Riace

«Riace: Stadt des Empfangs und der Humanität» – steht auf der Ortstafel des Städtchens in Süditalien. In einem Klima der Abschottung, in dem Hilfsorganisationen daran gehindert werden, Ertrinkende aus dem Meer zu retten, in dem die italienische Regierung Geflüchtete in die libyschen Folterlager zurückschickt oder sie als Ackersklaven auf den Tomatenplantagen verelenden lässt, da lohnt es sich, diese Geschichte tausend und tausend Mal zu erzählen. Sie ist der lebendige Beweis, dass es möglich ist, in die Mauer der Festung Europa noch Breschen zu schlagen. Trotz starker Abwanderung ist Riace nicht von der Landkarte verschwunden. Es ist dank seiner Öffnung gegenüber Migrant_innen lebendig geblieben.

Als 1998 zum ersten Mal ein Flüchtlingsschiff vor die Küste des Dorfes getrieben wurde, waren die Menschen im Dorf bereit, die Geflüchteten zu empfangen. In Riace weiss man noch, was es heisst, weg zu gehen, seine Wurzeln zu verlieren und ohne Mittel in einem andern Land anzukommen. So entstand die Idee, Häuser, die seit dem Wegzug ihrer Bewohner_innen leer standen, zu renovieren und jenen zur Verfügung zu stellen, die vor der Küste gestrandet sind. Gleichzeitig kam die Idee auf, die alten landwirtschaftlichen und handwerklichen Aktivitäten wieder zu beleben, um so als Dorf dem scheinbar unvermeidlichen Schicksal des Aussterbens zu entgehen.

Riace – Trauer und Hoffnung

von Barbara Vecchio, EBF, Mitglied der Stiftung E’stato il vento, 01.07.2019, Veröffentlicht in Archipel 283

Zweifellos kann man die gesamte Geschichte, die sich in Riace abspielt, auch über Internet mitverfolgen, denn die Dinge, die sich in diesem kleinen kalabrischen Dorf zutragen, wie auch das Schicksal seines Bürgermeisters, machen weiterhin Schlagzeilen in Italien und darüber hinaus. Etwas anderes ist es jedoch, nach Riace zu reisen und anderthalb Monate dort zu leben, denn nur so erfährt man, was die Medien nicht berichten können. Wir erlebten die Trauer, das Misstrauen und vor allem die Angst der Bewohner·innen. Wer diesen Ort gekannt hat – lange vor dem Sturm, der seit letztem Sommer über ihn hereingebrochen ist –, gewöhnt sich nicht an diese Stille, an diese verschlossenen Türen und verschlossenen Gesichter. Riace, wo es gelungen war, die Gleichung «Einwanderung = soziale Katastrophe» zu widerlegen, befindet sich im Fadenkreuz der italienischen Regierung, die immer offener rassistisch agiert, Hass schürt und alles daran setzt, anders tönende Stimmen mundtot zu machen. Riace war ein Dorn im Auge all jener, die ihre politische Karriere auf die Rhetorik der Migration aufbauten: «Wir können sie nicht alle aufnehmen, also lassen wir sie im Meer ertrinken» – diese Propaganda hatte Riace untergraben, und dafür soll es nun seinerseits untergehen.

Hexenjagd

Stellt euch ein Dorf vor mit 300 Menschen, viele von ihnen ältere Menschen, das von einer regelrechten Flutwelle von Polizist·inn·en, Anwält·inn·en und Journalist·inn·en überspült wird: 29 Personen kommen vor Gericht, der Bürgermeister darf sein Dorf nicht mehr betreten und wird exiliert wie der letzte Mafiosi, Telefone werden abgehört, das Rathaus steht unter Zwangsverwaltung. Zwar wurde bereits erwiesen, dass hier kein Betrug stattfand, dass die Unregelmässigkeiten, derer die Gemeindeverwaltung beschuldigt wurde, rein formell waren und nicht illegal. Sogar das Kassationsgericht entschied zugunsten von Domenico Lucano und seinem Dorf und ordnete an, diese Hexenjagd zu stoppen… doch nichts half. Der Regierung war es nicht genug, durch Streichung sämtlicher Subventionen, von denen Sozialarbeiter·innen, Migrant·inn·en und der lokale Handel abhingen, Riace in die Knie zu zwingen – nein, der Ort soll von der Landkarte radiert werden, um sicher zu gehen, dass er sich nicht wieder erhebt. Das Spiel ist so einfach wie pervers: man schafft Missstände, man zeigt auf Schuldige (immer wieder die Migrant·inn·en) und man stigmatisiert jene, die andere Wege aufzeigen wollten. Mit haltlosen, absurden und dennoch wirksamen Anschuldigungen wirft man ihnen vor, die Regeln zu brechen. Während unseres Aufenthaltes konnten wir diese permanente und schamlose Verfolgung hautnah erleben: der pädagogische Bauernhof von Riace, wo sich die zum Einsammeln des Mülls verwendeten (und nun beschlagnahmten) Esel sowie von Migrant·inn·en angebauten Gärtchen befinden, wurde amtlich versiegelt.

Wo ist das Verbrechen?

Wir begreifen es nicht: Dieser kleine Hof wurde an Stelle einer wilden Müllhalde, auf von Brombeeren überwuchertem Brachland errichtet. Was wird hier genau beanstandet? Die Verletzung von Privateigentum, Unregelmässigkeiten bei der Markierung von Eseln, oder vielmehr die Tatsache, dass das Dorf seine Müllabfuhr den Klauen der lokalen Mafia ('Ndrangheta) entrissen hatte? Und damit ist es nicht getan, denn etwa zur gleichen Zeit, Mitte April, wurde eine neue Untersuchung gegen Domenico Lucano eingeleitet, unter dem Vorwand, dass einige Aufnahmeeinrichtungen nicht den amtlichen Kriterien der «Bewohnbarkeit» entsprachen. Sorry, verstehen wir das hier richtig: In einer Region wie Kalabrien, wo in vergangenen Jahren fast täglich Flüchtlingsschiffe landeten, wo die Präfektur den Bürgermeister Tag und Nacht anrief und ihn anflehte, die Notlage zu kompensieren, in einer Region, in der Schulen, Krankenhäuser und sogar das Gerichtsgebäude wohl kaum alle Kriterien der Bewohnbarkeit erfüllen, wird Domenico Lucano ein erneuter Prozess gemacht, weil er verzweifelte Flüchtlinge in nicht ganz normgerechten Häusern untergebracht hat? Ist in einer Region wie Kalabrien, in der die heftigsten kriminellen Kräfte am Werk sind, tatsächlich niemand anderes als der Bürgermeister dieses Dörfchens auszumachen, um die Rolle des furchterregenden Outlaws zu spielen? Verzeihung, aber wir haben den Verdacht, dass das grosse Verbrechen Domenicos darin besteht, die Aufmerksamkeit der italienischen Medien gewonnen zu haben als ein Symbol des Anti-Salvinismus, ein Symbol der Öffnung und Empfangsbereitschaft gegen die Abschottung und die Angst vor dem Fremden.

Solidaritätsfest

Am 11. Mai fand ein grosses Solidaritätsfest vor Ort statt. Ein Manifest der «Künstler·innen für Riace», das Hunderte von italienischen Künstler·inn·en unterzeichnet hatten, sollte veröffentlicht werden und einige von ihnen hatten ihre Anwesenheit angekündigt. Die auf Wunsch von Domenico ins Leben gerufene Stiftung E’stato il vento (Es war der Wind), der es gelungen war, ein Startkapital von 100‘000 Euro zusammenzutragen, gab an diesem Tag ihre offizielle Gründung bekannt, sowie ihren Willen, dank nationaler wie internationaler privater Hilfe den Empfang von Migrant·inn·en, die Handwerksbetriebe und den Solidaritätstourismus wieder aufleben zu lassen. Und diese Solidarität wird wirklich dringend gebraucht, denn die Situation vor Ort ist sehr schwierig. Hohe Schulden haben sich angehäuft, die Schulen und die ärztliche Ambulanz mussten schliessen, mehrere eingewanderte Familien mussten fortziehen und die übrig gebliebenen leben unter prekären Bedingungen von den Almosen der Caritas oder der Solidaritätsbewegung. Für die Präsentation am 11. Mai hatte Domenico Lucano nach 7 Monaten Exil um die Erlaubnis gebeten, für einige Stunden in sein Heimatdorf zurückkehren und seine Mitbürger·innen wiedersehen zu dürfen. Ein völlig legaler Antrag, der umgehend abgeschmettert wurde, weil es diesem Mann anscheinend nicht gewährt sein darf, in Riace das Wort «Neubeginn» auszusprechen oder auch nur sein Gesicht zu zeigen, das gerade in der aktuellen Wahlperiode den Menschen wieder Hoffnung und Mut hätte geben können. Dieser jüngste Rückschlag war für alle sehr heftig: für Domenico, dem es immer schwerer fällt, nicht selbst den Mut zu verlieren, für die Bewohner·innen wie auch für die Organisator·inn·en und Teil-nehmer·innen der Solidaritätsveranstaltung.

Es gibt immer einen Weg

Dennoch haben wir uns nicht entmutigen lassen. Über den Weg hinter der Post kommt man in nur zehn Minuten Fussmarsch vom Amphitheater, wo das Fest stattfand, bis zur Ortsgrenze, wo Riace endet und Stignano beginnt. Ein Aufruf ins Mikrophon genügte, und eine Welle von mehreren hundert Personen erhob sich und zog durch die blühenden Felder bis zum beschriebenen Ort. Ein Telefonanruf an Domenico, der sich gleichzeitig von der anderen Seite aus bis an die Ortsgrenze aufmachte, und ganz spontan und ohne Ordnungsdienst konnte die solidarische Menschenmenge endlich ihren dankbaren und vor Überwältigung schluchzenden Bürgermeister in die Arme schliessen. Wir waren alle bewegt und getrieben von dem gleichen Gedanken: «Sie werden uns nicht aufhalten können. Wir werden immer einen Weg finden, der Ungerechtigkeit zu widerstehen, sie zu umgehen oder sie zu überrennen.» Die beiden Karabinieri, die in aller Eile an dieser unsichtbaren Grenze aufgestellt wurden, sahen dabei recht lächerlich aus.

Eine Zukunft aufbauen

Wir verlassen Riace von widersprüchlichen Gefühlen erfüllt, unter denen die Trauer nur einen geringen Platz einnimmt. Am stärksten ist der Wunsch zurück zu kommen, der Wunsch, diesem Dorf bei seinem Neuanfang zu helfen. Wir begegneten und diskutierten mit den Menschen, die in den Werkstätten arbeiteten, Riacesi wie Zugewanderte: Sie hoffen auf Unterstützung, um ihre handwerklichen Tätigkeiten wieder aufnehmen zu können. Riace ist der Ort, an dem sie leben wollen, hier gibt es eine Zukunft aufzubauen. Niemand will weiter migrieren müssen, weder die Neuankömmlinge noch die Alteingesessenen, denen die Begriffe «fortziehen» und «entwurzelt werden» nur zu geläufig sind, denn seit der Nachkriegszeit gehört diese Region zu den am schwersten von Landflucht und Verödung betroffenen. Wir haben mit den vor Ort gebliebenen Geflüchteten gesprochen, die uns von Telefongesprächen mit anderen berichteten, die weiterziehen mussten und einen einzigen Wunsch aussprechen: in ihre Häuser in Riace zurückzukehren. Wir sind so vielen Menschen aus ganz Italien und Europa begegnet, die bereit sind, tatkräftig mit anzupacken, und wir wissen, dass das Modell Riace auf der ganzen Welt bewundert wird. Es ist an der Zeit, zu beweisen, dass es der Dampfwalze der italienischen Regierungspolitik nicht gelingt, dieses Modell unter einer Betonschicht des Hasses zu begraben: die Samen der Menschlichkeit, die hier gesät wurden, werden wieder keimen und den Beton durchbrechen.

Riace: Ein neuer Wind

von Barbara und Hannes, EBF, 01.02.2019, Veröffentlicht in Archipel 278

Die letzten Monate waren alles andere als einfach für das Dorf Riace und seinen Bürgermeister «im Exil» Domenico Lucano. Der Bürgermeister hat noch immer nicht das Recht, in sein Dorf zurückzukehren, und er bleibt weiterhin aus rechtlich fadenscheinigen Gründen verbannt.

Diese Wunden werden nicht so schnell vernarben. Die neue italienische Regierung ist inzwischen offen rassistisch. Das grobschlächtige Auftreten von Innenminister Salvini sowie sein neues Sicherheitsgesetz, das schwerlich noch mit einer demokratischen Verfassung vereinbar ist, sind der traurige Beweis dafür.

Das kleine Dorf Riace wird trotz aller Schwierigkeiten seiner Idee treu bleiben, einer Welt, in der Solidarität und menschlicher Empfang offenbar nichts mehr gelten, etwas anderes entgegenzusetzen. Das Dorf ist nicht allein. Der Sturm, dem es ausgesetzt war, hat ein riesige Welle der Solidarität aus Italien aber auch von ausserhalb ausgelöst. Riace hat eine Lücke in der Mauer der Festung Europa geöffnet, aber auch in der Mauer, welche gewisse Medien unaufhörlich in unseren Köpfen errichten wollen, indem sie Flüchtende stets als Gefahr und Invasoren bezeichnen und nicht mehr als Menschen. Mauern, die inzwischen fatal geworden sind und kaum noch zu überwinden, tödliche Mauern aus Stacheldraht, Wüste und Meer. «Wir wollen einfach nur menschlich und offen bleiben». Diese Botschaft von Domenico Lucano wurde von vielen Menschen, die sich gegen die neue Barbarei der Abschreckung wenden, aufgegriffen, sie ist weit über die Grenzen Italiens hinaus auf Resonanz gestossen.

Gründung einer Stiftung

Wie kann Riace ohne Subventionen und Unterstützung der rassistischen Herren aus Rom weiterhin Flüchtlinge aufnehmen? Die Solidarität aus ganz Europa kann hier viel beitragen, aber man muss weiterhin geduldig sein, den richtigen Weg finden und Schritt für Schritt vorgehen. Die handwerklichen Aktivitäten könnten verstärkt aufgenommen werden, ein solidarischer Tourismus könnte das Dorf wirtschaftlich und menschlich beleben. Dies ist die Herausforderung, der sich eine Gruppe um den Bürgermeister Domenico Lucano stellen will. Als einer der ersten Schritte soll eine Stiftung mit dem Namen «E' stato il vento» (Es war der Wind) gegründet werden. Der Name der Stiftung weist darauf hin, dass es vor zwanzig Jahren reiner Zufall war, dass Riace zu seiner Bestimmung gekommen ist. Damals wurde nämlich eine Barke mit kurdischen Flüchtlingen durch den Wind vom Kurs abgetrieben und vor die Küste Riaces gespült. Das Gründungskomitee der Stiftung wurde am 12. Januar anlässlich einer Pressekonferenz im Dorf Caulonia unweit von Riace, in dem der verbannte Bürgermeister momentan wohnt, der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie soll in den nächsten Monaten als juristische Person gegründet werden und wird vor Ort die Unterstützungsbeiträge, welche in und ausserhalb Italiens gesammelt werden, verwalten.

Eine weitere Aufgabe des Vorstandes der Stiftung wird der Aufbau und die Begleitung der Kerngruppe in Riace sein, welche die zukünftigen Aktivitäten und Projekte in Riace in die Hand nimmt. Im Vorstand der Stiftung werden folgende Personen vertreten sein: Gianfranco Schiavone, der federführend an der Ausarbeitung des Flüchtlingsprogramms Italiens beteiligt war, welches jetzt von Inneminister Salvini wieder eingestellt wird. Eine weitere seit langer Zeit engagierte Person ist Chiara Sasso, nationale Koordinatorin des «Verbandes der Solidarischen Gemeinden» Italiens. Alex Zanottelli hat sich als Missionar der Kongregation der Combonianer sein Leben lang der Solidarität mit den Schwächsten gewidmet. Barbara Vecchio wird als Vertreterin des Europäischen BürgerInnenforums, welches seit zwanzig Jahren in Zu sammenarbeit mit der Kooperative Longo maï dieses Projekt begleitet, Einsitz nehmen. Zusätzlich sind zwei Magistraten vertreten: Emilio Sirianni von den «Demokratischen Magistraten in Kalabrien» und Livio Pepino, Magistrat aus dem Piemont. Auch dabei ist Giuseppe Lavorato, der ehemalige Bürgermeister von Rosarno, welcher in seinem Ort stets auf Seiten der Migrant·inn·en stand, welche unter dem Druck der Mafia unter schwierigsten Bedingungen in der Landwirtschaft arbeiten.

Rettet Riace!

von Claude Braun, EBF Schweiz, 07.11.2018

Erinnern Sie sich noch an Riace in Süditalien? Dieses kleine Dorf, das vor 20 Jahren grosszügig die Flüchtlinge aufgenommen hatte, die an seiner Küste strandeten? Domenico Lucano, heute zum dritten Mal Bürgermeister, stellte den Flüchtlingen leerstehende Häuser zur Verfügung und förderte Landwirtschaft, Handwerk und sanften Tourismus, um das Dorf wieder zu beleben.