Nah & Fern

bell hooks – Das Patriarchat verstehen

von bell hooks, 01.07.2019, Veröffentlicht in Archipel 283

In diesem Auszug aus ihrem Buch «The Will to Change: Men, Masculinity, and Love», den wir in 3 Teilen bringen, schreibt bell hooks1 über ihre persönliche Erfahrung des Patriarchats, insbesondere während ihrer Kindheit, und wie es Frauen und Männer belastet. (1. Teil) Das Patriarchat ist in unserer Gesellschaft die zerstörerischste soziale Krankheit, die den männlichen Körper und Geist angreift. Trotzdem benutzen die meisten Männer das Wort «Patriarchat» nicht im Alltag. Die meisten Männer denken nie über das Patriarchat nach – was es bedeutet, wie es geschaffen und erhalten wird. Viele Männer in unserem Land wären nicht in der Lage, das Wort zu buchstabieren oder es korrekt auszusprechen. Das Wort «Patriarchat» ist einfach nicht Teil ihres normalen, alltäglichen Denkens und Sprechens. Männer, die das Wort schon gehört haben und es kennen, assoziieren es normalerweise mit der Frauenbewegung, mit dem Feminismus, und tun es daher als für ihre eigene Erfahrung irrelevant ab. Seit über 30 Jahren spreche ich öffentlich über das Patriarchat. Es ist ein Wort, das ich täglich benutze, und oft fragen Männer, die mich hören, was ich damit meine. Nichts macht die alte, anti-feministische Vorstellung, nach der Männer als allmächtig gelten, unglaubwürdiger als deren grundlegende Unkenntnis eines so bedeutenden Aspekts des politischen Systems, das die männliche Identität und Selbstwahrnehmung von der Geburt bis zum Tod formt und prägt. Oft benutze ich die Formulierung «imperialistisches, kapitalistisches, weiss-vorherrschaftliches Patriarchat», um die ineinandergreifenden politischen Systeme zu beschreiben, die die Grundlage der Politik unserer Gesellschaft bilden. Von all diesen Systemen ist das Patriarchat das, welches wir beim Heranwachsen am besten kennenlernen, auch wenn wir das Wort nicht kennen, denn uns werden schon als Kinder patriarchalische Geschlechterrollen zugeordnet und wir werden fortlaufend darüber informiert, wie wir diese Rollen am besten erfüllen können.

Das Patriarchat als System

Das Patriarchat ist ein politisch-soziales System, das darauf besteht, dass Männer von Natur aus dominant sind, allem und jedem, das als schwach angesehen wird, überlegen sind – insbesondere Frauen – und dass sie mit dem Recht ausgestattet sind, die Schwachen zu beherrschen und zu regieren und diese Dominanz mithilfe verschiedener Formen von psychologischem Terrorismus und Gewalt aufrecht zu erhalten. Als mein grosser Bruder und ich mit einem Jahr Altersunterschied geboren wurden, bestimmte das Patriarchat, wie wir jeweils von unseren Eltern wahrgenommen werden würden. Unsere beiden Eltern glaubten an das Patriarchat; ihnen war das patriarchalische Denken durch die Religion beigebracht worden. In der Kirche hatten sie gelernt, dass Gott den Menschen geschaffen habe, um die Welt und alles darin befindliche zu regieren, und dass es die Arbeit von Frauen sei, Männern zu helfen, diese Aufgaben zu erfüllen, zu gehorchen und gegenüber einem mächtigen Mann immer eine untergeordnete Rolle einzunehmen. Man lehrte sie, dass Gott männlich sei. Diese Lehren wurden in jeder Institution, der sie begegneten, bekräftigt – Schulen, Gerichtsgebäude, Vereine, Sportstätten und Kirchen. Wie alle anderen in ihrem Umkreis nahmen sie das patriarchalische Denken bereitwillig an und lehrten es ihren Kindern, denn es schien als sei es eine «natürliche» Art und Weise, das Leben zu organisieren. Als ihre Tochter wurde mir beigebracht, dass es meine Rolle sei, zu dienen, schwach zu sein, frei von der Last des Denkens zu sein, mich um die Pflege und Erziehung anderer zu kümmern. Meinem Bruder wurde beigebracht, dass es seine Rolle war, bedient zu werden, der Versorger zu sein, stark zu sein, zu denken, strategische Überlegungen anzustellen, zu planen und sich zu weigern, andere zu pflegen oder zu erziehen. Mir wurde beigebracht, dass es für eine Frau nicht angebracht sei, gewalttätig zu sein; dies sei «unnatürlich». Meinem Bruder wurde beigebracht, dass sein Wert von seiner Gewaltbereitschaft bestimmt werden würde (wenn auch in einem angemessenen Kontext). Ihm wurde beigebracht, dass es für einen Jungen eine gute Sache sei, Gewalt zu mögen (wenn auch in angemessenen Situationen). Ihm wurde beigebracht, dass ein Junge keine Gefühle ausdrücken solle. Mir wurde beigebracht, dass Mädchen Gefühle ausdrücken können und sollten, oder zumindest einige von ihnen. Wenn ich mit Wut darauf reagierte, dass mir ein Spielzeug verweigert wurde, wurde mir als Mädchen in einem patriarchalischen Haushalt beigebracht, dass Wut kein angemessenes Gefühl für Frauen sei, dass sie nicht nur verschwiegen, sondern gar beseitigt werden solle. Wenn mein Bruder mit Wut darauf reagierte, dass ihm ein Spielzeug verweigert wurde, wurde ihm als Junge in einem patriarchalischen Haushalt beigebracht, dass seine Fähigkeit, Wut auszudrücken, gut sei, aber dass er lernen müsse, geeignete Situationen zu erkennen, um seine Feindseligkeit zum Ausdruck zu bringen. Es sei nicht gut für ihn, seine Wut zu nutzen, um sich den Wünschen seiner Eltern entgegen zu stellen, aber später, als er heranwuchs, wurde ihm beigebracht, dass Wut erlaubt sei und dass die Wut, die ihn zur Gewalt anspornen würde, ihm helfen würde, sein Haus und seine Nation zu verteidigen.

Geschlechterrollen

Wir lebten auf einem Bauernhof, isoliert von anderen Menschen. Unser Verständnis von Geschlechterrollen übernahmen wir von unseren Eltern, indem wir sahen, wie sie sich verhielten. Mein Bruder und ich erinnern uns an unsere Verwirrung im Bezug auf Geschlechterrollen. In Wirklichkeit war ich stärker und streitlustiger als mein Bruder, aber wir lernten schnell, dass dies schlecht sei. Und er war ein sanfter, friedlicher Junge, und wir lernten, dass dies wirklich schlecht sei. Obwohl wir oft verwirrt waren, wussten wir eines ganz sicher: Wir durften nicht so sein und handeln, wie wir wollten; nicht tun, wonach wir uns fühlten. Uns war klar, dass unser Verhalten einem vorgegebenen, geschlechtsspezifischen Drehbuch folgen musste. Wir beide lernten das Wort «Patriarchat» erst als Erwachsene, als uns bewusst wurde, dass das Drehbuch, das bestimmt hatte, was wir sein sollten und welche Identitäten wir bilden sollten, auf patriarchalischen Werten und Überzeugungen über Geschlechterrollen basierte. Ich war immer mehr daran interessiert, das Patriarchat zu hinterfragen als mein Bruder, weil dieses System mich immer aus den Dingen ausschloss, an denen ich teilnehmen wollte. In unserem Familienleben der fünfziger Jahre waren Murmeln ein Jungenspiel. Mein Bruder hatte seine Murmeln von Männern in der Familie geerbt und bewahrte sie in einer Blechdose auf. Mit ihrer Vielfalt an Grössen und Formen und ihren wunderbaren Farben waren sie für mich die schönsten Objekte. Wir spielten zusammen mit ihnen und oft klammerte ich mich aggressiv an der Murmel fest, die ich am liebsten mochte, und weigerte mich zu teilen. Wenn Vater bei der Arbeit war, war unsere zu Hause bleibende Mutter sehr zufrieden, uns zusammen Murmeln spielen zu sehen. Unser Vater hingegen, der unser Spiel aus einer patriarchalischen Perspektive betrachtete, empfand das, was er sah, als störend. Seine Tochter, angriffslustig und konkurrierend, war eine bessere Spielerin als sein Sohn. Sein Sohn war passiv; der Junge schien sich nicht wirklich darum zu scheren, wer gewann, und war bereit, auf Nachfrage Murmeln abzugeben. Vater entschied, dass dieses Spiel enden musste, dass sowohl mein Bruder als auch ich eine Lektion über angemessene Geschlechterrollen lernen mussten. Eines Abends erhielt mein Bruder von Vater die Erlaubnis, die Dose mit den Murmeln herauszuholen. Ich tat meinen Wunsch, zu spielen, kund und wurde von meinem Bruder informiert, dass «Mädchen nicht mit Murmeln spielen», dass es ein Jungenspiel sei. Das machte für meinen vier- oder fünfjährigen Verstand keinen Sinn und ich bestand auf meinem Recht zu spielen, indem ich Murmeln aufhob und sie schoss. Vater griff ein, um mir zu sagen, ich solle aufhören. Ich hörte nicht zu. Seine Stimme wurde immer lauter. Dann schnappte er mich plötzlich, brach ein Brett aus unserer Eingangstür, fing an, mich damit zu schlagen und sagte mir: «Du bist nur ein kleines Mädchen. Wenn ich dir sage, dass du etwas tun sollst, dann will ich, dass du es auch tust». Er schlug immer weiter auf mich ein und wollte, dass ich einsehe, dass ich verstanden habe, was ich getan hatte. Seine Wut und seine Brutalität fesselten die Aufmerksamkeit aller. Unsere Familie sass gebannt da, versunken in die Pornographie der patriarchalischen Gewalt. Nach dieser Prügelei wurde ich weggescheucht und gezwungen, allein im Dunkeln zu bleiben. Mama kam ins Schlafzimmer, um mich zu trösten, und sagte mir mit ihrer leisen südländischen Stimme: «Ich habe versucht, Dich zu warnen. Du musst akzeptieren, dass Du nur ein kleines Mädchen bist und dass Mädchen nicht das tun können, was Jungen tun.» Im Dienst des Patriarchats bestand ihre Aufgabe darin, zu bekräftigen, dass Vater das Richtige getan hatte, indem er mich zurechtgewiesen und somit die natürliche Gesellschaftsordnung wiederhergestellt hatte.

Die Lektion lernen

Ich erinnere mich so gut an dieses traumatische Ereignis, weil diese Geschichte in unserer Familie immer und immer wieder erzählt wurde. Es kümmerte niemanden, dass das ständige Nacherzählen posttraumatischen Stress bei mir auslösen könnte; das Nacherzählen war vielmehr notwendig, um sowohl die Botschaft als auch den erinnerten Zustand der absoluten Machtlosigkeit zu verstärken. Die Erinnerung an diese brutale Prügelstrafe für eine kleine Tochter durch einen grossen starken Mann diente nicht nur dazu, mich an meinen geschlechtsspezifischen Rang zu erinnern, es war eine Erinnerung an alle, die zugesehen hatten und sich erinnerten, an alle meine Geschwister, sowohl männlich als auch weiblich, und an unsere erwachsene Mutter, dass unser patriarchischer Vater der Herr im Haus war. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir, wenn wir seine Regeln nicht befolgten, bestraft würden, sogar bis zum Tod. Auf diese Weise wurden wir durch Erfahrung in der Kunst des Patriarchats unterwiesen. Nichts dieser Erfahrung ist einzigartig oder auch nur aussergewöhnlich. Hören Sie sich die Stimmen verletzter erwachsener Kinder an, die in patriarchalischen Häusern aufgewachsen sind, und Sie werden verschiedene Versionen des gleichen zugrundeliegenden Themas hören: das der Gewaltanwendung zur Festigung unserer Indoktrinierung und Akzeptanz des Patriarchats. In «How Can I Get Through to You?» (Wie komme ich durch zu Dir?) berichtet der Familientherapeut Terrence Real 2, wie seine Söhne in das patriarchalische Denken eingeführt wurden, obwohl ihre Eltern sich bemühten, ein liebevolles Zuhause zu schaffen, in dem antipatriarchale Werte vorherrschten. Er erzählt, wie sein jüngerer Sohn Alexander sich gerne als Barbie verkleidete, bis ein paar Jungs, die mit seinem älteren Bruder spielten, ihn in seiner Barbie-Rolle sahen und ihm durch ihren Blick und ihr schockiertes, missbilligendes Schweigen zu verstehen gaben, dass sein Verhalten inakzeptabel sei: «Ohne einen Hauch von Bosheit übermittelten die Blicke, die mein Sohn erhielt, eine Botschaft: Du solltest das nicht tun. Und das Mittel, mit dem die Botschaft übertragen wurde, war eine starke Emotion: Scham. Mit drei Jahren war Alexander dabei, die Regeln zu lernen. Ein zehnsekündiger wortloser Vorgang war so beeindruckend dass mein Sohn von diesem Moment an von einer geliebten Aktivität absah. Ich nenne solche Momente der Einweihung die ‘normale Traumatisierung’ von Jungen.» Um Jungen in die Regeln des Patriarchats einzuweisen, zwingen wir sie, Schmerz zu empfinden und gleichzeitig ihre Gefühle zu verleugnen.

Das psychologische Patriarchat

Meine Geschichten haben in den fünfziger Jahren stattgefunden, die Geschichten, die Terrence Real erzählt, sind aktuell. Sie alle unterstreichen die Tyrannei des patriarchalischen Denkens, die Macht der patriarchalischen Kultur, uns gefangen zu halten. Real ist einer der aufgeklärtesten Denker zum Thema der patriarchalischen Männlichkeit in unserer Gesellschaft und dennoch teilt er seinen Leserinnen und Lesern mit, dass er nicht in der Lage sei, seine Jungs ausserhalb der Reichweite des Patriarchats zu halten. Sie erleiden dessen Übergriffe, so wie es alle Jungen und Mädchen mehr oder weniger stark tun. Zweifelsohne gibt Real, indem er ein liebevolles Zuhause fernab von patriarchalischen Werten schafft, seinen Jungs zumindest die Wahl: Sie können wählen, sich selbst zu sein, oder sie können sich für die Konformität mit patriarchalischen Rollen entscheiden. Real verwendet den Begriff «psychologisches Patriarchat», um das patriarchalische Denken von Frauen und Männern zu beschreiben. Trotz des zeitgenössischen visionären feministischen Denkens, das deutlich macht, dass eine patriarchalisch denkende Person kein Mann sein muss, sehen die meisten Leute weiterhin Männer als das Problem des Patriarchats. Dies ist schlichtweg nicht der Fall. Frauen können genauso eng mit patriarchalischem Denken und Handeln verbunden sein wie Männer.

Spartacus und der Sklavenaufstand

von Valentina Malli, EBF, Tonino Perna, Ökonom und Soziologe sowie Förderer des Spartacus-Projekts, 01.07.2019, Veröffentlicht in Archipel 283

Spartacus, empört über die unmenschlichen Bedingungen, unter denen er und die anderen Gladiatoren festgehalten wurden, beschloss zu rebellieren und wurde der Führer einer der grössten Sklavenrevolten im alten Rom. Wir waren im Jahre 73 v. Chr. Heute zielt das Pilotprojekt Spartacus, das wir in diesem Artikel vorstellen, auf die Befreiung der neuen Sklav·inn·en ab: Migrant·inn·en, die in den Slums dieses höllischen Bermudadreiecks in Süditalien – zwischen Rosarno, San Ferdinando und Gioia Tauro – leben, in dem sämtliche Überreste von Menschlichkeit verloren gegangen sind. Träger·innen des Spartacus-Projekts sind der Verein Interculturale International House, die Monatsschrift Altreconomia, die Stiftung Vismara und die Genossenschaft Chico Mendes. Das Projekt Spartacus will in einer ersten Phase mindestens zwanzig der Geflüchteten, die in den Slums unter völlig unwürdigen Bedingungen leben, aus diesem Teufelskreis herausholen. Ausgewählt unter denjenigen mit den schwierigsten Lebensbedingungen werden sie während eines drei-monatigen Praktikums von einem Netzwerk verschiedener Verbände, Unternehmen und Kooperativen, welche die sozialen Rechte achten, betreut. Zuerst wird entweder eine berufliche Ausbildung eingeleitet, indem man den für die Person am besten geeigneten Arbeitsplatz findet, oder aber eine sozial-kulturelle Schulung, insbesondere eine sprachliche, denn das Erlernen der italienischen Sprache ist eine notwendige Grundlage für die Sozialisierung. Im Anschluss daran wird ein Arbeitsvertrag abgeschlossen. Durch dieses Pilotprojekt wird es möglich sein, aufgetretene Schwierigkeiten zu ermitteln, um damit das Verfahren zu verbessern und ein neues, umfassenderes Projekt zu formulieren, an dem viel mehr Menschen in den Gebieten Rosarno in Kalabrien, Nardo in Apulien und Comiso-Vittoria in Sizilien teilnehmen können. Ziel dieses nächsten Schrittes ist es, rund 300 Migrant·inn·en aus den Slums und Ghettos herauszuholen, ihnen ihre Würde zurückzugeben, das Netzwerk der Solidarwirtschaft auszubauen und Allianzen mit den ökologischen Verbänden des biologischen und biodynamischen Landbaus zu bilden. Es ist auch beabsichtigt, lokale Institutionen wie kleine Berggemeinden einzubeziehen, wo die Entvölkerung seit Jahrzehnten ein scheinbar unvermeidlicher Prozess ist. Im Mezzogiorno (der südliche Teil Italiens inklusive seine Inseln) sind mehr als 30 Prozent des Berglandes verlassen, das früher für den Anbau von Getreide, Olivenbäumen und Wein genutzt wurde. Emblematisch für die aktuelle Zerstörung natürlicher Ressourcen und Lebensgrundlagen – in einer Zeit, in der hochwertige Lebensmittel immer seltener werden – erscheint diese Entwicklung noch absurder. Es handelt sich um ein grosses Kulturgut, das im Laufe der Jahre durch den Klimawandel, die Nutzung durch die industrielle Landwirtschaft und das exponentielle Wachstum von Betonflächen verloren geht.

Andere Möglichkeiten schaffen

Spartacus will einen alternativen Agrar- und Ernährungssektor schaffen, der zeigt, dass eine andere Wirtschaft möglich ist, im Gegensatz zum Kapitalismus, der Natur und Menschen brutal ausbeutet. Es geht darum, aufzuzeigen, dass es in unserer Macht steht, ein Projekt der Erneuerung auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene zu formulieren, gerade auch dank der Mitarbeit von Migrant·in-n·en. Es sei daran erinnert, dass Kalabrien in den letzten zwanzig Jahren zwei Gesichter gezeigt hat: das eine ist das von Riace, das heute weltweit als das offene Dorf für Geflüchtete bekannt ist, das dank der Migrant·inn·en zu neuem Leben fand. Das andere ist die greifbare, beschämende und schreckliche Realität von Slums, Zeltstädten und verlassenen Hütten, in denen die Eingewanderten leben. In Rosarno und Umgebung gibt es fast 3‘500 Saisonarbeiter·in-nen, die den Produzent·inn·en von Orangen, Clementinen und Kiwis in der Region als Arbeitskräfte zu sehr niedrigen Preisen zur Verfügung stehen. Acht Jahre nach der grossen Revolte der eingewanderten Landarbeiter·innen in Rosarno und in der nahen Ebene von Gioia Tauro sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Ghetto der Wanderarbeiter·innen nahezu unverändert geblieben.1 Trotz der damaligen Proteste gegen inakzeptable Ausbeutung, Übergriffe und Misshandlungen dauert die verzweifelte Situation bis heute an. Neben dem von der Präfektur errichteten Zeltlager, das fast 400 Migrant·inn·en ermöglicht, mehr oder weniger anständig zu leben, hausen weitere 2‘000 Menschen weiterhin unter skandalösen Bedingungen.

Brutalste Ausbeutung

Die Ermordung des malischen Gewerkschafters Soumaila Sacko im Mai 2018 und die zahlreichen Brände, bei denen eine junge Nigerianerin, Becky Moses, und ein junger Senegalese, Moussa Ba, umkamen, hat das Leben der Migrant·inn·en zusätzlich zur Hölle gemacht. In der Ebene von Gioia Tauro (ehemalige Schwemmebene, die regenreichste tyrrhenische Zone Süditaliens) sind die klimatischen Bedingungen sehr schwierig. Die kalten und nassen Winter müssen die Migrant·inn·en in Slums zubringen: in Zeltlagern, die im Schlamm versinken, oder unter Plastikplanen und Wellblech-Resten als Obdach – ohne Sanitäranlagen, fliessendes Wasser oder Strom. Diese Menschen sind, trotz ihres Durchschnittsalters zwischen 20 und 30 Jahren, stark von Krankheiten betroffen, da sie den ganzen Tag über im Schlamm und in der Feuchtigkeit leben müssen. Für mehr als zehn Stunden Arbeit am Tag werden sie bloss mit zwanzig Euro bezahlt. Es handelt sich um brutale Ausbeutung, die sich von oben nach unten bis zu den Migrant·inn·en durchgesetzt hat; sie sind das letzte Glied einer Kette. So ist es beispielsweise das grösste multinationale Unternehmen im Lebensmittelsektor, Nestlé, (Produzent des Orangengetränks Fanta), das Orangen aus Rosarno für 8 Cent pro Kilo einkauft. Um diesen Preis zu ermöglichen, beutet der kleine Plantagenbesitzer, der vom multinationalen Unternehmen ausgebeutet wird, wiederum den Arbeiter/die Arbeiterin aus. Wenn wir dazu die unmenschliche Härte einiger Vorarbeiter und die Untätigkeit der Institutionen hinzufügen, ist das Bild vollständig. Wenn wir wollen, dass Riace auf der einen Seite neu auflebt, dann können wir auf der anderen Seite nicht unsere Augen vor dem Schandfleck Rosarno verschliessen, der zu Italien und zu Europa gehört. Um dieser dramatischen Situation ein Ende zu setzen und Hunderten von Menschen endlich den Zugang zu einem würdigen Leben zu ermöglichen, dazu wird es viele Jahre brauchen. Für Spartacus ist dies eine grosse und schwierige, aber nicht unmögliche Herausforderung.

Un fonds de dotation pour Notre Dame-des-Landes

01.07.2019, Veröffentlicht in Archipel 283

Depuis plusieurs années, à vrai dire, depuis quasiment ses débuts, nous relayons la lutte de la zad de Notre-Dame-des-Landes dans Archipel. Aujourd’hui, celles et ceux qui sont resté·es sur place tentent de péréniser les terres sauvées du projet d’aéroport, pour éviter qu’elles ne passent d’un usage industriel à l’autre, celui de l’agriculture productiviste. Nous ne pouvons que les soutenir dans cette démarche et vous invitons à en faire autant, en participant financièrement à l’achat des terres. (Voir plaquette jointe)

Der Ursprung der Welt

von Julia Jahnke, 01.06.2019, Veröffentlicht in Archipel 282

Lustig, manchmal beklemmend, historisch, politisch, radikal, konzentriert informativ, auf den Punkt gebracht: Der Comic «Der Ursprung der Welt» von Liv Strömquist handelt vom weiblichen Geschlechtsorgan.

Jean Ziegler – Bürger und Rebell

von Alexander Behr, EBF Österreich, 01.06.2019, Veröffentlicht in Archipel 282

Mit Jean Ziegler verbindet uns eine lange gemeinsame Geschichte, beginnend mit der Solidarität mit Geflüchteten aus Chile im Jahr 1973. Im April dieses Jahres feierte Jean Ziegler seinen 85. Geburtstag. Zu diesem Anlass veröffentlichte eine Gruppe Schweizer Autor·inn·en einen Sammelband mit über zwei Dutzend Beiträgen1. Neben Personen, die mit Jean Ziegler eine jahrzehntelange gemeinsame Geschichte verbindet, schrieben auch jüngere Autorinnen und Autoren. Wir bringen hier in zwei Teilen den Beitrag von Alexander Behr.

Die Kraft der kollektiven Intelligenz

Jean Ziegler hat Wien immer wieder besucht und mit seinem Denken und Wirken vielen Menschen in sozialen Bewegungen und in der Zivilgesellschaft, in fortschrittlichen Parteien, Gewerkschaften, Kirchgemeinden und Vereinen sowie an den Universitäten wichtige Denkanstösse geliefert. Unermüdlich streitet Jean Ziegler auch im österreichischen Radio, in Talkshows und Zeitungen für eine gerechtere Gesellschaft. Seine Bücher werden breit rezipiert und vor allem von jungen Menschen viel gelesen. Der Revolutionär müsse, sagt Jean Ziegler, Marx zitierend, in der Lage sein, das «Gras wachsen zu hören». Er oder sie muss also die gesellschaftsverändernden, emanzipatorischen Tendenzen zunächst analysieren und begreifen, danach verstärken und verknüpfen. Zwei seiner Interventionen in Wien vor einiger Zeit schienen von diesem Marx‘schen Leitsatz ganz besonders inspiriert zu sein – und waren somit für uns und unsere Stadt von besonderer Bedeutung. Es wäre zwar masslos übertrieben zu behaupten, dass in den letzten Jahrzehnten wesentliche revolutionäre Impulse ausgerechnet von Wien ausgegangen wären. Doch bei zwei Anlässen war unmittelbar spürbar, wie wichtig Zieglers Kritik im «Handgemenge» ist, mit der er seit so vielen Jahren in die öffentliche Debatte eingreift.

Ort der kritischen Wissens-produktion

Im November 2009 besetzten Studierende der Universität Wien den grössten Hörsaal der Universität, das Audimax. Damit protestierten sie gegen die Bologna-Reformen, die Beschränkungen des Hochschulzuganges und die neoliberale Zurichtung der Hochschulen. Wien war damals tatsächlich Ausgangspunkt für europaweite Studierendenproteste. Allein in Deutschland wurden nach der Besetzung des Wiener Audimax an über siebzig Hochschulen und Universitäten Hörsäle und weitere Räume besetzt. Jean, der für einen Vortrag nach Wien gereist war, erachtete es als selbstverständlich, sich mit den Protesten zu solidarisieren. Studierende, Lehrende und ausseruniversitäre Aktivistinnen und Aktivisten drängten sich in den bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal. Zieglers Vortrag war einmal mehr mitreissend; seine Sprache präzise und detailreich, gleichzeitig verblüffend klar und schnörkellos. Eine kritische Universität, so Ziegler in seinem Vortrag, müsse die Waffenschmiede der analytischen Intelligenz sein. Intellektuelle sind Produzent·inn·en von symbolischen Gütern, also von Bewusstseinsinhalten. Universitäten sind der Ort, an dem der theoretische Klassenkampf geführt werden muss. Da die Errungenschaften der kritischen und freien Universität heute gefährdet sind, sei es unsere Aufgabe, gegen das Konkurrenzdenken zwischen den Studierenden anzukämpfen, denn dieses blockiere Lernprozesse und sei deshalb ein wesentliches Hindernis für die Herausbildung kollektiver Intelligenz. Gegenüber dem vorherrschenden, fraktionierten Wissen, das es verunmöglicht, Kausalzusammenhänge zu erforschen, müssten wir die Vielfachkrise unserer Gesellschaft analysieren und Alternativen zum Kapitalismus entwickeln. Es war und ist die Leidenschaft seines gesprochenen und geschriebenen Wortes, das so viele von uns begeisterte und nach wie vor begeistert. Jean Ziegler gelingt es stets, eine Sprache zu finden, die in der Analyse nicht unterkomplex oder – im schlechten Sinn des Wortes – populistisch ist. Gleichzeitig spricht und schreibt Ziegler nie so abgehoben oder verschwurbelt, dass seine Zielsetzung, nämlich das Wecken der kritischen Vernunft bei den Leserinnen und Lesern, verfehlt wird. Kurz: Jean Zieglers Werk ist für kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie für Aktive in den sozialen Bewegungen unverzichtbar. Bei unzähligen Diskussionsveranstaltungen, Fernseh- und Radiosendungen und in persönlichen Gesprächen hat Jean Ziegler häufig zitiert, was ihm einst Che Guevara, dessen Fahrer er im Jahr 1964 während der «Zuckerkonferenz» in Genf war, mit auf den Weg gab. «Comandante, ich will mit euch gehen», hatte der junge Ziegler gesagt und erhielt von Che prompt eine gewaltige Abfuhr. Hier, im Herzen der Bestie, solle er kämpfen, und nicht an Orten und unter Bedingungen, für die er in keinster Weise geeignet sei. Jeder, so das Credo des Comandante, müsse dort kämpfen, wo er oder sie sei. Ziegler betonte immer wieder, wie enttäuscht und gekränkt er damals war – doch die Aufforderung des Che öffnete für ihn ein riesiges Handlungsfeld. Ziegler begab sich auf den Weg der, wie er es nennt, «subversiven Integration» in die Institutionen. Denn ganz offensichtlich – so auch meine Überzeugung – reicht es für eine sozial-ökologische Transformation, ja für eine Revolutionierung der Gesellschaft nicht aus, einen ausschliesslich ausserinstitutionellen Kampf zu führen. Es geht darum, die gesellschaftliche Hegemonie zu erkämpfen. Dabei müssen verschiedene Strategien produktiv zusammenwirken: soziale Bewegungen, NGOs, progressive Parteien und Kirchengemeinden, Menschen in Gewerkschaften und staatlichen Apparaten und auch progressive Unternehmerinnen und Unternehmer müssen in einer Art innerlinken Arbeitsteilung Synergien entwickeln. In dieser Arbeitsteilung spielen zweifelsohne die Universitäten bis heute eine wichtige Rolle. Auch wenn sie vom Gift des Neoliberalismus angegriffen werden, erweisen sie sich rund um den Globus immer noch als Hort des kritischen Denkens. Die Universität müsse, so Ziegler in seiner Rede im Audimax vor rund zehn Jahren, junge Menschen mit Waffen ausstatten. Diese Waffen seien die analytische Vernunft und das kritische Denken. Allein diese/sie wären in der Lage, Transparenz in angeblich naturgesetzlich legitimierten Herrschaftssystemen zu schaffen und diese letztlich radikal zu verändern. Jean Ziegler begreift auf herausragende Weise, dass Gesellschaftskritik – in den Worten von Marx – als «Kopf der Leidenschaft» entwickelt werden muss und nicht als blosse «Leidenschaft des Kopfes» (Marx 1843/44: 380). Denn Kritik wurzelt immer auch in einem Affekt, nämlich dem Affekt der Empörung über die Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse; Kritik vermag somit anzuregen. Ihr Nein ist niemals gleichgültig. Jean Ziegler brachte dies im Audimax und in vielen weiteren Reden stets auf den Punkt.

Imperiale Lebensweise

Der analytische und politische Begriff der «imperialen Lebensweise», der von Ulrich Brand und Markus Wissen geprägt wurde, steht in der kritischen Denk- und Handlungstradition Jean Zieglers. Er besagt im Wesentlichen, dass die meisten Menschen im Globalen Norden, also in den reichen, westlichen Industrienationen, sowie eine wachsende Zahl an Menschen in den sogenannten «Schwellenländern», auf Kosten des grössten Teils der Menschheit und der Umwelt leben. Um die «imperiale Lebensweise» zu stabilisieren, werden systematisch Menschenrechte verletzt, Bauern und Bäuerinnen sowie indigene Gruppen von ihrem Land vertrieben, die natürlichen Ressourcen werden ausgeplündert und der Klimawandel weiter angeheizt. All diese Dinge geschehen nicht «zufällig», sie sind auch nicht allein der Habgier und Machtbesessenheit der herrschenden Eliten zuzuschreiben: Es handelt sich vielmehr um ein Strukturmerkmal des Kapitalismus. Der Wachstumsimperativ, der ihm innewohnt, nimmt keine Rücksicht auf Menschenrechte, Umwelt und Klima. Karl Marx schrieb im ersten Band des Kapitals: «Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter» (Marx 1867: 530). Für sehr viele Menschen – Jean Ziegler wird nicht müde, in seinen Worten darauf hinzuweisen – bedeutet die Persistenz und Vertiefung der imperialen Lebensweise eine fortschreitende Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen und eine Verfestigung von Abhängigkeitsverhältnissen. Kapitalistische Globalisierung und die globale Ausweitung der imperialen Lebensweise erhöhen den Bedarf an natürlichen Ressourcen immer weiter. Die Konkurrenz um Land, etwa in Afrika, nimmt zu. Damit stehen Profitinteressen vor der Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Ökoimperiale Spannungen verschärfen sich, und in dem Mass, wie sich die imperiale Lebensweise ausbreitet und das Aussen, auf das sie angewiesen ist, schrumpft, schaufelt sie sich ihr eigenes Grab. Die imperiale Lebensweise ist aber auch eng mit den Konsumgewohnheiten in den Industrie- und Schwellenländern verknüpft. Diese Konsumgewohnheiten sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind vielmehr das Produkt sozialer Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Wie kam es dazu? Um ihre revolutionären Bestrebungen zu befrieden, gaben die Herrschenden den Forderungen des europäischen Industrieproletariats nach langen und entbehrungsreichen Kämpfen in Teilen nach: Der Manchesterkapitalismus und mit ihm die schrecklichen Zustände, wie sie Friedrich Engels in seiner berühmten Studie zur Lage der englischen Arbeiterklasse beschrieben hat, sind in den Ländern des Globalen Nordens weitgehend verschwunden, wenn auch besorgniserregende Tendenzen der Rückkehr solcher Arbeitsverhältnisse zu beobachten sind, vor allem für Migrantinnen und Migranten. Rekurrierend auf den italienischen Theoretiker Antonio Gramsci vertrete ich die Auffassung, dass die Hegemonie der kapitalistischen Wirtschaftsweise in den westlichen Ländern nur stabilisiert werden konnte, indem den Forderungen der organisierten Arbeiter·innenklasse nach Lohnerhöhungen und halbwegs erträglichen Arbeitsbedingungen schrittweise stattgegeben wurde. Ein immer grösserer Teil der Bevölkerung dieser Regionen konnte nun am Wohlstand teilhaben: Autos, ein Eigenheim mit Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine, Flugreisen, erhöhter Fleischkonsum sowie Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit wurden für die nordamerikanischen und europäischen Massen seit dem Ende der 1950er Jahre üblich. In jüngster Zeit kommen dazu noch Handys, Computer und andere elektronische Geräte, deren Lebensdauer meist relativ kurz ist. Die Arbeiter·innenklasse in den sogenannten «entwickelten Ländern» konnte also materielle Verbesserungen erkämpfen, war aber gleichzeitig mit einer sich akzentuierenden Entfremdung in der Arbeitswelt und autoritären Geschlechterverhältnissen konfrontiert – Entwicklungen, die vor allem von Intellektuellen wie Ernst Bloch, Silvia Federici und der Generation der «68er» thematisiert wurden. Die materiellen Errungenschaften der europäischen Arbeiter·innenklasse hatte aber einen noch viel fataleren Preis: Die Ausbeutung und Knechtung des Südens wurde auf perfide Art weiter intensiviert. Der Wohlstand der Massen der Ersten Welt ruht also strukturell auf dem Rücken der Dritten Welt, obwohl Sklaverei und Kolonialismus formell nicht mehr existieren. Seit den 1970er Jahren sind es Strukturanpassungsprogramme, Verschuldung, Land Grabbing, die einseitige Abhängigkeit vom Export fossiler Energieträger und Mineralien sowie die Auslagerung der dreckigen, gefährlichen und gesundheitsgefährdenden Arbeiten in Sweatshops, die die Länder des Südens beuteln. Für einen Teil der Bevölkerung konnte zwar ein gewisser materieller Wohlstand generiert werden. Der Aufstieg der Mittelschichten in den Schwellenländern vertiefte allerdings die Spaltung der Gesellschaften bis heute weiter – die Wahl des ultrarechten Kandidaten Jair Bolsonaro in Brasilien verdeutlicht diese Tendenz. Dazu kommen die sich verschlimmernden Auswirkungen des Klimawandels, befeuert vom exzessiven CO2-Ausstoss der Industrie- und Schwellenländer. Um die ökologischen Grenzen des Planeten nicht zu überschreiten, dürfte jedes Individuum heute nur mehr 2,5 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen. Der Durchschnitt in Mitteleuropa liegt allerdings heute bei rund 11 Tonnen pro Jahr! Gleichzeitig stehen wir vor der fatalen Situation, dass die Wohlstandsinseln mit militärischer Gewalt vor Kriegsflüchtlingen, Armutsmig-rant·inn·en und den Betroffenen des Klimawandels verbarrikadiert werden. Zehntausende Menschen sterben deshalb auf ihren Fluchtrouten nach Europa oder in die USA.

Die Rolle der Sozialdemokratie

Bemerkenswert und besonders tragisch in diesen gesellschaftlichen Prozessen ist die Rolle der Sozialdemokratie, auf die Jean Ziegler immer wieder verweist. Es gelang ihr zwar nach entbehrungsreichen Kämpfen, die Interessen der europäischen Arbeiterinnen und Arbeiter in das westliche Fortschrittsmodell einzubinden. Sie versäumte es aber auf katastrophale Weise, einen wirklichen Wandel in den Köpfen herbeizuführen. Die Sozialdemokratie blieb im fordistischen Klassenkompromiss, der Idee des Nationalstaats und seiner identitären Bindung verhaftet. So fehlt in den Gesellschaften des Westens heute weitgehend ein internationalistisches, ja globales Bewusstsein. Ganz im Gegenteil: Für die Aufrechterhaltung der Konsumgesellschaft in den westlichen Ländern ist die neokoloniale Zurichtung unzähliger Länder des Südens eine notwendige Voraussetzung. Genau dadurch wird die Herausbildung eines gemeinsamen Klasseninteresses verhindert. Die Spaltung der globalen Arbeiter·in-nenklasse wurde zudem durch die Ideologie des Rassismus noch ungemein vertieft. So schrieb auch Jean Ziegler in seinem im Jahr 2015 erschienenen Buch «Ändere die Welt!»: «Die Integration der europäischen Arbeiter in die Strategie und das imperialistische Projekt war der Tod aller Theorie, aller praktischen Solidarität mit den unterjochten Klassen der Dritten Welt» (S. 120). Für diesen fatalen Fehler zahlen die sozialdemokratischen Parteien aktuell einen hohen Preis. Anstatt sich mit Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten aus den Ländern des Südens zu solidarisieren, lassen sich immer mehr Menschen von der Angst anstecken, die von rechten und rechtsextremen Parteien geschürt wird. Die sozialdemokratischen Parteien setzen dieser Tendenz nichts entgegen – im Gegenteil: Sie bewegen sich selbst immer weiter nach rechts. Viele Menschen stimmen auf diese Weise nicht nur für eine menschenverachtende, nationalistische Politik, sondern im Grunde auch gegen ihre eigenen Interessen. Denn der gesellschaftliche Reichtum wird nicht nur vom Süden in den Norden transferiert, sondern seit mehreren Jahrzehnten innerhalb der reichen Gesellschaften auch von unten nach oben. Die Sozialdemokratie ist hier willfährige Komplizin. Dagegen müssen wir uns organisieren und wieder für die Herausbildung eines internationalistischen Bewusstseins kämpfen. Es ist des Weiteren äusserst wichtig, durch partizipative und differenzierte Bildungsarbeit im Alltagsverstand der Menschen das Wissen zu verankern, dass die strukturellen Ursachen für Flucht und Migration eng mit der imperialen Lebensweise im Westen verwoben sind. Allgemeingut werden muss das Wissen, dass auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen ein irrationales, profit- und wachstumsgetriebenes Wirtschaftssystem wie der Kapitalismus in den Untergang führt. Last, but not least gilt es immer wieder zu unterstreichen, dass heute niemand mehr hungern oder materielle Not leiden müsste. Jean Ziegler ist meiner Ansicht nach einer der fundiertesten Kritiker der heutigen «imperialen Lebensweise», obwohl er den Terminus – bislang – nicht in sein Begriffsinstrumentarium eingeführt hat.

Selbstverwaltung in Bewegung

von Backe, 01.06.2019

Organisiert von RiMaflow* und «FuoriMercato-Selbstverwaltung in Bewegung» fand von 12. bis 14. April 2019 in Mailand in RiMaflow das Dritte Euromediterrane Treffen der Arbeiter·innenökonomie statt. 250 Teilnehmer·innen aus 13 Ländern (Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Kurdistan, Russland, Slowenien, Spanien, Ungarn sowie Argentinien und Brasilien) verbrachten drei intensive Tage des Austauschs: Arbeiter·innen angeeigneter Fabriken, Vertreter·innen von Basisgewerkschaften, Arbeitskollektiven, landwirtschaftlichen Projekten, feministischen Kollektiven, Vertriebskollektiven und anderen Initiativen..

Renaissance der Arbeiterselbstverwaltung

Massenhafte Aneignungen von Fabriken durch die Arbeiter·innen gab es schon in der Geschichte: während der Pariser Kommune 1871, in den revolutionären Kämpfen in Russland 1917, in Norditalien 1920, im Spanien der 1930er Jahre. In diesen Kämpfen ging es allerdings um mehr als um die Sicherung von Arbeitsplätzen. Sie fanden in Krisen der Herrschaftssysteme statt, waren Ausdruck der Stärke und Offensive der Arbeiter·innenbe-wegung, der Zuspitzung der Klassenkämpfe und der Übernahme der ökonomischen und politischen Macht durch die unterdrückten Klassen. In den letzten Jahrzehnten – geprägt durch eine überwiegend defensive Haltung der Arbeiter·innenorganisationen – gab es nur noch wenige, meist kurzlebige Versuche der Aneignung und Selbstverwaltung.

Der Frauenstreik in der Schweiz

von Constanze Warta und Claude Braun, EBF, 01.05.2019, Veröffentlicht in Archipel 283

Am 14. Juni 2019 wohnten wir der grössten politischen Mobilisierung in der Schweiz seit dem Generalstreik von 1918 bei. Im Archipel 281 berichteten wir über die Hintergründe und die Forderungen des Frauenstreiks. Sowohl die politische Situation auf der Welt und in der Schweiz als auch eine noch nie dagewesene Breite des Vorbereitungsbündnisses führten dazu, dass insgesamt über eine halbe Million Menschen in beinahe allen Städten der Schweiz auf die Strasse gingen. Die Liste der Städte und die Anzahl der Demonstrierenden und Streikenden sind viel zu lang für diesen kurzen Bericht. Einige grosse nationale Kundgebungen hatten in den letzten Jahrzehnten an die 50‘000 Menschen zu einem Thema zusammenbringen können, z.B. der Fichenskandal 1990 oder Tschernobyl 1987. Anfang des Jahres konnten die Klimastreik-Demonstrationen der zumeist jungen Protestierenden an die 100‘000 zur Teilnahme bewegen. Nun waren es aber zum Frauenstreik gleich fünf beziehungsweise zehn Mal mehr. Ein ungeheurer Erfolg! Aber nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Proteste war absolut einmalig. Die Breite der Forderungen, die altersmässige und soziale Durchmischung der Protestierenden und die Mischung aus Wut, Witz und Solidarität waren beeindruckend. Für alle Teilnehmenden wird dieser Anlass sicherlich eine unvergessliche Erinnerung und Energiequelle sein – dieser Tag hat sich als motivierender Schub in unzähligen Bäuchen und Köpfen eingeprägt.

Veränderungen

Wir sind wie viele andere davon überzeugt, dass diese Mobilisierung für die Rechte der Frauen einiges verändern wird. Es ist ja schon seit einiger Zeit spürbar, dass die politische Agenda zum Teil von dieser Thematik geprägt und bestimmt wird. Der Ständerat hingegen, mit seinen mehrheitlich älteren, weissen Herren, hat die Notwendigkeit weitgehender Veränderungen noch nicht in wegweisende Entscheide münden lassen und sich vorläufig nur zu kleinen Zugeständnissen bezüglich Vaterschaftsurlaub und Vertretung von Frauen in der Wirtschaft durchgerungen. Eine Aktivist·in-n·en-Initiative, die eine Unterschriftensammlung für eine 24-wöchige Elternzeit, zusätzlich zum heute geltenden 14-wöchigen Mutterschutz, angehen will – für besagte Herren bis heute eine unvorstellbare Idee – wird nun sicher ihren Weg machen. Und hier ein paar der auf verschiedene Weise ausgedrückten Forderungen zur Illustrierung: «Schluss mit dem Patriarkater»; eine behinderte Frau im Rollstuhl trug das Plakat «Jahrgang 1929. Es eilt!», «Herrschaft Frau streikt»; katholische Frauen trugen die Aufschrift «Vatikan – Mutti auch»; «We can strike back» mit einer Popeye-verwandten Figur; «Lieber Gleichstellung statt später» und zu guter Letzt der Klassiker, der bereits 19911 stark sichtbar war: «Wenn Frau will, steht alles still».

Die Straze, mehr als ein Haus

von Torsten Galke, 01.05.2019, Veröffentlicht in Archipel 281

Das Initiativenhaus STRAZE in der Stralsunder Strasse in Greifs-wald ist aus der Idee entstanden, in einer Region, die viele als abgehängt betrachten, etwas zu tun, was als unmöglich gilt. Wie lässt es sich selbstverwaltet, solidarisch und weltoffen leben und arbeiten in einer Gegend, in der die rechtsextreme AfD ihre besten Ergebnisse einfährt (46,8 Prozent in Peenemünde) und sich alte und neue Nazis in den schon unter Hitler angeregten Siedlungsräumen engagieren? Seit der Wende kämpft das Flächen- und Agrarbundesland Mecklenburg-Vorpommern (MV) mit dem Braindrain, der massenhaften Abwanderung von gebildeten Fachkräften, vor allem Frauen, die in die Metropolen oder besser gestellten Regionen wie Süddeutschland oder in die Schweiz gehen. Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sind fast vollständig wegautomatisiert worden. Industrie gibt es so gut wie nicht. Nur der Tourismus funktioniert einigermassen, aber auch dort werden die Arbeitskräfte schlecht bezahlt.

Frauenstreik in der Schweiz

von Guite Theurillat, 01.05.2019, Veröffentlicht in Archipel 281

Von Worten zum Streik – am 14. Juni 2019 werden die Frauen in der Schweiz streiken! Obwohl die Gleichstellung seit 1981 in der Bundesverfassung verankert ist, bestehen in der Schweiz trotz eines politisch korrekten Gleichstellungsdiskurses weiterhin Sexismus, Lohnungleichheiten und Gewalt gegen Frauen. Auf der ganzen Welt erleben wir eine Erneuerung der feministischen Bewegungen: In den Vereinigten Staaten, Spanien, Island und Polen sind Frauen auf die Strasse gegangen, um ihre Rechte durchzusetzen. In der Schweiz haben bereits 1991, am 14. Juni, zehn Jahre nach Inkrafttreten des Verfassungsartikels zur Gleichstellung, Frauen gestreikt und 500‘000 Menschen mobilisiert. Ausgegangen war die Revolte von einigen Arbeiterinnen einer Uhrenfabrik im «Vallée de Joux» im Schweizer Jura. An diesem Tag verschränkten die Frauen ihre Arme, nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch zu Hause. Sie hörten auf zu putzen, hingen ihre Besen an die Fenster, kochten nicht und kümmerten sich nicht um die Kinder. Durch diesen Streik erzielten Frauen konkrete Ergebnisse wie das Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frauen und Männern, Mutterschaftsurlaub, Splitting und Bildungsprämie in der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), die sogenannte « Abtreibungsfristenlösung» und Massnahmen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt. Diskriminierung Trotz dieser Fortschritte gibt es immer noch viele Ungleichheiten – hier einige Beispiele aus dem «Manifest für den feministischen und Frauenstreik»1: • Löhne: Frauen verdienen immer noch durchschnittlich 19 Prozent weniger als Männer. Infolge dieser Ungleichheiten erleiden Frauen häufiger Prekarität, Arbeitslosigkeit und Armut. Die Arbeitsplätze «von Frauen» werden abgewertet. Wir fordern gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit, eine Überprüfung des Gleichstellungsgesetzes, einschliesslich Kontrollen von und Sanktionen gegen Unternehmen, die die Lohngleichheit missachten. • Ruhestand: Die Diskriminierung während des gesamten Arbeitslebens hat verheerende Folgen im Rentenalter. Die Kluft zwischen Männern und Frauen2 beträgt bei den AHV-Renten (1. Säule) 2,7 Prozent, bei den Betriebsrenten (2. Säule) hingegen 63 Prozent. Unter dem Vorwand der Gleichstellung sollten Frauen, während sie 19 Prozent weniger verdienen als Männer, ein weiteres Jahr arbeiten (von derzeit 64 Jahren auf dann 65 Jahre nach dem vom Bundesrat vorgesehenen Projekt der beruflichen Vorsorge 2021). Wir lehnen jede Erhöhung des Rentenalters von Frauen ab und fordern Renten, die es uns ermöglichen, in Würde zu leben. Wir fordern auch, dass die häusliche Arbeitszeit bei der Berechnung unserer Renten berücksichtigt wird. • Haushaltsarbeit: Im Durchschnitt leisten Mütter 53 Stunden Haushalts- und Familienarbeit pro Woche, im Vergleich zu 29 Stunden bei den Vätern. Das Gen für die Hausarbeit ist nicht Teil unserer DNA und doch wird es hauptsächlich uns zugeordnet. Diese Arbeit ist so entwertet, dass sie unsichtbar wird. Sie ist jedoch für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich. Wir fordern, dass die Hausarbeit geteilt und anerkannt wird, insbesondere in der Sozialversicherung. • Körperliche und/oder sexuelle Gewalt: In der Schweiz sterben monatlich zwei Frauen unter den Schlägen ihres (ehemaligen) Partners. Jede fünfte Frau erfährt während ihres Lebens körperliche und/oder psychische Gewalt in einer Beziehung. Wir alle sind auch von Belästigungen am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten, auf der Strasse oder in sozialen Netzwerken betroffen. Wir sind auch homophoben Angriffen ausgesetzt. Wir müssen uns diese Gewalt nicht gefallen lassen. Wir fordern einen nationalen Plan zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt, der unsere Sicherheit und die unserer Kinder gewährleistet. Belästigungen müssen politisch bekämpft und nicht nur moralisch verurteilt werden. • Migrantinnen: Aufgrund einer globalisierten Wirtschaft, die ihre Herkunftsländer verarmt, sowie von Kriegen und Gewalt, unter denen sie leiden, kommen Migrantinnen in die Schweiz und sind auf Haus- und Pflegearbeit beschränkt. Ihre Ausbildungen und Abschlüsse werden nicht anerkannt. Unsichtbar führen sie unerkannte und ungewürdigte Aufgaben aus. Ohne Aufenthaltsstatus für einige. Wir fordern einen echten Zugang zur Justiz, ohne die Gefahr der Abschiebung. Wir verlangen Rechtsvorschriften, welche arbeitende migrantische Frauen vor den vielfältigen Formen von Diskriminierung schützen, denen sie ausgesetzt sind. • Asylbewerberinnen: Das Asylrecht berücksichtigt keine geschlechtsspezifischen Gewalttaten, weder im Herkunftsland, noch während der Flucht oder im Aufnahmeland. Die erlittene Gewalt ist oft unaussprechlich, und wenn sie doch benannt wird, wird weggehört. Das Aufenthaltsrecht hängt von jenem des Ehepartners ab: eine inakzeptable Logik. Wir fordern Asyl, unabhängig von Familienstand, Hautfarbe, Nationalität, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder religiöser Zugehörigkeit. • Geschlechterstereotype in der Schule: Die Bildungs- und Berufswege junger Menschen sind von Werten, Normen, Regeln, Unterstützung, pädagogischen Mitteln, Lehrinhalten und Lehrbüchern geprägt. Wir fordern, dass die Schule ein Ort der Emanzipation und Förderung der Gleichberechtigung mit inklusiver Sprache, kritischer pädagogischer Ausbildung sowie vielfältigen Frauen- und Familienmodellen wird. • Arbeitslosigkeit: In der Schweiz gibt es, wie in anderen europäischen Ländern, eine «weibliche Mehrarbeitslosigkeit», bei der Frauen proportional häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind, während sie bei den «Regionalen Arbeitsvermittlungszentren» (RAV) seltener registriert sind. Darüber hinaus gibt es immer wieder Diskriminierungen hinsichtlich der Eignung für eine Vermittlung. Frauen sind besonders betroffen, wenn sie Mütter mit kleinen Kindern sind. Zwei Praktiken der RAV sind besonders schockierend: Zuweisungen zu Massnahmen nach einem Mutterschaftsurlaub und bei der Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub wird ein Nachweis über die Kindesbetreuung benötigt. Wir verlangen ein Ende dieser Ungleichbehandlung. • Nach einem Mutterschaftsurlaub: Die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach dem Mutterschaftsurlaub kann ein kritischer Schritt sein. Viele Mütter werden nach ihrer Rückkehr entlassen oder an einen anderen, oft weniger interessanten und schlechter bezahlten Arbeitsplatz versetzt oder es wird ihnen eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit verweigert. Diese Situationen zwingen sie, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Damit Frauen weiterhin ihrer Arbeit nachgehen können, ist es unerlässlich, die Kinderbetreuung weiterzuentwickeln – auch für Eltern mit atypischen Arbeitszeiten und durch Zugang zu Personen, die kranke Kinder zu Hause betreuen können. Ist der Streik zulässig? In den Kantonen Waadt und Jura wird der Streik erlaubt sein. Die teilnehmenden Mitarbeiterinnen werden nicht bezahlt, sondern alles wird wie üblich bei einem Streik gehandhabt. In den anderen Kantonen hingegen gehen die Arbeitgeber davon aus, dass es eine grosse Beteiligung am Frauenstreik geben wird. Daher raten sie den Arbeiterinnen, die am Streik teilnehmen möchten, am 14. Juni Urlaub zu nehmen – bezahlt oder unbezahlt. Der Minimalbetrieb muss gewährleistet sein. Es ist zu hoffen, dass Männer an diesem Tag die Arbeit der Frauen übernehmen werden. Ob in Unternehmen, zu Hause, in Kindertagesstätten, etc. Am Streik teilnehmen Der Streik ist den ganzen Tag über geplant mit folgenden Höhepunkten: • um 11.00 Uhr: Alle Frauen unterbrechen die Arbeit und treffen sich an ihrem Arbeitsplatz, in ihrer Nachbarschaft, an verschiedenen Orten und Plätzen in ihrer Stadt oder ihrem Dorf. • um 15.24 Uhr: zweiter Moment des nationalen Streiks: symbolische Zeit, ab der Frauen nicht mehr bezahlt werden (20 Prozent Unterschied bei den Löhnen). • ab 17:00 Uhr: Demonstrationszüge und Redebeiträge in den Städten. Wir sind alle betroffen – Frauen wie Männer. Lasst uns gemeinsam Gleichheit fordern. Und wie isländische Frauen sagen: «Lasst uns die Gesellschaft verändern, nicht die Frauen.»

Kampagne gegen die LGBT-Community

von Jan Opielka, Gliwice, n-ost Korrespondent, 01.05.2019, Veröffentlicht in Archipel 281

Mit der Angst vor Flüchtlingen kann man in Polen derzeit politisch nur bedingt punkten – deshalb schiesst sich die polnische Regierung vor den anstehenden Europawahlen auf eine neue Minderheit ein: Schwule und Lesben und ihre «bolschewistischen LGBT-Organisationen». Es ist Wahlkampf in Polen. Im Mai stehen die Europawahlen an, im Herbst die hiesigen Parlamentswahlen. Der regierenden, nationalkonservativen Partei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) bläst trotz der wirtschaftlich guten Situation im Land ein scharfer Wind ins Gesicht – Umfragen deuten darauf hin, dass die Oppositionsparteien beim EU-Votum Ende Mai siegen könnten. Aus den Erfahrungen des Jahres 2015 weiss die PiS, dass sie für einen Wahlsieg die Mischung braucht: die Versprechen notwendiger Reformen, gepaart mit der Polarisierung – und einem Feindbild. Im Jahr 2015 waren es die syrischen Flüchtlinge, bei denen PiS-Chef Kaczynski «Parasiten in den Organismen dieser Menschen» vermutete. Die PiS gewann, haushoch.

La vérité a un prix

von Selim Eskiizmirliler*, 01.05.2019, Veröffentlicht in Archipel 282

Celui-ci est inversement proportionnel au niveau de la démocratie, comme en témoigne l’exemple de la pétition des universitaires pour la paix en Turquie. Depuis l’adoption de la Déclaration universelle des droits humains, le 10 décembre 1948 à Paris, l’article 19, qui régit le droit à la liberté d’opinion et d’expression, continue à être un critère principal pour évaluer le niveau de démocratie d'un pays. Le prix que le régime d’Erdogan continue à faire payer actuellement aux universitaires pour la paix en Turquie en donne une preuve exemplaire. Le 11 janvier 2016, 1128 universitaires de Turquie ont signé une pétition intitulée «Nous ne serons pas complices de ce crime» pour dénoncer les violations des droits humains commises entre juin 2015 et janvier 2016, lors des opérations militaires qui ont fait plus de 1700 morts dans les villes du sud-est de la Turquie, suite à l’arrêt du processus de paix et à la perte de la majorité par l’AKP (le parti pro-islamiste d’Erdogan) à l’Assemblée nationale après les élections du 7 juin 2015. Au lendemain de la publication de la pétition, la réponse d’Erdogan a été d’accuser les signataires d’être des traîtres, des terroristes, des collaborateurs de l’organisation politique et de l’armée kurde PKK (désignée comme «terroriste» par la Turquie), de les traiter de pseudo-intellectuel·les, et d’ordonner la prise immédiate de toutes les mesures judiciaires, policières et administratives contre ces dernier·es. Le nombre final des signataires du texte qui a été envoyé à l’Assemblée nationale quatre jours plus tard était de 2237.