Rami Abu Reda* (49) lebt mit seiner Frau und vier Kindern in einem Zelt im al-Mawasi-Camp im Süden des Gazastreifens. Die Häuser, die Rami in seinem Beruf als Architekt in Gaza erbaut hatte, sind längst zerstört. Ebenso das eigene, und das davor, das bereits im Jahr 2014 zertrümmert wurde.
Eine schmerzliche Seltsamkeit: Wir haben unsere Gesichter lange nicht gesehen! Nicht, dass wir den Blick in den Spiegel vermeiden würden. Vielmehr: Der Spiegel selbst ist aus den Details unseres Alltags verschwunden. Kein Badezimmer, kein Spiegel über dem Waschbecken. Kein Schlafzimmer mit Spiegelschrank. Kein Hausflur mit Chiffonnier am Eingang, der «uns» im Rahmen hält, willkommen heisst und dran erinnert, dass wir im Leben stehen. In Zuge der permanenten Vertreibungen haben wir das Gesicht verloren, Tage und Wochen damit verbracht, uns mit dem Wasser der Sehnsucht zu waschen, unseren Schweiss mit staubigen Lappen abzuwischen, unser Haar mit zittrigen Fingern statt mit einer Bürste zu kämmen.
Manchmal vergeht eine ganze Woche, bevor uns vielleicht ein kleiner Taschenspiegel aus einer vergessenen Falte eines Rucksacks in die Hände fällt, du kramst ihn schliesslich hervor, um dich anzusehen – und bist schockiert. Das Gesicht, das dich anstarrt, ist nicht das, das du kennst. Die Bräune deiner Haut ist keine sonnengeküsste, eher eine trockene traurige Kruste. Neue Fältchen sind entstanden, undercover, insgeheim. Und die dunklen Ringe unter unseren Augen sehen aus wie die Schatten unserer müden Zelte. Unsere Gesichtszüge haben sich verändert – als ob der Schmerz uns jeden Tag neu formt. Wir starren uns an und fragen panisch: Was haben wir getan, um so zu enden? Was ist das für ein Krieg, der uns sogar unser Aussehen raubt? Wie wurden wir so? Nicht über die Jahre gealtert – sondern in Trauer.
Spiegel mögen angesichts des Krieges wie unnötiger Luxus erscheinen, aber in Wahrheit sind sie ein Bruchstück Heimat. Als wir unser Zuhause verliessen, wussten wir nicht, dass wir auch die Verbindung zu uns selbst verlieren würden. Und so leben wir jeden Tag, fremd angesichts des eigenen Ichs, sehen es nur gelegentlich – entdecken jedes Mal eine neue Grimasse, ein neues Gesicht, das vom Leben verraten wurde, das aber immer noch versucht zu lächeln. Wir sind unseren Ichs fremd geworden, und unseren Spiegeln, wenn wir sie nicht längst verloren haben.
Rami Abu Reda
*Rami Abu Reida ist Architekt, aber schreibt (meistens in den Nächten), um der Ohnmacht angesichts des Krieges etwas entgegenzusetzen. Der Text wurde im Oktober 2025 in der Berliner Zeitung veröffentlicht. Der Autor hat uns gebeten, ihn im Archipel zu veröffentlichen.



