Rabat

Ein Rasthaus für Frauen auf der Flucht

Die Abschottung Europas gegen Schutz suchende Menschen führt zu Tausenden von Toten in der Sahara und im Mittelmeer. Jedes Jahr! Auf der Flucht sind die Menschen erbarmungsloser Ausbeutung ausgesetzt. Vor allem Frauen sind oft Opfer von sexualisierter Gewalt. Neben dem unmittelbaren Schutz in unserem Rasthaus in Rabat, Marokko, brauchen sie einen neuen Ort für Begegnung, Bildung und Selbsthilfe !

Schutz für die Verletzlichsten

Die Frauen aus Subsahara-Afrika fliehen vor Krieg, Hunger und Gewalttätigkeiten. Auf der Flucht werden sie oft zu Opfern sexualisierter Gewalt – manchmal durch männliche Mitreisende, aber meist durch Schlepper und Grenzbeamte. Unterwegs werden die Frauen oft als «sexuelles Wechselgeld» missbraucht, damit sie und ihre Kinder sowie ihre Weggefährten die Grenzen passieren können. Ist der mühselige Weg durch die Wüste geschafft, kommen im Maghreb neue Qualen auf sie zu: Diskriminierungen, rassistische Anfeindungen und polizeiliche Hetzjagden. Ohne Aufenthaltsstatus und rechtlos, werden sie bei der Arbeit ausgebeutet und betrogen, sofern sie überhaupt eine Stelle bekommen. Doch zahlreiche Migrantinnen haben begonnen, sich zu wehren und sich selbst zu organisieren. So sind Orte entstanden, die den Verletzlichsten unter ihnen Schutz bieten. In Afrika sind die Auswirkungen der Festung Europa inzwischen auf dramatische Weise spürbar. Flüchtlinge und Migrantinnen werden bereits in der Sahara im Auftrag der EU abgefangen, in Internierungslager gesperrt und wieder Richtung Süden abgeschoben. So gibt es bereits in der Wüste keine andere Möglichkeit, als mit Hilfe von Schleppern hochgradig gefährliche Umwege in Kauf zu nehmen.

Ein erstes Rasthaus für Frauen auf der Flucht

«Im Jahr 2015 haben wir in Rabat eine erste Wohnung für Frauen angemietet, die während ihrer Flucht durch die Wüste Gewalt erfahren mussten – der Anfang des Projektes «Rasthaus für geflüchtete Frauen» war getan. Wir haben es nach dem afrikanischen Baum «Baobab» benannt. Inzwischen gibt es fünf Wohnungen für insgesamt sechzig Frauen mit ihren Kindern. Es gibt keinerlei Hinweisschilder an den Haustüren, um die Frauen vor Verfolgungen und Belästigungen zu schützen. Grundsätzlich sind Migrantinnen jeder Nationalität willkommen, wobei sich das Angebot in erster Linie an neu in Marokko angekommene Frauen aus Afrika südlich der Sahara richtet. Hier können sie sich ausruhen und nächste Schritte planen. Die Unterkunft ist umsonst, dazu kommen die Zutaten für eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag. Es gibt ein Notfallbudget für ärztliche Behandlungen. Wegen der enormen Nachfrage musste die Aufenthaltsdauer der Frauen auf zwei bis drei Monate begrenzt werden. Doch viele bleiben in der Nähe und wir versuchen, sie auch weiterhin nicht allein zu lassen. Für die Verwaltung des Rasthauses ist die von mir mitbegründete Selbsthilfe-Initiative ARCOM (Association des Refugié-e-s et Communautés Migrantes) zuständig, die im Dezember 2018 vom marokkanischen Staat endlich die Anerkennung als Verein erhalten hat. Das gibt uns Sicherheit für die weitere Arbeit. Heute stehen wir vor neuen Herausforderungen: Die Schaffung eines Zentrums mit sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten der Migrantinnen in unserem Stadtviertel könnte langfristige Perspektiven eröffnen.» Emmanuel Mbolela

Mehr Platz für langfristige Perspektiven

Die unmittelbare Nothilfe im Rasthaus geht weiter. Aber es fehlt an allen Ecken und Enden an Platz. Unsere Freund*innen von Baobab tun alles, was in ihren Kräften steht, um den geflüchteten Frauen und Kindern ein Leben auf der Strasse zu ersparen. So wird momentan 90 Kindern ein Schulbesuch ermöglicht. Der Verein ARCOM bietet auch Kurse in Alphabetisierung, Arabisch, Französisch und Englisch für die geflüchteten Frauen, Kinder und Jugendlichen an. Auch marokkanische Kinder aus dem benachbarten Armenviertel nehmen daran teil. Die daraus entstandenen direkten Kontakte zwischen Einheimischen und Migrantinnen sind das beste Mittel für ein friedliches Zusammenleben. Die Kurse finden bisher in einer viel zu kleinen Wohnung statt, die Büro, Beratungsstelle sowie Schlafstätte zugleich ist. Jetzt sind wir auf der Suche nach grösseren Räumlichkeiten. Wir wollen ein Gebäude finden, in dem wir auch alle zukünftigen Aktivitäten unterbringen können.

Zwischen Repression und Selbstermächtigung

von Alexander Behr, EBF, 18.01.2019

Am ersten Dezemberwochenende fand in der marokkanischen Hauptstadt Rabat die erste Konferenz der ARCOM statt. Die „Association des Refugi-é-s et Communautés Migrantes“, also die „Vereinigung der Geflüchteten und migrantischen Communities“ gilt aktuell als die wahrscheinlich dynamischste und stärkste Gruppe aus dem Spektrum der selbstorganisierten Migrant_innenvereine in Marokko. Die ARCOM wurde im Jahr 2005 von einer Gruppe von Geflüchteten aus der Demokratischen Republik Kongo gegründet, darunter der Buchautor und Aktivist Emmanuel Mbolela. Die Gruppe kann bereits auf eine Vielzahl von Aktionen zurückblicken. Seien es Proteste gegen Abschiebungen in das marokkanisch-algerische Grenzgebiet, Widerstand gegen Polizeigewalt, gegen die Externalisierung des EU-Grenzregimes sowie gegen die Passivität des UNHCR, oder Kampagnen für den Zugang zu Gesundheitsversorgung und für die Legalisierung von Papierlosen: Die Arbeit der ARCOM hat in unzähligen Fällen konkrete Hilfe geleistet und wohl oft auch Leben gerettet. Außerdem brachte die ARCOM die „Stimme der Stimmlosen“, also der Illegalisierten, mit Nachdruck in den öffentlichen Diskurs – sowohl in Marokko als auch in Europa. Die Gruppe ist Teil des Netzwerks Afrique Europe Interact und arbeitet eng mit dem Europäischen BürgerInnen Forum zusammen. Im Jahr 2014 gründete die ARCOM ein Frauenhaus für subsaharische Migrantinnen und schuf damit zum ersten Mal in der Geschichte Marokkos einen Ort, an dem von Gewalt Betroffene migrantische Frauen in Sicherheit sind.