Der österreichische Autor Robert Prosser reiste im Februar 2026 in den Südsudan. Er beschreibt in diesem Artikel anhand seiner Begegnungen mit Menschen in Juba, der Hauptstadt des Südsudans, die wirtschaftliche, soziale und politische Situation.
Moses
Knapp über den Palmen jagen Falken durch den Himmel. Bei Einbruch der Nacht, das sei Moses zufolge die wichtigste Regel, verlässt man das umzäunte Hotel nicht mehr. Zwischen den Botschaftsarealen und Ministerien, im Labyrinth der Wellblechhütten, streunen Soldaten umher. Sie sind betrunken, gelangweilt, und seit Monaten nicht bezahlt worden; ausser der Uniform, so Moses, unterscheide sie wenig von den Gangs, die Juba unter sich aufgeteilt haben. «Cash is King», besagt die zweite Regel. Wer Dollar in der Tasche hat, ist im Vorteil. Regel Drei, «Money talks», fungiert im Südsudan als eine Art Stossgebet, dem Dollar wird die Macht zugeschrieben, jegliche Schwierigkeiten bereinigen zu können. Es ist der jüngste Staat der Welt, ein Land mit 64 Stämmen, 64 Sprachen – und einer leidvollen Geschichte. 2011, nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen, wurde die Unabhängigkeit vom Sudan erlangt. Von 2013 bis 2018 dauerte ein Bürgerkrieg an, der mehr als 400.000 Tote forderte. Aktuell flammen die Kämpfe wieder auf, in den nördlichen Bundesstaaten Upper Nile, Unity, besonders in Jonglei, zwischen den Regierungstruppen von Salva Kiir, die vom Stamm der Dinka geprägt ist, und der White Army, einer Miliz der Nuer, die dem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar nahesteht.
Wie viele andere ist Moses in einem Flüchtlingslager aufgewachsen. Während des Krieges mit dem Sudan waren seine Eltern getrennt worden, die Mutter verschlug es mit den Kindern nach Uganda, der Vater starb früh in Khartoum. Moses hat ihn nie gesehen, er kann sich nur an Telefonate erinnern, eine fremde Stimme am anderen Ende der Leitung. Nach einem IT-Studium kehrte er mit seiner Mutter zurück. Die Hoffnung, sich in Juba eine Existenz als Informatiker aufbauen zu können, erfüllte sich nicht. Es gebe hier kaum eine Möglichkeit, um mit den globalen technologischen Entwicklungen Schritt zu halten, sein Können, sagt er, scheint ihm täglich lückenhafter, überholter. Geld verdient er mitunter als Fixer. In einem der verstreuten Hotels wartet er auf Kundschaft. Mitarbeiter internationaler NGOs steigen hier ab, auf der Durchreise nach Malakal, Wau oder Bentiu, in der Bar treffen einheimische Geschäftsleute auf jene aus Beijing. Moses bietet Kontakte an, Wissen, und seine Dienste als Fahrer. Der weisse Toyota ist auf seine Mutter registriert. Ihr Posten im Nationalrat verschafft dem Geländewagen eine wertvolle Nummerntafel, der darauf angegebene Buchstabencode hält Moses die Sicherheitskräfte vom Hals. Tagsüber blockieren Polizisten die Hauptstrassen, sie winken Autos, Rikshas oder die Bodas genannten Motorradtaxis zur Seite, der Zustand von Lichtern und Reifen wird kontrolliert, oft ist eine Strafe fällig, bar auf die Hand. Mit derartigen Aktionen holen sie sich einen Ersatz für ihr seit Monaten nicht bezahltes Gehalt. Bei Anbruch des Abends beziehen wiederum Soldaten Stellung am Mittelstreifen. Auch sie stoppen den Verkehr, kassieren Bakshish. Moses aber wird nach einem Blick auf die Nummerntafel durchgelassen, mit der Regierung will man sich nicht anlegen.
Pete
Unter den Gästen der Hotelbar mischen sich ältere, durchtrainierte Typen. Einer von ihnen gerät ins Schwärmen: «Austria, that’s Glock!», und Glock biete für einen guten Preis erstaunliche Verlässlichkeit, «you just point and shoot». Er habe tausende Kugeln mit dieser Waffe verschossen, im Training wie auf Missionen. Pete stammt aus Newcastle. Als Soldat war er im Irak und in Afghanistan, seit drei Jahren ist er als Security für die britische Botschaft tätig. Er nützt das Gym des Hotels, gelegentlich bleibt er auf einen Drink. Mehr Sozialleben habe er nicht. Zwar könne man jedes Wochenende Parties feiern, mit Champagner und DJs, oder Kurse zu Yoga oder Aquarellmalerei besuchen. Die Realität aber sei eine andere, der Wohlstand eine Illusion für die Westler. Seine Arbeit bedeute, diese Illusion für jene Politiker und Unternehmer aufrecht zu halten, die durch Einladung der Botschaft in den Südsudan reisen. Sicher, als Whiteface habe man in Juba Möglichkeiten, solange man sich vorsichtig verhält: Nichts und niemanden ungefragt fotografieren, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen, besonders nicht von den Zivilbeamten des Nationalen Sicherheitsdienstes, und auch wenn die Parties verlockend wären, müsse man darauf achten, früh genug zuhaus zu sein. Moses’ erste Regel, die treffe zu. Nach seiner Ankunft, da wollte Pete es wissen. Bis Mitternacht war er unterwegs; zwei, drei Mal, dann liess er diese Dummheit wieder bleiben. Alles kann dir passieren, Entführung, Raub, Mord, und alles passiert auch tatsächlich, wegen fünf Dollar, wegen einem Smartphone. Verrückt sei es hier; anders als in solchen Phrasen kann man als Fremder dem Südsudan vielleicht gar nicht beikommen.
In der Nacht fallen vor dem Hotel zwei Schüsse, schnell aufeinander. Stille in dem umliegenden Strassen, auch in der Bar wird die Anlage abgedreht. Alle lauschen, warten ab. Von fern dringen Rufe, erst später sind Sirenen zu hören.
Das Öl bringt Krieg und Armut
Montag, Mittwoch und Freitag riegeln Soldaten die Gegend um Parlament und Gericht grossflächig ab, Pickup-Trucks mit schweren Maschinengewehren positionieren sich an den Kreuzungen. Dreimal wöchentlich wird Riek Machar der Prozess gemacht. Seit mehr als einem Jahr steht der Gegenspieler von Präsident Kiir unter Hausarrest, die Anklage lautet unter anderem auf Staatsverrat und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bewaffnete lungern im Schatten eines Baums. Es gebe, sagt Moses, zu viele Einheiten, sie lassen sich nicht mehr unterscheiden. Ähnlich sei es mit den NGOs. Er deutet auf die weissen SUVs, Geländewagen wie sein eigener, die über Sandstrassen die Absperrungen zu umfahren versuchen. An den Türen die Embleme verschiedenster UN-Behörden, die Logos von «Christian Relief Fund», ICRC, «Mission Aviation Fellowship». Alle sind sie da, sagt Moses.
In Rock City, einem Viertel am Stadtberg Jebel Kujur, wird die neue US-Botschaft errichtet. Eine Festung von enormem Ausmass wächst zwischen den Hütten heran, von einer meterhohen Mauer umgeben. Trump, so ein in Juba kursierender Witz, plane, von Mar-a-Lago hierher zu siedeln. Der Botschaftsbau dient als Zeichen der Präsenz, der Südsudan hat zu viel Öl, als dass man ihn beispielsweise China überlassen würde. Das Öl sorgt für 90 Prozent der Staatseinnahmen, finanziert Kiirs Sicherheitsapparat wie auch Machars Milizen. Während das Gros der Bevölkerung in Armut lebt, kursieren Milliarden Dollar an Darlehen und Schmiergeld. Zu wichtigen Investoren zählen mit Stand 2023 die Deutsche Bank, Crédit Agricole und Intesa Sanpaolo, sie halten Beteiligungen an Konsortien, die wiederum von der «Chinese National Petroleum Company» (CNPC) und der indischen «Oil & Natural Gas Corporation» gebildet werden. Um Moses zu zitieren: Alle sind sie da. Bis 2003 war die OMV-Aktiengesellschaft, der österreichische Erdöl-, Erdgas- und Petrochemiekonzern, gemeinsam mit Petronas und Lundin Oil AB aktiv, zog sich aus dem operativen Geschäft aber zurück, als die Verbrechen aufgedeckt wurden, die die Exploration erst ermöglichten. (2025 wurde ein entsprechendes Verfahren gegen die damaligen Verantwortlichen von der Staatsanwaltschaft Wien eingestellt, da man ihnen das Wissen um die Tätigkeiten des Militärs nicht zweifelsfrei nachweisen konnte.) Niedergemachte Dörfer, deren Bewohner ermordet oder vertrieben worden sind, verbrannte Ernten und vergiftete Brunnen: Die Taktik, systematisch jegliche zivile Struktur zu zerstören, bedingt einen seit Jahrzehnten andauernden Kreislauf an Gewalt. Die Pipelines führen durch den Sudan, am Öl schneiden auch die dortigen Herrscher mit. Der Export aber wird seit Ausbruch des Sudan-Krieges schwieriger. Dass die Soldaten und Polizisten keinen Lohn mehr erhalten, kann ein Hinweis auf schwindende Gewinne sein. Kiir benötigt weitere Ölfelder; in Jonglei, dem gerade umkämpften Gebiet, werden riesige Vorkommen vermutet.
Ein neuer, das ganze Land erfassender Bürgerkrieg liegt in der Luft. Die White Army versuche, auf Juba vorzurücken, verkünden die Radionachrichten. In den Zeitungen, den Sozialen Medien, übertrumpfen sich die Milizführer, wie Hühner werde man die Gegner abschlachten. Aus Jonglei wurden bisher mehr als 280.000 Menschen vertrieben, zusätzlich zu den rund 900.000, die vor der Katastrophe in Darfur über die Grenze flohen. Nicht nur deshalb ist die Lage äusserst angespannt. Letztes Jahr ordnete Trump einen Stopp der Auslandshilfen von USAID (United States Agency for International Development) an. Das Öl ist die eine Sache, das humanitäre Engagement eine andere. Der Behörde standen jährlich 40 bis 60 Milliarden Dollar zur Verfügung, es war das massgebliche Instrument der US-amerikanischen Soft Power, um Spitäler aufzubauen, HIV-Programme umzusetzen. Die Einsparungen könnten Schätzungen zufolge bis 2030 weltweit zu mindestens 14 Millionen Todesfällen führen. Im Südsudan sind die Auswirkungen bereits ersichtlich. Die Leistungen, die eigentlich ein funktionierender Staat übernehmen sollte, werden von «Ärzte ohne Grenzen» oder dem «World Food Program» erbracht, ein Grossteil der Bevölkerung ist auf die humanitäre Hilfe angewiesen, um an Lebensmittel oder medizinische Versorgung zu gelangen. Jetzt fehlt vielen dieser Organisationen das Budget, um die nötige Arbeit aufrecht zu halten.
Ein Flüchtlingslager
Auch «Women For Change», eine nationale NGO, wurde von USAID unterstützt. Im Fokus stehen vertriebene, geflohene Frauen, die Kriegswitwen. Ihnen eine sichere Lebensgrundlage zu bieten, dieser Aufgabe sieht sich Anna Tazita verpflichtet. Vor zehn Jahren hat sie WFC gegründet. Kleine Schritte, sagt sie, daraus bestehe ihre Tätigkeit. Anders als durch kleine Schritte lassen sich die Verhältnisse kaum ändern. Die fünf Standorte von WFC mussten auf drei reduziert werden. Einer liegt am südlichen Rand Jubas, im UN HOUSE, einem Camp für IDPs (Internally Displaced People). Im Busch, der sich bis zum Horizont erstreckt, ist es fast nicht auszumachen. Die Nummerntafel von Moses würde hier für Schwierigkeiten sorgen. Mehr als 30.000 Menschen leben im Camp, grossteils gehören sie der Volksgruppe der Nuer an, Machars Stamm, die Regierung stellt den Feind dar. WFC aber hat eine Nummerntafel zu bieten, die geduldet wird. Am Eingang ein Checkpoint. Ein Junge von etwa fünfzehn Jahren wirft einen Blick in das Auto, er kontrolliert den Kofferraum, winkt dann weiter. Kinder umringen ein Feuer, das sie neben der Staubpiste aus dem weit verstreuten Müll entzündet haben. Am Tor zur Niederlassung von WFC steht ein Schild mit der Aufschrift «Women and Girls Friendly Space», dazu die Logos von UNHCR und Irish Aid, einstigen Partnern, die die Zusammenarbeit wegen der Budgetkürzungen beendet haben. Das Team konzentriert sich darauf, mit den verbleibenden Mitteln eine gewisse Unabhängigkeit zu gewährleisten. Die Frauen, die in den Stützpunkt kommen, erhalten eine Frisör-Schulung oder stellen Seife her. Vielleicht lässt sich damit am Markt etwas verdienen. Sie nähen, flechten, und haben Gelegenheit, innerhalb der Wellblechwände ungestört miteinander zu reden. Es ist ein sicherer Ort. Auch ihre Ersparnisse, was von den Marktverkäufen nach den Ausgaben für Reis oder Hirse noch bleibt, können sie bei WFC in Verwahrung geben.
In einer Hütte sitzt eine Gruppe aufgeweckter Mädchen, zwischen zwölf und vierzehn Jahre alt. Sie wurden im Lager geboren, sind hier aufgewachsen. Sie sticken Polsterbezüge, währenddessen sprechen die Sozialarbeiter·innen mit ihnen darüber, wie man sich im Labyrinth des Camps bewegt. Sie rufen in Erinnerung, vorsichtig zu sein. Es klingt wie ein Echo der Worte von Pete: Man müsse sich von Gangs fernhalten, man solle keine Aufmerksamkeit erregen. Das Sammeln von Feuerholz wird zunehmend gefährlich. Zuletzt gab es mehrere «Firewood cases», Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen, die ausserhalb des Camps auf der Suche nach Brennholz überfallen worden sind. Beistand könne man dann leisten, durch Gespräche und die Vermittlung medizinischer Hilfe. Als Alternative und eine Art Schutzmassnahme klopft man die staubigen Überreste aus geleerten Kohlesäcken. Das feine Splitterwerk wird zermalmt und mit Sand, Wasser und Maniok-Mehl zu Kugeln geformt, ein recycltes Heizmaterial. Die Händler haben den Bedarf erkannt, auch für den Staub wird nun Geld verlangt. Über WFC aber kann man – eine weitere Gegenstrategie – kleine Lehmöfen brennen. Bereits zwei Kohlekugeln genügen zum Kochen, es verringert die Wege, die man sonst zurücklegen müsste, um an Holz zu gelangen.
John, ein Mitarbeiter von WFC, floh 2014 während des Bürgerkrieges ins Camp. Er denkt kaum noch an die Rückkehr in sein Dorf, es sei der Ort eines neuen Krieges geworden oder im Besitz einer Ölfirma. Auf schmalen Wegen, zwischen den Hütten hindurch, führt er durchs Lager. Vom Spital, bis letztes Jahr von «International Medical Corps» unterhalten, ist nur die Hebammenstation in Betrieb. Eine Reihe von Latrinen. Zelte, aus Planen oder geflickten Leintüchern errichtet. Manchmal eine Kirche oder eine Schule, grössere Hütten, mit aus Zweigen geflochtenem Dach. Auf einer Sandstrasse rollt ein Konvoi der internationalen Friedens-Truppe UNMISS (United Nations Mission in South Sudan) vorbei. Gepanzerte, weisse Fahrzeuge, hinter den dicken Fenstern Soldaten aus der Mongolei oder Südkorea, sie nicken freundlich. Die Blauhelme haben ihre Patrouillen verstärkt. Bei Nacht kommt es vermehrt zu Überfällen. Bewaffnete dringen in das Lager ein, um das Wenige zu rauben, das es hier gibt. Es ist wie mit den Soldaten und Polizisten, ihren Strassensperren: Man versucht, sich irgendwie einen Vorteil zu verschaffen. Die Armut, die Leere der Tage, das kann einen fertig machen. Es gebe viele Mechanismen, so John, um die desaströse Gegenwart zu bewältigen, und sei es die Flucht in Heroin. Oder in Tramadol, der billigsten Droge. Wie überall in Juba ist das synthetische Opioid auch im Camp leicht zu finden. Man bricht die Kapseln auf, mischt den Inhalt in Limo oder Tee, und für ein paar Stunden gibt es keinen Hunger mehr, keine Müdigkeit, man spürt die Hitze nicht.
Beidseitig reihen sich Stände, Schneidereien mit Singer-Nähmaschinen, ein Friseurladen, in Töpfen wird Okra gekocht. Ein bisschen hat es sich doch zum Guten gewandt, sagt John. Diese Geschäfte habe es früher nicht gegeben; manche gehören Frauen, die WFC unterstützt. Um etwas zu ändern, brauche es kleine Schritte, sagt Anna, seine Chefin. John weiss aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn man nicht einmal dazu fähig ist und keinerlei Schritte machen kann, machen darf. Egal wie klein, es ist ein Weg voran. Das sei der eigentliche Wert seiner Arbeit: Diesen Funken am Leben zu halten, den Glauben, dass man nicht ganz ohnmächtig ist.
Permanente Gefahr
Viele Einheimische, die für eine NGO tätig sind, haben einen ähnlichen Hintergrund wie John. Sie sind Vertriebene, Kriegsüberlebende. Sie haben keine Waffe ergriffen, sich keiner Miliz, keiner Gang angeschlossen, sondern sich für die humanitäre Hilfe entschieden. Wegen der USAID-Kürzung sind nun rund 30.000 von ihnen entlassen worden. In einer Bar unweit des Hotels zerbricht sich eine Bekannte von Moses den Kopf über die eigene Zukunft. Vor wenigen Tagen kehrte Riya aus Jonglei zurück, sie ist auf der Suche nach einer neuen Stelle, nicht zwingend im humanitären Bereich. Denn so gross der Idealismus auch sei, jetzt gelte die zweite Regel: «Cash is King», leider. Für die UN hat sie in einer Krankenstation im Busch gearbeitet und bis zu 500 Dollar monatlich verdient, im Vergleich zum gängigen Lohn von circa 20 Dollar eine hohe Summe, garantiert bezahlt. Riya steht unter Druck: Wie bei vielen Entlassenen stecken aufgrund der verzweigten familiären Verhältnisse auch hinter ihr dutzende Angehörige, die durch das Gehalt mitversorgt worden sind. Der Schock über den Tod eines Kollegen sitzt tief. Kurz vor ihrer Kündigung ist er bei einem Milizangriff erschossen worden. Am Smartphone zeigt Riya ein Foto, sie beide beim Fischen während eines freien Nachmittags. Er in der Strömung eines breiten Flusses, lachend. Sie erzählt vom Busch, von der Weite, in der sich selbst der Weisse Nil verliert. Diesem immensen Land, versichert sie, könne man nur mit Staunen begegnen, trotz allem. Vor dem Lokal kreuzen Soldaten auf. Einer wirkt sediert, vermutlich hat er zu viel Tramadol erwischt. Das Gewehr liegt in seiner Armbeuge, den Lauf nach vorn gerichtet. Moses drängt zum Aufbruch, man müsse los, ehe die Soldaten auf die Idee verfallen, einen abzuführen wegen eines fadenscheinigen Vorwurfs. Und überhaupt, es sei bereits zu spät. Zweihundert Meter sind es bis zum Hotel, aber Moses besteht darauf, das Auto zu nehmen, bei Dunkelheit ist selbst diese geringe Distanz zu gefährlich. Die Häuser und Hütten ringsum, die abzweigenden Pfade, und er deutet auf die Silhouetten von Menschen, kaum zu erkennen: Now they are crazy.
Robert Prosser, Autor*
*Dieser Artikel ist im April in der Tiroler Strassenzeitung 20er und Ende Mai im Spectrum, einer Wochenbeilage der österreichischen Tageszeitung «Die Presse» erschienen. Robert Prasser hat uns angeboten, ihn auch im Archipel zu veröffentlichen. Herzlichen Dank!



