AKTUELL: Polemiken ums Klima

von Bertrand Louart*, 15.12.2010, Veröffentlicht in Archipel 187

Im Zusammenhang mit der Polemik rund um die Thesen des IPCC1 sind etliche Kommentatoren zu Experten oder Gegenexperten in Klimafragen geworden. Jeder fordert das Recht auf Zweifel gegenüber der offiziellen Meinung ein, behauptet gegen die Gleichschaltung des Denkens anzukämpfen, denunziert Komplotte auf undurchsichtigen Pfaden aus unterschiedlichsten Motivationen heraus. Aber unabhängig von dieser geistigen Verunsicherung haben die Thesen des IPCC ihren Platz gefunden und unterscheiden sich recht deutlich von dem, was normalerweise aufgedeckt wird. (3. Teil)

Einerseits gibt es die Wissenschaftler, die behaupten, Wissenschaft zu betreiben und nichts anderes. Andererseits haben wir Skeptiker, die ihnen vorwerfen, sich aufgrund der Schlüsse, die sie durch ihr Wissen ziehen, in die Politik einzumischen: In einer aktuellen Arbeit hat der Journalist Etienne Dubuis2 die Entstehung des IPCC zurückverfolgt und zeigt auf, dass selbst vor seiner Schaffung zwei eng zusammenhängende Aspekte das Objekt einer Kontroverse waren: Soll die Wissenschaft nur Kenntnisse erweitern und dabei in ihrem Elfenbeinturm bleiben, ohne sich in das einzumischen, was sich in ihrer Umgebung abspielt oder kann sie von sich behaupten, Gutachten abzugeben, ohne Partei zu ergreifen.
Was das Klima betrifft ist es schwierig, eine klare Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Politik zu finden: Die Wissenschaftler leben auf dem Planeten, dessen Klima sie studieren, und in der Gesellschaft, die ihre Forschungen finanziert. Diese ist gleichzeitig die Ursache für die Veränderung des Klimas und versucht, den Konsequenzen vorzugreifen. Der dritte Abschnitt der Berichte des IPCC regt an, «Maßnahmen zur Einschränkung des Klimawandels» zu ergreifen, die ganz sicher soziale und politische Auswirkungen haben.
So gesehen ist es ein politischer Akt, den CO2-Ausstoß als durch den Menschen verursacht darzustellen, auch wenn sich diese Diagnose angeblich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ergibt. Die Erdöl produzierenden Staaten und Unternehmen, die gegen diese These mobil machen, haben das gut begriffen.

Politik ohne Perspektive

Was man dem IPCC also vorwerfen kann ist, dass es sich hinter einer vorgeschobenen Neutralität der Wissenschaft versteckt, anstatt eine klare politische Haltung einzunehmen. Indem es diese Uneindeutigkeit beibehält, wird es sich früher oder später scharfen Kritiken aussetzen. Wahrscheinlich wäre es aber ohne diese Uneindeutigkeit auch nie gegründet worden...
Wie Dubuis es bereits darstellt: «Für die entschlossensten Köpfe (die Gründer des IPCC) ist das Wesentliche nicht, auf einer perfekten Wissenschaft zu bestehen, sondern die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, endlich zu handeln». Die Wissenschaftler, die die Schaffung des IPCC angeregt haben, hatten eine klare politische Stoßrichtung: Den Klimawandel ins Bewusstsein der Entscheidungsträger und Regierenden zu rücken und auf die gravierenden Probleme hinzuweisen, die daraus entstehen. Viel weiter scheinen sie jedoch nicht gedacht zu haben. Ihre Bereitschaft politisch zu handeln, basiert auf keinerlei kritischer Gesellschaftsanalyse und noch weniger auf einer gesellschaftlichen Idealvorstellung.
Die wissenschaftliche Aktivität und deren Rolle in der Gesellschaft kommt hier an ihre Grenzen. Es entsteht eine Trennung zwischen dem «Wissenschaftler» und «dem Bürger». Einerseits wäre da der Wissenschaftler, der immer auf der Suche nach der objektiven Wahrheit und unabhängig von jeglichen Interessen und Leidenschaften forscht, und andererseits der Bürger, der mit anderen Mitgliedern einer Gemeinschaft zusammenlebt. Bei den Wissenschaftlern wird die Trennung ganz konkret, weil sie oft über die Welt, in der sie leben, weder nachdenken noch diese kennenlernen wollen. Auf diese Weise geben sie den Mächtigen immer mehr Werkzeuge in die Hände, man denke etwa an die Physiker, die die Atombombe entwickelt und sich dann vehement gegen deren Verbreitung stark gemacht haben. Ganz in ihre teuren Studien versunken haben diese Wissenschaftler wenig mit dem Rest der Gesellschaft zu tun. Sie verkörpern den Bürger, der ganz ins Privatleben zurückgezogen lebt und sich auf keinen Fall außerhalb des vom Staate vorgegebenen institutionellen Rahmens ins öffentliche Leben einmischen will. Diese Abgrenzung hemmt einen bewussten Blick auf ihre eigenen Lebensumstände und auf den sozialen Aspekt ihrer Forschungen. In letzter Zeit war übrigens bei den Leitern des IPCC das völlige Fehlen einer Strategie in Bezug auf Krisen und gegenüber Kritikern zu beobachten.
Wenn man dieser Organisation etwas vorwerfen kann, dann dass sie politisch aktiv sein will, ohne eine politische Vision zu haben. Das ist sicher allen UNO-Unterorganisationen gemeinsam, schließlich hängt ihre Existenz vom Einverständnis der sie finanzierenden Mitgliedsstaaten ab. Im Fall des IPCC ist jedoch der Widerspruch in dem Moment augenfällig geworden, als sich herausstellte, was im Zusammenhang mit dem Klimawandel auf dem Spiel steht.

Klima versus Biosphäre?

Der Erfolg der Thesen des IPCC spielt in der Tat seit dem letzten Jahrzehnt eine wichtige politische Rolle. Im Unterschied zur Einschätzung der Gründer und – meiner Meinung nach – weitgehend unbeachtet von heutigen Kritikern. Kurz gesagt, der Fokus auf die Klimaerwärmung, hervorgerufen durch CO2-Emissionen, dient dazu, die generelle Verschlechterung der Lebensbedingungen, verursacht durch die kapitalistische und industrielle Gesellschaft, zu verschleiern. Dies geschieht auf zwei
Arten:

  1. Seit den Anfängen im 19. Jahrhundert funktioniert die Industrie mit ihren Maschinen und Fabriken hauptsächlich dank fossiler Rohstoffe. Dieser enorme Verbrauch führte nicht nur dazu, dass Treibhausgase produziert werden. Wozu dient diese ganze Energie denn sonst, als der Industrie und Wirtschaft die Macht über alles zu geben. Diese Rohstoffe sind nichts anderes als die Substanz der Welt an sich, das seid ihr und ich, die Natur, in der wir leben und die Grundlage des Lebens: Die Energie ist das Mittel, die Welt zu verändern.
    Seit den 1950er Jahren mechanisierten und automatisierten sich Ackerbau und Viehzucht 3. Bauern wurden durch Landwirte ersetzt; Landschaft und Böden wurden zu Produktionsmitteln von Rohstoffen für die Nahrungsmittelindustrie. Die industrielle Landwirtschaft breitete sich in der ganzen Welt aus. Und auch die Beziehung zur Umwelt wurde mehr und mehr abstrakt und zweckbestimmt Zwängen und Ausbeutung unterworfen. Hinzu kam die rasch fortschreitende Verstädterung, die Landnutzung im großen Stil für ökonomische Bedürfnisse, usw. Die Auswirkungen auf die natürlichen Kreisläufe, Ökosysteme und Biodiversität sind beträchtlich, sowohl in den Industrienationen wie auch in den Entwicklungsländern mit einer schon seit Jahrzehnten andauernden Zerstörung der Umwelt (Überfischung, Kahlschlag von Wäldern usw.).
    Anders ausgedrückt: Die einseitige Beschränkung des öffentlichen Interesses nur auf den Klimawandel bewirkte, dass die tiefgreifenden Veränderungen eines großen Teils der Bio-sphäre keine Beachtung fand. Natürlich kann ein globaler Klimawandel lokale ökologische Systeme beeinflussen.
    Aber umgekehrt können die weitreichenden Transformationen der Biosphäre auch eine Auswirkung auf das Klima haben. Vor allem im Zusammenhang mit den natürlichen Kreisläufen (in erster Linie das Wasser; man erinnere sich nur daran, dass Wasserdampf das wichtigste Gas für den Treibhauseffekt ist).
    Es ist allgemein bekannt, dass der Siegeszug von Agroindustrie (Monokultur, Intensivtierhaltung) eine Verarmung der Biodiversität mit sich brachte, eine Schwächung der Ökosysteme und somit eine Beschleunigung der Phänomene, denen sie ausgesetzt sind: Deswegen häufen sich zum Beispiel in verschiedenen Regionen längere Dürreperioden und stärkere Überschwemmungen.
    Die zu starke Gewichtung auf einen einzigen Faktor (das Kohlendioxid) bewirkte, dass eine radikalere Kritik der kapitalistischen und industriellen Gesellschaft neutralisiert oder zumindest an den Rand gedrängt wurde 4. Man braucht bloß zu beobachten, wie in den Medien eine eigentlich einfache und einleuchtende Idee behandelt wird: Unbegrenztes Wachstum der Produktion in einer Welt mit beschränkten Rohstoffen ist nicht möglich. In der Tat brandmarkt die ökologische Krise, wenn sie in ihrer Globalität betrachtet wird, unzweifelhaft die Form der kapitalistischen und industriellen Produktion.

Der Industrie hörig

Die Thesen des IPCC haben also den Vorteil, das Problem wesentlich zu vereinfachen und es auf eine «vernünftige» Dimension zurückzuführen: Die ökologische Krise wird auf die Klimaerwärmung durch Treibhausgase von fossilen Brennstoffen reduziert. Diese Perspektive stellt eine sozial und politisch annehmbare Form dar, die Zerstörung der Lebensbedingungen in das System einzubinden, welches eigentlich der Ursprung des Problems ist. Und so wird letzteres auch nicht in Frage gestellt.
Wir stehen plötzlich nicht mehr vor einem Zivilisationsproblem: Wir brauchen uns keine Fragen zu stellen über unsere Beziehung zur Natur, über die Ziele der sozialen Organisation, über die Welt, in der wir leben wollen. Wir reden nur noch über Energiekonsum. Und für das gibt es schließlich Experten und technische Lösungen; eine Nachfrage wird so geschaffen, und neue Märkte können entstehen. Und die Geschäfte gehen auf einer neuen und breiteren Grundlage weiter...
Die vielfältigen Maßnahmen für neue, einträgliche Märkte sind kaum noch zu zählen: Kohlendioxidkredite, das mit Banken verknüpfte Recht zu verschmutzen, ökologische Labels, Normen für hohe Umweltverträglichkeit von Ökowohnsiedlungen, oft ein Vorwand für eine Sicherheitswohnpolitik5.
Strategien, um dem Bürger und Konsumenten sein Bewusstsein zu schärfen, fehlen nicht: Wehe dem Fehlbaren, der nicht die kleinen Gesten respektiert, um Energie zu sparen! Eine ganze Propaganda zieht über ihn her und schürt sein Schuldgefühl. Industriekapitäne und Politiker hingegen gewähren niemals Einblick in die Produktionsziele und Umweltbelastung, in die wichtigsten Aspekte des sozialen Lebens und ertragen es sehr schlecht, wenn ihre Macht in Frage gestellt wird. Währenddessen entwickelt sich in den Betrieben das «Greenwashing»: Atomstrom wird zur «sauberen Energie» erklärt, und die Industrie mit der größten Umweltverschmutzung demonstriert, dass sie wirklich nur ein Minimum an Treibhausgasen in die Atmosphäre ausstößt...
Der grüne Kapitalismus wird die Schäden seines Vorgängers nicht beheben, im Gegenteil, er wird sich an diesen mit der Verwertung von Abfällen (industrielle Ökologie), mit der Schaffung einer «Entschmutzungsindustrie» für die lebenswichtigen Elemente wie Wasser, bereichern. Neue Werte werden geschaffen dank Privatisierung der Bodenschätze, die früher unentgeltlich für alle zugänglich waren. Naturparks werden rentabilisiert unter dem Vorwand «einer ökologischen, dauerhaften und verantwortungsvollen Verwaltung»6. In diesem Sinne berechneten schon 1997 Wirtschaftswissenschaftler die «von der Natur angebotenen Dienstleistungen für die Wirtschaft»7 in Dollars. Seither machen auch Regierungen das gleiche. Erinnert dieses Vorgehen nicht an Marktstudien, um diese Dienstleistungen durch einen industriellen Prozess zu ersetzen, sobald die Ökosysteme, die diese gratis anboten, verschwunden sind? Was dazu noch den Vorteil hat, dass Aktionäre von Dividenden profitieren können.
«Rettet den Planeten!» wurde zu einem Leitmotiv für viele Menschen und Vereinigungen, deren gute Absichten nicht angezweifelt werden. Aber geht es wirklich darum, den Planeten zu retten? Es scheint mir, dass es sich eher um die Bedingungen unserer Freiheit und Unabhängigkeit handelt (für die Natur gilt das gleiche), die schon seit längerem bedroht sind, von einem ökonomischen und sozialen System, das unser Leben und die Welt schon stark vereinnahmt hat und von der sogenannten Allmächtigkeit seiner Wissenschaft und Technologie völlig verblendet ist.

*Chefredakteur von «Notes & Morceaux Choisis, bulletin critique des sciences, des technologies et de la société industrielle»

  1. Siehe Dokumentarfilm Niklolaus Geyrhalter, Unser täglich Brot, 2005.
  2. Es ist hier nicht die Rede von der Schwäche der Umweltbewegung, die es nicht schaffte, in der Denunziation der Schäden einen kritischen Inhalt und eine politische Dimension zu vermitteln, die über wahltaktische Überlegungen hinausgehen. Siehe dazu Bernard Charbonneau, Das grüne Feuer, 1980 (Verlag Parangon, 2009).
  3. Siehe Revue itinérante Z Nr. 4, Nantes, 2010, Dossier «Soit vert et tais-toi».
  4. Siehe Z Nr. 4, Dossier «Sacrifier un monde pour sauver la planète».
  5. Franz Broswimmer, Une brève histoire de l’extinction des espèces, 2002 (Verlag Agone, 2010). Der Autor zitiert diese Vorgehensweise, wahrscheinlich ohne zu begreifen, wieso diese für die Verteidigung der Biodiversität problematisch ist. Wie viele Ökologen sieht er kein Problem darin, Sprache und Ideen zu benutzen, die am Ursprung dessen sind, was er anprangert...
  6. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, frz. GIEC), Gruppe von Experten verschiedener Regierungen, die sich mit der Entwicklung des Klimas befassen, www.ipcc.ch
  7. Etienne Dubuis: Sale temps pour le GIEC, du prix Nobel aux affaires, grandeur et décadence des experts du climat