… und nicht, um zu sterben. Eine Karawane durch den Senegal, um die Familien von denjenigen zu treffen, die auf den Migrationsrouten verschwunden sind.
Im Jahr 2024 sind 43.000 Menschen auf dem Seeweg auf den Kanarischen Inseln angekommen. Die NGO «Caminando Fronteras» schätzt jedoch, dass mehr als 10.000 Menschen während der Überfahrt verschwunden sind. Seit Jahren hören wir diese erschreckenden Zahlen, die zu den Statistiken der Ohnmacht hinzukommen. Man fragt sich, wozu sie gut sind, wenn sie nicht dazu beitragen, dass sich die Situation ändert und die Schiffsunfälle aufhören. Der Verein «Boza Fii»1 im Senegal kämpft für Freizügigkeit und für die Würde der Verschwundenen. Jedes Jahr organisiert er eine Karawane durch das Land, um die Familien von Migrant·innen zu treffen, die auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen oder verschwunden sind. Boza Fii kämpft gegen Grenzen in seinem Land, aber auch auf internationaler Ebene innerhalb des Netzwerks Alarm Phone2. Als Mitstreiter·innen wurden wir grosszügig in dessen Karawane aufgenommen. Die Vertiefung internationaler Beziehungen erscheint unerlässlich, um den Kampf zu stärken. Als Franzosen und Französinnen geniessen wir das Privileg, frei reisen zu können. Mit diesem Bericht möchten wir die Erfahrungen von denjenigen teilen, die nicht die Möglichkeit haben, diese nach Europa zu bringen. Für die vierte Ausgabe seiner Karawane der Verschwundenen macht sich der Autokonvoi des Vereins Boza Fii aus den Vororten von Dakar in Richtung Tambacounda auf den Weg. Nach einer mehrstündigen Fahrt erreichen wir den Osten Senegals, eine Region am Schnittpunkt der Strassen nach Mali, Guinea und Gambia. Diese ländliche Region ist wie viele andere geprägt von zahlreichen Auswanderungen nach Europa auf den langen und gefährlichen Wegen über das Meer und die Wüste. Fast jeder Haushalt hat eine Geschichte über Angehörige, die während ihrer Migration verschwunden sind. Oft werden sie von ihren Familien vermisst, nachdem sie zum Beispiel seit acht Monaten, vier Jahren, zehn Jahren … nichts mehr von ihnen gehört haben. Etwa dreissig Mitglieder von Boza Fii begleiten diese Karawane. Die meisten von ihnen hatten bereits das Abenteuer der Migration gewagt, um schliesslich mit all dem, was sie ihre Reise gelehrt hat, in ihr Land zurückzukehren. Oft haben sie selber auf den Migrationsrouten geliebte Menschen verloren.
Zuhören schafft Erleichterung
Wir transportieren die Küche, die riesige aufblasbare Leinwand, die Lautsprecheranlage, die Transparente und die T-Shirts des Vereins mit uns. Die Idee beinhaltet, jeweils zwei Tage in jedem Ort zu bleiben, insgesamt zehn Tage lang. Wir beginnen in Kothiary, einem grossen Dorf am Rande von Tambacounda. Bei unserer Ankunft stellt ein Team dem Bürgermeister, den Bezirksvertretern und dem Imam die Initiative vor, während ein anderes Team auf einem kleinen Platz den Raum für Diskussionen und Filmvorführungen einrichtet. Am ersten Abend werden Filme über die Unterdrückung der Migration durch Europa, über die Suche nach Vermissten oder «Moi, capitaine» gezeigt, der die schwierige Reise zweier junger Senegalesen nach Italien erzählt. Am nächsten Tag besuchen wir jeweils Familien, die Opfer der Migration zu beklagen haben. Wir treffen Vieux Ndiaye, er lebt in Ndiaback, einem kleinen Dorf zwanzig Kilometer entfernt. Sein Bruder Daouda Ndiaye ist vor zehn Jahren weggegangen. Vieux Ndiaye musste sein Studium abbrechen, um sich um die Frau und die beiden Kinder seines verschwundenen älteren Bruders zu kümmern. Eines Tages erhielt er einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass es einen Schiffbruch gegeben hätte und sein Bruder nicht zu den Überlebenden gehören würde. Die Familie organisierte daraufhin eine Beerdigung. In seinem Dorf, in dem einige Familien von der Landwirtschaft leben, fehlen mehrere junge Männer, ein Bruder, ein Ehemann, ein Sohn.
Unsere Anwesenheit bei den Familien während der Karawane ermöglicht vor allem, eine Verbindung mit ihnen herzustellen, das Schweigen zu brechen, einen Moment des Trostes herbeizuführen und manchmal sogar Antworten zu finden. Es ist schwierig, die Gratwanderung zwischen unserem Mitgefühl und der Vorsicht, Wunden nicht neu aufzureissen, zu meistern. «Zuhören erleichtert», sagt Vieux Ndiaye. «Métina, Masta» (Es ist traurig, ich fühle mit dir), sagen wir ihm, während wir seiner Geschichte zuhören. Während wir durch die sandigen Wege und Straßen schlendern, öffnen sich immer wieder Türen zu Geschichten über Verluste. Wie in einem Labyrinth, aus dem es keinen Ausgang gibt, werden wir uns des Ausmasses dieses Phänomens bewusst, das diffus und massiv, aber völlig unsichtbar ist.
Wir treffen eine andere Familie, deren Mutter seit 25 Jahren nichts mehr von ihrem Mann gehört hat. All diese Jahre gab es immer wieder Gerüchte über mögliche Spuren ihres Mannes, und wenn sie ihren Marabut konsultiert, sieht dieser ihren Mann immer noch am Leben. Also hat ihre Familie keine Beerdigung organisiert, und seitdem wartet sie. Als wir den Dorfvorsteher begrüssen, erzählt er uns, dass eine Nachbarin seit zehn Monaten nichts mehr von ihrem Sohn gehört hat. Sie hat darüber anfangs geschwiegen. Er berichtet, wie schwer es für die Familien ist, ihren Schmerz in Worte zu fassen, aus Angst vor Verurteilung und Repression. Wir begleiten ihn zu ihr. Trotz unserer überraschenden Ankunft erzählt sie uns von ihrem Sohn Assane Bah, von dem sie zuletzt gehört hatte, als er sich in Mauretanien auf eine Piroge begeben wollte. Einige Tage später teilte ihr jemand mit, dass die Piroge angekommen sei, aber es ist fast unmöglich, diese Information zu überprüfen.
Seit Jahren schon haben Boza Fii und Alarm Phone Schwierigkeiten, die Spur derjenigen zu finden, die sich auf die Reise begeben haben. Es gibt keine internationale Suchorganisation für Vermisste auf der Migration. Dennoch suchen überall Menschen nach ihren Angehörigen. Informationen werden informell zwischen Familien, Aktivist·innen, NGOs und Exilierten ausgetauscht. Manchmal sind Migrant·innen angekommen, haben aber alle ihre Kontakte verloren, manchmal sind sie inhaftiert. In diesen Fällen gelingt es ihnen in der Regel nach einer Weile, ihre Familie zu kontaktieren. Aber es gibt auch die sogenannten unsichtbaren Schiffsunfälle. Pirogen, die spurlos auf See verschwinden. Wie viele Menschen sind bei diesen unsichtbaren Schiffsunfällen ums Leben gekommen? Die Migrationsroute über die Kanarischen Inseln gilt als die tödlichste unter den Routen, die nach Europa führen.
Abschreckung funktioniert nicht
Hier im Senegal gibt es, abgesehen von einigen wenigen Initiativen des IKRK3, keine Massnahmen zur Unterstützung der Familien. Insbesondere in psychosozialer Hinsicht sind die Eltern in ihrer unerträglichen Trauer, die manchmal ihre ganze Energie aufzehrt und sie krank macht, völlig auf sich allein gestellt. Die einzige Massnahme der Regierung bestand darin, seit Oktober 2024 eine kostenlose Hotline eingerichtet zu haben, um zur Meldung jeglichen Verhaltens aufzurufen, das als Vorbereitung auf eine Ausreise identifiziert werden könnte. Gegen die Unsichtbarkeit des Leides und gegen die gleichzeitige Kriminalisierung richtet sich unter anderem die Arbeit von Boza Fii.
Boza Fii existiert seit 2020 im Senegal und vertritt öffentlich eine einzigartige und mutige Haltung zu den Problemen der Migration in Westafrika. Boza Fii, was so viel bedeutet wie «hier genauso erfolgreich sein wie dort», fordert das Recht auf Migration als Recht auf Reisen für alle und verurteilt die Tatsache, dass legale Wege durch extrem restriktive Visumspraktiken unmöglich gemacht werden. Das Ziel von Boza Fii ist es, über die konkreten Realitäten der Migration zu reden, damit die zur Auswanderung Bereiten besser vorbereitet sind, wenn sie dann tatsächlich gehen. Ein grosser Teil der Arbeit dieses Vereins besteht darin, das Bewusstsein zu schärfen, um die Rhetorik der Regierung und die repressive Semantik zu entkräften, wonach Menschen, die sich für die Migration entscheiden, illegale Einwanderer, Kriminelle oder bestenfalls psychisch labil sind und selbst dafür verantwortlich sind, sich in Gefahr zu begeben. Diese Rhetorik hat sich in der senegalesischen Gesellschaft und sogar in den Familien der Verschwundenen festgesetzt, wodurch sie zum Schweigen verurteilt werden und sich schuldig fühlen. Doch die Abschreckung gegen Auswanderung funktioniert nicht. «Ich nehme einen jungen Menschen wahr, der an der Beerdigung eines im Meer verunglückten Verwandten teilnimmt, und erfahre noch am selben Abend, dass er in ein Boot gestiegen ist», kommentiert ein Mitglied von Boza Fii. Die Entschlossenheit, sich auf die Suche nach einer anderen Zukunft zu begeben, ist manchmal grösser als die Angst vor dem Tod. Denn dieser Aufbruch ist in in einer Reihe von sozialen Zwängen und starken Träumen begründet. Jeder Mensch, der sich für die Migration entscheidet, hat seine Gründe dafür, und diese sind vielfältig. Man könnte versuchen, sie aufzuzählen, aber zweifellos drehen sich alle um eine zutiefst ungerechte und neokoloniale Ordnung der Welt. Eine Ordnung, in der Europa weiterhin die Möglichkeiten von Autonomie in Westafrika einschränkt, während es in der Vorstellung der Menschen nach wie vor ein hohes Ansehen und ein begehrenswertes Image geniesst. Der Westen legt durch seine vorherrschende Ideologie fest, was «gut leben» oder «ein erfolgreiches Leben führen» bedeutet, und behält gleichzeitig die Reichtümer, die dafür notwendig sind, für sich. Und um das Ganze noch zu krönen, gewährt sich Europa allein das ausschliessliche Privileg der Freizügigkeit. Dieser Mechanismus hat etwas Bösartiges an sich.
In seiner Arbeit weist Boza Fii auf die Verantwortung der Europäischen Union für die Gefährdung von Menschen hin, die sich aus den Abkommen zur Externalisierung ihrer Grenzen ergibt. Mit der Verschärfung der Repressionen verlagern sich die Orte für die Fahrten auf die Kanarischen Inseln immer weiter südlich entlang der Atlantikküste: von Marokko nach Mauretanien, Senegal, Gambia und Guinea. Die spanische Guardia Civil ist in den Ausgangsländern für Überwachungs- und Kontrollmassnahmen präsent. Auf See äussert sich die Repression in Form von vorsätzlicher Unterlassung der Hilfeleistung, die zu den Schwierigkeiten der Überfahrt hinzukommt. Um ein Beispiel zu nennen: Vor genau einem Jahr stiegen zehn Jugendliche aus dem Dorf Foundiougne am Ufer des Flusses Saloum, das wir besuchen, mit in ein grosses Einbaumboot, das sich danach zehn Tage lang auf See verirrte. Das Alarm Phone gab die GPS-Position des Bootes weiter und alarmierte unermüdlich die spanischen und marokkanischen Behörden, um es zu retten. Nichts geschah. Das dahintreibende Boot wurde schliesslich von mauretanischen Fischern vor der Küste von Nouadhibou gefunden, aber das schlechte Wetter und die Tage auf See hatten zum Tod oder Verschwinden von 32 Menschen geführt und bei der Ankunft der Überlebenden mussten 73 Menschen ins Krankenhaus gebracht werden. Zwischen dem Zeitpunkt, an dem der Alarm ausgelöst wurde, und dem Zeitpunkt, an dem das Boot schliesslich in Mauretanien gefunden wurde, vergingen fünf Tage. Fünf Tage offensichtlicher Unterlassung von Hilfe. Es ist klar, dass, wenn ein europäisches Segelboot Notsignale aussenden würde, dieselben Behörden alles in ihrer Macht Stehende täten, um dieses zu retten, während ein Boot mit mehr als 200 afrikanische Menschen an Bord seinem Schicksal überlassen wird. Dies ist ein Verbrechen, das Tausende von Familien in unsägliche Trauer versetzt. Boza Fii kämpft dafür, dass sich die Familien der Opfer zu Wort melden und sich organisieren. So sind bereits verschiedene Kollektive auf Initiative von Menschen entstanden, die Angehörige verloren haben, wie beispielsweise COVES, das Kollektiv der Opfer der Auswanderung im Senegal.
Wir setzen unsere Reise in Tambacounda fort. Wir treffen mehrere Familien, deren Kinder mit demselben Einbaum aufgebrochen waren. Fotos machen die Runde, es gibt scheue Gesten der Trauer und des Trostes, Tee und Gebete, bevor es weitergeht. Unsere Gedanken sind bei allen Menschen, die auf den Migrationsrouten verschwunden sind, und deren Familien. Und wir wünschen uns Reisefreiheit für alle!
Marta und Theo, Freiwillige bei Boza Fii
Boza Fii ist ein gemeinnütziger Verein, der ausschliesslich mit Freiwilligen und Spenden arbeitet. Sie können seine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken verfolgen und ihn hier unterstützen: www.bozafii.org/
Alarm Phone ist eine Notrufnummer zur Unterstützung von Migranten auf ihrer Überfahrt nach Europa. Es ist auch ein transnationales Netzwerk, das für Bewegungsfreiheit und gegen die Politik der Auslagerung von Grenzen kämpft.
Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung umfasst das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften sowie die nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften



