bell hooks – Das Patriarchat verstehen

von bell hooks, 01.07.2019, Veröffentlicht in Archipel 283

In diesem Auszug aus ihrem Buch «The Will to Change: Men, Masculinity, and Love», den wir in 3 Teilen bringen, schreibt bell hooks1 über ihre persönliche Erfahrung des Patriarchats, insbesondere während ihrer Kindheit, und wie es Frauen und Männer belastet. (1. Teil) Das Patriarchat ist in unserer Gesellschaft die zerstörerischste soziale Krankheit, die den männlichen Körper und Geist angreift. Trotzdem benutzen die meisten Männer das Wort «Patriarchat» nicht im Alltag. Die meisten Männer denken nie über das Patriarchat nach – was es bedeutet, wie es geschaffen und erhalten wird. Viele Männer in unserem Land wären nicht in der Lage, das Wort zu buchstabieren oder es korrekt auszusprechen. Das Wort «Patriarchat» ist einfach nicht Teil ihres normalen, alltäglichen Denkens und Sprechens. Männer, die das Wort schon gehört haben und es kennen, assoziieren es normalerweise mit der Frauenbewegung, mit dem Feminismus, und tun es daher als für ihre eigene Erfahrung irrelevant ab. Seit über 30 Jahren spreche ich öffentlich über das Patriarchat. Es ist ein Wort, das ich täglich benutze, und oft fragen Männer, die mich hören, was ich damit meine. Nichts macht die alte, anti-feministische Vorstellung, nach der Männer als allmächtig gelten, unglaubwürdiger als deren grundlegende Unkenntnis eines so bedeutenden Aspekts des politischen Systems, das die männliche Identität und Selbstwahrnehmung von der Geburt bis zum Tod formt und prägt. Oft benutze ich die Formulierung «imperialistisches, kapitalistisches, weiss-vorherrschaftliches Patriarchat», um die ineinandergreifenden politischen Systeme zu beschreiben, die die Grundlage der Politik unserer Gesellschaft bilden. Von all diesen Systemen ist das Patriarchat das, welches wir beim Heranwachsen am besten kennenlernen, auch wenn wir das Wort nicht kennen, denn uns werden schon als Kinder patriarchalische Geschlechterrollen zugeordnet und wir werden fortlaufend darüber informiert, wie wir diese Rollen am besten erfüllen können.

Das Patriarchat als System

Das Patriarchat ist ein politisch-soziales System, das darauf besteht, dass Männer von Natur aus dominant sind, allem und jedem, das als schwach angesehen wird, überlegen sind – insbesondere Frauen – und dass sie mit dem Recht ausgestattet sind, die Schwachen zu beherrschen und zu regieren und diese Dominanz mithilfe verschiedener Formen von psychologischem Terrorismus und Gewalt aufrecht zu erhalten. Als mein grosser Bruder und ich mit einem Jahr Altersunterschied geboren wurden, bestimmte das Patriarchat, wie wir jeweils von unseren Eltern wahrgenommen werden würden. Unsere beiden Eltern glaubten an das Patriarchat; ihnen war das patriarchalische Denken durch die Religion beigebracht worden. In der Kirche hatten sie gelernt, dass Gott den Menschen geschaffen habe, um die Welt und alles darin befindliche zu regieren, und dass es die Arbeit von Frauen sei, Männern zu helfen, diese Aufgaben zu erfüllen, zu gehorchen und gegenüber einem mächtigen Mann immer eine untergeordnete Rolle einzunehmen. Man lehrte sie, dass Gott männlich sei. Diese Lehren wurden in jeder Institution, der sie begegneten, bekräftigt – Schulen, Gerichtsgebäude, Vereine, Sportstätten und Kirchen. Wie alle anderen in ihrem Umkreis nahmen sie das patriarchalische Denken bereitwillig an und lehrten es ihren Kindern, denn es schien als sei es eine «natürliche» Art und Weise, das Leben zu organisieren. Als ihre Tochter wurde mir beigebracht, dass es meine Rolle sei, zu dienen, schwach zu sein, frei von der Last des Denkens zu sein, mich um die Pflege und Erziehung anderer zu kümmern. Meinem Bruder wurde beigebracht, dass es seine Rolle war, bedient zu werden, der Versorger zu sein, stark zu sein, zu denken, strategische Überlegungen anzustellen, zu planen und sich zu weigern, andere zu pflegen oder zu erziehen. Mir wurde beigebracht, dass es für eine Frau nicht angebracht sei, gewalttätig zu sein; dies sei «unnatürlich». Meinem Bruder wurde beigebracht, dass sein Wert von seiner Gewaltbereitschaft bestimmt werden würde (wenn auch in einem angemessenen Kontext). Ihm wurde beigebracht, dass es für einen Jungen eine gute Sache sei, Gewalt zu mögen (wenn auch in angemessenen Situationen). Ihm wurde beigebracht, dass ein Junge keine Gefühle ausdrücken solle. Mir wurde beigebracht, dass Mädchen Gefühle ausdrücken können und sollten, oder zumindest einige von ihnen. Wenn ich mit Wut darauf reagierte, dass mir ein Spielzeug verweigert wurde, wurde mir als Mädchen in einem patriarchalischen Haushalt beigebracht, dass Wut kein angemessenes Gefühl für Frauen sei, dass sie nicht nur verschwiegen, sondern gar beseitigt werden solle. Wenn mein Bruder mit Wut darauf reagierte, dass ihm ein Spielzeug verweigert wurde, wurde ihm als Junge in einem patriarchalischen Haushalt beigebracht, dass seine Fähigkeit, Wut auszudrücken, gut sei, aber dass er lernen müsse, geeignete Situationen zu erkennen, um seine Feindseligkeit zum Ausdruck zu bringen. Es sei nicht gut für ihn, seine Wut zu nutzen, um sich den Wünschen seiner Eltern entgegen zu stellen, aber später, als er heranwuchs, wurde ihm beigebracht, dass Wut erlaubt sei und dass die Wut, die ihn zur Gewalt anspornen würde, ihm helfen würde, sein Haus und seine Nation zu verteidigen.

Geschlechterrollen

Wir lebten auf einem Bauernhof, isoliert von anderen Menschen. Unser Verständnis von Geschlechterrollen übernahmen wir von unseren Eltern, indem wir sahen, wie sie sich verhielten. Mein Bruder und ich erinnern uns an unsere Verwirrung im Bezug auf Geschlechterrollen. In Wirklichkeit war ich stärker und streitlustiger als mein Bruder, aber wir lernten schnell, dass dies schlecht sei. Und er war ein sanfter, friedlicher Junge, und wir lernten, dass dies wirklich schlecht sei. Obwohl wir oft verwirrt waren, wussten wir eines ganz sicher: Wir durften nicht so sein und handeln, wie wir wollten; nicht tun, wonach wir uns fühlten. Uns war klar, dass unser Verhalten einem vorgegebenen, geschlechtsspezifischen Drehbuch folgen musste. Wir beide lernten das Wort «Patriarchat» erst als Erwachsene, als uns bewusst wurde, dass das Drehbuch, das bestimmt hatte, was wir sein sollten und welche Identitäten wir bilden sollten, auf patriarchalischen Werten und Überzeugungen über Geschlechterrollen basierte. Ich war immer mehr daran interessiert, das Patriarchat zu hinterfragen als mein Bruder, weil dieses System mich immer aus den Dingen ausschloss, an denen ich teilnehmen wollte. In unserem Familienleben der fünfziger Jahre waren Murmeln ein Jungenspiel. Mein Bruder hatte seine Murmeln von Männern in der Familie geerbt und bewahrte sie in einer Blechdose auf. Mit ihrer Vielfalt an Grössen und Formen und ihren wunderbaren Farben waren sie für mich die schönsten Objekte. Wir spielten zusammen mit ihnen und oft klammerte ich mich aggressiv an der Murmel fest, die ich am liebsten mochte, und weigerte mich zu teilen. Wenn Vater bei der Arbeit war, war unsere zu Hause bleibende Mutter sehr zufrieden, uns zusammen Murmeln spielen zu sehen. Unser Vater hingegen, der unser Spiel aus einer patriarchalischen Perspektive betrachtete, empfand das, was er sah, als störend. Seine Tochter, angriffslustig und konkurrierend, war eine bessere Spielerin als sein Sohn. Sein Sohn war passiv; der Junge schien sich nicht wirklich darum zu scheren, wer gewann, und war bereit, auf Nachfrage Murmeln abzugeben. Vater entschied, dass dieses Spiel enden musste, dass sowohl mein Bruder als auch ich eine Lektion über angemessene Geschlechterrollen lernen mussten. Eines Abends erhielt mein Bruder von Vater die Erlaubnis, die Dose mit den Murmeln herauszuholen. Ich tat meinen Wunsch, zu spielen, kund und wurde von meinem Bruder informiert, dass «Mädchen nicht mit Murmeln spielen», dass es ein Jungenspiel sei. Das machte für meinen vier- oder fünfjährigen Verstand keinen Sinn und ich bestand auf meinem Recht zu spielen, indem ich Murmeln aufhob und sie schoss. Vater griff ein, um mir zu sagen, ich solle aufhören. Ich hörte nicht zu. Seine Stimme wurde immer lauter. Dann schnappte er mich plötzlich, brach ein Brett aus unserer Eingangstür, fing an, mich damit zu schlagen und sagte mir: «Du bist nur ein kleines Mädchen. Wenn ich dir sage, dass du etwas tun sollst, dann will ich, dass du es auch tust». Er schlug immer weiter auf mich ein und wollte, dass ich einsehe, dass ich verstanden habe, was ich getan hatte. Seine Wut und seine Brutalität fesselten die Aufmerksamkeit aller. Unsere Familie sass gebannt da, versunken in die Pornographie der patriarchalischen Gewalt. Nach dieser Prügelei wurde ich weggescheucht und gezwungen, allein im Dunkeln zu bleiben. Mama kam ins Schlafzimmer, um mich zu trösten, und sagte mir mit ihrer leisen südländischen Stimme: «Ich habe versucht, Dich zu warnen. Du musst akzeptieren, dass Du nur ein kleines Mädchen bist und dass Mädchen nicht das tun können, was Jungen tun.» Im Dienst des Patriarchats bestand ihre Aufgabe darin, zu bekräftigen, dass Vater das Richtige getan hatte, indem er mich zurechtgewiesen und somit die natürliche Gesellschaftsordnung wiederhergestellt hatte.

Die Lektion lernen

Ich erinnere mich so gut an dieses traumatische Ereignis, weil diese Geschichte in unserer Familie immer und immer wieder erzählt wurde. Es kümmerte niemanden, dass das ständige Nacherzählen posttraumatischen Stress bei mir auslösen könnte; das Nacherzählen war vielmehr notwendig, um sowohl die Botschaft als auch den erinnerten Zustand der absoluten Machtlosigkeit zu verstärken. Die Erinnerung an diese brutale Prügelstrafe für eine kleine Tochter durch einen grossen starken Mann diente nicht nur dazu, mich an meinen geschlechtsspezifischen Rang zu erinnern, es war eine Erinnerung an alle, die zugesehen hatten und sich erinnerten, an alle meine Geschwister, sowohl männlich als auch weiblich, und an unsere erwachsene Mutter, dass unser patriarchischer Vater der Herr im Haus war. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir, wenn wir seine Regeln nicht befolgten, bestraft würden, sogar bis zum Tod. Auf diese Weise wurden wir durch Erfahrung in der Kunst des Patriarchats unterwiesen. Nichts dieser Erfahrung ist einzigartig oder auch nur aussergewöhnlich. Hören Sie sich die Stimmen verletzter erwachsener Kinder an, die in patriarchalischen Häusern aufgewachsen sind, und Sie werden verschiedene Versionen des gleichen zugrundeliegenden Themas hören: das der Gewaltanwendung zur Festigung unserer Indoktrinierung und Akzeptanz des Patriarchats. In «How Can I Get Through to You?» (Wie komme ich durch zu Dir?) berichtet der Familientherapeut Terrence Real 2, wie seine Söhne in das patriarchalische Denken eingeführt wurden, obwohl ihre Eltern sich bemühten, ein liebevolles Zuhause zu schaffen, in dem antipatriarchale Werte vorherrschten. Er erzählt, wie sein jüngerer Sohn Alexander sich gerne als Barbie verkleidete, bis ein paar Jungs, die mit seinem älteren Bruder spielten, ihn in seiner Barbie-Rolle sahen und ihm durch ihren Blick und ihr schockiertes, missbilligendes Schweigen zu verstehen gaben, dass sein Verhalten inakzeptabel sei: «Ohne einen Hauch von Bosheit übermittelten die Blicke, die mein Sohn erhielt, eine Botschaft: Du solltest das nicht tun. Und das Mittel, mit dem die Botschaft übertragen wurde, war eine starke Emotion: Scham. Mit drei Jahren war Alexander dabei, die Regeln zu lernen. Ein zehnsekündiger wortloser Vorgang war so beeindruckend dass mein Sohn von diesem Moment an von einer geliebten Aktivität absah. Ich nenne solche Momente der Einweihung die ‘normale Traumatisierung’ von Jungen.» Um Jungen in die Regeln des Patriarchats einzuweisen, zwingen wir sie, Schmerz zu empfinden und gleichzeitig ihre Gefühle zu verleugnen.

Das psychologische Patriarchat

Meine Geschichten haben in den fünfziger Jahren stattgefunden, die Geschichten, die Terrence Real erzählt, sind aktuell. Sie alle unterstreichen die Tyrannei des patriarchalischen Denkens, die Macht der patriarchalischen Kultur, uns gefangen zu halten. Real ist einer der aufgeklärtesten Denker zum Thema der patriarchalischen Männlichkeit in unserer Gesellschaft und dennoch teilt er seinen Leserinnen und Lesern mit, dass er nicht in der Lage sei, seine Jungs ausserhalb der Reichweite des Patriarchats zu halten. Sie erleiden dessen Übergriffe, so wie es alle Jungen und Mädchen mehr oder weniger stark tun. Zweifelsohne gibt Real, indem er ein liebevolles Zuhause fernab von patriarchalischen Werten schafft, seinen Jungs zumindest die Wahl: Sie können wählen, sich selbst zu sein, oder sie können sich für die Konformität mit patriarchalischen Rollen entscheiden. Real verwendet den Begriff «psychologisches Patriarchat», um das patriarchalische Denken von Frauen und Männern zu beschreiben. Trotz des zeitgenössischen visionären feministischen Denkens, das deutlich macht, dass eine patriarchalisch denkende Person kein Mann sein muss, sehen die meisten Leute weiterhin Männer als das Problem des Patriarchats. Dies ist schlichtweg nicht der Fall. Frauen können genauso eng mit patriarchalischem Denken und Handeln verbunden sein wie Männer.

bell hooks

  1. bell hooks (Gloria Jean Watkins), geboren 1952 in Kentucky, Feministin, Aktivistin, Universitätsprofessorin und Autorin. Auf Deutsch existiert von ihr unter Anderem: Black Looks: Popkultur, Medien, Rassismus. Und: Sehnsucht und Widerstand
  2. Terrence Real, Familientherapeut und Autor. Auf Deutsch existieren die Bücher: Mir gehts doch gut. Männliche Depressionen – warum sie so oft verborgen bleiben, woran man sie erkennt und wie man sie heilen kann. Und: Was kann ich tun, dass Du mich hörst. Wie Männer und Frauen sich wieder nahe kommen.