GAZA: Gaza Community Kitchen

von Gal Karniel, EBF, 12.02.2026, Veröffentlicht in Archipel 355

Seit dem Angriff der Hamas auf Israel und der schrecklichen Zerstörung, die der darauffolgende Krieg mit sich brachte, lebt Noa mit einem bitteren Gefühl der Absurdität: «Wie kommt es, dass wir so weit weg sind von den Menschen in Gaza, gefangen in der Gewohnheit der Trennung, obwohl wir nur eine halbe Stunde voneinander entfernt sind. Und nicht nur das, wir sind nur einen Handybildschirm und eine WhatsApp-Nachricht voneinander entfernt, als ob wir, wenn wir wollten, einfach miteinander sprechen könnten.»

Aber sie unternahm nichts, bis sie eines Tages eine Nachricht von Mohammed erhielt.

«Hallo Noa, ich bin Mohammed, dein Freund aus Gaza.» «Hallo Mohammed, ich bin Noa, deine Freundin aus Tel Aviv.»

Nach dem 7. Oktober 2023 schickt Mohammed über soziale Netzwerke eine Nachricht aus Gaza an Noa, die in Tel Aviv lebt. Sie kennen sich nicht. Noa befürchtet, dass es sich um einen Betrugsversuch handelt, beschliesst aber dennoch zu antworten. Mohammed ist einer von tausenden Menschen in Gaza, die nach Wegen suchen, um zu überleben. Die israelische Kontrolle über die Lebensmittel, die in den Gazastreifen gelangen oder auch nicht, begann nicht erst mit dem aktuellen Krieg. Unmittelbar nach der Verhängung der Blockade über Gaza im Jahr 2007 verhängte Israel Beschränkungen hinsichtlich der Menge und Zusammensetzung der Lebensmittel, die in den Gazastreifen gelangen durften. Während der Kriegsmonate seit Oktober 2023 hat Israel Lebensmittel als Druckmittel eingesetzt, und die Aushungerung der Bevölkerung von Gaza ist zur offiziellen Politik geworden.

Nach Angaben des Welternährungsprogramms stehen inzwischen weniger als 5 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im Gazastreifen für den Anbau zur Verfügung. Einige Bewohner·innen haben es geschafft, kleine Gemüsegärten anzulegen, aber es gibt fast kein Obst, wenig Gemüse, und alle frischen Produkte sind rar und teuer. Die meisten Einwohner·innen ernähren sich von Konserven, Brot und Linsen, deren Preise ständig schwanken. Im Juli 2025 lag der Preis für ein Kilo Mehl bei etwa 23 Euro. Wer essen will, muss Geld auftreiben. Daher haben viele Bewohner·innen Gazas die Bettelmethode des 21. Jahrhunderts entdeckt: über die sozialen Netzwerke. Einige nutzen Instagram, andere TikTok oder Facebook. Meistens veröffentlichen sie ein Video. Vorzugsweise ein kurzes, das Aufmerksamkeit erregt. Einige beginnen ihre Story mit einem Katzen-Video und reden erst danach über Hunger und Not. Das Wichtigste ist, dass jemand die Kurzfilme anschaut und womöglich Geld spendet. Aber selbst wenn der Gazabewohner oder die Gazabewohnerin ein offenes Ohr findet, selbst wenn jemand 25 Euro schickt und er oder sie heute den Magen ein wenig füllen kann, weiss man nicht, was morgen passieren wird.

Hinzu kommen steuerliche Schwierigkeiten. Heute gibt es fast kein Bargeld mehr im Gazastreifen. Kreditgesellschaften und Banken in Israel und weltweit hindern Spender·innen daran, Geld an die Bewohner·innen des Gazastreifens zu schicken. Dies gilt auch für kleine Beträge, die direkt an Familien überwiesen werden. Die Provision für Geldtransfers kann bis zu 45 Prozent betragen.[1]

GoFundMe beispielsweise hat Geldtransfers nach Gaza aus Spenden in Höhe von mehreren Millionen Euro eingefroren, aufgrund eines sogenannten Überprüfungs- und Genehmigungsverfahrens, mit dem sichergestellt werden soll, dass die Empfänger·innen nicht in terroristische Aktivitäten verwickelt sind.[2] Es gibt keine Bankdienstleistungen mehr in Gaza, aber es gibt Wechselstuben – oft von Personen, die POS-Automaten[3] nutzen und exorbitante Zinsen verlangen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, Kryptowährungen einzutauschen, um an physisches Geld zu kommen, das allgemein sehr knapp ist.

Vom Individuum zum Kollektiv

Mohammed und seine Frau Dina leben im Flüchtlingslager Al Maghazi im Zentrum des Gazastreifens. Beide haben beschlossen, nicht nur ihre drei Kinder zu ernähren, sondern zu versuchen, auch die anderen Bewohner·innen des Lagers mit Lebensmitteln und Wasser zu versorgen. Sie haben im Flüchtlingslager eine Gemeinschaftsküche eingerichtet. Mehr als 100 Menschen sind von ihnen abhängig. Die Bewohner·innen des Lagers werden für Aufgaben wie die Beschaffung von Lebensmitteln, das Kochen und die Verteilung mobilisiert. Die Freiwilligenarbeit hilft den Menschen, aus der Not herauszukommen und zu aktiver Initiative überzugehen. Wo Israel versucht hat, das ganze Gewebe des Lebens zu zerstören, bemühen sich Dina und Mohammed, wieder eine Gemeinschaft aufzubauen. Anstatt nur die eigene Familie zu schützen, handeln sie solidarisch mit den anderen im Lager, um eine gewisse Ernährungssicherheit zu erreichen und um die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben nicht aufzugeben.

Die Herausforderungen sind enorm. Neben der Beschaffung von Geld- und Lebensmitteln gibt es den menschlichen Aspekt: die Konfrontation mit anderen Menschen in Not; mit Hungernden, die befürchten, dass aufgrund der langen Warteschlange nichts mehr für ihre Kinder übrigbleibt. Manchmal verlieren die Notleidenden die Geduld. Und dennoch versuchen Dina, Mohammed und die Freiwilligen immer, jede·n, die/der zu ihnen kommt, ob bekannt oder unbekannt, wie einen Menschen zu behandeln. Selbst wenn die Töpfe leer sind. Selbst wenn sich jemand in der Warteschlange vordrängelt. Trotz ihrer eigenen schwierigen Lage versuchen sie, die Anderen in ihrer Not zu sehen.

Die Küche besteht aus einem Eisengerät, das als Herd dient. Ein Kleinlaster mit einem Tank und einem Bewässerungsschlauch bringt Trinkwasser, das in Plastikkanister abgefüllt werden kann. Dina und Mohammed fanden zudem Brennstoff und ein paar grosse Töpfe. Sobald ihre Küche in Funktion getreten war, machten sie Fotos und schickten sie an die Spender·innen, um zu zeigen, was mit dem Geld gemacht wurde, und um zu versuchen, weitere finanzielle Unterstützung zu finden. Denn auch die zukünftigen Mahlzeiten mussten und müssen garantiert werden.

Noa in Tel Aviv geriet zufällig in dieses ganze Geschehen, als Mohammed ihr in einem sozialen Netzwerk vorschlug, Freunde zu werden. Noa, Mohammed und Dina begannen daraufhin, über Messenger zu korrespondieren. Noa schickte ihnen Fotos und sie ihr auch. Sie stellte ihnen Fragen mit Bescheidenheit und Feingefühl. Die Drei begannen, sich über das Leben, die Familie und sogar über politische Meinungen auszutauschen. Über den Hunger, über Israel, die Hamas und den Raum, den sie teilen. So entstand eine direkte Verbindung zwischen Menschen.

Hindernisse überwinden

Noa machte sich an die Arbeit. Angesichts der Hindernisse, die Regierungen und Grenzen verursachen, schuf sie ein Unterstützungsnetzwerk von unten – von Bürgerinnen und Bürgern. Sie richtete eine Fundraising-Website ein, mobilisierte ihre Bekannten und eröffnete mit Hilfe von Freund·innen ein Bankkonto in Kanada, damit die gesammelten Gelder nicht beschlagnahmt werden können. Noa hatte auch die Idee, eine Familie aus Gaza zu «adoptieren». Eine Familie in Gaza benötigt etwa 850 Euro pro Monat, um in dieser Zeitspanne zweimal pro Tag essen zu können. 10 Personen schliessen sich zusammen, um einen solchen Betrag zu sammeln, und verpflichten sich dazu, diesen monatlich zu spenden. So wissen Mohammed und Dina, dass diese zwei Mahlzeiten pro Tag für eine Familie und einen ganzen Monat garantiert sind. Je mehr sich Gruppen von 10 Spenderinnen bilden, umso mehr Menschen können regelmässig versorgt werden.

Das Unterstützungsnetzwerk besteht aus kleinen Netzwerken, die jeweils unabhängig sind und aus einer Gruppe von Menschen bestehen, die eine Familie in Gaza unterstützen. Jedes Netzwerk hat ein oder zwei Koordinatorinnen, welche die Unterstützung (derzeit finanzieller Art) sammeln und an die betroffene Familie weiterleiten. Die Koordinatorin ist auch für die Verbindung zur Familie und die Beantwortung von Anfragen der Netzwerkmitglieder zuständig. Die Initiative ist organisch, dynamisch und weiter entwicklungsfähig. Sie wächst dank der Familien und Begleiter·innen, die sich daran beteiligen.

Gal Karniel*

  • Gal, selbst Israelin und Mitglied des EBF, hat im November 2025 Informationen über das Netzwerk und eine Bitte um finanzielle Unterstützung erhalten. Sie begann zu recherchieren, Informationen zu sammeln und mit den am Projekt beteiligten Personen zu sprechen. Sie hat überprüft, ob die Initiative wirklich existiert und ob das Geld tatsächlich von Kanada in den Gazastreifen gelangt. Seither unterstützt das EBF diese Initiative. Siehe auch ihren Artikel vom 11.02.2024 «Von Tag zu Tag», Archipel 333. www.gazacommunitykitchen.com www.gazasupportnet.com
  1. Nir Hasson, Haaretz, 3. Januar 2026

  2. Al Jazeera, 26. Juni 2025

  3. POS (engl. «Point of Sale»): Online-Terminal zum bargeldlosen Bezahlen.