RUSSLAND: Widerstand aus Russland

von Constanze Warta u. Claude Braun, EBF, 15.06.2026, Veröffentlicht in Archipel 359

Ende März kamen wir aus allen Himmelsrichtungen zum Treffen des Europäischen Bürger:innen Forums zusammen, das dieses Mal in Mecklenburg-Vorpommern stattfand. Hier tauschten wir uns mit den Menschen aus, die dem extremen Rechtstrend in dieser Region etwas entgegensetzen. Erstmals luden wir auch junge Russ·innen aus Österreich, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland ein, die sich miteinander im Widerstand auf mehreren Ebenen organisieren.

Beginnen wir mit Lölja Nordic, die im Exil lebt und in Wien studiert. Sie ist seit einigen Jahren bei der «FAR – Feminist Anti-War Resistance» engagiert.[1] Die Organisation ist seit vier Jahren aktiv und begann als Signal-Chatgruppe. Sie versammelte feministische Gruppen aus verschiedenen Regionen Russlands und dem Ausland. Anfangs konzentrierten sie sich auf Strassendemonstrationen, verloren jedoch an Energie, da die Repression zu gross war und sahen sich gezwungen, in den Untergrund zu gehen: Von da aus veröffentlichten sie Antikriegszeitungen (die oft wie Lokalzeitungen aussehen), die zu Hause gedruckt und auf der Strasse verteilt wurden. Es ist wichtig zu wissen, dass sämtliche unabhängigen Medien von der Regierung blockiert werden.

Feministischer Widerstand

Trotz der Gefahr, festgenommen zu werden, nützten sie auch den öffentlichen Raum, um Antikriegsflyer und Aufkleber zu verteilen. Ausserdem haben sie eine Präsenz in den sozialen Medien aufgebaut. Hier thematisieren sie insbesondere Genderfragen und den Krieg. Parallel dazu haben sie eine Zusammenarbeit mit Müttern oder Ehefrauen von Männern begonnen, die im Krieg sind, verletzt wurden oder gestorben sind. Mit ihnen versuchen sie, die Rückkehr von Soldaten nach Hause zu unterstützen. Sie versuchen auch, Kontakt zu Desertionskreisen herzustellen, auch hier mit besonderem Fokus auf Gefangene mit feministischem oder queerem Hintergrund. Sie sind dabei, ein Netzwerk von Aktivist·innen aufzubauen, um ukrainische Vertriebene aufzunehmen. Auch sind sie aktiv in Fragen der Abtreibung – eine aktuell noch wichtigere Problematik, da in diesen Kriegszeiten die Regierung will, dass Frauen zukünftige Soldaten gebären. Viele Regionen haben strenge Einschränkungen beim Zugang zu reproduktiver medizinischer Versorgung: Aufklärungsangebote zur Familienplanung, Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbrüchen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen der Russischen Union gelten auch für das von Russland besetzte Gebiet in der Ukraine. Sexuelle Gewalt ist ebenfalls ein sehr wichtiges Thema aufgrund der Auswirkungen des Krieges auf die Rechte und die Sicherheit von Frauen. Die Gruppen von FAR verstehen sich als feministische Gruppen und nicht als Frauengruppen. Aus Sicherheitsgründen kann Lölja nicht über die Anzahl der Gruppen oder der Mitglieder sprechen, aber es gibt Zellen im ganzen Land. Es gibt viele Fragen, zu denen sie sich öffentlich nicht äussern kann.

Die FAR betreibt viel Fundraising über soziale Medien. Im Exil leisten ihre Mitglieder öffentliche Arbeit. Lölja floh am 22. März aus Russland (RU), nachdem sie wegen ihrer feministischen Aktivitäten des Terrorismus beschuldigt worden war. Es gibt aktive Gruppen in 15 verschiedenen Ländern; sie ist für diejenige in Österreich verantwortlich. Die Gruppen im Exil stehen in regelmässigem Kontakt mit aktiven Gruppen in RU. Eine ganz wesentliche Aufgabe ist es, daran zu arbeiten, die Gefahr und das Wesen des russischen Faschismus zu erklären: die Gefahr eines Sieges Russlands für die ganze Welt und die damit einhergehende Stärkung des Faschismus überall. Damit verbunden ist natürlich die Frage der russischen fossilen Brennstoffe.

Lölja spricht auch den Konflikt mit antimilitaristischen Kreisen in Westeuropa an. FAR plädiert für die gerechtfertigte ukrainische Selbstverteidigung und die Unterstützung der ukrainischen Armee. Die Weigerung, die ukrainische Verteidigung zu unterstützen, die in gewissen linken Kreisen vorherrscht, führt oft zu einem völligen Verzicht auf jegliche Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung. Es gibt viele Möglichkeiten, die Ukraine zu unterstützen – über rein militärische Fragen hinaus, z. B. über die Stärkung der Zivilgesellschaft. Lölja meint, dass die russische Propaganda viel Desinformation betrieben und Narrative geschaffen hat, die leider in westlichen linken Kreisen vorherrschen.

Dekolonialer Widerstand

Lidija, die zurzeit in Berlin lebt und Nadja die sich vor allem in und um Marseille aufhält, engagieren sich in der antikolonialen russischen Bewegung. Sie betrachten die Invasion der Ukraine als Teil des russischen Imperialismus. Nadja hat sich, bevor sie flüchten musste, mit indigenen Sprachen in Russland beschäftigt. Es gibt hier mehr als 200 Sprachen, Kulturen und ethnische Gruppen. Viele Menschen wurden zuerst vom Russischen Reich, dann von der Sowjetunion und nun vom modernen Russland kolonialisiert. Nadja führt uns zu einer Sichtweise auf verschiedene Formen des Imperialismus. Das Problem ist nicht nur Putins Person und Macht, sondern auch der Mangel an kritischer Sicht auf das koloniale System Russlands und die Unterdrückung asiatischer und anderer indigener Völker. Sie nennt Beispiele für Widerstand asiatischer Menschen, die oft ins Exil fliehen mussten.

In der Region Burjatien im Fernen Osten Russlands gab es zu Beginn der Invasion der Ukraine grosse Proteste. Es gibt dort viele anarchistische dekoloniale Gruppen, die sich um eine Signalgruppe herum organisiert haben, aber in den westlichen Medien nicht präsent sind. Lidija stammt aus Usbekistan, aus einer gemischten Familie, die nach Russland migrierte. Dies verleiht ihr die Perspektive aus der Migration, geprägt von Rassismus und dem sowjetischen System von Arbeitsverteilung. Sie ist Teil von Beda Media, eine Web-Zeitung in russischer und englischer Sprache (www.beda.media). Die Redaktion ist horizontal organisiert. Einige haben Migrationserfahrungen bzw. indigene Wurzeln. Sie sind alle auf sehr unterschiedliche Weise vom russischen Kolonialismus betroffen. Zu Beginn des Krieges gab es viele Proteste indigener Völker gegen den Krieg, da sie die ukrainische Situation aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit der russischen Kolonialisierung verstanden. Ihr Fokus liegt nicht auf der Boshaftigkeit von Putins Politik, sondern auf der Fortsetzung eines Jahrhunderts kolonialer Praktiken Russlands. Die Ausdehnung der imperialen Grenzen begann bereits im 15. oder 16. Jahrhundert. Die heutige Grösse Russlands ist auf die koloniale Expansion nach Norden, Süden und Osten zurückzuführen. Es gibt Ähnlichkeiten, aber auch grosse Unterschiede zwischen dem russischen und dem westlichen Kolonialismus. In Russland herrscht eine sehr ausgeprägte Hierarchie unter den verschiedenen Ethnien, verbunden mit religiöser Expansion und Herrschaft. Nomadische Bevölkerungsgruppen wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen. Dieser Hintergrund erklärt die Motivation der Proteste der indigenen Bevölkerung gegen die gross angelegte Invasion in der Ukraine im Jahr 2022. Eine der sichtbarsten und direktesten Formen des Widerstands gegen den Kolonialismus ist die Beteiligung indigener Völker auf der Seite der ukrainischen Armee. Es gibt z. B. ein tschetschenisches Bataillon, das erklärt, seit 400 Jahren gegen das russische Imperium zu kämpfen und nun auf der Seite der Ukraine zu stehen.

Eine weitere Form des Widerstands zeigte sich zum Zeitpunkt der Mobilisierung für die Armee. Unter den indigenen Bevölkerungsgruppen war der Anteil der Zwangsmobilisierung höher. Diese Menschen befanden sich oft schon wenige Tage nach der Mobilisierung an der Front. Sie hatten viel weniger Rechtsberatung und kaum Wissen über ihre Rechte. Daher begannen Aktivist·innen, Männern bei der Flucht ins Ausland zu helfen, z. B. nach Polen oder Usbekistan. Es gibt Aktivist·innen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Indigene Aktivist·innen sind aufgrund rassistischer Einstellungen der Behörden und der Polizei mit härterer Repression konfrontiert. Sie versuchen, Beweise dafür in Berichte grösserer Institutionen wie UN-Agenturen einzubringen. Russische Narrative behaupten, dass die indigenen Gruppen oder Organisationen den russischen Staat abschaffen wollen, und stufen sie als terroristische Organisationen ein; 172 indigene Organisationen gelten heute als extremistisch oder terroristisch. Als Reaktion darauf versuchen solche Gruppen, sich manchmal als «Sprachaktivist·innen» zu präsentieren. Ein typisches Beispiel für russische Kolonialisierung ist das Öl: Wenn wir über russisches Öl sprechen, sollten wir wissen, dass es vom Land indigener Völker kommt.[2]

Die ökologische Bewegung

Wanja*, der in Amsterdam lebt, ist in sozialen und ökologischen Fragen engagiert. In RU werden die Umweltaktivist·innen ständig verfolgt; ihre Arbeitsbedingungen sind sehr schwierig. Sie werden unterdrückt, da sie erkennen, dass RU einen aktiven Krieg führt, massiv Rohstoffabbau betreibt und den verrückten Kapitalismus der 1990er Jahre fortsetzt. Das politische Bewusstsein der Menschen hat oft seinen Ursprung in lokalen Kämpfen (z.B. rund um den 40. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl). Lokales Umweltengagement politisiert, und oft beobachten wir, sagt Wanja, wie sich lokales Engagement zu globalem Aktivismus und einem Bewusstsein für die demokratischen Mängel des russischen Systems entwickelt. 25 Jahre Unterdrückung unter Putin betreffen auch die Umweltaktivist·innen. Sie sind zudem mit umweltschädlichen Gesetzen und der Zerschlagung oder Auflösung von Umweltbehörden durch die russische Regierung konfrontiert. Es gibt verschiedene Behörden, deren Kompetenzen und finanzielle Mittel teilweise oder massiv beschnitten wurden. Das russische Umweltministerium wurde in «Ministerium für Naturressourcen und Ökologie» umbenannt, wobei mit Naturressourcen vor allem deren Abbau gemeint ist. Die russische Wirtschaft ist vollständig mit den globalen Krisen verknüpft. Jede neue Krise führte in RU zu einer dauerhaften Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen.

Alle demokratischen Proteste werden unterdrückt. Ökologischer oder umweltpolitischer Widerstand ist weiterhin möglich, solange er nicht mit einer politischen Analyse der Verantwortlichkeiten einhergeht. Wanja nennt als Beispiel Proteste gegen eine Mülldeponie in der Nähe von Moskau. Diese führte zur Aufgabe des Projekts und zu einem Wechsel der lokalen politischen Führung. Nun ist in dieser Region jedoch eine verstärkte Unterdrückung von Kriegsgegner·innen zu beobachten.

Umweltproteste sind in Russland möglich, gewisse Erfolge sind ebenfalls möglich, es gibt etwa 70 lokale Siege pro Jahr. Manchmal auch auf grösserer, nationaler Ebene. Beispiel bei einer Ölpest im Schwarzen Meer: Tausende Menschen kamen, um bei der Säuberung des Ufers und der Strände zu helfen. Dies führte zu Verbindungen zu NGOs, es gab eine Petition, die innerhalb kürzester Zeit mehr als 100.000 Unterschriften erhielt. Dies gibt Hoffnung, dass der Umweltwiderstand weiterhin bestehen kann. Angesichts der Bedeutung des russischen Rohstoffabbaus ist die Existenz und die Unterstützung eines solchen Widerstands entscheidend. Sehr wichtig ist es, diesen Widerstand in Verbindung mit feministischen und indigenen Rechten sowie den allgemeinen Menschenrechten zu sehen .

Die Sicherheit der Aktivist·innen

Nachdem in mehreren europäischen Grosstädten (Wien, Berlin…) der russische Geheimdienst sehr aktiv ist, haben wir unsere jungen russischen Gäste gefragt, wie es um ihre Sicherheit bestellt sei. Sie berichten uns: Berlin und Wien werden besonders häufig von Geheimdiensten frequentiert; zwei Hauptangriffsformen sind weiterhin Vergiftungen und Cyberangriffe. 2024 wurden in Berlin vier Menschen getötet, ausschliesslich Frauen; das wurde in der Öffentlichkeit aber kaum bekannt. Lölja ist überzeugt, dass es in Europa keinen sicheren Ort gibt und dass Wien besonders stark von der Präsenz des Geheimdienstes betroffen ist. Ein Beispiel dafür: Philippe, ein bulgarischer Journalist, der seit langem in Österreich lebt, wurde auf einer Auslandsreise von den österreichischen Behörden kontaktiert, um ihm mitzuteilen, er solle nicht zurückkehren, da er auf einer Liste sei, auf der die Menschen stehen, die Russland töten wolle. Er gehorchte und lebt nun in Grossbritannien. RU-Aktivist·innen sind sich der Risiken bewusst, die sie eingehen. Wanja meint, dass die Risiken im Exil viel geringer seien als für diejenigen, die in RU bleiben. Lölja erläuterte verschiedene Massnahmen, die sie mit ihrem Sicherheitsteam ergreifen. Es gebe jedoch keine 100-prozentige Sicherheit, aber ihre Massnahmen senkten hoffentlich das Risiko. Sie aktualisieren ihre Protokolle ständig, insbesondere innerhalb Russlands.

Wanja spricht über ein allgemeines Misstrauen. In ihrer Bewegung versuchen sie, «neue Leute» nach und nach einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu übertragen. Lidija wiederum spricht über eine spezielle Schutzstrategie der Indigenen, nämlich ihre eigene Sprache zu sprechen. Grundsätzlich sind sich alle vier einig, dass die Risiken für die ukrainische Bevölkerung unter den Bomben viel grösser sei, als die Risiken, die sie als russische Aktivist·innen im Exil eingehen.

Unterstützung der Opposition

Ein grosser Teil der Bevölkerung Russlands ist aktiv in den Krieg verwickelt. Unsere Gäste haben eine ziemlich pessimistische Sicht auf die mögliche Entwicklung der Gesellschaft. Bei Umfragen bezüglich eines Endes des Krieges, kommt es z.B. ganz darauf an, wie die Fragen gestellt werden: «Sind Sie gegen die Weiterführung des Krieges in der Ukraine?» wird viel eher mit «Nein» beantwortet als: «Wären Sie einverstanden, wenn Putin den Krieg beenden würde?». Darauf würden wohl die meisten mit «Ja» antworten. Deutlich ist jedenfalls eine allgemeine Kriegsmüdigkeit. Was aber würde das Ende des Krieges bedeuten und wie sollten die Bedingungen für das Kriegsende aussehen?

Auf unsere Frage, ob eine diplomatische Lösung möglich sei, antwortet Lölja, dass diplomatische Kontakte nicht zu echtem Frieden führen könnten, solange Putins Regierung an der Macht bleibe und solange Teile der Ukraine unter russischer Kontrolle stünden. Lidija fügt hinzu: «Es gibt keine Möglichkeit, den Krieg mit diplomatischen Mitteln zu beenden; der einzige Weg, den russischen Imperialismus zu stoppen, ist auf dem Schlachtfeld.» Wanja hingegen meint, dass eine militärische Lösung mit einer Armee, die über Atomwaffen verfügt, nicht möglich sei. Eine diplomatisch-politische Lösung muss versucht werden, jedoch auf Augenhöhe. Abgesehen davon, bedeute die Unterstützung der Ukraine nicht nur, Waffen zu schicken.

Zum Widerstand gegen den Import fossiler Brennstoffe aus RU meint Lölja, dass die Zusammenarbeit mit westlichen Gruppen, die gegen diesen Import kämpfen, sehr wichtig sei. Ein grosses Manko westlicher Umweltgruppen sei, dass sie sich in dieser Frage nicht ausreichend engagierten. Bezüglich der Klimabewegung betont Wanja, dass wissenschaftlicher Austausch wichtig sei, um in RU ein besseres Verständnis der weltweiten Klimaveränderungen zu ermöglichen. Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit und Austausch unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft.

Auf die Frage, ob es möglich sei, in Russland den Militärdienst zu verweigern, antwortet Lidija: «Es gibt Möglichkeiten, den Militärdienst aus medizinischen oder religiösen Gründen zu vermeiden, aber es ist sehr schwierig, diese Möglichkeiten ohne teure juristische Hilfe zu nutzen. Die russische Rekrutierung ist besonders aktiv und aggressiv gegenüber nicht-russischen Personen. Man zwingt Menschen dazu, gefälschte Arbeitsverträge zu unterschreiben, die in Wirklichkeit eine Einberufung zum Militärdienst darstellen.»

Nadja spricht auch über ihre Arbeit mit anderen Exilierten aus RU. Seit 2022 bevorzugen die Menschen in den Netzwerken, in denen sie aktiv ist, den anonymen Austausch. Sie sammelt Spenden für anarchistische Gruppen in der Ukraine wie das «Solidarity collective» und auch Spenden für politische Gefangene in Russland. Die russische Diaspora befindet sich teilweise in einem verzweifelten Zustand, es gibt viele Suizide. Im Exil kam sie mit europäischen Linken, aber auch mit anderen Exilant·innen in Kontakt, wie z. B. aus RU exilierte Antifa-Aktivist·innen. Russische und ukrainische Linke haben im Exil untereinander Kontakt, auch wenn das nicht immer einfach ist. Oft können sich Differenzen aus Lagerdenken ergeben. Ein Beispiel dafür war die Demonstration in Berlin am 24. Februar dieses Jahres. Es gelang nicht, die Blöcke von ukrainischen Marxist·innen und russischen Anarchist·innen zusammenzubringen, da unterschiedliche Ansichten zur Palästina-Frage bestehen. Ein Slogan eines dekolonialen Kollektivs lautete: «Von der Ukraine bis Palästina: Besatzung ist ein Verbrechen».

Wanja meint, dass die Perspektive des globalen Südens für ihn wichtig sei, um den Krieg in Europa zu verstehen. Eine nationale oder regionale Lösung der Kriegsprobleme lässt sich nicht in einem einzigen Land finden. Er findet die Tendenzen zum Autoritarismus in den USA beängstigend, und auch in Europa. Auf die Frage nach der Unterstützung russischer Aktivist·innen antwortet er, dass es am Wichtigsten sei, die lokalen Rechtsextremen hier in den europäischen Ländern zu schwächen.

Constanze Warta und Claude Braun, EBF

  • Namen von der Redaktion geändert
  1. Siehe auch das Interview mit Lölja Nordic im Archipel Nr. 351 (Oktober 2025), sowie den Artikel über ihre Arbeit in Wien im Archipel Nr. 354 (Januar 2026).

  2. Empfehlung eines Films: «Where Russia ends» von Oleksey Radinski.

BUCHTIPP - Donezk Girl

Donezk im Frühjahr 2014. Eine junge Frau, Elfe genannt, kam als junges Mädchen aus Wolhynien in den Donbas, um fortan bei ihrer Grossmutter zu leben. Hier behauptet sie sich gegen einen grauen Alltag, baut sich eine Existenz als Glasgestalterin auf, wird erfolgreiche Unternehmerin – gegen alle Widerstände. Doch dann tauchen bewaffnete Männer auf, kommen russische Soldaten, erst verdeckt, dann offen. Jetzt muss sich Elfe entscheiden: Fliehen und alle und alles zurücklassen. Oder bleiben und sich widersetzen. Tamara Duda beschreibt in ihrem Roman nach authentischen Ereignissen und mit ganz persönlichem Zugang, wie sich Donezk im Jahr 2014 zunächst unmerklich, dann immer unwiderruflicher veränderte. Wie Menschen, Häuser und ganze Stadtteile zerstört, wie Plünderung und Gewalt alltäglich wurden, wie die russischen Besatzer immer weiter vordrangen und wie sich die Einheimischen dazu verhielten. Wie ein Film zieht die Handlung die Leserinnen und Leser in ihren Bann, voller Spannung und Tempo. Kaum bleibt Zeit, durchzuatmen. Nie zuvor wurden die Ereignisse des Jahres 2014 im Osten der Ukraine, die erste Phase der russischen Invasion, so ehrlich, so authentisch, so ergreifend und noch dazu aus der Perspektive einer Frau erzählt.

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Annegret Becker, Lukas Joura und Alexander Kratochvil, 368 Seiten, Mauke Verlag, www.mauke-verlag.de/donezk-girl