Anfang August war eine Delegation des Europäischen Bürger:innen Forums (EBF) in Transkarpatien (Westukraine). Ein Schwerpunkt unseres Aufenthalts war der Besuch bei der Roma-Initiative ROMEN von Rada Kalandija in Mukatschewo.
Rada ist zu Kriegsbeginn mit ihrem Mann und ihrer Tochter sowie anderen Familienmitgliedern von ihrem Wohnort im Donbas nach Transkarpatien geflüchtet.
Da sie sich bereits im Osten als Romni und Menschenrechtsaktivistin für ihre Community eingesetzt hatte, wurde sie von der gesamtukrainischen Roma-Organisation Chiricli angefragt, ob sie in der grossen Romasiedlung («Tabor») von Mukatschewo als Mediatorin Sozialarbeit leisten könnte. Die meisten der über 15.000 Menschen leben in grösster Armut: stigmatisiert, oft ohne Papiere und ohne Zugang zu Bildung. Die medizinische Versorgung ist nicht gewährleistet und elementare Menschenrechte werden missachtet. Seit ihrer Ankunft versucht Rada, nachhaltige Veränderungen zu bewirken, und hat ein Beratungs- und Unterstützungszentrum vor allem für Romafrauen gegründet.
Andreas Schwab, der Gemeindepräsident von Bremgarten bei Bern, war Mitglied unserer jetzigen Delegation. Im September 2025 hatte er Rada zur Vorstellung ihrer Initiative und zur Übergabe eines Förderbeitrages persönlich in seine Gemeinde eingeladen, die an einer Partnerschaft mit einem Projekt in der Ukraine interessiert ist.
Solidarische Gemeinden
In der Folge engagierten sich noch drei weitere Gemeinden aus dem Raum Bern im selben Sinne. Für die Verwendung des gesammelten Geldes, das über das Konto des EBF lief, wurde ein Vertrag zwischen ROMEN und dem EBF abgeschlossen. Ein erster Teil der Sammlung wurde für die Wasserversorgung aufgewendet – es gab bisher kein Trinkwassersystem in der Siedlung. So wurden zwanzig Grundwasserbohrungen durchgeführt und ebenso viele Handpumpen installiert – ein grosser Fortschritt mit einfachen Mitteln. Die letzte Bohrung wurde anlässlich des Besuches unserer Delegation realisiert. Wir konnten direkt vor Ort an zahlreichen Stellen diese öffentlich zugänglichen Trinkwasserpumpen in Augenschein nehmen und uns kurz in der Sommerhitze erfrischen. Der zweite Teil des Geldes wird für die tägliche Arbeit von Rada und ihrem Team benützt: Alphabetisierungskurse für Kinder, juristische Beratung, Aufklärung vor allem der Frauen und Mädchen über ihre Rechte.
Der regionale Vertreter des ukrainischen Ombudsmannes, Andrij Kriuchkov, kam zu unserem Treffen mit Rada und ihrem Team hinzu. Er berichtete ausführlich über die schwierige Situation der Roma in Transkarpatien und über seine amtliche Funktion. Seine Aufgabe ist es, das Parlament über Menschenrechtsverletzungen und die Missachtung elementarer Grundrechte zu unterrichten und die verschiedenen Akteure zum Handeln aufzurufen. Sein Team hat über die Roma in Transkarpatien einen «Atlas» veröffentlicht, der die Misere und Ausgrenzung anprangert und konkrete Massnahmen verlangt. Unsere Reise dauerte rund eine Woche und wir besuchten noch verschiedene Initiativen der Zivilgesellschaft, die sich für die Geflüchteten aus den Kriegsgebieten einsetzen. Wir kamen mit zahlreichen Menschen ins Gespräch und hörten ihren Schicksalen zu. Sie schätzten unseren Besuch, weil sie spürten, dass sie – auch im Ausland – nicht vergessen werden. Tief berührt und beeindruckt sind wir zurückgekehrt – in unseren trügerischen Frieden.
Michael Rössler



