UKRAINE: Frieden ?

von Taras Bilous, 15.04.2026, Veröffentlicht in Archipel 357

Am letzten 24. Februar jährte sich zum vierten Mal der Tag, an dem Russland seine gross angelegte Invasion der Ukraine begann. Im Laufe des letzten Jahres haben Expert·innen auf beiden Seiten oft einen entscheidenden Durchbruch prognostiziert, sei es aufgrund der wirtschaftlichen Probleme Russlands oder der nachlassenden Unterstützung des Westens für die Ukraine. Doch während die Erschöpfung auf beiden Seiten zunimmt, unter anderem durch die jüngsten massiven russischen Angriffe auf das ukrainische Stromnetz, scheint ein Friedensabkommen immer noch in weiter Ferne zu liegen.

Taras Bilous, ein Sozialist, der heute in ukrainischer Uniform dient, fordert seit langem internationale Solidarität mit dem Widerstand der Ukraine. Er kritisiert linke Positionen, die eine Kürzung der westlichen Hilfe für Kiew befürworten, und betont, dass dies lediglich eine Belohnung für die russische Aggression wäre. In einem Interview mit Sasha Talaver erklärt er, warum die Ukrainer·innen zunehmend auf einen Waffenstillstand drängen, aber kein Friedensabkommen akzeptieren können, das die zukünftige Verteidigung des Landes nicht garantiert.* Hier ein Teil des Interviews:

Sasha Talaver: Wie beurteilen Sie den Fortschritt der Friedensverhandlungen?

Taras Bilous: Erst seit kurzem können wir sagen, dass echte Verhandlungen stattfinden. Was im letzten Jahr geschah, war eine Show für Trump. Er hat sich ohne Verständnis für die Situation und mit törichten Illusionen eingemischt und die Lage nur verschlimmert. Als Trump gewann, dachte ich, dass sich die Lage für uns höchstwahrscheinlich verschlechtern würde, aber um ehrlich zu sein, hatte ich insgeheim die vage Hoffnung, dass doch noch ein Wunder geschehen könnte. Obwohl Trump der Letzte ist, von dem ich Hilfe erwarten würde, möchte ich vor allem, wie andere Ukrainer·innen auch, dass dieser verdammte Krieg endlich vorbei ist. Leider wurde schnell klar, dass nichts Gutes zu erwarten war. Wichtig ist, dass Trump in dem Moment als Präsident zurückkehrte, in dem nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland, bereits vom Krieg erschöpft waren, wenn auch sicherlich nicht so sehr wie heute. Nach dem Scheitern der Gegenoffensive von 2023 wurde das Argument, dass «wir unser Volk nicht unter Besatzung lassen können», irrelevant. Im Laufe des Jahres 2024 wuchs in der Ukraine allmählich die Stimmung zugunsten einer Einfrierung des Konflikts, auch innerhalb der Armee. Unabhängig davon, wer die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte, die Verhandlungen hätten ohnehin begonnen. Und es scheint, dass die ukrainische Regierung dies verstanden hat – der Friedensgipfel 2024 in der Schweiz und die Operation in Kursk waren unter anderem Versuche, ihre Position vor den Verhandlungen zu stärken. Ich denke, viele westliche Analyst·innen verstehen nicht, dass der Hauptgrund für Wolodymyr Selenskyjs Änderung seiner Position zum Waffenstillstand nicht der Druck von Trump war, sondern eine Veränderung der Stimmung der Ukrainer·innen und die Erkenntnis der Realitäten auf dem Schlachtfeld. Selenskyj änderte seine Haltung bereits im November 2024 und stimmte der Möglichkeit zu, den Konflikt einzufrieren, ohne dass Russland alle besetzten Gebiete zurückgibt. Alles deutete in diese Richtung. (...)

Den Krieg einfrieren?

Wenn ich Sie richtig verstehe, glauben Sie also, dass eine Einfrierung des Konflikts derzeit die beste Option wäre. Aber birgt das nicht erhebliche Risiken?

Natürlich ist es ein Risiko. Und es geht nicht nur um die Gefahr eines neuen Krieges, sondern auch um die politischen, wirtschaftlichen und migrationspolitischen Folgen eines eingefrorenen Konflikts. Je mehr die Ukrainer·innen die Wahrscheinlichkeit eines neuen Krieges erkennen, desto mehr Menschen werden das Land verlassen, sobald dieser Krieg beendet ist. Wenn es tatsächlich möglich wäre, europäische Truppen in der Ukraine zu stationieren, wäre das nicht nur wichtig, um weitere russische Aggressionen zu verhindern, sondern auch einfach, um die Menschen zu beruhigen. Die Fähigkeit der Ukraine, zukünftige Aggressionen abzuwehren, hängt auch davon ab, wie die Gesellschaft den Ausgang dieses Krieges wahrnimmt. Aber jeden Tag zahlen wir einen sehr hohen Preis für die Fortsetzung unseres Widerstands, und das schafft andere Risiken. Selbst wenn der Ukraine formelle Sicherheitsgarantien gegeben werden, könnte eine neue russische Invasion noch einige Zeit nach dem Waffenstillstand beginnen, und die Bedingungen wären für uns viel schlechter als jetzt. Dies würde zur Besetzung des grössten Teils der Ukraine führen. Wenn wir jedoch den aktuellen Krieg fortsetzen, besteht die Gefahr, dass die Frontlinie irgendwann zusammenbricht, was zu demselben schlechten Ergebnis führen würde. Ich halte es nicht für eine gute Idee, einen Zermürbungskrieg fortzusetzen, bis wir herausfinden, wer über grössere Kraftreserven verfügt. Die Lage an der Front ist nicht so schlecht, dass wir gezwungen wären, den Bedingungen Russlands zuzustimmen, von denen viele inakzeptabel sind, weil sie das Risiko einer neuen Invasion erhöhen würden. Dies gilt insbesondere für die Forderung Russlands, den nicht besetzten Teil des Donbass kampflos aufzugeben. Dennoch können wir es uns auch nicht leisten, maximalistische Ziele zu setzen. Wir können uns nicht den Luxus leisten, dies alles als eine theoretische Frage zu betrachten. Unser Leben hängt davon ab. (...)

Nach dem Krieg

Kommen wir zu eher zivilen Themen. Wie wird Ihrer Meinung nach die ukrainische Politik nach dem Krieg aussehen?

Erstens muss die Ukraine intakt bleiben, damit es eine ukrainische Politik geben kann. Zweitens hängt die Antwort, meiner Meinung nach, stark vom Ausgang des Krieges und den Bedingungen des Friedensabkommens ab. Aber sicherlich wird sich die Politik erheblich verändern.

Die traditionellen ukrainischen Oligarchen haben durch den Krieg viel verloren. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Verlusten stehen viele von ihnen unter politischem Druck – fünf der zehn reichsten ukrainischen Oligarchen unterliegen Sanktionen von Selenskyj. Ihor Kolomoyskyi, der Selenskyj 2019 zum Sieg verhalf, befindet sich seit 2023 in Untersuchungshaft. Der Einfluss der von Oligarchen kontrollierten Fernsehsender hat erheblich abgenommen. Gleichzeitig ist ein neuer militärisch-industrieller Komplex entstanden, aus dem nach dem Krieg sicherlich neue politische Unternehmer hervorgehen werden.

Und was ist mit der ukrainischen extremen Rechten?

Auch hier wird alles vom Ausgang des Krieges abhängen. Wenn er als Niederlage angesehen wird, kann die extreme Rechte behaupten: «Wir hätten das besser handhaben können», und viele Menschen werden ihnen glauben. Im Laufe der Jahre haben sie sich ausreichend symbolisches Kapital erarbeitet, um dies zu tun. Wird der Ausgang als Sieg (wenn auch nicht als vollständiger) wahrgenommen, wird es für sie schwieriger sein, ihre militärischen Erfolge in politisches Kapital umzuwandeln. Im Allgemeinen dürfte der Einfluss der extremen Rechten im Vergleich zur Vorkriegszeit zunehmen; dies ist fast überall auf der Welt der Fall. Aber ich wäre mir dessen nicht hundertprozentig sicher. Nach dem Maidan schien es zunächst auch, als stünde uns ein Aufstieg der extremen Rechten bevor: «Svoboda» war eine der drei wichtigsten Oppositionsparteien und trat der neuen Regierung nach dem Maidan bei, und der «Rechte Sektor» war die bekannteste radikale Organisation auf dem Maidan. Stattdessen begann Svoboda nach dem Maidan zu schwächeln, der Rechte Sektor konnte nicht an seinen Erfolg anknüpfen, und die Azov-Bewegung brauchte Jahre, um ihre Strukturen aufzubauen und junge Menschen anzusprechen. Im Jahr 2019 schien es eine Zeit lang, als hätten sie eine neue Chance bekommen, doch stattdessen geriet die extreme Rechte in eine neue Krise. Hinzu kommt der «Trump-Faktor» – ein Teil der ukrainischen Rechtsextremen unterstützte Trump bis 2025 und wird nun dafür kritisiert. Dies lässt sich mit Kanada vergleichen, wo Trumps Druck die Umfragewerte der Konservativen untergrub und stattdessen den Liberalen half. Es ist jedoch schwer zu sagen, wie bedeutend dieser Einfluss in der Ukraine sein wird.

Wie sieht es mit der ukrainischen Linken aus?

Tatsache ist, dass wir ziemlich schwach sind. Wie in anderen postsozialistischen Ländern musste die antistalinistische Linke in der Ukraine bei Null anfangen. Während jedoch in Polen, Slowenien, Kroatien und anderen Ländern die neue Linke seit 2014 gewisse Erfolge erzielen konnte, haben in der Ukraine die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass die Linke gespalten und geschwächt. Die Invasion von 2022 hatte dann eine andere Wirkung – es kam zu einer Reaktivierung, und 2023 wurde sogar die Studentenvereinigung «Direct Action» wiederhergestellt. Unsere Aktivitäten werden jedoch durch das Kriegsrecht und die Tatsache erschwert, dass viele erfahrene Aktivist·innen in der Armee dienen. Einige sind auch an der Front gestorben wie der anarchistische Künstler David Chichkan, der Anthropologe und Autor der Commons-Zeitschrift Evheny Osievsky und andere. Der russische Anarchist Dmitry Petrov, unser Genosse und Autor bei Commons, starb ebenfalls im Kampf auf ukrainischer Seite.

Die Aktivitäten der Student·innenvereinigung Direct Action sind nun auch aufgrund des Drucks der extremen Rechten schwieriger geworden. Während die extreme Rechte uns zu Beginn des Krieges keine Beachtung schenkte, kam es 2024 erneut zu Konflikten. Aber die Bedingungen der Konfrontation haben sich nun geändert. So versuchte die extreme Rechte beispielsweise 2024, die Präsentation eines Studentenmagazins in Odessa zu stören, aber anarchistische Veteran·innen kamen den Student·innen zu Hilfe. Letztes Jahr inszenierte der Anführer der russischen Neonazis in der Ukraine, Denis Kapustin, eine Provokation bei der Beerdigung von David Chichkan, wurde aber von anarchistischen Soldat·innen in Schach gehalten.

Was die Zukunft angeht, hängt wieder alles stark vom Ausgang des Krieges ab. Es mag kontraintuitiv klingen, aber wenn die Ukraine verliert, wird die extreme Rechte ihren Einfluss vergrössern, und in diesem Fall werden wir höchstwahrscheinlich als Kollektiv verschwinden. Die nächste Generation von Linken wird gezwungen sein, wieder bei Null anzufangen.

Einige westliche Linke reden immer noch von den «alten linken» Erben der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in der Ukraine, die 2022 zusammen mit anderen pro-russischen Parteien verboten wurden. Wie beantworten Sie Fragen dazu?

Normalerweise zeige ich einfach ein Video einer rassistischen Werbung von Natalia Vitrenko, deren Partei sich «Progressive Sozialistische Partei der Ukraine» nannte. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es besser ist, so etwas einfach einmal zu zeigen, als zu versuchen, alles mit Worten zu erklären.

Verantwortliches Handeln

Derzeit gibt es unter den europäischen Linken viele Diskussionen über die Erhöhung der staatlichen Ausgaben für Verteidigung und Militarisierung. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Experte für europäische Verteidigungsfragen und hatte bisher nicht viel Zeit, mich genau darüber zu informieren, wohin die Verteidigungsausgaben in Europa derzeit fliessen. Wir arbeiten mit der Linken in den nordischen Ländern zusammen, und ich habe den Eindruck, dass sie viele gute Ideen zu diesem Thema haben. Sie haben beispielsweise ein europaweites Embargo für Waffenverkäufe überall ausser in der Ukraine vorgeschlagen – meiner Meinung nach war das eine grossartige Idee. Generell ist internationale Sicherheit ein Thema für ein separates, langes Gespräch. Aber ich möchte zu einer Sache etwas sagen: In den sozialen Medien geben einige europäische Linke, die gegen die Wiederaufrüstung sind, manchmal der Ukraine die Schuld dafür. Aber das ist eine Argumentation, die den Opfern die Schuld gibt. Der Grund für das neue Wettrüsten ist nicht der Widerstand der Ukraine, sondern die russische Invasion. Wenn die Ukraine verliert, wird sich die Militarisierung nur noch verstärken.

Eine letzte Frage: Welche Schlussfolgerung sollte die internationale Linke Ihrer Meinung nach aus Trumps erstem Amtsjahr ziehen?

Es gibt viele mögliche Schlussfolgerungen. Ich werde nur sagen, was mich am meisten beunruhigt. Im vergangenen Jahr hat der reaktionäre US-Präsident das getan, was die «kriegsfeindliche» Linke gefordert hat. Was hat das gebracht? Mehr Aggression, mehr zivile Opfer und mehr Zerstörung. Die Lage hat sich nur verschlimmert. In dieser Situation hätte die «Antikriegs»-Fraktion meiner Meinung nach umdenken müssen. Aber ich sehe immer noch keine Anzeichen dafür. Die Logik vieler «Antikriegs»-Linker scheint zu sein: «Wir, die Ukrainer, haben diesen Krieg provoziert, also werfen wir jetzt die Opfer der Aggression den Wölfen zum Frass vor.» In Trumps Version heisst es: «Werfen wir die Opfer den Wölfen zum Frass vor und rauben wir sie aus.» Trotz der humanistischen Rhetorik liefen alle Vorschläge in der Praxis darauf hinaus, die Ukraine angesichts der imperialistischen Aggression schutzlos zu lassen. Es sollte mittlerweile klar sein, dass dies der falsche Ansatz ist. In den 1990er Jahren zwangen die USA die Ukraine, ihre Atomwaffen an Russland abzugeben, wodurch wir verwundbar wurden. Die Verantwortung der USA besteht nun darin, der Ukraine zu helfen, und nicht darin, den Aggressor zu belohnen.

Das Interview führte Sasha Talaver, eine feministische Aktivistin aus Russland, Doktorandin im Fach Gender Studies an der Central European University in Wien.

*Taras Bilous ist ukrainischer Historiker, Herausgeber von «Commons: Journal of Social Criticism» und Aktivist der Organisation «Social Movement». Das Interview ist auch in der Januar-Ausgabe von Emanzipation.org erschienen.