SAATGUT - DEUTSCHLAND: Weizen – eine gentechnische Grossbaustelle

de Jürgen Holzapfel, EBF, 30 mars 2017, publié à Archipel 257

Brot in Not – freier Weizen statt Konzerngetreide! Weltweit wird auf 220 Millionen Hektar Weizen angebaut, von allen landwirtschaftlichen Kulturen die grösste Fläche. Ein Gross-teil des Saatgutes wird von Bauern selbst aus ihrer Ernte gewonnen, oder mit anderen getauscht – das soll verhindert werden.

Wenn man auf einem Hektar ungefähr 180 kg Saatgut aussät, und man geht vereinfacht von einem Saatgutpreis von 1 Euro pro Kilo aus, so geht es allein bei der Aussaat um einen Geldbetrag von 39 Milliarden Euro. Aber nur ein kleiner Teil davon wird bis heute mit Geld ge- und verkauft. Es wäre doch bedauernswert, wenn man die potentiellen 39 Milliarden Euro einfach ungenutzt liesse, denkt der neoliberale Wirtschaftsfachmann. Mit diesem Argument und ähnlichen überzeugten die Lobbyisten und Lobbyistinnen die Regierungsvertreter am G20-Gipfel im Jahr 2011, woraufhin ein internationales Forschungsprogramm dazu ins Leben gerufen wurde. 2 Jahre später wurde das Programm und das Leitungsgremium auf Einladung des französischen Landwirtschaftsministers in Paris vorgestellt. 16 Länder sind daran beteiligt und 9 Firmen bzw. Konzerne, darunter Bayer, Syngenta, Monsanto und Limagrain. Das Programm der neu gegründeten «Weizen-Initiative» behauptet, dass im Jahr 2050 für die Welternährung 50 Prozent mehr Weizen als heute notwendig sein werden. Um eine Produktionssteigerung von 50 Prozent zu erreichen, soll die Forschung im Bereich der Weizenzüchtung international koordiniert und intensiviert werden.
Die Pseudohybridweizen-Züchtung
Mit den bisherigen konventionell gezüchteten Weizensorten gibt es weltweit enorme Ertragsunterschiede. Der Durchschnittsertrag liegt bei 3,2 t pro Hektar, in Deutschland liegt er bei 8 t pro Hektar und die Spitzenerträge erreichen 12 t pro Hektar. Unabhängig von den wirklichen Ursachen dieser Unterschiede, ist die oberste Priorität der erarbeiteten Forschungsagenda die Entschlüsselung des Weizengenoms. Sie soll den Schlüssel für die erwünschte Ertragssteigerung liefern. Das Weizengenom ist bis heute viel weniger bekannt als das vieler anderer Kulturpflanzen. Es ist fünfmal so lang wie das menschliche Genom und besteht aus 17 Milliarden Basenpaaren. Die Forscher erhoffen sich grosse Fortschritte, wenn die Lage und Funktion der einzelnen Gene bekannt sind, in erster Linie natürlich für die gentechnischen Züchtungsmethoden, aber auch für die Kennzeichnung konventioneller Sorten.
In Deutschland wird das ganze Programm unter der Bezeichnung «Hybridweizen-Forschung» in der Öffentlichkeit präsentiert und mit dem hochgesteckten edlen Ziel der Welternährung ausgestattet, verbunden mit dem Anspruch auf Nachhaltigkeit. Das Landwirtschafts- und das Forschungsministerium fördern in diesem Zusammenhang mehrere Forschungsprojekte.
Die Erforschung und Entschlüsselung des Weizengenoms wird hauptsächlich vom IPK-Gatersleben1 betrieben und mit 9 Millionen Euro gefördert. Ein weiteres Forschungsprojekt unter der Bezeichnung «Zuchtwert», an dem die Universität Hohenheim und mehrere Firmen wie Bayer beteiligt sind, wird mit 5 Millionen Euro von der Regierung gefördert. Laut «Arbeitsprogramm» sollen hier 8‘400 Weizenlinien auf ihre Eigenschaften untersucht werden, um daraus 7‘920 «Hybridkombinationen» zu erstellen. Es ist ein erklärtes Ziel, Hochertragssorten zu entwickeln, die gleichzeitig gegen Pilzkrankheiten resistent sind, was bedeuten würde, dass sie keine oder weniger Fungizide von Bayer benötigen als bisherige Sorten, was wohl mit der Beteiligung von Bayer an dem Projekt nicht zu erreichen sein wird.
Die Bezeichnung «Hybridweizenforschung» ist irreführend. Hybridweizensorten sind bisher praktisch bedeutungslos und bis auf wenige Ausnahmen nicht auf dem Markt. Das liegt daran, dass durch konventionelle Züchtung regelmässig neue Hochertragssorten auf den Markt gekommen sind und der Aufwand der Hybridzüchtung bei Weizen zu hoch ist, um wirtschaftlich sein zu können. Es geht also sicherlich nicht um die Hybrid-Züchtung. Die Bezeichnung wurde wahrscheinlich gewählt, weil «Hybrid» in der breiten Öffentlichkeit mit «grösser, besser und mehr» verbunden wird, im Gegensatz zur Bezeichnung «Bastard», die im Grund genommen das gleiche bezeichnet. Weniger bekannt ist, dass diese Qualifikation auch beinhaltet, dass der Züchter das Monopol über diese Sorte hat, da sie nicht von den Anbauern aus der eigenen Ernte gewonnen werden kann, gleichgültig ob es sich um Hybrid-Gemüse, -Getreide, -Bäume oder andere Gewächse handelt. In Wirklichkeit geht es um eine gentechnische Pseudohybridzüchtung. Die soll folgendermassen aussehen: Die Wissenschaftler versuchen festzustellen, welche Eigenschaft einer Weizensorte zu welchem Gen-Abschnitt gehört. Im zweiten Schritt arbeitet die Gentechnik daran, wie sie gewünschte Eigenschaften, die z. B. in einer alte Weizensorte festgestellt werden, in eine andere, z.B. eine Hochertragssorte übertragen kann. Sie versucht also den angeblich für die Eigenschaft verantwortlichen Teil des Genoms «auszuschneiden» und in das Genom der modernen Sorte einzufügen. So will man im Labor erreichen, was bisher nur durch jahrelange Kreuzungsarbeit auf dem Feld erreicht wurde.
Der «erfundene» Superweizen
Das so neu geschaffene Weizengenom muss dann natürlich zunächst im Labor, später auf dem Feld getestet werden, was wiederum sehr viel einfacher ist, wenn es offiziell um eine Hybridsorte geht, und nicht um eine gentechnisch veränderte Sorte, solange diese Art der Gentechnik nicht deklariert werden muss. Erweisen sich die Feldversuche erfolgreich, so wird das Genom millionenfach geklont, patentiert und als «Hybrid-Saatgut» verkauft. Die so erzeugte Sorte kann patentiert werden, da sie mit Hilfe einer neuen Technologie «gezüchtet» wurde, wobei gleichzeitig mit der Technologie die Sorte patentiert werden kann. Die Patentierung ermöglicht es dann, die ganze Sorte, also nicht nur das Saatgut, sondern die ganze Ernte und alles, was daraus hergestellt und verkauft wird, mit Lizenzverträgen an die Landwirt_innen zu verkaufen. Das heisst, der Patentinhaber kassiert nicht nur beim Verkauf des Saatgutes, sondern bei jeder Stufe der Weiterverarbeitung der Ernte. Es geht also um ein Vielfaches der 39 Milliarden Euro, von denen wir naiver Weise ausgegangen sind. Es bleibt noch die Frage, wie der Widerspruch zwischen dem ökologischen Anspruch und der Zusammenarbeit mit u. a. dem Bayer-Konzern gelöst werden soll. Genau um diese Frage kümmert sich die mit der Koordination der Weizen-Forschung in Deutschland betraute Firma «GVS» (Gesellschaft für Erwerb und Verwertung von Schutzrechten). Ihr erklärtes Ziel besteht darin, «alle Bereiche der Weizenwertschöpfungskette» in einem «vorwettbewerblichen» Sinne zu integrieren. Die gleichen Forschungsergebnisse am Weizengenom und seinen Eigenschaften können natürlich unterschiedlich genutzt werden. In der Öffentlichkeit werben die Wissenschaftler damit, dass sie Krankheitsresistenzen aus alten Sorten in moderne Sorten einfügen wollen, damit weniger Fungizide die Umwelt verseuchen. Bayer und die anderen beteiligten Konzerne werden daran interessiert sein, Weizen zu züchten, der gegen ihre Chemikalien resistent ist, um ihn dann ebenfalls patentiert mit den entsprechenden Pestiziden und Fungiziden im Kombipack zu verkaufen. Wenn es also um die tatsächliche Nutzung der Forschungsergebnisse geht, überlässt man den Saatgutkonzernen das Feld, das mit staatlichen Geldern bestellt wurde. Ob der Traum der Genetiker_innen vom selbst «erfundenen» Superweizen eines Tages Wirklichkeit wird, ist mehr als zweifelhaft. Sicher ist aber, dass die Konzerne gentechnisch veränderte Weizensorten unter der Bezeichnung «Hybridweizen» auf den Markt bringen werden, die resistent gegen ihre Herbizide sind. Damit diese Sorten trotz ihres hohen Preises gekauft werden, wird schon heute der Mythos vom Superweizen aufgebaut, für den die Bäuerinnen und Bauern bezahlen werden und der voraussichtlich erst nach einigen Jahren wieder zusammenbrechen wird.
Es ist also höchste Zeit, eine Deklarierungspflicht für diese neuen Gentechnikmethoden zu verlangen.
Daher fordert die Initiative «Brot in Not – freier Weizen statt Konzerngetreide!»:

  • Schluss mit der öffentlichen Förderung von Hybridweizenforschung!
  • Förderung bäuerlicher Weizenzüchtung – für bäuerliche Saatgut-Souveränität!
  • Keine Gentechnik auf dem Acker oder im Backofen!
    Unterstützen Sie die Forderungen auf der Webseite: www.aktion-agrar.de
    Jede Unterschrift hilft, die gesellschaftliche Diskussion voranzubringen und den Druck auf die Ministerien zu erhöhen. Der unterzeichnete Appell soll mit kreativen Aktionen unüberhörbar gemacht werden.
  1. Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung