sich vor allem auf die 1970er Jahre konzentrierte, zwischen 1964 und 2006 rund 10.000 Menschen verschwinden lassen.
Im Jahr 2006 erklärte dann die katholische Rechte, die an der Macht war, den «Krieg gegen den Drogenhandel». Seitdem verschwanden 120.000 Personen. Angeblich gab es Ende der 1980er und in den 1990er Jahren eine Pause bei den Verschleppungen. Diese Sichtweise lässt jedoch die zahlreichen Verschleppungen und Femizide ausser Acht, die an der Nordgrenze des Landes (insbesondere in der Stadt Ciudad Juarez) stattfanden und sich gegen Frauen, oft Migrantinnen und Arbeiterinnen in den Maquiladoras, richteten.[3]
Dennoch markierte das Jahr 2006 mit der brutalen Militarisierung der Gesellschaft einen Wendepunkt in der mexikanischen Gesellschaft. Seitdem verdoppelte sich die Zahl der Militärangehörigen, während die USA modernste militärische Ausrüstung lieferten. Waffen, die legal für die Armee oder die Gendarmerie gekauft wurden, gerieten illegal in Umlauf. Der vom damaligen Präsident Calderón initiierte Krieg gegen die Drogenkartelle – mit Ausnahme des damals mächtigsten Kartells (dem Sinaloa-Kartell), mit dem der Staat verhandelte – hatte somit einen erheblichen Anstieg der Massaker und Verschleppungen zur Folge.
Fahren wir mit der Litanei der Zahlen fort: Zwischen 2006 und 2021 hat der Krieg gegen die Drogen 352.093 Todesopfer gefordert! (Zum Vergleich: Der Krieg im Irak zwischen 2003 und 2011 forderte nach offiziellen Angaben knapp 115.000 Todesopfer). Täglich gibt es zwischen 10 und 30 Frauenmorde. Die bewaffnete Gewalt wird zu 99 Prozent von Männern ausgeübt. Man müsste jedoch über die Statistik hinausblicken, um die soziale Realität und die menschlichen Schicksale hinter diesen Zahlen zu erfassen.
Die Gewalt ändert ihren Charakter
Die Gewalt in Mexiko ist seit 2006 explosionsartig angestiegen, aber diese Gewalt hat auch die Art der Verschleppungen verändert. In den 1960er Jahren waren Verschleppungen, wie in den südamerikanischen Diktaturen, das Werk des Staates, der seine Gegner·innen bekämpfte, indem er sie vernichten wollte. Das Verschwinden von Menschen konnte mit dem Diebstahl von Kindern von Oppositionellen einhergehen, um sie Familien von Militärangehörigen oder Regimeanhänger·innen zu geben. Dies gilt vor allem für Argentinien und Chile, nicht oder nur in geringem Masse für Mexiko. Seit 2006 ist es nicht mehr nur der Staat, der Menschen verschwinden lässt. Das Phänomen trifft alle Bereiche der Gesellschaft, auch wenn die grosse Mehrheit der Verschleppten junge Männer zwischen 25 und 40 Jahren oder sehr junge Frauen, sogar Teenagerinnen, sind, die überwiegend aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen stammen, d. h. indigene und/oder arme Menschen. Aber auch Ältere oder Menschen aus wohlhabenden Schichten können zu Opfern werden. Das Verschwinden kann schlussendlich jeden treffen. Diese Verschleppungen sind überwiegend das Werk des organisierten Verbrechens. Aber bestimmte Bereiche des Staates, der Armee, der lokalen Behörden oder andere können daran beteiligt sein, wie das symbolträchtige Beispiel der 43 verschwundenen Studierenden von Ayotzinapa, einer Hochschule zur Ausbildung von Grundschullehrer·innen in Guerrero,[4] zeigt.
Die Massifizierung des Verschwindens als soziales Phänomen wirft die Frage auf: Warum? Warum geschieht dies in einem solchen Ausmass? Wie bereits erwähnt, ist die Logik klar, die in den südamerikanischen Diktaturen oder in Mexiko in den 1960er und 1970er Jahren am Werk war: die Opposition im Rahmen der Aufstandsbekämpfung zu terrorisieren und zu lähmen. Welche politisch-soziale Logik ist aber derzeit in Mexiko am Werk? Darauf gibt es bisher keine eindeutigen Antworten. Die Vorgehensweise wie diejenige der Aufstandsbekämpfung hat sich in kriminellen Gruppen verbreitet, zumal die Grenze zwischen bestimmten Teilen der Armee und dem Drogenhandel sich mehr als verschwommen herausgestellt hat, um es milde auszudrücken. Die Kartelle haben diese Praxis übernommen. Aber warum? Wenn es sich bei der Motivation um die Ausübung von Terror handelt, ist das Verschwindenlassen von Menschen nicht notwendig. Um die Bevölkerung zu terrorisieren, haben die Kartelle ja bereits zu anderen Mitteln gegriffen: Massaker verübt, Leichen an Autobahnbrücken aufgehängt oder Köpfe auf Pfählen aufgespiesst.
Ein Teil der verschwundenen mexikanischen Frauen und Kinder landet im Sexhandel, ebenso wie zahlreiche Migrant·innen. Ein anderer Teil wird Opfer von Organhandel. Genaue Zahlen zu diesen beiden Formen des Menschenhandels gibt es nicht. Zeugenaussagen berichten auch, dass Menschen entführt werden, um auf Mohn- oder Marihuana-Feldern oder in Drogenlabors als Sklav·innen zu arbeiten: Schlecht untergebracht, schlecht ernährt, geschlagen, vergewaltigt, werden sie bis zu ihrem Tod durch Erschöpfung ausgebeutet. Die Leichen können dann verbrannt oder in Säurebehälter getaucht werden. Andere berichten, dass junge Männer verschleppt werden, um Handlanger der Kartelle zu werden. Wenn sie sich weigern, sterben sie.
Seit Beginn des Krieges gegen die Drogen macht sich der Staat beliebt, indem er offiziell behauptet, dass nur das organisierte Verbrechen für das Verschwinden von Menschen verantwortlich sei. Der Staat verschafft sich auf billige Weise ein neues Image und verschleiert dabei sowohl seine vergangenen Verbrechen als auch seine gegenwärtigen Verstrickungen. Wir müssen darauf achten, die offizielle Version des Staates nicht zu verstärken, wenn wir uns mit diesem Phänomen befassen.
Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen sind zahlreich und vielfältig. Eine der auffälligsten ist die Ausgrenzung, der die Familien der Verschwundenen zum Opfer fallen können. Wenn deine Angehörige oder dein Angehöriger verschwunden ist, dann wird vermutet, sie oder er hätte etwas mit den Kartellen zu tun gehabt. Selbst wenn das in gewissen Fällen stimmen könnte, sind diese Verschwundenen lediglich kleine Handlanger des Drogenhandels, die entweder von den Killern der kriminellen Gruppen oder von Armut und Überlebensnot gezwungen wurden. Die hohen Kreise der Kartelle sind in keinem Fall betroffen. Es kommt also zu einer Kriminalisierung der Armut durch das Verschwinden von Menschen.
Buscadoras – die Suchenden
Im Jahr 2011 wurde der Sohn von Javier Sicilia, einem in Mexiko bekannten Dichter und Schriftsteller, zusammen mit sechs weiteren Personen in Morelos vom organisierten Verbrechen ermordet. Nach diesem Mord gründete Sicilia eine Bewegung, die mit Friedenskarawanen durch das Land zog. Neben diesen Karawanen entstanden Karawanen von Migrant·innen-Familien aus Mittelamerika auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen. Diese Dynamik führte zur Gründung zahlreicher Kollektive zur Suche nach Verschwundenen in allen Bundesstaaten: die Kollektive der «buscadoras», der Suchenden. Bei den «Madres buscadoras», den suchenden Müttern, sind natürlich vorwiegend Mütter aktiv, aber auch Ehefrauen, Schwestern oder Tanten von Verschwundenen. Wenn man die Vielfalt der Menschen sieht, aus denen sich diese Kollektive zusammensetzen, wird einem bewusst, welche Auswirkungen das Verschwinden auf die Familien hat. Jedes Verschwinden betrifft und traumatisiert eine grosse Anzahl von Menschen, da die Familien oft sehr gross sind. Es kommt häufig zu Trennungen und Scheidungen. Die Buscadoras sind auch selbst Opfer des Verschwindens, da sie häufig Krankheiten entwickeln, die von Depressionen über Schlaflosigkeit bis hin zu Diabetes oder anderen medizinischen Problemen wie Schilddrüsen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen reichen. Darüber hinaus werden sie oft sowohl von ihren Nachbar·innen als auch vom Staat ausgegrenzt, falls sie nicht aufgrund ihrer Forschungstätigkeit ganz einfach ermordet werden.
Bei den Suchaktionen, die entweder durch einen anonymen Anruf oder durch logische Schlussfolgerungen aus spärlichen Hinweisen (z. B. ein Kleidungsstück, eine Tasche oder ein Schuh im Wald) ausgelöst werden, begibt sich die Gruppe in ein Gebiet, in die Berge, in die Wüste usw. und sondiert mit langen Stöcken den Boden. Wenn der Stock beim Herausziehen einen Verwesungsgeruch verströmt, muss gegraben werden, um mögliche Überreste oder Massengräber zu finden. Einer der Slogans der Buscadoras lautet: «Jeder Kampf ist legitim. Der Kampf der Buscadoras ist nicht nur legitim, sondern auch schmerzhaft.»
Um sein Gewissen zu beruhigen, hat der Staat eine nationale Suchkommission eingerichtet und gibt vor, die Buscadoras zu schützen, indem er ihnen die Anwesenheit von Polizei- oder Militärkräften während der Suchaktionen vorschreibt. Zahlreiche Zeugenaussagen prangern die verächtliche Haltung der sogenannten Ordnungskräfte an, ganz zu schweigen davon, dass die Polizei oft sehr spät eintrifft oder vor Ende der Suchaktion wieder abzieht und die Gruppe der Buscadoras schutzlos zurücklässt. Anfang 2025 kam es in Mexiko zu einem Skandal, der symptomatisch für diese Situation ist. Im März desselben Jahres entdeckten Suchende auf einer Ranch im Bundesstaat Jalisco die Überreste von 200 Leichen in einem Massengrab sowie die Überreste von Krematorien. Der Skandal rührt unter anderem daher, dass diese Ranch einige Wochen zuvor von der Nationalgarde besucht worden war, die jedoch nichts gefunden hatte. Seit Jahren wurde diese Ranch von den Anwohner·innen als verdächtig angesehen, da dort Geländewagen mit getönten Scheiben und Personen mit verdeckten Gesichtern auftauchten. Die erste Reaktion der mexikanischen Präsidentin in ihrer täglichen morgendlichen Pressekonferenz war die Frage, ob die Buscadoras nicht selbst die Beweise herbeigeschafft hätten. Der Generalstaatsanwalt der Republik (entspricht dem Justizminister) erklärte, dass es auf dieser Ranch keine Krematorien gegeben hätte, und stellte damit die Version der Buscadoras in Frage. Weniger als einen Monat nach der Entdeckung dieser Ranch und in einem Klima der Verachtung und des Misstrauens gegenüber den Buscadoras wurde die Mutter eines Vermissten mit ihrem anderen Sohn ermordet. Sie hatte nach ihrem vermissten Sohn gesucht und an den Entdeckungen auf der Ranch mitgewirkt. Die Morde an «Buscadoras» haben leider seit dem Amtsantritt von Claudia Sheinbaum im Oktober 2024 zugenommen. Bemerkenswert ist die fast vollständige Straffreiheit der Verantwortlichen für das Verschwindenlassen, denn «zwischen 2006 und 2019 wurden 11.706 Ermittlungen wegen (erzwungenem oder nicht erzwungenem) Verschwinden eingeleitet, aber nur 39 Verurteilungen ausgesprochen»[5].
Die Kollektive der Buscadoras zeigen eine seltene Würde und Kampfbereitschaft. Jedes Jahr am 10. Mai sind die Buscadoras in der Öffentlichkeit besonders präsent. Dieser Muttertag in Mexiko ist Anlass für Demonstrationen der Buscadoras und ihrer Unterstützer·innen unter dem Motto «nada que festejar», «Es gibt nichts zu feiern». Die Buscadoras zwingen die Institutionen zum Handeln. So wird der Staat mit unerwarteten Problemen, wie der sogenannten «Krise der Gerichtsmedizin», konfrontiert. Die Masse an nicht identifizierten Leichen, die regelmässig Schlagzeilen macht, ist kaum noch zu bewältigen; die Leichenhallen sind überfüllt, einige quellen buchstäblich über. Schätzungen zufolge wurden zwischen 2006 und 2021 rund 52.000 nicht identifizierte Leichen unter mehr oder weniger akzeptablen Bedingungen vom Staat gelagert. Gleichzeitig kommt es vor, dass die Kartelle und ihre Helfershelfer einfach einen mit Leichen gefüllten Kühlwagen, einen Container oder einen Lieferwagen, am Strassenrand zurücklassen.
Die Menschlichkeit einer Gesellschaft hängt davon ab, wie sie mit ihren Toten umgeht. Das sagt alles.
Cédric Bertaud, Radio Zinzine
Wir übernehmen den Titel einer wissenschaftlichen Studie (auf Französisch), aus der ein Teil der Informationen in diesem Artikel stammt: «Mexique, une terre de disparu·es», kollektiv unter der Leitung von Sabrina Melenotte, «Fondation de la Maison des sciences de l'homme» und «Institut pour la Recherche et le Développement», 2021
Offizielle Zahlen aus dem nationalen Register.
Maquiladoras sind Fabriken in Freihandelszonen, hier in der Nähe der USA, in denen das Arbeitsrecht nicht oder nur in geringem Umfang gilt.
In der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 wurden 43 Lehramtsstudierende der Hochschule von Ayotzinapa in der Kleinstadt Iguala im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero entführt. Seither sind sie verschwunden.
Aus: «Mexique, une terre de disparu·es»



