BOSNIEN: Dringende Hilfe auf der Balkanroute

von Kompas 071, Sarajevo, 15.01.2026, Veröffentlicht in Archipel 354

«Kompas 071» ist eine nichtstaatliche und gemeinnützige Organisation in Bosnien, die notleidenden Menschen Unterstützung bietet, wobei ihr Schwerpunkt bei Geflüchteten und Migrant·innen liegt. Kompas handelt nach den Grundsätzen von Solidarität, Antifaschismus, Antirassismus sowie der Freiheit und Gleichheit für alle. Hier berichtet das Team von seiner Arbeit:

Die meisten unserer Aktivitäten finden in unserem Tageszentrum in Sarajevo statt, das den Menschen in Not eine Reihe von Dienstleistungen anbietet. Dieses Lokal von Kompas bietet Menschen auf der Flucht einen sicheren Ort, an dem sie sich waschen, ihre Kleidung säubern, das Nötigste (wie Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, Lebensmittel usw.) erhalten oder einfach den Tag in Ruhe verbringen können. Während sich unser Engagement in erster Linie auf Sarajevo als zentralen Knotenpunkt in Bosnien und Herzegowina konzentriert hat, haben wir zwischen 2021 und 2023 auch ein Tageslokal in der Peripherie von Bihać betrieben, um Menschen auf der Flucht zu unterstützen, die ausserhalb der offiziellen Transitzentren auf der Strasse oder in verlassenen Häusern lebten. Bis heute haben mehr als 20.000 Menschen in Not unsere Tageszentren in Sarajevo und Bihać besucht. Der Grossteil der materiellen und finanziellen Unterstützung für unsere Arbeit wird durch Spenden von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen aufgebracht.

Der bosnische Kontext und die EU

Seit 2018 hat sich die Situation auf der Balkanroute kontinuierlich verändert. Obwohl viele behaupten, dass die meisten Migrant·innen 2019/2020 angekommen seien, wurde deren Anzahl in den Jahren 2023/2024 noch übertroffen. Denn in dieser Periode registrierte Bosnien, laut den Daten seines Sicherheitsministeriums und der «Internationalen Organisation für Migration» (IOM), noch viel mehr Menschen in den «Temporary Reception Centers» (TRC), den offiziellen Durchgangslagern. Die veröffentlichten Zahlen über die Menschen, die sich in Bosnien und anderen Ländern entlang der Route auf der Flucht befinden, sollten jedoch stets mit Vorsicht betrachtet werden, weil viele Migrant·innen niemals diese Lager aufsuchen und daher gar nicht in der offiziellen Statistik erfasst sind.

Mitte Juni 2025 unterzeichnete Bosnien und Herzegowina ein Abkommen mit der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Die meisten Beamten und Beamtinnen werden voraussichtlich an unseren östlichen Grenzen zu Montenegro und Serbien stationiert werden, wobei Frontex bereits an der kroatisch-bosnischen Grenze präsent ist. Nach neuesten Informationen unseres Sicherheitsministeriums hat die Agentur bereits im Oktober 2025 die ersten 100 Polizist·innen in Bosnien eingesetzt. Dies stellt eine bedeutende Veränderung der Gesamtsituation in unserem Land dar, und Mitglieder des Kompas-Teams werden regelmässig die Grenzgebiete besuchen und die Aktivitäten von Frontex überprüfen. Eine weitere besorgniserregende Politik, die mit dem neuen Migrationspakt der EU einhergeht, besteht darin, Rückführungszentren an nicht näher bezeichneten Orten ausserhalb der EU einzurichten, um die Abschiebung von abgewiesenen Personen zu erleichtern. Die EU-Kommission gab ausserdem zu verstehen, dass Asylbewerber·innen zur Bearbeitung ihrer Asylanträge in «sichere» Länder ausserhalb der EU geschickt werden könnten.1 Die britische Regierung schlug Bosnien und Herzegowina zusammen mit Serbien und Albanien als potenzielle Standorte für Rückkehrzentren auf dem Balkan vor. Obwohl wir noch keine bestätigten Informationen haben, wissen wir, dass die Option der westlichen Balkanländer auf dem Tisch liegt und auf EU-Ebene diskutiert wird. Ein solches Szenario in Bosnien wäre katastrophal, welches die Situation für die Geflüchteten weiter verschärfen und tiefgreifende Auswirkungen auf den lokalen Kontext haben würde.

Die aktuelle Lage vor Ort

In den letzten zehn Monaten (Januar bis Oktober 2025) wurden etwa 11.000 Menschen in den drei offiziellen Durchgangslagern im Land registriert, und bei Kompas tauchten 2.500 Personen auf. Die Gesamtzahl der Beherbergten in den Lagern ist im Vergleich zu 2024 zurückgegangen. Dies ist eine Folge der EU-Politik und der Militarisierung der Grenzen, welche die Migrant·innen zusätzlich gefährdet und in die Hände von Schlepperbanden treibt. (…)

Einmal abgesehen von den schlechten Lebensbedingungen in den Lagern, fühlen sich die meisten Ankömmlinge in ihnen auch nicht mehr sicher. Die Zahl der Banden, die dort operieren, hat zugenommen. Die Geflüchteten, die in Sarajevo leben, nannten dies als Hauptgrund, warum sie nicht in den Lagern bleiben wollten. Allerdings ist die Lage ausserhalb auch nicht viel sicherer. Wir haben Berichte von Menschen auf der Flucht gesammelt, die von verschiedenen Banden entführt, gefoltert und erpresst wurden. Die Entführer machen in der Regel Videos und Fotos von den Misshandlungen, die sie an die Familien ihrer Opfer schicken, um die gewünschte Geldsumme für deren Freilassung zu erhalten. Im Jahr 2025 hat unser Team zweimal erfolgreiche Rettungen in Zusammenarbeit mit der Polizei und den Familien der Entführten bzw. den Opfern veranlasst. Der risikoreiche Kontext, in dem wir arbeiten, und die unsichere Lage vor Ort wirken sich auch auf Kompas aus.

Zudem hat die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit für die Balkanroute seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der Kriegssituation im Nahen Osten stark nachgelassen. Die Anzahl der Gruppen, die vor Ort tätig sind, ist – ebenso wie die Anzahl der Spenden – momentan auf einem Tiefstand, während der Bedarf täglich wächst. Dazu kommt eine drastische Abnahme der internationalen Materiallieferungen von Kleidern, Schuhen, Hygiene- und Erste-Hilfe-Artikeln. (…)

Doch aufgrund der schlimmen Verhältnisse in den Lagern wenden sich immer mehr Menschen an uns, um Hilfe zu erhalten. Obwohl wir versuchen, so viel wie möglich zu tun, können wir nicht einmal dreissig Prozent der Anforderungen erfüllen. Gleichzeitig sind wir nicht in der Lage, lokale Teammitglieder zu halten, da wir ihnen nicht einmal ein Mindestgehalt bieten können. Seit Anfang 2025 hat Kompas drei festangestellte lokale Mitarbeiter·innen verloren und arbeitet derzeit mit nur zwei Mitarbeitern·innen und zwei Freiwilligen vom «frachcollective»2, die uns einmal im Monat unterstützen. Die ganze Zeit über haben wir darum gekämpft, den Grossteil des Teams vor Ort zu behalten, um die Stabilität der Organisation zu gewährleisten. Leider ist uns dies zum ersten Mal seit unserem Bestehen nicht gelungen. Wir glauben, dass der einzige Weg, um zumindest für eine gewisse Zeit Stabilität und Nachhaltigkeit zu erreichen, darin besteht, mehrere feste Teammitglieder zu haben, die verschiedene Aufgaben übernehmen, darunter nicht nur die Leitung des Zentrums, sondern auch die derzeit dringend benötigte Rechtsberatung sowie die Bildungs- und Informationsarbeit.

Das Kompas-Team*

*Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie auf der neu eingerichteten Website: www.kompas071.org. Das Europäische Bürger:innen Forum unterstützt die Organisation schon seit mehreren Jahren und kann Spenden auch direkt an Kompas weiterleiten.

  1. Die Länder der EU haben am 8. Dezember 2025 unter dem Druck der rechten und rechtsextremen Parteien eine deutliche Verschärfung der Migrationspolitik des Kontinents beschlossen und damit u.a. den Weg für die Überstellung von Migrant·innen in Zentren ausserhalb der EU-Grenzen geebnet. Diese Massnahmen müssen noch vom Europäischen Parlament gebilligt werden.
  2. www.frachcollective.org

Zu Gast in der Schweiz

Ines Tanović, die Gründerin von «Kompas 071», war im Dezember 2025 zu Gast bei uns im Europäischen Bürger:innen Forum (EBF) in der Schweiz. Sie hat als Kind den Krieg in Bosnien erlebt und hilft heute den Opfern aus anderen Kriegs- und Krisenländern. Wir organisierten verschiedene Termine mit Medienschaffenden, potentiellen Unterstützer·innen und Freund·innen. In Zürich konnte sie während eines Gottesdienstes in der Offenen Kirche St. Jakob auftreten. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch die Möglichkeit haben, Ines Tanović zu einem Anlass einzuladen, sind wir gerne bereit, dies zu vermitteln und mit weiteren Angeboten abzustimmen.