«Umwerfen, nicht aufstellen» war die Devise am 11. Januar 2025, als etwa 250 Menschen mit einer Demonstration auf die anachronistische Verherrlichung des der Folter bezichtigten Generals Marcel Bigeard reagierten.
Ungeachtet massiver Kritik hat die französische Gemeinde Toul (Meurthe-et-Moselle) am 24. Oktober 2024 eine bronzene Nachbildung des Generals Marcel Bigeard «in seinen besten Jahren» aufstellen lassen. Während es für die einen darum geht, ein «ruhmreiches Kind der Stadt» zu würdigen, ist die Aufstellung der Statue für Viele ein Schlag ins Gesicht der Nachfahren und Betroffenen der blutigen Kolonialpolitik Frankreichs, in Nordafrika und anderswo. Die Errichtung der überlebensgrossen Bigeard–Skulptur wirft zahlreiche Fragen zur Gegenwart imperialistischer Denkweisen in der französischen Gesellschaft auf.
Halblaute Verherrlichung
Nachdem der General 2010 in hohem Alter verstorben war, initiierten Angehörige zur Erinnerung an den angeblichen Kriegshelden eine Stiftung. Der Bildhauer Boris Lejeune – für seine Kunstfrevel bis Sankt Petersburg bekannt – hatte im Auftrag dieser Stiftung eine 2,5 Meter grosse Statue gegossen, die in den letzten Jahren in einer Kaserne des 516. Zugregiments gelagert war und an die Stadt gestiftet wurde. Gegner·innen des Denkmals befürchten derweil, Toul könne zu einer Pilgerstadt rechter Nostalgiker·nnen werden. Sie werfen Bigeard die Anwendung von Folter und die Erfindung der «Bigeard-Krabben» vor – eine schreckliche Praxis während des Algerienkriegs, die daraus bestand, Oppositionelle gefesselt und mit einbetonierten Füssen ins Mittelmeer zu werfen.
Nach mehreren Gemeinderatsbeschlüssen erfolgte an einem nebeligen Herbsttag die ausgesprochen diskrete Einweihung. Offizielle Ankündigungen auf die anstehende Errichtung des Denkmals gab es nicht – zu gross schien die Gefahr, dass auch die Schattenseiten des Marcel Bigeard ans Licht hätte kommen können. Eine gänzliche Abwesenheit von Pomp, nur ein «Marseillaise»-Gesang in kleiner Runde, könnte auf den Versuch einer klammheimlichen Normalisierung solch zweifelhafter Gedenkpolitik hindeuten.
Die vom sozialistischen Bürgermeister Alde Harmand geführte Gemeinde versucht den Widerspruch zwischen öffentlicher Historisierung und Beschönigung der Kolonialzeit einerseits und dem offenkundigen Bedarf nach Aufarbeitung andererseits auszusitzen. Beim Protest gegen die Statue fehlten die «sozialistischen Genoss·innen» der Partei entsprechend gänzlich. Ende 2011 hatte der öffentliche Druck noch verhindert, dass die Asche des Generals von der Stadt Fréjus in den Pariser Invalidendom verbracht wurde. Zahlreiche linke Persönlichkeiten hatten damals gegen jegliche öffentliche Würdigung gewettert.
Ein notwendiges Übel?
Der hochdekorierte General figurierte Mitte des letzten Jahrhunderts als «Vorzeigesoldat», war berühmt für sein Engagement in der französischen Résistance und bei den nachfolgenden «Heldentaten» in den französischen Überseegebieten, etwa in der verlorenen «Schlacht von Điện Biên Phủ». Im Algerienkrieg (1954–1962) führte er das Dritte Regiment der kolonialen Fallschirmjäger (RPC). Mit den Worten «ich bereue nichts» verteidigte Bigeard die Folterpraxis französischer Militärs bis ins hohe Alter als «notwendiges Übel». Auch wenn er die eigene Beteiligung immer leugnen sollte, war die Folter für ihn «eine von der politischen Macht befohlene Mission». Das traf dann zweifellos auch auf die «Ausbildungszentren für die Befriedung und die Konterguerilla» (CIPCG) in Algerien zu, die von den Militärs und den Nachrichtendiensten aufgebaut und von der amerikanischen «counter-insurgency» inspiriert worden waren, und in denen der berüchtigte General verkehrte.
Aufmerksamkeit erzeugen
In Toul wird der Protest gegen die Kolonialverherrlichung allen voran vom Kollektiv «Histoire et Mémoire dans le Respect des Droits humains» (Geschichte und Gedenken im Respekt der Menschenrechte) organisiert. Der an diesem Samstagnachmittag bei winterlicher Kälte versammelten Demonstration hatten sich einige weitere humanitäre und antifaschistische Gruppen aus der Region angeschlossen. Auch wenn die Ansammlung bedauerlicherweise überschaubar blieb, konnte der mit bunten Fahnen bestückte Aufzug mit einem halben Dutzend Reden, lautstarken Parolen und symbolischen Aktionen in der 15.000-Seelen-Gemeinde an der Mosel Aufmerksamkeit erzeugen.
Für Farès Ben Mena von der antikolonialen Organisation «Survie» (Überleben) ist die relativ schwache Mobilisierung Ausdruck eines «mangelhaften Bewusstseins ob der (post-)kolonialen Widersprüche in Frankreichs Gesellschaft». Es gehe der Initiative darum, mit verschiedenen Interventionen «die Bevölkerung anzusprechen und den kritischen Geist zu fördern». Ausserdem sei «weder der Algerienkrieg noch die Ausbeutung zahlreicher weiterer Länder in Afrika Gegenstand einer Aufarbeitung». Auch um dies einzufordern, sei die Mobilisierung und die kontinuierliche Arbeit der lokalen Gruppen wichtig.
Kein Konsens in Sicht
Die Demonstration bot zahlreichen Initiativen von Betroffenen und antikolonialen Gruppen die Gelegenheit, über die Missstände zu informieren – in der Hoffnung, dadurch weitere Mitstreiter·innen zu finden und die beängstigende Akzeptanz von Kolonialverherrlichung sichtbar zu machen. Anderseits bleibt das unangenehme Gefühl übrig, dass die Ablehnung der Statue vor Ort keineswegs einen Konsens bildet. Davon zeugten etwa Pöbler mit Fallschirmjägermützen am Strassenrand oder die Handvoll Neonazis, die den Park mit der Statue am Beginn der Demonstration «schützten».
Jenseits des symbolischen Protests gegen die Verherrlichung von Geschichte und Gegenwart der «Grande Nation» dürften sich die altgewordenen Täter aus der Kolonialzeit zumindest bezüglich Algerien sicher fühlen. Drei Amnestie-Gesetze verhindern bis heute, die Folterer im Ruhestand zur Rechenschaft zu ziehen – leider alles Gründe, um sich gegenüber dieser Zurschaustellung militaristischer Grossmachtsphantasien ohnmächtig zu fühlen. Mehrere der an der Versammlung Teilnehmenden äusserten den heimlichen Wunsch, man solle solche Schandmäler «umwerfen und nicht aufstellen». «Da ist doch gleich ein Hafen nebendran», bemerkte eine Demonstrantin halblaut. Doch dieses Mal endete der Demonstrationszug, ohne nennenswerte Zwischenfälle, am Fuss der Statue.
Luk