Ein «sauberes» Marokko in voller wirtschaftlicher Expansion – das ist es, was heute den Besucher·innen des grossen afrikanischen Fussballwettbewerbs CAN, präsentiert wird. Und 2030 geht es weiter mit der Weltmeisterschaft, die gemeinsam mit Portugal und Spanien ausgerichtet wird. Marokko tritt in den Kreis der Grossen ein, man spricht sogar von zivilisatorischen Herausforderungen! Die Wirtschaft läuft auf Hochtouren, aber nicht für alle.
Marokko ist ein afrikanischer Staat, und seine Partnerschaften sowie wirtschaftlichen und strategischen Interessen mit den «Bruderstaaten» bleiben von entscheidender Bedeutung. CAN ist anscheinend eine grossartige Gelegenheit, diese zu stärken. Einige Milliarden wurden investiert, um die grossen sportlichen Ereignisse auszurichten und diese Gelegenheit zu nutzen, um das Land zu modernisieren: Verkehrsnetze, Flughäfen, 5G in weiten Teilen des Landes, ganze Stadtviertel werden renoviert, Fassaden weiss getüncht, um einen sauberen Eindruck zu machen, sowie einige gigantische Stadien errichtet, um zu zeigen, dass dieses Land nicht hinterherhinkt, ganz im Gegenteil.
Die Armen wurden aus ihren Vierteln vertrieben – wohin, habe ich noch nicht erfahren. Sie werden ferne Zuschauer·innen des grossen Festes bleiben. Der Zugang zu den Stadien ist sicherlich nicht für alle erschwinglich, aber jede·r kann immer noch auf der Strasse seine Freude herausschreien, wenn Marokko als Sieger hervorgeht, und so Teil der siegreichen Nation sein. Und falls es nicht gelingen sollte, die Stadien zu füllen, haben die Menschen aus Subsahara-Afrika vielleicht die Möglichkeit, Zugang zu erhalten. Doch das ist dann reiner Utilitarismus, sagt Alpha Camara von der ALECMA («Association Lumière sur l'Émigration au Maroc»).
Immer mehr Repression
Die Schwarzen, die auf der Suche nach Arbeit oder ein paar Dirham zum Überleben durch die Strassen von Rabat streiften, gibt es fast nicht mehr. Sie verstecken sich, weil die Verhaftungen zunehmen. Sogar Frauen werden verhaftet – das ist ziemlich neu. Neu ist auch, dass Schwarze, die einfach nur am Busbahnhof in den Bus steigen wollen, zur Kontrolle ihrer Papiere angehalten werden. Die Schalterbeamt·innen sind verpflichtet, Reisende, die nicht die «richtige» Hautfarbe haben, nach einem gültigen Ausweis zu fragen. Selbst wenn sie eine völlig reguläre Aufenthaltsgenehmigung oder eine Bescheinigung des UNHCR als Asylbewerber·innen haben, werden sie von feindlich gesinnten Polizist·innen abgeführt und wie Straftäter·innen in Gewahrsam genommen. Die Demütigung ist gross. Sie werden zwar sehr schnell wieder freigelassen, haben aber eine erdrückende Diskriminierung erlebt.
Wie Nadia Khrouz, Vorsitzende der antirassistischen Organisation GADEM1 betont, müssen die von der Generation Z eingeforderten Rechte sowie die Rechte für Ausländer·innen, die sich in Marokko niederlassen wollen, jeweils erkämpft werden. Aber was tun das UNHCR, die IOM (Internationale Organisation für Migration) und andere internationale Organisationen, die für den Schutz und die Begleitung von Migrant·innen zuständig sind? Nach den Budgetkürzungen, welche die Trump-Regierung den grossen UN-Organisationen auferlegt hat, kämpfen sie darum, die wenigen ihnen verbleibenden Begleitkapazitäten zu erhalten. Es sei daran erinnert, dass das UNHCR eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von Geflüchteten spielt. Es ist die erste Anlaufstelle, an die sie sich wenden können, um Schutz zu beantragen. Sie erhalten dann zumindest einen Asylantrag, was der erste Schritt ist.
Danach folgt ein langer und beschwerlicher Weg durch ein Labyrinth, um eventuell zu einer Legalisierung zu gelangen. Nur sehr Wenige schaffen es bis zum BRA (Büro für Flüchtlinge und Staatenlose des Aussenministeriums), um eine Aufenthaltsbescheinigung beantragen zu können. Leider habe ich keine statistischen Zahlen, wie viele Menschen im Verhältnis zu den Anträgen tatsächlich Papiere erhalten, aber laut Zeugenaussagen sind es nur sehr wenige. Auch wenn das UNHCR und seine Partner·innen verschiedene Initiativen ergriffen haben, welche die Integration von Geflüchteten und deren Zugang zu Rechten erleichtern, hält sie das Fehlen einer Aufenthaltsgenehmigung in einer prekären Situation. Denn ihre durch die Konvention anerkannten Rechte sind nach wie vor schwer auszuüben. Darüber hinaus schränkt die Abhängigkeit der Flüchtlinge vom UNHCR deren Autonomie ein. Logischerweise befinden sich Geflüchtete ohne Aufenthaltsgenehmigung in einer Situation ständiger Abhängigkeit von humanitärer Hilfe, was ihre Fähigkeit, sich vollständig in die marokkanische Gesellschaft zu integrieren, beeinträchtigt.
Heute bringt die massenhafte Ankunft von Sudanes·innen, die aus ihrem vom Krieg heimgesuchten Land oder aus den Flüchtlingslagern im Tschad fliehen, die etablierte Ordnung ein wenig durcheinander. Die historischen Migrant·innengemeinschaften, vor allem aus Westafrika, haben dank eines Vertretungssystems, das ihnen Verhandlungen mit den marokkanischen Behörden und ihren jeweiligen Botschaften ermöglicht, ein prekäres Gleichgewicht gefunden. Sie verwalten und vertreten ihre Landsleute; Exilierte und Migrant·innen können sich bei Problemen an ihre Vertreter·innen wenden. Dies ist bei den Sudanes·innen nicht der Fall. Diese haben derzeit keine Gemeinschaftsorganisation. Die Leiden auf ihrer Reise sind immens, und die meisten Frauen haben Krieg, Vergewaltigungen und Menschenhandel erlebt. Ihre Zahl nimmt zu, wie man in den Aufnahmezentren der AMI feststellen kann.
Die Unterkünfte der AMI
Die drei Unterkünfte für migrantische Frauen, die von den Mitarbeiterinnen der AMI («Assistance pour l'Intégration des Migrant.es»), Naomie und Odette, unterstützt von Nadine und Harci, verwaltet werden, sind immer überbelegt. Es wird versucht, die Aufnahme zu beschränken, aber das ist unmöglich. Es ist undenkbar, einer Frau und ihren Kindern, die auf der Strasse Gewalt ausgesetzt sind, die Unterkunft zu verweigern. Naomie, welche die zwei vom Europäischen Bürgerinnen Forum (EBF) finanziell unterstützten Heime leitet, bedauert diesen Zustand und würde gerne weitere Schutzräume eröffnen, aber es fehlt an Mitteln. Das enge Zusammenleben macht den Alltag schwierig: Wenn sechs oder acht Frauen mit ihren Kindern in drei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer und einer Küche leben, kommt es zwangsläufig zu Spannungen. Die Mitarbeiterinnen versuchen, diese zu entschärfen, indem sie zum Beispiel einen Rhythmus für die Mahlzeiten festlegen und den Geist gegenseitiger Hilfe fördern. Dieser kann aber nur schwer entstehen, weil das Leben auf der Strasse nicht zu einem solidarischen Miteinander führt. Jede Frau muss sich selbst durchschlagen. Sie erzählt den anderen nichts aus ihrem Leben, um nicht denunziert, beneidet oder abgelehnt zu werden. Die Konkurrenz ist hart.
Odette, die eines der AMI-Heime leitet, berichtet uns von den täglichen Schwierigkeiten, mit denen sie in den letzten Monaten konfrontiert war: «Ich habe Frauen aus fünf verschiedenen Ländern aufgenommen: zwei Sudanesinnen, zwei Äthiopierinnen, drei aus Guinea, zwei aus der Elfenbeinküste und eine Kongolesin aus Brazzaville. Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sind wirklich komplex. Die Frauen verlangen viel von uns, was wir nicht leisten können: umfassende Betreuung, unterschiedliche Mahlzeiten entsprechend ihrer kulinarischen Kultur, Hilfe bei der Körperpflege, Ernährung der Babys. Missverständnisse untereinander führen zu unnötigen Streitigkeiten, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen müssen. Fragen wie: ‘Was soll ich nach meinem Aufenthalt hier tun? Werdet ihr uns immer mit etwas weiter unterstützen? Was wird aus mir, wenn ich dieses Heim verlasse? In mein Land zurückkehren kann ich nicht.‘ All das ist mit unseren Mitteln unmöglich zu bewältigen. Bei Schwangerschaften und Krankheiten greift zum Glück der marokkanische Verein MS2 (Maroc Solidarité Médico Social) ein, aber was uns ermüdet, sind vor allem die nächtlichen Notfälle, mit denen wir allein sind. Mir fällt bei einigen Frauen auf, dass sie zu uns kommen, nachdem sich ihre Träume eines besseren Lebens zerschlagen haben, und dass sie gleichzeitig den Mut verloren haben, in ihre Heimatländer zurückzukehren – aus Angst und Scham, von der Gesellschaft dort abgelehnt zu werden. Derzeit beherbergen wir zum Beispiel eine 68-jährige kongolesische Mutter. Auch sie will nicht in ihr Land zurückkehren. Das ist für uns kompliziert. Diejenigen, die Asyl beantragt haben, bekommen ebenfalls ernsthafte Probleme, weil das UNHCR nicht mehr in der Lage ist, sie zu betreuen.»
Ein soziokulturelles Zentrum
Um neue Perspektiven zu entwickeln, sind wir dabei, ein Projekt für ein soziokulturelles Zentrum und eine Kindertagesstätte auszuarbeiten, damit Frauen aus den AMI-Heimen sich sowohl weiterbilden als auch Arbeit und Geld finden können. Und dann sollen auch Frauen aus der Nachbarschaft einbezogen werden, denn soziale Durchmischung ist das A und O eines friedlichen Zusammenlebens. Die wichtigsten Angebote wären Alphabetisierungskurse – weil dies der erste Wunsch ist, den viele Frauen äussern – und Sprachkurse für die Integration oder die Weiterreise. Zeichnen, Schreiben, Foto- oder Filmworkshops, gemeinsames Kochen oder sich gegenseitig im Coiffeur-Handwerk und in der Kosmetik ausbilden – das sind weitere Aktivitäten, die ein solcher Ort bieten könnte. Ein Traum? Wir diskutieren und haben tausend Ideen, weil wir uns nicht mit dem Elend und Leid abfinden können. Wir lassen nicht locker!
Nachdem die Frauen NEIN zu unerträglichen Lebensumständen gesagt haben, oft ihre Kinder in ihrer Heimat zurücklassen mussten und eine beschwerliche Reise hinter sich haben, ohne zu wissen, wohin sie gehen können, brauchen sie eine Pause, und wenn diese konstruktiv ausfällt, dann war der zurückgelegte Weg nicht umsonst. Viele wollen sich nicht auf das Meer begeben, um nach Europa zu gelangen; sie würden lieber in Afrika bleiben – in Marokko, warum nicht? Aber es ist schwierig, sich in einem Land zu integrieren, das, so wie Europa, keine Geflüchteten aufnehmen will, und wo das tägliche Überleben extrem anstrengend ist.
Marie-Pascale Rouff
1.«Groupe anti-raciste de défense et d'accompagnement des étrangers et migrants» = Antirassistische Gruppe zur Verteidigung und Begleitung von Ausländern und Migranten



