FEMINISMUS: Eine Welt ohne Männlichkeit?

von Mélusine, 15.02.2021, Veröffentlicht in Archipel 300

Und wenn es im Kampf gegen die Ungleichheit von Männern und Frauen nicht um die Umverteilung von Ressourcen ginge, sondern um die direkte Infragestellung der gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen von Männlichkeit und Weiblichkeit?*

Erster Teil

Ich glaube nicht an die Gleichstellung von Männern und Frauen. Im zulässigen Diskurs fungiert die Forderung nach Gleichstellung heutzutage als Minimalkonsens des feministischen Kampfes. Sie ist ein institutionelles Ziel öffentlicher Politik geworden und zugleich ein Schlagwort, das die emanzipatorischen Forderung von Frauen zusammenfasst – und einschränkt. Bequem ist sie insofern, als sie scheinbar nur die tatsächliche Umsetzung eines politischen und philosophischen Grundsatzes einfordert, dessen Legitimität seit langem anerkannt ist und Präambeln von Gesetzen sowie Giebel von Gebäuden ziert. Jegliche potentielle Radikalität einer solchen – nirgends jemals realisierten – Forderung erlöscht dabei in der Starrheit des Begriffs. Was also wollen die Frauen? Die Gleichstellung mit den Männern: Auf keinen Fall zu viel; nicht mehr als das haben, was die Männer haben; nicht mehr als das tun, was die Männer tun. Diese Forderung ist nicht nur extrem zurückhaltend, sie ergibt auch keinen Sinn. Sie beinhaltet eine logische Unmöglichkeit, die zutage kommt, wenn man sich ernsthaft fragt, was jede der beiden Kategorien umfasst, Männer und Frauen, deren angebliche Gleichwertigkeit erreicht werden soll. Denn aller performativen Energie der Welt zum Trotz kann zwischen an sich ungleichen Werten kein Gleichheitszeichen stehen. Die Gleichstellung von Männern und Frauen ist ein Widerspruch, ein Oxymoron, ohne Aussicht, jemals umgesetzt zu werden. Was wir heute „Männer“ nennen, kann nicht gleichwertig zu denen, die wir „Frauen“ nennen, existieren.

Unterschiedliche Wertigkeit

Die feministische Forschung hat sich bemüht, diesen Schwindel aufzudecken. Der Begriff Gender (le genre), in seiner heutzutage allgemein angenommenen Bedeutung im Französischen, wurde als Gegenbegriff dazu entwickelt. Nicht Gender im Plural (les genres) als „soziale Geschlechter“, die sich von den „biologischen Geschlechtern“ unterscheiden und empfundene wie gelebte Identitäten abdecken – obwohl diese Definition sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch in aktivistischen Texten weiterhin üblich ist. Vielmehr Gender(1) als ein soziales System, das zwei durch ihr Geschlecht unterschiedene Gruppen hervorbringt und – im gleichen Schritt – hierarchisiert: Männer und Frauen. Gender als Klassifizierungsprinzip also, das trennt, um eine soziale Hierarchie zu erschaffen.

Der Gender-Begriff stellt klar, dass die Differenz nicht vor dem Unterschied in Behandlung, Wertigkeit und Rechten existiert. Anders ausgedrückt: Nicht weil die Anderen anders sind, werden sie anders behandelt. Vielmehr werden die Anderen erschaffen, ihre Differenz betont, ins Lächerliche gezogen und marginalisiert, weil es einer Rechtfertigung für die unterschiedliche Behandlung bedarf. So gesehen entstehen Differenz und Ungleichheit im selben Akt. Erstere rechtfertigt Letztere und hält sie aufrecht, indem sie ihr eine Ursache, eine Notwendigkeit und eine naturgegebene Gewissheit bietet. Der rassistischen Ideologie einer weissen Vormachtstellung gleich, die der massenhaften Versklavung und Ermordung von an die Ränder der Menschheit verschleppten Personen eine Berechtigung bot, ermöglichen die soziohistorischen Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit heutzutage die Rechtfertigung unterschiedlicher Geschlechterrollen. Die Kategorien Männer und Frauen sind zugleich Voraussetzung und Korrelate der Herrschaftsverhältnisse, die sie aufrechterhalten. Denn die Differenzen, die sie gegenüberstellen, sind niemals nur Unterscheidungen, Unvergleichbarkeiten, sondern immer auch Hierarchien: Es ist eine „unterschiedliche Wertigkeit der Geschlechter“(2), die dem Männlichen und seiner Welt – die Gesamtheit der Repräsentationen, Praktiken, Werte und Grundsätze, die Männern zugeschrieben werden – das Primat über das Weibliche erteilt. Der Mythos der Komplementarität ist immer ein grosser Schwindel: Uns die Sanftheit, die Aufmerksamkeit, die Empathie, glorreiche Eigenschaften, die uns für rotznasige Kinder und polierte Möbel vorbestimmen. Ihnen die Kraft, die Unabhängigkeit und die Analyse, ausgesprochen ernsthafte Begabungen, die sie dazu verdammen, Entscheidungen zu treffen, wichtigen Tätigkeiten nachzugehen und alle anderen bedeutenden Dinge dieser Welt zu übernehmen. Sie bekommen die Ermächtigung, wir den Trost. So kommt der Geist ins Straucheln und hat Mühe, sich die Umsetzung einer Gleichstellung vorzustellen zwischen Elementen, die zwangsläufig ungleich sind; zwischen Männern, die schon in ihrer Verfasstheit mehr sind als Frauen.

Teilen oder Abschaffen?

Die trügerische Aussicht verleitet uns zu glauben, dass die erträumte Gleichstellung durch Teilen zu erreichen wäre. Ihre Privilegien und unsere Lasten teilen, eine grosse allgemeine Umverteilung zwischen Männern und Frauen, in der jede·r soviel leistet und erhält wie die oder der andere, und alle endlich in Harmonie leben könnten. Der Gedanke erscheint vernünftig, wenn es um die begrenzten Dinge geht, von denen sie mehr haben als wir: Löhne und Vermögen(3), Arbeitsmöglichkeiten und Führungspositionen(4), mediale Darstellung und öffentliche Mandate(5), aber auch Freizeit und geistige Freiheit(6). Während es möglich ist, diese Vorteile mit ihnen teilen zu wollen, ist eine Umverteilung unserer Dienstbarkeiten nur schwer vorstellbar. Häusliche Arbeit ist als Beispiel sehr erhellend. Christine Delphy, Theoretikerin der wirtschaftlichen Ausbeutung von Frauen, definiert häusliche Arbeit als Arbeit, die kostenlos für andere (und vor allem für den Partner) ausgeführt wird. Ist eine Aufteilung also wünschenswert? Wollen wir das Joch teilen, um sein Gewicht zu mindern? Delphy schlägt eine radikalere Lösung vor: Sie lehnt es ab, die Haushaltsaufgaben als gemeinsames Feld eines Paares zu betrachten, das mehr oder weniger ausgeglichen zwischen den Partner·inne·n aufgeteilt werden müsste. Im Gegensatz dazu schlägt sie vor, die Autonomie beider wiederherzustellen, damit jede·r seine Bedürfnisse abdecken kann; keine·r arbeitet mehr für die oder den anderen. So ergibt die Aufteilung im Paar nur Sinn für die notwendige Care-Arbeit in Bezug auf eventuelle Kinder oder abhängige Personen: Sie betrifft in keinem Fall das Zusammenleben des Paares an sich. Über Hausarbeit (für, oder vielmehr anstelle von anderen) sagt sie: „Nicht ihre Aufteilung sollte angestrebt werden, sondern ihre Abschaffung.“(7) Und von diesen Worten könnten wir uns weiter inspirieren lassen: Statt des Versuchs, die dem patriarchalen System innewohnenden Lasten und Gewinne umzuverteilen, sollten wir die Bilanz an sich infrage stellen.

Ganz gleich ob es um Geschlecht, Klasse oder Rassisierung geht, gegenwärtig werden Herrschaftsverhältnisse vor allem als ungleiche Verteilung von Gütern, Kapital, Status oder Möglichkeiten gedacht – Ressourcen also, die jede·r ungleich viel besitzt und die anders verteilbar wären. Diesen Ressourcen haben wir den im aktivistischen Sprachgebrauch üblich gewordenen Namen „Privilegien“ gegeben. Er beschreibt die Gesamtheit der Vorteile, die den Angehörigen der herrschenden Gruppe zugute kommen: mehr Geld verdienen, nicht angegriffen werden, Selbstvertrauen haben, als Individuum betrachtet werden, Respekt oder einen Job bekommen, fundamentale Rechte geniessen etc. Anders gesagt: „ein unsichtbares Paket unverdienter Vorteile“(8), die tagtäglich erfahren werden, allerdings oft unbewusst. Der Begriff ist insofern nützlich, als er das Feld des Sagbaren erweitert, denn er bezeichnet Vorteile aller Art und spürt den Herrschaftsverhältnissen bis in die intimsten Räume nach. Darüber hinaus besitzt er eine unbestreitbare Aussagekraft: Privilegien sind immer ungerecht und genau deshalb werden sie abgeschafft. Und letztlich macht der Begriff parallele Funktionsweisen verschiedener Herrschaftssysteme sichtbar: Es gibt männliche Privilegien, weisse Privilegien, heterosexuelle Privilegien etc., welche die herrschenden Gruppen auf Kosten der unterdrückten Gruppen geniessen.

Sein und Haben

Nichtsdestotrotz birgt der Begriff der Privilegien die gleichen Hindernisse wie jener der Gleichstellung von Männern und Frauen: Beide beruhen auf der Vorstellung, dass es (materielle, symbolische, emotionale etc.) Ressourcen gibt, die besser verteilt werden könnten. Anders gesagt, dass auch ausserhalb der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse eine Gruppe „Männer“ und eine Gruppe „Frauen“ („Weisse“ und „People of Color“, „Bürgertum“ und „Proletariat“ etc.) existieren könnten, die als Gleichgestellte hätten leben können – es also auch weiterhin könnten –, die aber durch einen kontingenten und unglücklichen soziohistorischen Prozess ungleich wurden. Von Privilegien zu sprechen, beinhaltet, das Subjekt – sei es das herrschende oder das unterdrückte – als der Herrschaftsausübung vorausgehend zu begreifen, davon auszugehen, dass ein männliches Individuum bereits vor der Abwertung von Frauen existieren könnte.(9) Dass es also Männer gibt und dass diese, unabhängig davon, Privilegien geniessen. Die Darstellung der Geschlechterdifferenz als naturgegeben ist womöglich derart wirkungsmächtig, dass sie es schwierig macht, das Problem sofort zu erkennen. Auf das rassistische System übertragen erscheint es klarer: Die Idee, dass Menschen Privilegien nur besitzen aber nicht verkörpern können, lässt eine autonome Existenz einer weissen Gruppe und rassisierter Gruppen durchklingen, die nicht nur das Produkt von Fremdschreibungs- und Rassisierungsprozessen wären, sondern diesen vorausgingen und unabhängig voneinander und unabhängig vom Rassismus weiterexistieren könnten. Dass das unterdrückte Subjekt letztlich nicht das Produkt eines Herrschaftsprozesses (entsprechend von Klasse, Rassisierung oder Geschlecht) wäre, sondern dass die Differenz auch ausserhalb der Geschichte seiner Abwertung und Ausbeutung in seinem Wesen festgeschrieben wäre.

Davon zu reden, was wir haben, statt davon, was wir sind, verhindert also die Infragestellung der Kategorien an sich. Aber wie sollen wir uns Männer ohne Privilegien vorstellen? Wie könnte es Männer geben, ohne Männlichkeit und Vaterschaft, ohne die Wertschätzung von Macht und Stärke, ohne physische Gewalt, Heterosexualität und Familienheim? Was würde Männer ausmachen, wenn sie nicht stärker, grösser, intelligenter, unabhängiger, erfinderischer, egoistischer, weniger zart, weniger kokett, weniger gute Köche, arbeitsmarktfähiger, verantwortlicher, besser bezahlt, tau glicher für Befehlsgewalt und Kampfeinsatz sein sollten als Frauen? Jene, die keine „wahren Männer“ sind, stellen in gewisser Weise die lebendige Grenze ihrer Klasse dar: Obwohl sie für Praktiken bestraft werden, die als unangemessen für ihr Geschlecht gelten, befinden sie sich nicht ausserhalb der Geschlechterkriterien, sondern nehmen, gegen ihren Willen, an deren Strukturierung teil. In Wirklichkeit bleibt von der Männlichkeit nichts, wenn wir beiseite lassen, was sie uns abspricht und nimmt, wo sie uns ausschliesst und wozu sie uns zwingt. Unter Männlichkeit verstehe ich keine „männliche Natur“ – was Männer von Natur aus und für alle Zeit wären – und auch keine „Virilität“ – die herrschaftliche und gewalttätige Form dessen, was ein Mann sein sollte –, sondern vielmehr die Gesamtheit der Grundsätze, Werte, Praktiken, Vorstellungen, Arten zu sein, zu denken, sich zu bewegen und zu tun, die Männern zugeschrieben werden. Freilich kann diese Männlichkeit vielfältige Formen annehmen. Sie ist immer durch andere Dimensionen der sozialen Position des Einzelnen vermittelt. Nicht jede Art, ein Mann zu sein, wird wertgeschätzt, aber selbst die Formen, die gesellschaftlich sanktioniert werden, wirken insofern an der Asymmetrie des patriarchalen Systems mit, als sie markieren, was ihnen gehören sollte und nicht wirklich unseres sein könnte. Jene, die keine „wahren Männer“ sind, stellen in gewisser Weise die lebendige Grenze ihrer Klasse dar: Obwohl sie für Praktiken bestraft werden, die als unangemessen für ihr Geschlecht gelten, befinden sie sich nicht ausserhalb der Geschlechterkriterien, sondern nehmen, gegen ihren Willen, an deren Strukturierung teil.

Männlichkeit abschaffen, bedeutet keinesfalls, dass Frauen sich keine als männlich bewerteten Züge aneignen sollten, ganz im Gegenteil, es bedeutet die Etiketten zu verbrennen. Wir können uns nicht mit einer blossen Reform zufriedengeben. Männer können durchaus Sensibilität entwickeln, doch solange diese als „weiblich“ gilt, hat sie keinen Wert. Sie wäre zugleich das Merkmal und die Rechtfertigung einer Herabsetzung der sensiblen Frauen, die also dem entsprechen, was von ihnen behauptet wird, der unsensiblen Frauen, denen etwas fehlt, und der sensiblen Männer, die ihre Klassen durch ihre Verweiblichung beschmutzen. Alternative und subversive Geschlechterverhaltensweisen sind emanzipatorische politische Praktiken und sicherlich eine der Möglichkeiten auf die Abschaffung der Geschlechtergruppen hinzuwirken. Doch Letztere muss dabei immer das Ziel sein: Das Ende eines kohärenten Geschlechtersystems, das durch die Hierarchisierung von Eigenschaften eine Hierarchie der Menschen definiert.

Mélusine

*Der Originaltitel des Artikels lautet „Horizons sans les hommes“. Ersterscheinung in Panthère Première Nr. 2, Frühjahr 2018 (https://pantherepremiere.org/numero/numero-2-printemps-2018/)

  1. In ihrem Buch Introduction aux Gender Studies (2008) definieren Laure Bereni, Sébastien Chauvin, Alexandre Jaunait und Anne Révillard Geschlecht (le genre) als „ein System hierarchisierter Dichotomisierung zwischen den Geschlechtern (Männer/Frauen) und zwischen den Werten und Vorstellungen, die ihnen zugeschrieben werden“. Eine vollständige Definition findet sich im Interview mit Laure Bereni, Genre: état des lieux (https://laviedesidees.fr/Genre-etat-des-lieux.html).
  2. Françoise Héritier, Masculin/féminin. La pensée de la différence, Odile Jacob, 1996.
  3. Männer verdienen durchschnittlich 35 Prozent mehr als Frauen (Observatoire des inégalités, Erhebung des Insee, 2014) und verfügen über 18 Prozent mehr des Vermögens (Untersuchung Économie et Statistiques, Insee, 2014).
  4. Es gibt 163 Prozent mehr Frauen in Teilzeitarbeit (Observatoire des inégalités, Erhebung des Insee, 2015), während 86 Prozent der Leitungspositionen von Männern besetzt werden (Studie CSA-KPMG, 2015).
  5. In Radio und Fernsehen sind mehr als 70 Prozent der eingeladenen Politiker·innen und Expert·inn·en Männer (Bericht des CSA, „La représentation des femmes à la télévision et à la radio“, 2017) wie übrigens auch 84 Prozent der Bürgermeister (Bericht „Les collectivités locales en chiffres 2016“, Direction générale des Collectivités locales).
  6. Männer verfügen durchschnittlich über vier Stunden mehr Freizeit pro Woche als Frauen (Untersuchung Emploi du temps, Insee, 2010).
  7. Christine Delphy, Par où attaquer le ,partage inégalʻ du ,travail ménagerʻ?, Nouvelles Questions Féministes, vol. 22, 2003, S. 47-71.
  8. Peggy McIntosh, White Privilege and Male Privilege: A Personal Account of Coming to See Correspondences Through Work in Women’s Studies, Wellesley Center for Research on Women, 1988.https://www.wcwonline.org/images/pdf/White_Privilege_and_Male_Privilege_Personal_Account-Peggy_McIntosh.pdf).
  9. Maxime Cervulle, La conscience dominante. Rapports sociaux de race et subjectivation, Cahiers du Genre, vol. 53, 2012, S. 37-54. Sie ist auch Autorin von „Le dilemme de Cologne, Quel espace politique pour les femmes racisées?“ (https://pantherepremiere.org/texte/le-dilemme-de-cologne/)