LIBANON: Konkrete Solidarität

von Charlotte, Buzuruna Juzuruna, 15.04.2026, Veröffentlicht in Archipel 357

Charlotte, Schweizerin und Französin, lebt seit zehn Jahren in der Bekaa-Ebene im Libanon und ist dort in dem landwirtschaftlichen Saatgutprojekt «Buzuruna Juzuruna»[1] engagiert. Vor eineinhalb Jahren haben wir ihren Appell für die Unterstützung der Geflüchteten aus dem Südlibanon im Archipel veröffentlicht. Heute sind der Schrecken und die Not unvorstellbar grösser. Hier ihr Augenzeugenbericht:

Ich möchte die Erfahrungen dieser Zeit – sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene – teilen, aber auch unsere Rolle als «Buzuruna Juzuruna» in all dem. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich keine Journalistin bin; ich schreibe sehr gerne über das, was wir hier erleben, aber ich habe nicht das «Fingerspitzengefühl» einer Journalistin und bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt haben möchte.

Die Nacht vom Sonntag, dem 1. auf den 2. März, war nicht der Beginn des Krieges im Libanon, sondern lediglich dessen Fortsetzung. Seit Oktober 2023 hat der Krieg nie aufgehört. Die zionistische Entität[2] hat das libanesische Gebiet weiter bombardiert, und die Zahl der Toten und Verletzten ist permanent gestiegen. Die Bombardierungen, die Zerstörung, die Ausbringung von weissem Phosphor und das Versprühen von Glyphosat durch die israelische Armee auf den Feldern im Süden verursachen einen andauernden Ökozid. Die Gewalt der zionistischen israelischen Armee ist nichts Neues, sie dauert schon seit Jahrzehnten an. In der Nacht Anfang März feuerte dann die Hisbollah mehrere Raketen in Richtung des besetzten Palästinas ab, nach Monaten des Schweigens unter den Bomben des Feindes. Die Reaktion der israelischen Armee war wie jedes Mal. Vielleicht wollten sie diesen Moment nutzen, um das zu vollenden, was sie begonnen hatten: eine «Pufferzone» im Südlibanon zu schaffen und zu besetzen, um die Bevölkerung im Norden des besetzten Palästinas zu «schützen» – so sagen sie es. Aber handelt es sich nicht vielmehr um die Idee der Schaffung von «Gross-Israel»? – Besetzung und Aneignung von Land und Wasser; die Möglichkeit, unter den Augen der internationalen Gemeinschaft weiterhin illegal Land zu besetzen, ohne jegliche Reaktion seitens der westlichen Länder. Das ganze Land ist der Gewalt des zionistischen Staates ausgesetzt. Die «sicheren» Zonen werden immer weniger sicher. Sich fortzubewegen ist ein Risiko; eine Rakete kann überall und auf jeden einschlagen. Die Angriffe auf Fahrzeuge richten sich meist gegen Menschen aus den Bewegungen des bewaffneten Widerstands. Doch die zivilen Ziele sind weitaus zahlreicher. In weniger als zwei Wochen wurden fast 830 Menschen getötet, darunter 100 Kinder, mehr als 2000 Menschen verletzt und fast eine Million Menschen vertrieben, vor allem aus dem Süden des Landes, dem Süden Beiruts und der Bekaa. Jeden Tag steigen diese Zahlen. Vor knapp 30 Minuten wurde eine neue Evakuierung im Süden des Landes angekündigt. Die Bevölkerung muss sich bis zu mehr als 40 Kilometer nördlich der Grenze zum besetzten Palästina begeben. Der pure Wahnsinn. Und jeden Tag erreichen uns diese Nachrichten auf unseren Handys. Kein einziger Tag der Ruhe, keine Minute Ruhe. Evakuierung um Evakuierung, Massaker um Massaker, Bombardements um Bombardements. Wie zum Beispiel das Massaker von Nabi Shit: 40 getötete Menschen für die Leiche eines Israelis, die seit 40 Jahren vermisst wird. Aber auch ganze Familien wurden während des Iftars (des Fastenbrechens) ermordet. Oder auch Bombardements in Wohngebieten im Zentrum von Beirut, mitten in der Nacht. Oder das Massaker am grossen Strand von Beirut, wo Vertriebene in ihren Zelten schliefen. Das Ergebnis: 12 Tote, darunter Kinder, und etwa 30 Verletzte. Die Gewalt dieses Krieges ist schrecklich und psychisch sehr belastend.

Gemeinsam überleben

Nachdem so eine Situation bereits vor knapp anderthalb Jahren erlebt wurde, tauchten die Bürgerinitiativen bereits wieder in den ersten Stunden dieser neuen Eskalation des Krieges auf. Viele von ihnen hatten ihre Arbeit nie wirklich aufgehört, da viele Menschen nicht nach Hause zurückkehren konnten – aus einem einleuchtenden Grund: Ganze Dörfer waren von der Landkarte getilgt worden. Jetzt wurden zunächst Suppenküchen eröffnet, als Hunderttausende von Menschen auf der Strasse landeten. Bars und Restaurants dienen als Solidaritätskantinen. Hunderte von Menschen sind arbeitslos geworden und können sich daher an all diesen Initiativen beteiligen. Das Schöne an diesem Chaos ist, dass man sich gegenseitig unterstützt, dass man spürt, dass Solidarität da ist. Gemeinsam ist alles möglich, und ehrlich gesagt hat dieses Volk so viele Krisen erlebt und durchgemacht, dass es heute auf alles vorbereitet ist. Im Handumdrehen weiss es zu reagieren. Das Kantinensystem ermöglichte es, so viele Abendessen wie möglich (während des Ramadans) an die Vertriebenen in den Aufnahmezentren und an diejenigen auf der Strasse zu verteilen, die keine Zuflucht gefunden hatten. Viele Spenden (Gemüse, Hülsenfrüchte etc.) kommen von lokalen Erzeuger·innen wie uns, «Buzuruna Juzuruna», und anderen Höfen, mit denen wir zusammenarbeiten. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Es besteht ein enormer finanzieller Bedarf, um Lebensmittel für die Zubereitung der Mahlzeiten sowie Küchenutensilien zu kaufen. Manche Küchen erfüllen mehrere Funktionen, wie beispielsweise «Nation Station», die am Tag nach der Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 eröffnet wurde und immer noch aktiv ist; sie ist nicht mehr nur eine Küche, sondern auch eine Gesundheitsstation und vieles mehr. Die Volksbewegungen sind die Hoffnung dieses Landes, während der Staat weitgehend absent ist. Ohne all das, was auf die Beine gestellt wurde, hätten die meisten Vertriebenen weder Zuflucht noch Essen gefunden. Auch wäre nichts da gewesen, um sich mitten im Winter zu wärmen, während die Nächte noch kühl sind und der Regen für eine gute Woche zurückgekehrt ist.

Heute, angesichts der enormen Massenbewegungen, die täglich durch die zionistischen Evakuierungen ausgelöst werden, steigt die Zahl der Vertriebenen rasant an. Die Anzahl der Unterkünfte reicht nicht aus, und ein Teil der Bevölkerung wird ausgegrenzt, zum Beispiel die Syrer·innen und Palästinenser·innen, weil in bestimmten Unterkünften Libanes·innen Vorrang haben. Die Anderen bleiben daher grösstenteils auf der Strasse.

Im September 2024, als der Krieg ausbrach, fanden sich Tausende von Migranten und Migrantinnen aus dem Kafala-System[3], von den Philippinen, aus dem Sudan, aus Äthiopien, Sri Lanka u.a. auf der Strasse wieder, da ihre «Herren» das Haus ohne sie verlassen hatten und sie auf der Liste für die Zuteilung einer Unterkunft ganz unten standen. Heute haben viele Vereine Notunterkünfte eingerichtet, um sie aufzunehmen und zu versorgen, doch leider befinden sich viele von ihnen immer noch draussen, ohne Obdach. Um uns herum übernehmen viele Kollektive und Freundeskreise die Verantwortung, Geldmittel zu beschaffen und lebensnotwendige Güter zu kaufen: Schlafgelegenheiten, Wärmequellen, warme Kleidung, Milch für die Kinder, Damenbinden (wie der Verein Jeytna, der Hygieneartikel bereitstellt), Hygiene-Sets… Wichtig ist es, bei diesen Aufgaben konsequent zu bleiben und einen guten Rhythmus mit den betreuten Menschen aufrechtzuerhalten, denn sehr schnell geraten einige in Vergessenheit und stehen ohne Hilfe da. Das «Beirut Art Center» hat seine Türen für Freiwillige geöffnet, die Kissen herstellen wollen, und bietet noch andere Arbeitsmöglichkeiten an. DADA, ein anderer Kunst-Ort, nimmt Spenden in Form von Kleidung, Medikamenten, Spielzeug und Babymilch entgegen und ist gleichzeitig ein Ort zum Ausruhen.

Was wir machen

Der Bauernhof von «Buzuruna Juzuruna» liegt in der Bekaa-Ebene, zwanzig Minuten von der syrischen Grenze und eine Stunde von Beirut entfernt. Unser Ziel ist es, für Ernährungssouveränität zu kämpfen und die Agrarökologie zu fördern. Der Hof ist bis jetzt – und ich hoffe, das bleibt so – von den Bombardements verschont geblieben. Wir haben das Glück, eine kleine Oase der Ruhe zu haben. Heute ist es unsere Pflicht, die Bewegungen zu unterstützen, die während des Krieges entstanden sind. So verteilen wir derzeit an Solidaritätskantinen Hunderte von Kilogramm Lebensmittel, die wir selbst produzieren: Linsen, Kichererbsen, Bohnen, Erbsen, Bulgur, aber auch frisches Gemüse der Saison wie Kohl, Karotten, Chicorée, Frühlingszwiebeln… Jede Woche beliefern wir mehrmals verschiedene Kantinen. Bislang arbeiten wir mit fünf davon in Beirut, einer in Okaibeh und einer in Akkar zusammen und haben etwa 1450 kg Getreide und Hülsenfrüchte sowie 300 kg Gemüse verteilt.

Jede·r beteiligt sich, so gut er kann, an dieser Initiative und bringt seine Zeit und seine Energie ein. Während des Krieges im Jahr 2024 waren wir alle am Ende unserer Kräfte. Wir haben also alle aus unseren Fehlern gelernt. Wichtig ist, darauf zu achten, wenn möglich, sich selbst nicht zu vergessen, denn genau das will sie (die israelische Armee), indem sie Krieg führt und Chaos sät: alle erschöpfen, das Leben unerträglich machen und alle zermalmen. Sich zu schützen bedeutet also auch, mehr geben zu können. Zusammenzuhalten, eines der wichtigsten Elemente, sich unterstützt zu fühlen, kann unsere Energie angesichts dieses Chaos nur stärken, um besser Widerstand leisten zu können. Ich habe während dieser zwei Kriegswochen gespürt, wie viel besser wir kommunizieren konnten. Natürlich steigen die Spannungen, die Erschöpfung, die Wut und die Traurigkeit sind so präsent, dass alle jeden Moment explodieren könnten. Aber die Tatsache, dass wir zusammen sein müssen und wollen, verändert die Lage. Wir lernen, was wichtig ist. Gemeinsam Widerstand zu leisten, bedeutet, stärker Widerstand zu leisten. Wir können nicht zulassen, was gerade geschieht. Zu viele Tote, zu viele Verletzte, Traumatisierte, Vertriebene… Es ist eine regelrechte ethnische Säuberung, die von Israel gewollt ist.

Abschliessend möchte ich hier einige Initiativen (siehe Kasten) vorstellen, die es zu unterstützen gilt, denn jede Spende kann den Unterschied ausmachen. Zögert auch nicht, Veranstaltungen zu organisieren – wir können euch gerne darin zu unterstützen!

Charlotte, Buzuruna Juzuruna

  1. Buzuruna Juzuruna = «Die Samen sind unsere Wurzeln.»

  2. Zionistische Entität = israelischer Staat. Die Wortwahl der Autorin betreffend Israel könnte bei einem Teil der Leserschaft von Archipel umstritten sein; die Verantwortung liegt bei der Autorin. Trotzdem hat sich die Redaktion entschlossen, den Text ohne Veränderungen zu publizieren - als direkte Stellungsnahme im Angesicht der Dramatik der Situation im Libanon. Der Zionismus (hebräisch: zionut) ist sowohl eine Nationalbewegung als auch eine ethnonationalistische Ideologie, die die Errichtung eines jüdischen Nationalstaats in Palästina anstrebte und diesen seit der Gründung des Staates Israel 1948 bewahren und verteidigen will. (Wikipedia). Es ist wesentlich, den Unterschied zwischen «Antizionismus» und «Antisemitismus» zu kennen!

  3. Das Kafala-System ist ein rechtlicher Bürgschaftsmechanismus, der vor allem im Nahen Osten und in den Golfstaaten zur Regulierung ausländischer Arbeitskräfte eingesetzt wird. Es bindet den Aufenthaltsstatus eines Wanderarbeiters oder einer Wanderarbeiterin an einen Arbeitgeber («Kafil»), der damit erhebliche Macht bekommt, die oft zu Ausbeutung, Beschlagnahmung von Ausweispapieren und anderem Missbrauch führt.

Unterstützungsmöglichkeiten

● «Support for BuJu and food sovereignty in Lebanon» von Dan Fox für Buzuruna Juzuruna www.crowdfunder.co.uk/p/support-for-bu-ju-lebanon

● «For Lebanon: For Temporary Hearths in Essential Times» von Azul Thome für verschiedene Nothilfegruppen www.gofund.me/0165c9816

● «Confluences des luttes en solidarité pour le Liban» für verschiedene lokale Vereine, darunter «Buzuruna Juzuruna» www.fnd.us/02h8g7?ref=sh·5Doou8·sh·2uIFfNP1RDj2uIFfNP1RDj

● «Roots of Resistance» von Bassima, Marwan und unseren Freund·innen für den Kauf und die Verteilung von Hilfsgütern für Vertriebene. IBAN-Überweisung: IBAN: FR28 3000 2066 7700 0024 5668 P83 / BIC: CRLYFRPP Verwendungszweck: Urgence Liban Oder: www.pots.lydia.me/collect/pots?id=89795-urgence-liban-buzuruna-juzuruna