Derzeit ist es schwer, anderes aus Venezuela zu vernehmen als die Echos der politischen und medialen Schlacht rund um das dritte Präsidentschaftsmandat von Nicolas Maduro. Während das Land gespalten ist über die Amtseinführung und die Legitimität seiner Wiederwahl, öffnen die Genoss·innen des Netzwerks Cecosesola jeden Mittwoch bis Samstag die «ferias».
Die «ferias» sind grosse selbstverwaltete Supermärkte im Herzen von Barquisimeto, einer Stadt mit mehr als einer Million Einwohner·innen im Bundesstaat Lara. Wir, zwei Frauen*, die in den Longo maï-Kooperativen in Frankreich und Deutschland leben, und eine Person aus dem deutschen «Kommuja»-Netzwerk(1) haben Cecosesola, bestehend aus 51 solidarischen und selbstverwalteten kooperativen Strukturen, die von 1.200 Arbeiter·innen gleichberechtigt getragen werden, Anfang des Jahres 2024 für drei Monate besucht. Unsere Reise machten wir im Rahmen des «Intercambio» («Austausch»), der seit 2017 den Genossenschafter·innen von Cecosesola und Mitgliedern diverser kollektiver europäischer Strukturen ermöglicht, sich gegenseitig während drei Monaten zu besuchen.
Dezember 2023: Bei unserer Ankunft in der «Feria del Centro», inmitten eines der ärmsten Viertel von Barquisimeto gelegen, sind wir überrascht, als wir uns mit den Genoss·innen der Kooperative austauschen: Hier interessiert sich niemand so wirklich für die politische Meinung der einen oder des anderen. Egal, ob Chavist·innen oder Oppositionsanhänger·innen; jede Person, die von einer Genossin oder einem Genossen empfohlen wird und wünscht, zum Projekt Cecosesola beizutragen, ist willkommen. Hier wird die Idee verteidigt, dass Kollektivität entsteht und Berge versetzen kann, wenn die sozialen Beziehungen gepflegt werden. Angestrebt wird die persönliche und kollektive Transformation – und dadurch letztendlich die der Gesellschaft. Der Existenzgrund aller kollektiven Aktivitäten im Netzwerk ist das Nähren des kulturellen Transformationsprozesses, ausgehend von der alltäglichen kollektiven Reflexion und hin zu einer solidarischen und ko-verantwortlichen Haltung. Teresa, seit 54 Jahren bei der Genossenschaft «El Triunfo», erklärt: «Das grundlegende Hindernis finden wir in uns selbst. Das Hindernis ist zwar innerlich, aber auf individuelle Weise können wir es nicht auflösen. Deshalb sind wir eine Gruppe, um es zu überwinden und bessere Menschen zu werden.»
Herzstück des Prozesses sind die Versammlungen: rund 3.000 pro Jahr, die manchmal von morgens bis spät am Abend dauern. Die Arbeiter·innen von Cecosesola verbringen dort etwa 20 Prozent ihrer Arbeitszeit. Ohne tiefgehenden und regelmässigen Austausch ist es tatsächlich schwierig, ein Kollektiv zu bilden und Hierarchien sowie persönliche Gewohnheiten, die von Kapitalismus, Individualismus und Patriarchat geprägt sind, zu dekonstruieren. Neben den Versammlungen stützen sie sich auf Aufgabenrotation und gleiche Einkommen (hochgesetzt nur entsprechend der Anzahl zu versorgender Kinder) für alle Genossenschafter·innen. Hinter all dem verbirgt sich eine lange Geschichte...
Sich das Wesentliche wieder aneignen
Cecosesola («Central Cooperativa des Servicios Sociales del Estado Lara») beginnt 1967 mit der kollektiven Wiederaneignung des Todes. In Reaktion auf den grossen Bedarf in den Arbeiter·innenvierteln, die verstorbenen Angehörigen würdig bestatten zu können, wird ein kollektiver Bestattungsdienst geschaffen. Bis heute ist er ein Grundpfeiler der Organisation. Weit entfernt von den spekulativen Praktiken der klassischen Bestattungsunternehmen ermöglicht er 23.000 Familien den Zugang zu dieser grundlegenden Dienstleistung. Danach, im Jahr 1975, nach monatelanger Teilnahme an den Mobilisierungen in den Arbeiter·innenvierteln gegen die Fahrpreiserhöhung im Nahverkehr, übernimmt Cecosesola auf seine Kosten die Mehrzahl der Buslinien in der Stadt Barquisimeto und verpflichtet sich, den Preis niedrig zu halten. Gemeinsam organisieren sich Genossenschafter·innen und Nutzer·innen. Sie entscheiden zusammen über die Fahrpreise und Strecken, wodurch es möglich wird, dass die ärmsten Stadtviertel priorisiert werden. Dieses Engagement für die Gemeinschaft beschert Cecosesola staatliche Repression und eine massive Pressekampagne. Aber dank dieser Erfahrung wird es bestärkt in seinem Engagement und seiner Solidarität mit der gesamten Gemeinschaft, aus der es hervorgeht. Eine solche Funktionsweise ist weit entfernt von jener klassischer Genossenschaften, deren Handeln sich meistens auf Vorteile für die Mitglieder beschränkt. Zur gleichen Zeit beginnt eine Phase, in der alle Formen interner Hierarchien infrage gestellt werden und sie das Funktionieren mit Geschäftsführer·innen, die zu häufig Machtspiele nähren, beenden. Als dann Anfang der 1980er Jahre endlich die massive staatliche Repression überstanden ist und inmitten einer nie da gewesenen Verschuldung, zeichnet sich bei Cecosesola ein weiterer Richtungswechsel ab: Priorität auf Positives und die kollektive Organisation für eine andere Gesellschaft – und nicht mehr gegen die existierende.
Hier und heute
So eröffnet 1983 die erste «feria de consumo familiar» diese kooperativen Märkte, die bis heute das Herz der wirtschaftlichen Aktivität des Netzwerks bilden. Insgesamt gibt es 22 Verkaufsstellen in Barquisimeto und anderen Städten und Dörfern, wo teilhabende Genossenschaften ansässig sind. 100.000 Familien versorgen sich aktuell darüber. Bis zu 40 Prozent der Bewohner·innen Barquisimetos kommen bei der einen oder anderen Gelegenheit vorbei, um sich Produkte der Grundversorgung zu Preisen zu kaufen, die sie nirgends sonst in der Stadt finden. Neben Trockenprodukten werden pro Woche 500 Tonnen Obst und Gemüse verkauft. 70 Prozent davon werden Tag und Nacht durch 350 Produzent·innen von Cecosesola, die in 21 Kooperativen organisiert sind, aus sieben Staaten Venezuelas herantransportiert. Die übrigen 30 Prozent werden bei unabhängigen Produzent·innen aufgekauft. Die «feria» ist auch das: 350 Produzent·innenfamilien, die im ländlichen Raum bestehen können, dort kollektive Dynamiken voranbringen und würdig leben können.
Während des gesamten Jahres gibt es zahlreiche Versammlungen in grosser Runde, wo Produzent·innen und Vermarkter·innen des Cecosesola-Netzwerks zusammen erfolgreich die Aussaat der Kulturen planen. Das Ziel ist eine gleichmässige Verteilung auf alle Produzent·innen des Netzwerks. Ausserdem werden auch die Preise gemeinsam diskutiert, angepasst an die erwarteten Produktionskosten und nicht an Marktpreise. So ermöglichen die langen Versammlungen, die Probleme und Bedürfnisse aller im Blick zu behalten bis ein Konsens gefunden ist. Auch ist ein gemeinsamer Unterstützungsfonds eingerichtet worden, um aussergewöhnliche Ausgaben der landwirtschaftlichen Produzent·innen decken zu können.
Eine Schule für Vertrauen und Solidarität
Im Kontext der schweren ökonomischen Rezession, von Mangel und grosser Versorgungsunsicherheit, welche die Venezuelaner·innen seit mehr als zehn Jahren durchleben, hat die Existenz der «ferias» zweifelsohne noch mehr Sinn bekommen. Einige Erlebnisse, die uns von Kamerad·innen von Cecosesola erzählt wurden, haben uns besonders berührt:
Beim «apagon» (blackout) im März 2019 wurde das Land während vier Tagen von einem umfassenden Stromausfall paralysiert. Niemand hatte noch Bargeld, die Registrierkassen standen still, die Geschäfte schlossen überall. Gegenteilig agierten die Kooperativen von Cecosesola. Schnell wurde entschlossen, keinen Ort zu schliessen, nicht einmal das Gesundheitszentrum. Simultan und ohne Absprache wurde diese Wahl in allen 22 Lebensmittelverkaufsstellen des Netzwerks getroffen, a priori zu vertrauen und an zehntausende Menschen, die zum Einkaufen gekommen waren, auf Kredit zu verkaufen. «Wir haben tonnenweise Lebensmittel an alle ausgegeben, die zur feria gekommen sind. Wir haben auf Zetteln notiert, was die Leute uns schuldeten», erzählt Noel, ebenfalls Genosse in der Kooperative «El Triunfo». Die Fortsetzung gibt Stoff zum Nachdenken: «89 Prozent der Leute haben in den folgenden Wochen bezahlt. Andere Personen bezahlten Monate oder Jahre später. Am Ende wurden 98 Prozent der Kredite des «apagon» zurückgezahlt. Diese Entscheidung haben wir im Einklang mit unserer Idee getroffen, immer Alternativen zur Schliessung von Orten zu finden: Wenn es Schwierigkeiten gibt, suchen wir nach verschiedenen Optionen, die das Funktionieren des solidarischen Netzwerks unter uns garantieren und in dem Bewusstsein, dass wir nicht ausserhalb der Gemeinschaft stehen, mit der wir verbunden sind. Wir sind die Gemeinschaft.» Aus wirtschaftlicher Sicht eine kühne und riskante Entscheidung, aber ausgesprochen fruchtbar für den gemeinschaftlichen Zusammenhalt.
Die «escasez», der Mangel von Produkten der Grundversorgung, ist nicht von heute auf morgen gekommen: Die wichtigsten Produkte wurden eines nach dem anderen zunehmend seltener. Dazu kam eine unkontrollierbare Inflation von mehr als 1.000.000 Prozent. Zwischen 2016 und 2018, während der Zeit des grossen Mangels, bildeten sich lange Schlangen ausserhalb der «ferias». Leute warteten bis zu drei oder vier Tage lang vor dem Tor, in der Hoffnung, Zugang zu den wenigen Produkten zu bekommen, die geliefert wurden. Alles war rationiert, vor allem das Mehl aus vorgekochtem Mais, das zur Zubereitung der berühmten «arepas» genutzt wird. Ein Kilo Mehl pro Woche war die Ration für einen Haushalt in dieser Zeit. Das ist acht- bis zehnmal weniger als der übliche Verbrauch. Nach langen Diskussionen über die Verteilung des wenigen, das noch bei der «feria» ankam, entscheiden die Arbeiter·innen von Cecosesola, die sehr gut ihre Haushalte hätten priorisieren können, dass für sie dieselben Regeln gelten wie für den Rest der Gemeinschaft. Wenn es ein Kilo Mehl pro Haushalt gibt, dann ist es dieselbe Regel für alle, egal ob sie Teil des Netzwerks sind oder nicht. Die Unterversorgung trifft alle, keine Privilegien.
Während der «guarimbas», den Massenunruhen gegen die Regierung Maduro im Jahr 2019, entschieden die Arbeiter·innen der «feria» im Zentrum, nur einige Strassen entfernt von den Barrikaden und Zusammenstössen, dass sie nicht schliessen würden: «Wir haben die feria in dieser Zeit nie geschlossen. Gerade in einer gewaltvollen Situation ist der Bedarf, Lebensmittel für die Familie zu kaufen, umso höher», erklärt Teresa. Und während in der gesamten Stadt Plünderungen stattfinden, werden die randvollen LKW von Cecosesola von den Protestierenden geschützt: «Sie sagten, man solle uns arbeiten lassen, dass die LKW beladen seien mit dem Essen fürs Volk», berichtet Noel.
Aus eigener Kraft ein Krankenhaus bauen
Für die Genoss·innen von Cecosesola ist eine Sache klar: Weit davon entfernt, vom Staat irgendetwas zu erwarten, ist es die Selbstverwaltung, die es ermöglicht, konkrete Antworten auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft zu finden. So greift das Netzwerk die Frage nach der Autonomie der Gesundheitsversorgung auf, zunächst für ihre Genossenschafter·innen: Die erste Sprechstunde für Allgemeinmedizin findet 1996 statt. Angesichts der wachsenden Nachfrage organisieren sich die Kooperativen von Cecosesola und bilden ihr Netzwerk von Gesundheitszentren ab 2002. Im Jahr 2009 eröffnen sie ihr eigenes kooperatives Krankenhaus, offen für alle: das integrale kooperative Gesundheitszentrum (CICS = «Centro Integral Cooperativo de Salud»), das mehr als 200.000 Personen pro Jahr behandelt und private Kliniken um nichts beneidet. Dennoch betrachten die Arbeiter·innen von Cecosesola es nicht als eine Dienstleistung, sondern eher als eine «Möglichkeit, respektvolle Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft aufzubauen». Dieses Krankenhaus haben sie ohne jegliche öffentliche oder private Subvention gebaut und die Tarife sind 60 Prozent günstiger als in den privaten Kliniken. Die in Cecosesola integrierten Genossenschaften, unterstützt von der Gemeinschaft, haben Bolivar für Bolivar über Jahre die Summen zusammengetragen, aus denen der Bau des gesamten Gebäudes sowie seine medizinische Ausstattung finanziert wurden. «Die Überschüsse der verschiedenen Kooperativen wurden dafür genutzt, alle Arbeiter·innen zahlten einen wöchentlichen Beitrag, Tombolas wurden organisiert, … In jeder feria gab es eine Sparbüchse an jeder Kasse und die Leute aus der Gemeinschaft konnten sich beteiligen», erzählt Noel.
Seit seiner Eröffnung bietet das CICS Gesundheitsdienste von hoher Qualität an. Eine Vielzahl von Räumlichkeiten und Behandlungen stehen der gesamten Bevölkerung zur Verfügung: Alternative Therapien wie Akupunktur und Massage ebenso wie chirurgische Eingriffe, Laboruntersuchungen und Radiologie. Seit einigen Jahren wird gebärenden Frauen die Möglichkeit geboten, die im gesamten Land üblichen Kaiserschnitte zu vermeiden. Dies gelingt durch die Bereitstellung eines Raumes für natürliches Gebären in Verbindung mit Vorbereitungskursen während der gesamten Schwangerschaft. Auch der Gemeinschaft wird so ermöglicht, sich den natürlichen Geburtsvorgang wieder anzueignen.
Auch an diesem Ort rotieren die Aufgaben und hierarchischen Funktionsweisen wird entgegengetreten. Aber die Zusammenarbeit mit Ärzt·innen, die die einzigen sind, die dem Prinzip der einheitlichen Bezahlung entgehen, ist im CICS noch immer eine immense Herausforderung. Immerhin wurde uns trotz allem berichtet, dass durch die kollektiven Prozesse mehr und mehr Ärzt·innen sich an Versammlungen und Aufgaben ausserhalb der Sprechstunden beteiligen...
Und jetzt?
Die Verleihung des «Right Livelihood Award» (auch «Alternativer Nobelpreis» genannt) 2022 in Stockholm hat dieses kollektive Experiment, das schon 57 Jahre andauert und extrem lebendig, organisch, kreativ und inspirierend ist, ausgezeichnet und sichtbar gemacht.
Die regelmässigen inter-kollektiven Treffen im «Intercambio»-Netzwerk schaffen irritierende Spiegelungseffekte auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie ermöglichen, viele Fragen zu stellen, die alle Kollektive beschäftigen: wie sich organisieren, handeln, sich verbinden, … Es sind wertvolle Momente, um Kämpfe für eine andere Welt zu stärken und zu verbinden – in Ecken der Welt, die so weit voneinander entfernt liegen und so verschieden sind und doch gemeinsame Vorstellungen teilen. Diese Treffen nähren das Gefühl, nicht allein zu sein angesichts der Herausforderungen, die Jahrhunderte zerstörerischen Handelns in unseren Gesellschaften hinterlassen haben. Ein Vertrauen und eine kreative Energie treten zutage, die uns die Gewissheit geben, dass eine andere Welt möglich ist, wenn wir uns endlich alle auf den Weg machen, sie wirklich zu schaffen, hier und heute!
Alice und Kathrin, Longo maï
- Kommuja – Netzwerk politischer Kommunen