DOSSIER SAATGUT: Reise nach Ungarn und Rumänien. Diese Reise, die vom 26. Februar bis zum

von Sylvie Seguin (EBF Frankreich), 14.06.2007, Veröffentlicht in Archipel 148

Diese Reise, die vom 26. Februar bis zum 5. März stattfand, war dem Erfahrungsaustausch zwischen Bauern und verschiedenen Initiativen gewidmet, die sich mit der Frage des Saatgutes und der gentechnisch veränderten Organismen (GVO) auseinandersetzen.

Nach den vorherigen Fahrten nach Spanien, Portugal und Italien, die ebenfalls von BEDE

(Bibliothek für Dokumentations- und Erfahrungsaustausch) und dem Réseau Semences Paysannes (Netzwerk bäuerliches Saatgut) organisiert waren, ging es dieses Mal in zwei Länder, die erst seit kurzem der Europäischen Union (EU) angehören. Wir waren sieben Personen (davon drei Landwirte), welche die Reise antraten. Unterwegs stellten wir fest, dass dem traditionellen Saatgut in Ungarn und Rumänien ein grosses Interesse entgegengebracht wird.

Budapest

In Budapest konnten wir als erstes mit einem ehemaligen Angestellten des staatlichen Institutes für Agrobotanik von Tapioszele, das eine Genbank beherbergt, diskutieren. Er war entlassen worden, weil das Institut empfindliche finanzielle Kürzungen hatte hinnehmen müssen. Der ungarische Staat sichert nicht mehr das Überleben seines öffentlichen Konservatoriums. Das Saatgut läuft Gefahr zu verschwinden, weil es nicht mehr korrekt gelagert werden kann. Einige Leute versuchen mit allen Mitteln, diese «genetischen Ressourcen» aus dem Institut herauszuholen, um sie dann zu verteilen und in Gärten und auf Feldern auszusäen. Die Forscher der Universität der Agrarwissenschaften von Godollo studieren die Vielfältigkeit der angebauten Pflanzen und dazu die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen der alten Sorten. Weil die alten Sorten– genauso wie in Frankreich – nicht in den offiziellen Katalog hineingelangen, hatten diese Wissenschaftler die Idee, eine selbständige Genbank zu gründen, und sie wollen lebendige Kulturen in situ schaffen. Mehrere Fragen wurden zu dieser Idee aufgeworfen, und wir konnten als Initiativen, die in diese Richtung arbeiten, Kokopelli in Frankreich, Dreschflegel in Deutschland, Pro Specia Rara in der Schweiz und Arche Noah in Österreich nennen.

Cluj, Rumänien

Nach diesem Treffen, am Abend, nahmen wir den öffentlichen Bus, der uns von Budapest nach Cluj in Rumänien brachte. An den Bushaltestellen war jeweils ein grosses Schild angebracht, welche alle Verbindungen nach Westeuropa aufzeigte: Amsterdam, Brüssel, Berlin, Sevilla, Rom etc. Man reist viel im Bus und man zögert nicht, auch sehr weit mit diesem Verkehrsmittel zu fahren.

In Cluj empfingen uns Dan und Ramona, welche die Zusammenkünfte in Rumänien organisiert hatten. Beide arbeiten ehrenamtlich in einem Verein gegen gentechnisch veränderte Organismen und versuchen mit ihren sehr beschränkten Mitteln, kritische Informationen zu diesem Thema zu verbreiten und gleichzeitig Anhaltspunkte über die GVO-Kulturen in Rumänien zu bekommen. Sie stellten uns einen Professor der Universität der landwirtschaftlichen und tiermedizinischen Wissenschaften von Cluj vor, der an seinem Institut Kurse über Biodiversität und über die GVO-Problematik eingeführt hat. (In Frankreich können wir davon nur träumen). Er ist auch dabei, ein Inventar der traditionellen Gemüsesaatgut-Sorten in Transsylvanien zu erstellen, nachdem er sich mit dem staatlichen Konservatorium abgesprochen hatte, das in dieser Richtung nichts unternommen hatte. Das Projekt beinhaltet auch die Konservierung in situ an der Universität, das heisst: Es werden zusammen mit den Studenten Kulturen angelegt und die verschiedenen Sorten beobachtet. Der Professor war sich der Schwierigkeiten bewusst, die jetzt mit der Gesetzgebung der EU über das Saatgut entstehen werden. Denn diese Gesetze besitzen in Rumänien mit dem 1. Januar 2007 volle Gültigkeit. Deshalb will er versuchen, die lokalen Ressourcen zu erhalten, bevor es zu spät ist.

Wir wiesen – wie in Ungarn – auf die verschiedenen Möglichkeiten der Konservierung durch die Bürgerinnen und Bürger, Vereine und Forschungsgruppen hin. Die technischen und agronomischen Aspekte, die dazu nötig sind, kamen ebenfalls zur Sprache.

Ein zweiter Professor dieser Universität mischte sich mit seinen Schülern in die Diskussion. Die Studenten machen ein Master-Studium über Agro-Ökologie und Umweltschutz. Der Professor informierte über einen Skandal, der in der Presse Wellen schlägt. Es geht dabei um die strikte Anwendung der sanitären EU-Normen für Fleisch, Käse, Obst etc. auf den Bauernhöfen und um das plötzliche Verbot des Produktverkaufs auf den lokalen Märkten und der Wanderungen mit Tierherden. Nach dem Protest der Bauern krebste die Regierung zurück. Doch der Professor, der während kurzer Zeit Berater im Landwirtschaftsministerium gewesen war, fragte uns an, ob wir Leute in Frankreich finden könnten, die erfolgreich gegen das Hygiene-Delirium der Behörden gekämpft hatten.

Mit dem Eintritt Rumäniens in die EU versucht die Regierung ein guter Schüler derselben zu sein und sie will Gesetze anwenden, die noch gar nicht greifen können und im Übrigen nur der Agroindustrie dienen. Obwohl dieser Sektor in Rumänien stark vertreten ist, bleiben doch noch 5,6 Millionen registrierte Bauern übrig. Das hat dazu geführt, dass sich mit dem Beitritt Rumäniens die offizielle Anzahl der Bauern in der EU mit einem Schlag verdoppelt hat. Die durchschnittliche Fläche eines Bauerhofes beträgt dabei 2,5 Hektar. Die grossen landwirtschaftlichen Komplexe können dagegen bis zu 16‘000 Hektar erreichen. Zwischen den beiden Betriebsformen kann man eine grosse Diskrepanz erkennen. Die grossen Unternehmen sind im Süden des Landes in den weiten Ebenen präsent. Dort konzentriert sich auch vor allem der Anbau des GVO-Sojas.

Die Region von Sibiu

In der selben Nacht sind wir noch mit einem Minibus in die Region von Sibiu gefahren, in das Dorf Nucet. Der Tourismus auf dem Bauernhof entwickelt sich dort in den Bergen, und unsere Gastgeber lassen uns ihre Herberge einweihen, die ganz neu und komfortabel ist. Dieses Gästehaus ist mit einem kleinen Bauernhof verbunden, der Gartenbau und Viehzucht betreibt. Mit fünf Kühen, Geflügel, Gemüseanbau, Obstbäumen (vor allem Zwetschgenbäume für die hausgebrannte «Palinka») und jener Herberge für rund zehn Personen überlebt das Ehepaar auf 15 Hektar Land, wovon ein Grossteil Wiesen sind. Der Mann ist ein ehemaliger Militär, der vor vier Jahren Bauer geworden ist, und sich wacker schlägt. Das Paar verkauft ihre Produkte an eine Bio-Kooperative in Sibiu.

Die biologische Landwirtschaft in Rumänien hat chaotische Anfänge erlebt. Nach den Informationen eines der Gründer der Bio-Coop von Sibiu, wurde eine Biolandwirtschaft propagiert, deren Produkte für den Export bestimmt waren. Ein paar Landwirte folgten dieser Devise und gründeten Bio Terra. Sie waren aber nicht aus Überzeugung Biobauern geworden. Doch bei einem Treffen von Bio Terra konnte immerhin die Idee der Schaffung der Bio-Coop von Sibiu vorgestellt werden. Und von der Biolandwirtschaft überzeugte Bauern begannen sich untereinander zu organisieren. Dies führte zu dem Aufbau eines kleinen Ladens, der drei Mal pro Woche geöffnet hat und der immer voll mit Kundschaft ist. Die Bauern verwalten den Laden selbst.

In den Bergen

Wir besuchten mehrere dieser Produzenten, da-

runter einen der Gründer der Bio-Coop, der in einem kleinen Bergdorf mit Namen Mosna lebt, dessen Bevölkerung zu 70 Prozent aus «Zigeunern», den Rom, besteht. Er selbst ist deutscher Abstammung väter-

licherseits und ungarischer Herkunft mütterlicherseits und zeigt damit in seiner Person einen Teil des Mosaiks der Kulturen auf, aus dem Rumänien besteht. Der deutschsprachige Bevölkerungsteil, der seit sehr langem, teilweise seit dem Mittelalter, in dieser Region ansässig ist, zeigt sich sehr präsent, und ein Teil der Ortstafeln ist zweisprachig (Sibiu: Hermanstadt). Obwohl sich während der letzten Jahre viele ausländische Firmen in Rumänien niedergelassen haben und hinter sich deutsche Auswanderer herzogen (darunter junge Arbeitslose), ist die deutschstämmige Volksgruppe völlig rumänisch in ihrer Kultur. Während einiger Zeit sind viele in das Ausland arbeiten gegangen, nach Deutschland, in die Schweiz, nach Holland. Die meisten sind inzwischen zurückgekommen und gründen Bauernhöfe, indem sie manchmal von den drei Gesetzen über die Rückgabe von Ländereien profitieren, die seit 1989 in Kraft sind. Alle, die dies wünschten, konnten Land, das unter der kommunistischen Herrschaft kollektivisiert worden war, zurückverlangen. Das lief natürlich nicht überall reibungslos ab.

Doch zurück zu unserem Landwirt aus Mosna. Er erzählte uns auch, wie er den Mais selektionniert. Der Maisanbau ist sehr wichtig in Rumänien, und in den Innenhöfen der Bauernbetriebe findet man überall Maissilos. Er zeigte uns, wie er versucht, den traditionellen Mais, der sich sehr gut für das Mehl und die mamaliga (die einheimische Polenta) eignet, vor der Einkreuzung durch Hybridmais zu bewahren, der sich überall ausbreitet. Diese Verbreitung des Hybrid-Maises geschieht auf Anraten der offiziellen Agronomen, die von der gleichen Ideologie wie bei uns besessen sind: Angeblich bessere Erträge der Hybride, bessere Resistenz gegen Krankheiten. Doch während wir überall voller Bewunderung vor dieser schwarzen und sehr fruchtbaren Erde standen, beklagten sich bereits mehrere Bauern über eine zunehmende Auslaugung des Bodens, über Krankheiten und Parasitenbefall. Deshalb drängt sich eine andere agronomische Sichtweise auf, um der offiziellen Propaganda etwas entgegen setzen zu können. Dazu bieten sich die Erfahrungen in Westeuropa mit der Agro-Ökologie an.

Was die Rom im Dorf betrifft: Traditionell stellten sie Ziegel aus roher Erde für den Häuserbau her. Diese sehr alte Technik war in allen Bauerndörfern verbreitet und deshalb sind heute noch sehr schöne Bauten zu finden. Doch unter dem kommunistischen Regime war diese Technik als veraltet verpönt und musste dem Beton Platz machen. Unser Bauer aus Mosna konnte mit einigen Dorfbewohnern diese Mini-Industrie wieder beleben. Rund zwanzig Personen sind jetzt in diesem Bereich tätig.

Er erklärte uns auch, dass viele Junge (und nicht nur diejenigen der Rom) nach Spanien in die grossen Anbaugebiete von Erdbeeren und Gemüse arbeiten gehen. Die rumänische Regierung versucht übrigens diesen Exodus zu stoppen, weil es inzwischen einen grossen Mangel an Arbeitskräften im eigenen Land gibt. Mehr als zwei Millionen Menschen verliessen in den letzten Jahren das Land. Gleichzeitig siedeln sich Unternehmen in verschiedenen Bereichen an und suchen Arbeiter, weil die Löhne hier am tiefsten von ganz Europa sind - sie liegen zwischen 100 und 150 Euro pro Monat.

Die Restrukturierung der Landwirtschaft, die von Europa gewünscht wird und welche Modernisierung und Zusammenlegung der Flächen bedeutet, wird sehr stark vom Staat propagiert. Er versucht mit grossen Werbe - und Informationskampagnen die alten Bauern davon zu überzeugen, ihr Land aufzugeben. Für jeden Hektar, der aufgegeben oder verpachtet wird, bekommt der Eigentümer eine Lebensrente von 100 Euro pro Jahr vorgeschlagen. Und jeder junge Mensch, der einen Hof kaufen und bewirtschaften will, bekommt eine Prämie von 50'000 Euro. Doch die alten Bauern sind misstrauisch: Nach dem Fall des kommunistischen Regimes hatten sie ihre Parzellen wiedererlangt, die ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg weggenommen worden waren. Sie wollen nicht, dass ihnen das bisschen Land erneut entrissen wird, da es nach wie vor ihre einzige Überlebensgrundlage darstellt. Inzwischen sind viele Dörfer überaltert, und die Landflucht ist gross.

Danach besuchten wir mehrere, meistens kleine Bio-Produzenten mit diversifizierter Tierzucht und vielfältigem Pflanzenanbau, wie er in Westeuropa praktisch nicht mehr existiert. Es kam zu einem Treffen mit den Mitgliedern der Bio-Coop, anderen Bauern der Region von Agnita und den lokalen Behörden. An diesem Anlass betonten wir die Wichtigkeit der kleinen Höfe und die Notwendigkeit, sich zusammenzuschliessen, um gegen die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft Widerstand zu leisten. Diese Form des Widerstands ist nicht selbstverständlich, denn fünfzig Jahre Kommunismus haben tiefgreifende Spuren hinterlassen.

Die Reise geht weiter in der nächsten Nummer des

Archipels…