Riace

«Riace: Stadt des Empfangs und der Humanität» – steht auf der Ortstafel des Städtchens in Süditalien. In einem Klima der Abschottung, in dem Hilfsorganisationen daran gehindert werden, Ertrinkende aus dem Meer zu retten, in dem die italienische Regierung Geflüchtete in die libyschen Folterlager zurückschickt oder sie als Ackersklaven auf den Tomatenplantagen verelenden lässt, da lohnt es sich, diese Geschichte tausend und tausend Mal zu erzählen. Sie ist der lebendige Beweis, dass es möglich ist, in die Mauer der Festung Europa noch Breschen zu schlagen. Trotz starker Abwanderung ist Riace nicht von der Landkarte verschwunden. Es ist dank seiner Öffnung gegenüber Migrant_innen lebendig geblieben.

Als 1998 zum ersten Mal ein Flüchtlingsschiff vor die Küste des Dorfes getrieben wurde, waren die Menschen im Dorf bereit, die Geflüchteten zu empfangen. In Riace weiss man noch, was es heisst, weg zu gehen, seine Wurzeln zu verlieren und ohne Mittel in einem andern Land anzukommen. So entstand die Idee, Häuser, die seit dem Wegzug ihrer Bewohner_innen leer standen, zu renovieren und jenen zur Verfügung zu stellen, die vor der Küste gestrandet sind. Gleichzeitig kam die Idee auf, die alten landwirtschaftlichen und handwerklichen Aktivitäten wieder zu beleben, um so als Dorf dem scheinbar unvermeidlichen Schicksal des Aussterbens zu entgehen.

Riace: Ein neuer Wind

von Barbara und Hannes, EBF, 01.02.2019, Veröffentlicht in Archipel 278

Die letzten Monate waren alles andere als einfach für das Dorf Riace und seinen Bürgermeister «im Exil» Domenico Lucano. Der Bürgermeister hat noch immer nicht das Recht, in sein Dorf zurückzukehren, und er bleibt weiterhin aus rechtlich fadenscheinigen Gründen verbannt.

Diese Wunden werden nicht so schnell vernarben. Die neue italienische Regierung ist inzwischen offen rassistisch. Das grobschlächtige Auftreten von Innenminister Salvini sowie sein neues Sicherheitsgesetz, das schwerlich noch mit einer demokratischen Verfassung vereinbar ist, sind der traurige Beweis dafür.

Das kleine Dorf Riace wird trotz aller Schwierigkeiten seiner Idee treu bleiben, einer Welt, in der Solidarität und menschlicher Empfang offenbar nichts mehr gelten, etwas anderes entgegenzusetzen. Das Dorf ist nicht allein. Der Sturm, dem es ausgesetzt war, hat ein riesige Welle der Solidarität aus Italien aber auch von ausserhalb ausgelöst. Riace hat eine Lücke in der Mauer der Festung Europa geöffnet, aber auch in der Mauer, welche gewisse Medien unaufhörlich in unseren Köpfen errichten wollen, indem sie Flüchtende stets als Gefahr und Invasoren bezeichnen und nicht mehr als Menschen. Mauern, die inzwischen fatal geworden sind und kaum noch zu überwinden, tödliche Mauern aus Stacheldraht, Wüste und Meer. «Wir wollen einfach nur menschlich und offen bleiben». Diese Botschaft von Domenico Lucano wurde von vielen Menschen, die sich gegen die neue Barbarei der Abschreckung wenden, aufgegriffen, sie ist weit über die Grenzen Italiens hinaus auf Resonanz gestossen.

Gründung einer Stiftung

Wie kann Riace ohne Subventionen und Unterstützung der rassistischen Herren aus Rom weiterhin Flüchtlinge aufnehmen? Die Solidarität aus ganz Europa kann hier viel beitragen, aber man muss weiterhin geduldig sein, den richtigen Weg finden und Schritt für Schritt vorgehen. Die handwerklichen Aktivitäten könnten verstärkt aufgenommen werden, ein solidarischer Tourismus könnte das Dorf wirtschaftlich und menschlich beleben. Dies ist die Herausforderung, der sich eine Gruppe um den Bürgermeister Domenico Lucano stellen will. Als einer der ersten Schritte soll eine Stiftung mit dem Namen «E' stato il vento» (Es war der Wind) gegründet werden. Der Name der Stiftung weist darauf hin, dass es vor zwanzig Jahren reiner Zufall war, dass Riace zu seiner Bestimmung gekommen ist. Damals wurde nämlich eine Barke mit kurdischen Flüchtlingen durch den Wind vom Kurs abgetrieben und vor die Küste Riaces gespült. Das Gründungskomitee der Stiftung wurde am 12. Januar anlässlich einer Pressekonferenz im Dorf Caulonia unweit von Riace, in dem der verbannte Bürgermeister momentan wohnt, der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie soll in den nächsten Monaten als juristische Person gegründet werden und wird vor Ort die Unterstützungsbeiträge, welche in und ausserhalb Italiens gesammelt werden, verwalten.

Eine weitere Aufgabe des Vorstandes der Stiftung wird der Aufbau und die Begleitung der Kerngruppe in Riace sein, welche die zukünftigen Aktivitäten und Projekte in Riace in die Hand nimmt. Im Vorstand der Stiftung werden folgende Personen vertreten sein: Gianfranco Schiavone, der federführend an der Ausarbeitung des Flüchtlingsprogramms Italiens beteiligt war, welches jetzt von Inneminister Salvini wieder eingestellt wird. Eine weitere seit langer Zeit engagierte Person ist Chiara Sasso, nationale Koordinatorin des «Verbandes der Solidarischen Gemeinden» Italiens. Alex Zanottelli hat sich als Missionar der Kongregation der Combonianer sein Leben lang der Solidarität mit den Schwächsten gewidmet. Barbara Vecchio wird als Vertreterin des Europäischen BürgerInnenforums, welches seit zwanzig Jahren in Zu sammenarbeit mit der Kooperative Longo maï dieses Projekt begleitet, Einsitz nehmen. Zusätzlich sind zwei Magistraten vertreten: Emilio Sirianni von den «Demokratischen Magistraten in Kalabrien» und Livio Pepino, Magistrat aus dem Piemont. Auch dabei ist Giuseppe Lavorato, der ehemalige Bürgermeister von Rosarno, welcher in seinem Ort stets auf Seiten der Migrant·inn·en stand, welche unter dem Druck der Mafia unter schwierigsten Bedingungen in der Landwirtschaft arbeiten.

Rettet Riace!

von Claude Braun, EBF Schweiz, 07.11.2018

Erinnern Sie sich noch an Riace in Süditalien? Dieses kleine Dorf, das vor 20 Jahren grosszügig die Flüchtlinge aufgenommen hatte, die an seiner Küste strandeten? Domenico Lucano, heute zum dritten Mal Bürgermeister, stellte den Flüchtlingen leerstehende Häuser zur Verfügung und förderte Landwirtschaft, Handwerk und sanften Tourismus, um das Dorf wieder zu beleben.